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Nimmt Psalm 104,6-9 Bezug auf die Sintflut?

von Reinhard Junker

Diskussionsbeitrag 1/00
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Viele sintflutgeologisch orientierte Autoren sehen eine Beziehung zwischen den Versen 6-9 von Psalm 104 (siehe unten) und dem biblischen Sintflutbericht. Diese Verse werden entsprechend als Rückblick auf die Sintflut verstanden und auch als biblischen Hinweis darauf, daß nach der Sintflut eine Gebirgsbildung stattgefunden habe (V. 8). Viele Ausleger erwägen diese Deutung nicht und meinen, Psalm 104 nehme nur Bezug auf die Schöpfung. Ihre Argumente werden dargestellt und kritisch bewertet. Trotz mancher Gegenargumente erscheint ein Zusammenhang zwischen Psalm 104,6-9 und der Sintflut als begründet, wenn auch nicht als zwingend.



5 Der du das Erdreich gegründet hast auf festen Boden, daß es bleibt immer und ewiglich.
6 Mit Fluten decktest du es wie mit einem Kleide, und die Wasser standen über den Bergen.
7 Aber vor deinem Schelten flohen sie, vor deinem Donner fuhren sie dahin.
8 Die Berge stiegen hoch empor, und die Täler senkten sich herunter zum Ort, den du ihnen gegründet hast.
9 Du hast eine Grenze gesetzt, darüber kommen sie nicht und dürfen nicht wieder das Erdreich bedecken.
Psalm 104 ist ein Lob auf die Schöpfung Gottes. Der Psalmbeter preist Gott als Erhalter und Garanten der Schöpfungswerke und ihrer Ordnungen. Er greift verschiedene Bereiche heraus: Licht, Wasser, Wolken, Winde, Erde, Berge, Täler, Quellen, Bäche, Tiere und Pflanzen, der Mensch, die Gestirne usw. Im Großen und Ganzen handelt es sich um eine Beschreibung von Schöpfungswerken und Ordnungen, die der alltäglichen Erfahrung zugänglich sind: Der Weg der Wolken und des Windes steht unter der Herrschaft Gottes; Gott läßt Quellen sprudeln und Bäche fließen, das Gras zur Nahrung sprossen, schenkt Tieren Lebensraum und Nahrung. Nur an wenigen Stellen blickt der Psalmist zurück: in den Versen 5-9 sowie in Vers 19. In den Versen 5 und 19 ist von der Schöpfung die Rede: "der die Erde gegründet ..." und "er schuf den Mond ..." Was aber ist mit den Versen 6-9? Handelt es sich ebenfalls um einen Rückblick auf die Schöpfung? Nahezu alle bislang von mir konsultierten Ausleger verstehen es eindeutig so. Im allgemeinen wird die Möglichkeit, daß auf die Sintflut Bezug genommen sein könnte, gar nicht genannt (Ausnahme: Groß & Reinelt1), geschweige denn diskutiert. Argumente für einen Bezug auf die ursprüngliche Schöpfung werden jedoch kaum ausdrücklich vorgebracht; dieser Bezug scheint für selbstverständlich gehalten zu werden; der Gesamtaufriß des Psalmes scheint einen anderweitigen Bezug nicht nahezulegen. tehom in V. 6 wird daher in Anlehnung an Gen 1 meist mit "Urflut" oder "Urmeer" übersetzt. Analog zu Gen 1 wird auch im Verscheuchen der Wasser (V. 7) ein Nachklang des Mythos vom Chaosgötterkampf gesehen (Groß & Reinelt, Kraus, Weiser).

Einige Formulierungen deuten jedoch darauf hin, daß auf die Sintflut angespielt wird. So ist in Vers 9 davon die Rede, daß die verscheuchten Wasser nie wieder die Erde bedecken dürfen. Das aber ist genau bei der Sintflut geschehen. Da davon auszugehen ist, daß der Psalmbeter den biblischen Sintflutbericht kannte, wäre es verwunderlich, wenn er mit VV. 7-9 die Scheidung der Wasser nach Gen 1,6f. meinen würde. Während der Sintflut brachen die Brunnen der großen Tiefe (der tehom) auf und überschwemmten die Erde (Gen 7,11; 8,2). Jacob meint dazu: "Die Sintflut ist eine strafweise Zurückführung der Erde in das einstmalige Wasserchaos, dem auf dieselbe Weise ein Ende gemacht worden ist wie später der Sintflut" (nämlich durch den Wind). (S. 28f.) Es besteht also eine Verbindung zwischen der tehom und der Sintflut2. Von daher ist es keineswegs selbstverständlich, daß die tehom in Ps 104,6 nur als Anspielung auf die Schöpfung verstanden werden kann. Da außerdem kein systematischer Rückblick auf die Schöpfung gegeben wird (im weiteren Text nur noch in V. 19), kann man auch kaum behaupten, der Zusammenhang nach V. 5 (Gründung der Erde) erzwinge einen Bezug der nachfolgenden Verse auf die Schöpfung. Das Hauptthema des Psalmes ist ohnehin die erlebte Schöpfung, nicht etwa ein Schöpfungsbericht.3 Immerhin ist bedenkenswert, daß dem Psalmisten die Störung der Harmonie in der Schöpfung durch die Schuld des Menschen vor Augen steht (vgl. Kittel).

Psalm 104 als Schöpfungsbericht zu verstehen, der in "bemerkenswerter Abweichung von Gen 1" erzählt werde (Kittel), wird durch den Text insgesamt nicht nahegelegt. Das Argument, hier liege ein sowohl von Gen 1 als auch Gen 2 abweichendes Verständnis von der Schöpfung vor, ist daher nicht stichhaltig.

Der Begriff "Natur" sollte - so Kraus - zunächst grundsätzlich ausscheiden. "Zweifellos kannte Israel den Begriff der Natur nicht; es sprach auch nicht von der Welt als einem Kosmos, also von einem in sich ruhenden und bestimmten Gesetzen unterworfenen Ordnungsgefüge. Welt war ihm zunächst viel mehr ein Geschehen als ein Sein, und gewiß viel mehr ein persönliches Widerfahrnis als ein neutraler Gegenstand seines Erkenntniswillens" (G. von Rad, Die Wirklichkeit Gottes: Wirklichkeit heute, 1958, S. 97). Kraus weiter: "Von dieser Wirklichkeit ist auszugehen. Ps 104 schildert nirgends Ruhe, überall herrscht Bewegung. Die gesamte Welt ist von Taten Gottes getragen und beherrscht, auf die alle Elemente und Kreaturen hin ausgerichtet sind."

Darüber hinaus drängt sich die Frage auf, um welche Berge es sich handelt, über denen die Wasser standen (V. 6). Dem Schöpfungsbericht Gen 1 folgend wäre die Annahme naheliegend, daß die Berge mit der Scheidung von Wasser und Land entstanden. Würde Ps 104,6 auf Gen 1,2 anspielen, hätte es bereits Berge vor der Scheidung der Wasser über und unter der Ausdehnung und vor der Scheidung von Wasser und Land gegeben (so stellt auch Delitzsch fest4). Das Schelten bzw. der Donner (V. 7) scheinen Ausdrücke in einem Gerichtskontext zu sein.5 Davon ist in Gen 1 nichts zu spüren, würde aber in den Flutkontext passen: den zerstörerischen Wassern (die Gott natürlich selber kommen ließ) wird durch Gottes Allmachtswort Einhalt geboten, und sie werden zurückgedrängt.

Selbst Vers 5 muß nicht notwendigerweise in einem Bezug zur ursprünglichen Schöpfung gesehen werden6, sondern kann eine Anspielung auf Gottes Garantiezusage nach der Sintflut sein, nie wieder eine Sintflut über die Erde zu bringen - eine Sintflut, durch die der feste Boden der Erde sehr wohl ins Wanken geraten ist. Es geht ohnehin in erster Linie um das "Funktionieren" der gegenwärtigen Schöpfung (vgl. Delitzsch, Sutcliffe).

Gibt es aber Argumente, die den Bezug auf die Sintflut ausschließen oder unwahrscheinlich machen? Können die genannten Argumente für einen Sintflutbezug vom Text her entkräftet werden? Sie können wohl entkräftet werden, wenn man dem Psalmbeter unterstellen würde, er habe das Sintflutgericht in seinen (vermuteten) Bezügen zur Schöpfung nicht bedacht. Das wäre aber ein reichlich spekulatives Argument.

Vers 8: Gebirgsbildung nach der Flut?

Nimmt man einmal an, die Verse (5-)6-9 nehmen Bezug auf die Sintflut, so ist noch die interessante Frage zu behandeln, ob aus V. 8 eine nachflutliche Gebirgsbildung herausgelesen werden kann. Die meisten Ausleger übersetzen: "Die Berge hoben sich ...", so daß man tatsächlich an ein Hochsteigen der Gebirge denken muß. Kraus vertritt jedoch (unter Verweis auf Gunkel und Sutcliffe) die Auffassung, V. 8 müsse so übersetzt werden: "Sie [die Wasser] stiegen auf in die Berge, fielen ab in die Täler: an den Ort, den Du ihnen gesetzt." Als Begründung wird genannt, daß sich lähäm ("ihnen") in V. 8b auf majim ("Wasser", V. 6b) beziehe. Das ist vom Kontext her in der Tat leicht nachvollziehbar: In V. 6 und 7 ist von den Wassern die Rede, ebenso offenkundig in V. 9: "eine Grenze hast du ihnen gesetzt, ... nie kehren sie wieder." Hier können nur die Wasser gemeint sein. Die gesetzte Grenze kann nicht die Berge betreffen.7 Daher leuchtet ein, daß auch in V. 8 die Wasser das Subjekt sind. Grammatisch gleichartig ist die Konstruktion in Ps 107,26a, worauf Sutcliffe ausfmerksam macht: "... und sie gen Himmel fuhren und in den Abgrund sanken ..." Kraus kommentiert in Anlehnung an Sutcliffe: "In 8 liegt wohl die Vorstellung zugrunde, daß die zerstörerischen Wassermassen einen genau abgesteckten Weg angewiesen bekommen. Sie steigen in die Quellköpfe der Berge und fallen dann (als Bäche oder Flüsse) in die Täler herab. Dort haben sie nun ihren Platz." Sutcliffe selbst hebt hervor, daß durch diese Erklärung der Text so genommen werden könne, wie er dasteht.8

Dennoch ist diese Auslegung fragwürdig. Eine Schilderung, daß die verscheuchten Wasser sogleich in geregelte Bahnen gelenkt werden (Quellköpfe der Berge etc.), paßt nicht so recht in den Gerichtszusammenhang (Schelten, Donnern), insbesondere nicht zu V. 9, wo noch immer von denselben Wassern die Rede ist. Hier geht es um das Bändigen und Zurückdrängen der Wasser, noch nicht um eine konstruktive Platzanweisung. Das folgt erst anschließend in V. 10.

Doch wie kann dann die genannte grammatische Schwierigkeit gelöst werden? Es bleibt die Möglichkeit eines Einschubs, wie die Elberfelder Übersetzung wiedergibt: "... vor der Stimme deines Donners eilten sie hinweg - die Berge erhoben sich, es senkten sich die Täler - zu dem Ort, den du ihnen festgesetzt hast."

Die Frage, ob V. 6-9 auf die Sintflut anspiele, soll abschließend nochmals bedacht werden, für den Fall, daß V. 8a kein Einschub darstellen und die von Sutcliffe und Kraus bevorzugte Übersetzung zutreffen sollte. Wenn in diesem Fall V. 8 auf den gegenwärtigen Wasserkreislauf anspielen würde, so wäre dies eine weitere Unterstützung des Verständnisses, daß der Psalmist gegenwärtig Beobachtbares, ihm aus eigener Anschauung Bekanntes schildert. Er sieht darin freilich Gottes Wirken, beschreibt aber nicht die ursprüngliche Schöpfung in der Art des Schöpfungsberichtes Gen 1. Psalm 104 scheint mir kein Schöpfungsbericht zu sein. In den Worten Sutcliffes: "the Psalmist is describing the ordering of the world and praising God for the wisdom therein manifested, he does so in terms of his own experience. It is his own land of Palestine that he has before his eyes." Gen 1 dagegen steht in einem ganz anderen Kontext. Schon daher ist Zurückhaltung bei der Parallelisierung mit Ps 104 geboten. Von diesen Überlegungen ausgehend ist der Bezug der Verse 5-9 auf die Schöpfung nicht zwingend; die Möglichkeit bleibt, daß auf die Sintflut angespielt wird, wenn auch dieser Zusammenhang mir nicht zwingend erscheint.



Anmerkungen

  1. "Vielleicht wird in Vers 6b auch an die Sintflut erinnert, in der Gott die Welt noch einmal in die Nähe des ungeordneten chaotischen Anfangszustands zurücksinken und das Urmeer die Berge bedecken ließ."
  2. Allerdings wird für "Sintflut" ein anderes Wort gebraucht.
  3. "Von der vieldiskutierten Verwandtschaft des Ps 104 mit Gn 1 bleibt bei genauerer Nachprüfung nur ein bescheidener Rest lockerer Anspielungen übrig" (Kraus). "Wie aus dem Parallelismus hervorgeht, will 30 nicht auf ein vergangenes, einmaliges Schöpfungsgeschehen rekurrieren, sondern Jahwes fortgesetztes Wirken schildern" (Kraus). Ich denke, dies gilt für den ganzen Psalm, soweit nicht ausdrücklich auf Vergangenes Bezug genommen wird.
  4. Weiter Delitzsch: Durch das Scheiden von Wasser und Land infolge des göttlichen "Scheltens" seien die Berge nicht entstanden, sondern sichtbar geworden. Dies - so Sutcliffe - verletze die "natürliche Bedeutung der verwendeten Wörter".
  5. Da es sich um einen poetischen Text handelt, muß auch erwogen werden, ob die verwendeten Begriffe Ausdruck poetischer Freiheit der Darstellung des Schöpfungshandelns sein könnten. (Vgl. dazu auch Ps. 74,12-16 und Hiob 38,8. Letztere Stelle könnte auch so verstanden werden, daß nur Gott selber die von ihm gesetzten Grenzen wieder aufheben kann.)
  6. Kraus spricht von einer "bleibenden Festigkeit der Welt", die von der Macht des Schöpfers zeuge. Es geht in V. 5 offenbar nicht nur um den Anfang, sondern um das gegenwärtige Bestehen der Welt.
  7. Auch Delitzsch bemerkt, daß sich 8a (im Sinne von "die Berge stiegen ..." nur gewaltsam in den Zusammenhang füge.
  8. Einige Exegeten nehmen Textänderungen vor, um die vermeintliche Ungereimtheit der Gedankenführung zu glätten - wenig überzeugend, wie Sutcliffe zeigen kann.


Literatur

  • Delitzsch, Franz: Biblischer Commentar über die Psalmen. Leipzig: Dörffling und Franke, 41883.
  • Groß, Heinrich; Reinelt, Heinz: Das Buch der Psalmen. Teil II (Ps 73-150). Düsseldorf: Patmos-Verlag.
  • Jacob, Benno: Das erste Buch der Tora. Genesis. Schocken Verlag, 1934.
  • Kittel, Rudolf: Die Psalmen. Leipzig: A. Deichertsche Verlagsbuchhandlung, 1914.
  • Kraus, Hans-Joachim: Psalmen, 2. Telband. BKAT Band XV/2. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 1960.
  • Lamparter, Helmut: Das Buch der Psalmen II. Pslam 73-150. Stuttgart: Calwer Verlag, 31978 (11959).
  • Sutcliffe, Edmund F.: A note on Psalm CIV 8. Vetus Testamentum 2 (1952), S. 177-179.
  • Weiser, Artur: Die Psalmen, Zweiter Teil: Psalm 61-50. ATD Teilband 15. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1959.

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