2. Stellungnahme zur Kritik von Herrn Beyer
www.evolutionsbiologen.de/evozitate.pdf
(Zugriff 10. 12. 2004; es wird nur auf die ersten drei Seiten dieses Dokuments eingegangen)
2.1 Zitat von SZATHMÁRY & MAYNARD SMITH (1995) aus einem Nature-Artikel
Wir zitieren in unserem Buch auf S. 6:„Es gibt keinen theoretischen Grund, der erwarten lassen würde, dass evolutionäre Linien mit der Zeit an Komplexität zunehmen, es gibt auch keine empirischen Beweise, dass dies geschieht.“ Dieses Zitat ist keineswegs aus dem Zusammenhang gerissen, es ist ein wesentlicher Teil der Zusammenfassung (nicht der Überschrift, wie Beyer schreibt) und wird weder dort noch im Artikel relativiert. Dieses Zitat gibt eindeutig die damalige Argumentationslage wieder, sowie Szathmáry und Maynard Smith sie einschätzten. Man kann es u. E. nicht missverstehen, die Aussage ist klar: Wir wissen nicht, wie Komplexität entsteht. (Damit stehen diese beiden Autoren im Übrigen nicht alleine; kein Geringerer als Carl Woese hat diese Meinung in Bezug auf die Entstehung der ersten Zelle fast 10 Jahre später in ähnlich offener Form gegenüber Nature geäußert: „We don’t understand how to create novelty from scratch - that’s a question for biologists of the future.“; zitiert von WHITFIELD 2004.) Natürlich diskutieren Szathmáry & Maynard Smith in ihrem Artikel ihre Gründe, warum sie Makroevolution trotzdem als Tatsache ansehen; das ersetzt jedoch weder einen soliden „theoretischen Grund“ noch einen „empirischen Beweis“. Erstaunlicherweise korrigiert Herr Beyer die beiden Nature-Autoren (er meint, es gäbe doch entsprechende empirische Befunde) und diskutiert mögliche „Lesarten“ des Artikels. Wenn Herr Szathmáry (Herr Maynard Smith lebt bedauerlicherweise nicht mehr) nun im Jahre 2004 Herrn Beyer sinngemäß mitteilt, er sei von uns falsch verstanden worden, so muss er das selber verantworten, denn die Formulierung in seiner Arbeit ist eindeutig, jeder Leser mag sich davon selber überzeugen. Auch Herr Beyer wird als Naturwissenschaftler wissen, dass kein Teil einer wissenschaftlichen Arbeit derart sorgfältig und ausgewogen formuliert wird wie die Zusammenfassung. Wenn die Autoren es 1995 wirklich anders gemeint hätten, dann wäre das leicht entsprechend zu formulieren gewesen. Nein, Abstract und Artikel passen durchaus gut zusammen.
2.2 Zitat von GEHRING & IKEO (1999)
Wir zitieren Lehrbuch indirekt (S. 81f.): „GEHRING & IKEO (1999) meinen, die Entstehung eines Auges müsse aufgrund vieler zueinander passender Bauteile ein so seltenes, wenn nicht gar einmaliges Ereignis sein wie die vermutete Entstehung der ersten Zelle in einer Ursuppe.“ Beyer moniert zurecht, dass von Gehring und Ikeo in Wirklichkeit Darwin zitiert wird. Wir bedauern diesen Fehler, danken Herrn Beyer für den Hinweis und werden den Fehler in der nächsten Auflage korrigieren.
Das ist jedoch nicht die ganze Geschichte. Das direkte Zitat aus GEHRING & IKEO auf der folgenden Seite unseres Buches ist korrekt. Im Artikel von GEHRING & IKEO wird die Darwinsche Argumentation (also ein Vergleich des Ursuppenproblems mit dem Problem einer Augenentstehung) nicht grundsätzlich angetastet. Die Autoren unterfüttern zwar eine mögliche Augenevolution mit viel mehr Argumenten, als das zu Darwins Zeiten je der Fall sein konnte, schreiben dann aber: „Once the prototype has evolved, presumably by stochastic events, ....“, womit man wieder bei dem ursuppen-ähnlichen Dilemma (stochastic events) wäre. Die eigentliche Entstehung des Prototyps liegt nämlich weiterhin im Dunkeln. Mit gutem Willen mag man zugestehen, dass GEHRING & IKEO die Optimierung eines primitiven Auges durch Evolution erklären, nachdem ein Prototyp entstanden ist, mehr allerdings nicht. Beyer zitiert uns nun leider seinerseits falsch, weil er im Kernargument behauptet, wir hätten den Lösungsansatz von GEHRING & IKEO verschwiegen und die Aussage ihres Artikels in das Gegenteil verkehrt. In Wirklichkeit haben wir diesen Lösungsansatz explizit zweimal genannt, ihn erklärt und ihn dann allerdings (im übrigen recht vorsichtig) kritisiert.
2.3 Die Arbeit von RUBEN et al. (1997)
Wir schreiben auf Seite 222 unter Verweis auf RUBEN et al. (1997): „Doch passen einige Daten nicht zu einer Abfolge Theropoden -> Vögel, so vor allem der Bau der Lunge, die nach Studien von RUBEN und Mitarbeitern (1997) konstruktiv nicht in eine Vogellunge überführt werden kann.“ Beyer moniert: „In Ruben et al. 1997 gibt es eine Textstelle (S. 1269 rechts), in der die Autoren in der Tat Probleme (oder besser: offene Fragen) in der Entwicklung der Vogellunge aufführen. Dass eine konstruktive Überführung nicht möglich sei, wird jedoch auch hier mit keiner Silbe behauptet.“ Ann GIBBONS (1997, 1230) schreibt in einem begleitenden Science-Kommentar zu RUBEN et al. (1997) jedoch, dass sie diese Autoren genauso verstanden hat wie wir: „The evolutionary implications are even more far-reaching. Ruben argues that a transition from a crocodilian to a bird lung would be impossible, because the transitional animal would have a life-threatening hernia or hole in its diaphragm“ (weitere Details in Studium Integrale journal (Sind Vögel Dinosaurier mit Federn?)). In der nachfolgenden Arbeit von RUBEN et al. (1999) über den Maniraptor-Theropoden Scipionyx wurde der Lungenbau bestätigt. In einem Interview sagte Ruben: „It seems clear that a bird’s radically different system of breathing, in which air is continuously drawn through its lungs, could not have evolved from the hepatic-piston system we see in this theropod dinosaur“ (BROWNE 1999). Zwei Jahre später schreiben JONES & RUBEN (2001, 458): „In fact, no known theropod shows evidence of reduced reliance on the hepatic piston-diaphragm mechanisms or transition toward features indicative of the presence of an avian-style lung and lung ventilation, as one would expect if the commonly accepted hypothesis of the relationship of dinosaurs and birds are correct.“ Zusammenfassend: Es kann u.E. keine Rede davon sein, dass wir RUBEN et al. inkorrekt oder tendenziös zitiert hätten.
2.4 Zitat von Ernst Haeckel
Ein Teil der Kritik von Herrn Beyer an Formulierungen unseres Lehrbuchs („... unverkennbarer Zirkularitäten, falscher Grundannahmen, überzogener Schlussfogerungen (s.u.) und zweckorientierter Darstellungsformen...“) zielt auf das biogenetische Denken von Ernst Haeckel. Diese Kritikpunkte werden im Lehrbuch vor der von Beyer zitierten Passage eingehend begründet und basieren auf Einschätzungen allgemein anerkannter, im Lehrbuchtext genannter Autoren wie Weismann, Gould, de Beer, Peters und His. Beyer behauptet dann fälschlicherweise: „Allerdings wird unterschlagen, dass er selbst andauernd Angriffsziel z.T. widerwärtigster persönlicher Attacken war.“ In unserem Lehrbuch wird im Gegenteil auf diese Auseinandersetzungen ausdrücklich hingewiesen: „ ... nicht unerheblicher Widerstand vieler Berufskollegen..., ... musste sich der Jenaer Zoologe lebenslang mit wissenschaftlicher und persönlicher Kritik auseinandersetzen“ (S. 179; S. 181; Hervorhebung nicht im Original).
Dr. Beyer verweist weiter auf die vermeintlich fehlerhafte Wiedergabe einer der wichtigsten, aber auch umstrittensten Aussagen von Ernst Haeckel, die in unserem Lehrbuch folgendermaßen wiedergegeben wird (kursiv das eigentliche Zitat Haeckels): „In Bezug auf die vielfach angezweifelten Abbildungen von Embryonen schreibt Haeckel selbst (Berliner Volkszeitung vom 29.12.1908): ‘... will ich nur gleich mit dem reumütigen Geständnis beginnen, daß ein kleiner Teil meiner zahlreichen Embryonenbilder wirklich gefälscht sind - alle jene nämlich, bei denen das vorliegende Beobachtungsmaterial so unvollständig oder ungenügend ist, daß man bei Herstellung einer zusammenhängenden Entwicklungskette gezwungen wird, die Lücken durch Hypothesen auszufüllen’. Diese Entschuldigung entspricht nicht der ganzen Wahrheit“ (S. 179). Dieser letzte Satz steht im Lehrbuch am Beginn eines neuen Absatzes; leider lässt Beyer den folgenden Inhalt dieses Abschnitts weg, der unsere Begründung für diese Einschätzung liefert und daher zum Verständnis des ganzen Sachverhalts unbedingt nötig ist.
Beyer kritisiert Fehler bei der Wiedergabe des Zitats. Exakt muss es in der Tat heißen (fett: unsere Auslassungen): „... will ich nur gleich mit dem reumütigen Geständnis beginnen, daß ein kleiner Teil meiner zahlreichen Embryonenbilder (vielleicht 6 oder 8 von Hundert) wirklich (im Sinne von Dr. Braß) ‘gefälscht’ sind - alle jene nämlich, bei denen das vorliegende Beobachtungsmaterial so unvollständig oder ungenügend ist, daß man bei Herstellung einer zusammenhängenden Entwicklungskette gezwungen wird, die Lücken durch Hypothesen auszufüllen, ...“. Insbesondere das Fehlen des Anführungszeichens bei „gefälscht“ wird zurecht angemahnt. Wir danken Herrn Beyer für den Hinweis und werden die Fehler in der kommenden Auflage korrigieren.
Mit diesen Auslassungsfehlern ist uns jedoch insgesamt keine sinnentstellende Darstellung unterlaufen, wie der von Beyer nicht berücksichtigte Kontext unseres Buches eindeutig zeigt: Es geht ja um den Fälschungsvorwurf gegenüber Haeckel und um dessen Rechtfertigung. Haeckel sagt hier, dass einige seiner Zeichnungen hypothetisch sind und deshalb nicht der Realität entsprechen, was andere Fachkollegen als Fälschung werteten und bis heute werten (z.B. RÜTIMEYER 1868, HIS 1875, BISCHOFF 1876, RICHARDSON 1997, GOULD 2002). Im Kontext des obigen Zitats verteidigte Haeckel seine „Fälschungen“, indem er die Methode des Schematisierens bei vielen seiner Kollegen ebenso nachweisen konnte und dadurch seine Abbildungen formal legitimiert sah. Der Fälschungsvorwurf zielt aber nicht auf methodische, sondern auf inhaltliche Missgriffe Haeckels. Wer Schemata verwendet, weiß natürlich, dass sie immer nur ein Stück der Realität wiedergeben können. Haeckel hat die Methode „Schemazeichnung“ berechtigtermaßen wie viele seiner Zeitgenossen benutzt; darin lag nicht das Problem. Es besteht darin, dass er mit diesen Schemata nicht den Konsens bekannten Wissens darstellte, sondern Bekanntes entstellte und Unbekanntes als bekannt deklarierte mit dem Ziel, dadurch das Biogenetische Grundgesetz zu beweisen. (Ausführlich zu dieser Thematik siehe auch GURSCH 1981.) Wenn Haeckel zwei Jahre später im „Sandalion“ schreibt, dass sein Geständnis „ironisch“ gemeint war und dass es „... viele flüchtige Leser unbegreiflicherweise für ernst nahmen“, zeigt dies aus unserer Sicht einen deutlichen Mangel an Glaubwürdigkeit und Selbstkritik.
Die Fachwelt benötigte dieses „angebliche“ Geständnis Haeckels indes nicht, um durch Befunde zu belegen, dass Haeckel deutlich mehr gefälscht hat, als er selber zugab. Deswegen formulierten wir als Einstieg in den neuen Abschnitt: „Diese Entschuldigung entspricht nicht der ganzen Wahrheit“ (s. o.).
Abschließend noch ein wichtiger Hinweis. Kritikern des Kreationismus (wie z.B. GOULD 2002) ist zuzustimmen, wenn sie beanstanden, dass mancher Evolutionsgegner in der Vergangenheit (z. B. Braß) oder in der Gegenwart (z. B. J. Wells) meinten, mit der Offenlegung der Fälschungen Haeckels und der Widerlegung des Biogenetischen Grundgesetzes sei die Evolutionslehre empfindlich geschwächt worden. Das wäre in der Tat eine kapitale Fehleinschätzung, die wir jedoch nirgendwo vertreten.
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