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Starb Charles Darwin als Christ

von Reinhard Junker

Diskussionsbeitrag 2/00
auch als PDF verfügbar


Gelegentlich werde ich nach Vorträgen nach der Gesinnung Charles Darwins in Fragen des christlichen Glaubens gefragt. Dabei begegne ich manchmal der Meinung, daß der Hauptbegründer der modernen Evolutionstheorie am Ende seines Lebens zum Glauben an die Bibel zurückgekehrt sei. Eine gewisse Lady Hope aus Northfield in England habe darüber berichtet. (Ihr Name klingt zweifellos verheißungsvoll!) Zur Umkehr Darwins ist sogar ein Traktat der "Gospel Tract Society" / Independence, Missouri in Umlauf.



Inhalt:

Lady Hope habe nach den Angaben dieses Traktates folgendes über Darwins Haltung zur Bibel kurz vor seinem Tod niedergeschrieben:

"Es war an einem herrlichen Herbstnachmittag. Ich wurde gebeten, den bekannten Professor Charles Darwin zu besuchen. Er war einige Zeit bettlägerig, bevor er starb. Er saß aufrecht im Bett und war in ein weites Gewand eingehüllt. Durch Kissen gestützt konnte er hinblicken auf ein weites Panorama mit Wäldern und Kornfeldern, die im Licht eines traumhaft schönen Sonnenuntergangs erglühten. Sein Gesicht schien zu leuchten, als ich den Raum betrat. Er wies mit der einen Hand nach dem Fenster, um mir das Panorama zu zeigen, während er in der anderen eine geöffenete Bibel hatte, die er immerfort studierte.

Welches Buch lesen Sie gerade?  fragte ich, während ich mich an seinem Bett niedersetzte. – Hebräer , antwortete er, immer noch. Ich nenne es das königliche Buch.  Dann legte er seinen Finger auf einen bestimmten Abschnitt und erläuterte ihn. Ich machte einige Bemerkungen über die nachhaltig wirkende Evolutionslehre, von der viele Menschen begeistert sind. Er wirkte außerordentlich bekümmert. Seine Finger zuckten nervös, und Leichenblässe überzog sein Gesicht, während er sagte: Ich war ein junger Mensch mit unausgegorenen Vorstellungen. Ich schleuderte meine Zweifel und Ideen hinaus, und zu meiner Verwunderung breiteten sie sich wie ein Buschfeuer aus. Die Leute haben eine Religion daraus gemacht.  Er machte eine kurze Pause und sprach dann ehrfurchtsvoll einige Sätze über die Heiligkeit Gottes und die Großartigkeit dieses Buches. Dabei schaute er auf die Bibel, die er die ganze Zeit fast zärtlich in der Hand gehalten hatte.

Die ganze Tragik wurde an diesem Tage offenbar: Darwin, der begeistert von der Bibel spricht, mit glühendem Eifer über die Erhabenheit dieses Buches  redet, wird erinnert an die Evolutionsbewegung, die zu einem Krebsgeschwür wurde und den biblischen Glauben unzähliger Menschen zerstört hat. Dieser Darwin wird leichenblaß, bedauert das alles und erklärt: Ich war ein junger Mensch mit unausgegorenen Vorstellungen. "

Nach allem, was historisch über Charles Darwin bekannt ist, ist diese Geschichte von Darwins Umkehr ausschließlich fromme Legende. Darwin hat eine große Zahl von persönlicher Korrespondenz bis unmittelbar vor seinem Tod hinterlassen. Darüber hinaus gibt es viele Zeugnisse über ihn und seine Einstellung zur Bibel von seinen Familienmitgliedern und Freunden. Aus allen diesen Zeugnissen geht übereinstimmend hervor, daß Darwin als Ungläubiger (und zwar als Agnostiker) gestorben ist und ein gebrochenes Verhältnis zur Bibel hatte. In der sehr lesenswerten ca. 800-seitigen Biographie "Darwin" von Desmond & Moore (1992, Liszt München) wurde Schrifttum von Charles Darwin ausgewertet, das bis vor kurzem noch unveröffentlicht war. Auch darin geht nichts über einen Sinneswandel oder gar eine Bekehrung Darwins kurz vor seinem Tode hervor – im Gegenteil: Alle Äußerungen Darwins in seinen späteren Jahren sprechen deutlich dagegen. Die Umstände seines Sterbens sind in der Biographie von Desmond & Moore ausführlich beschrieben. Nach diesen Schilderungen war es ein schrecklicher Tod. Der geistliche Weg Charles Darwins wird in dieser Biographie übrigens eindrucksvoll geschildert.

Interessanterweise wurde ein ähnliches Gerücht auch über Darwins Großvater Erasmus Darwin, einem Freidenker, verbreitet: er sei auf dem Sterbebett Christ geworden. (Erasmus vertrat auch bereits explizit eine Evolutionsvorstellung; Charles war von ihm beeinflußt.) Desmond & Moore schreiben dazu (S. 18): "Es wurde sogar eine Geschichte in Umlauf gesetzt, wonach Erasmus Darwin auf dem Sterbelager nach Jesus gerufen habe." Sie zitieren dann eine Stellungnahme Charles Darwins zu diesem Gerücht wörtlich: "So christlich verhielt man sich zu Beginn dieses Jahrhunderts in diesem Land; wir können zumindest hoffen, daß es so etwas heute nicht mehr gibt" (Desmond & Moore, S. 18). Die Ironie der Geschichte wollte es, daß ihm dann selber Gleiches "widerfuhr".

Ungereimtheiten im Traktat.

Aber auch abgesehen von den Selbstzeugnissen Charles Darwins offenbart das Traktat an einigen Stellen Ungereimtheiten. Es wird von einem Besuch im Herbst berichtet. Darwin starb im Frühjahr, am 19. April 1882. Seine Bekehrung wäre also schon viele Monate vor seinem Tod erfolgt und daher bei seinem Bekanntheitsgrad sicher nicht unbekannt und unbemerkt geblieben. Tatsächlich geht aus einem Schreiben Darwins noch drei Wochen vor seinem Tod hervor, daß er seine agnostische Gesinnung nicht aufgegeben hat. Im Alter von 70 Jahren, gut zwei Jahre vor seinem Tod, bezeichnete er die Lehre, wonach auf Ungläubige eine ewige Strafe warte, als eine "verdammenswerte Lehre", zumal auch sein Vater, Bruder und alle seine besten Freunde betroffen wären. Eines seiner letzten überlieferten Worte von ihm sind: "Der Unglaube beschlich mich ganz allmählich, war aber zuletzt vollständig."

Weiter ist die Aussage, daß Darwin als junger Mensch mit unausgegorenen Vorstellungen seine Zweifel und Ideen hinausschleuderte, vollkommen unglaubwürdig, da er seine Theorie erst im nicht mehr gerade "jugendlichen" Alter von 49 Jahren in einem kurzen Beitrag 1858 veröffentlichte. Sein Hauptwerk Über die Entstehung der Arten erschien dann ein Jahr später. Über seine Ideen hatte er damals bereits mehr als 20 Jahre lang intensiv nachgedacht und mit vielen Naturforschern eingehend diskutiert und korrespondiert.

Das Zeugnis der Familienmitglieder

Charles' Tochter Henrietta war am Sterbebett ihres Vaters. Sie widersprach der Behauptung, ihr Vater sei kurz vor dem Tode Christ geworden und bestritt auch, daß es Besuche von Lady Hope gegeben habe. Außerdem habe ihr Vater nie seine wissenschaftlichen Vorstellungen revidiert.1 Darwins Sohn Francis schrieb ein Buch über seinen Vater, in welchem er nichts über eine Bekehrung erwähnt. Darwins Frau Emma war eine gläubige Frau, die unter dem Unglauben ihres Mannes litt. Eine Umkehr hätte sie mit Sicherheit hoch erfreut und ihrer Umgebung bekannt gemacht. (Sie überlebte ihren Mann viele Jahre.)

Darwins Werdegang in Fragen des christlichen Gaubens

Darwin hat sich im Laufe seines Lebens intensiv mit Fragen des Glaubens auseinandergesetzt. In der oben erwähnten Biographie von Desmond & Moore wird sein geistlicher Werdegang eingehend beschrieben – spannend und zugleich traurig zu lesen. Denn es ist eine Geschichte von einem guten Beginn mit einer positiven Einstellung zur Wahrheit der Bibel, die über Skepsis schließlich zu ausdrücklicher Ablehnung führte. Der Tod seiner Lieblingstocher Annie, die im Alter von 10 Jahren nach einer langen mysteriösen Krankheit starb, vollendete schließlich, wie Charles später schrieb, seinen Unglauben. Desmond & Moore schreiben dazu (S. 439): "Annies grausamer Tod zerstörte den letzten Rest von Darwins Glauben an ein moralisches, gerechtes Universum. Später sollte er sagen, diese Periode habe die Totenglocke für sein Christentum geläutet, selbst wenn dies ein sich lange hinziehender Erosionsprozeß gewesen sei."

Fazit

Die Geschichte von Lady Hope ist unglaubwürdig, da sie allen Zeugnissen über Charles Darwins Werdegang in Fragen des Glaubens widerspricht. Es ist bedauerlich, daß diese Geschichte offenbar erfunden wurde, um Menschen den Glauben an Jesus Christus und die Bibel nahezubringen. Solche Legenden schaden daher nur. Stattdessen sollte dem Wort Gottes, das uns in der Heiligen Schrift gegeben ist, die Kraft zugetraut werden, Menschen zur Umkehr zu bewegen.

Reinhard Junker



Anmerkung

  1. Die Stellungnahme von Henrietta Darwin wurde veröffentlicht in der Zeitschrift The Christian, 23. Februar 1922, S. 12 (R.B. Litchfield, "Charles Darwin s Death-Bed: Story of Conversion Denied").
    Weitere Details können im Internet nachgelesen werden unter http://members.aol.com/mjsawyer/darwin.html und http://www.freethougt-web.org/ctrl/ladyhope.html


Hinweis

Unser Mitarbeiter Richard Wiskin bietet (in der Schweiz und Süddeutschland) einen Vortrag zum Thema "Charles Darwin und die Frommen. Wie der Begründer der Evolutionslehre seinen Glauben verlor" an. Interessenten können sich bei ihm melden (Tel. 0041/ 55 / 26019-42, Fax -40).


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Letzte Änderung: 23.05.2006
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