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In der Debatte um die biblische Schöpfungs-geschichte (Gen 1-2) spielt die Länge der dort erwähnten „Tage“ immer wieder ein Rolle. Sind 24-Stunden-Tage oder lange Zeiträume von möglicherweise Millionen von Jahren gemeint? Im Folgenden soll keine naturwissenschaftliche Fragestellung diskutiert, sondern zunächst der diesbezügliche biblische Befund auf seine Bedeutung (Semantik) hin untersucht werden. Wie sind die Zeitangaben in Gen 1-2 zu verstehen? Inhalt
1. Das Bedeutungsspektrum von „Tag“ (jom) im Alten TestamentDas hebräische Wort für „Tag“ (jom) begegnet ca. 2300-mal im Alten Testament und kann je nach Kontext verschiedene Aspekte haben, wie jedes hebräische Wörterbuch verdeutlicht. Im Wesentlichen hat das Wort „Tag“ demnach folgende Bedeutungen:
Für die Ermittlung der jeweiligen Wortbedeutung an einer bestimmten Bibelstelle kommt dem Zusammenhang immer die entscheidende Bedeutung zu. Was ist in diesem Kontext genau gemeint? Man kann also nicht eine spezifische Wortbedeutung einer Bibelstelle nehmen und sie für alle anderen Stellen zugrunde legen, wenn der Zusammenhang nicht vergleichbar ist. Dass das Wort „Tag“ an anderen Stellen keinen gewöhnlichen Wochentag bezeichnet, sagt also noch nichts über die Bedeutung von „Tag“ in Gen 1 und 2. Immer entscheidet der unmittelbare Kontext über die jeweilige Bedeutung. 2. Die ZeitrechnungNach Gen 1 wird die Zeitzählung wesentlich durch das Tageslicht definiert. Die Scheidung Licht-Finsternis am ersten Tag setzt den Tag: Das Licht bezeichnet den hellen Tag, die Dunkelheit die Nacht (1,5). Von daher gehören Abend- und Morgendämmerung in Gen 1 noch zum vorangehenden Tag und schließen den jeweiligen Tag ab, weil die Schöpfung mit der Erschaffung des Lichts beginnt. Die anfängliche Finsternis auf der Erde wird anscheinend nicht mitgezählt, weil sie ein Zustand und kein Zeitraum ist. Der jüdische Exeget Benno JACOB umschreibt Gen 1,5b wie folgt:
Ein heller Tag und die anschließende Nacht machen zusammen den ersten Schöpfungstag aus. Dies gilt auch für die ersten drei Schöpfungstage, an denen die Gestirne noch nicht existierten. Tag/Licht und Nacht/Finsternis bilden also einen Schöpfungstag, wobei die dunkle Phase, die von Abend- und Morgendämmerung umschlossen wird, den Tag beschließt („und es wurde Abend und es wurde Morgen“).2 Die weiteren Schöpfungstage folgen diesem Muster.3 Es geht in Gen 1 also nicht um eine Regelung, wann ein Tag beginnen soll. Im Übrigen ist die Zeitrechnung in AT und NT nicht einheitlich:
3. Die Aussagen von Psalm 90,4 und 2. Petrus 3,8In Psalm 90,4 heißt es: „Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.“ Der direkte Zusammenhang (Ps 90,1-6) beschreibt den Kontrast zwischen der menschlichen Vergänglichkeit (V.3+5-6) und Gottes Ewigkeit (V.1-2). Gott ist ein ewiger Gott, der in ganz anderen Dimensionen lebt, der schon vor der Schöpfung existierte und durch alle menschlichen Generationen hindurch unveränderlich bleibt und seinem Volk eine „Zuflucht“ war, ist und immer sein wird. Damit verglichen ist der Mensch kurzlebig und schnell vergänglich. Der Mensch ist sterblich und vergeht „wie Schlaf“ oder „wie Gras“ in der Sonnenglut. Göttliche und menschliche Zeiterfahrung unterscheiden sich also fundamental: Gott ist präexistenter Schöpfer und ewiger Schutz und Zufluchtsort für sein Volk. Nach biblischer Aussage ist der älteste Mensch (Metuschelach) 969 Jahre alt geworden (Gen 5,27). Aber selbst diese menschlich gesehen lange Zeit ist für Gott nur soviel wie „eine Nachtwache“, also wie nur wenige Stunden, oder wie der gestrige Tag, an den man sich zurückerinnern muss. Auf keinen Fall darf Ps 90,4 rationalistisch als Gleichung ausgelegt werden, dass ein Tag Gottes prinzipiell 1000 Jahren entspricht. Hier handelt es sich um Stilfiguren, wobei das „wie“ einen Vergleich (ein „Simile“) anzeigt. Es wäre abwegig, aufgrund von Ps 90,4 jedes Vorkommen von „Tag“ mit 1000 Jahren gleichzusetzen.5 Der Schöpfungsbericht macht keine Aussage zur Ewigkeit Gottes. Die auf Ps 90,4 anspielende Aussage von 2Petr 3,8 lässt ebenfalls die menschliche Zeiterfahrung mit der göttlichen Zeitrechung kontrastieren: Spötter glauben nicht an die Wiederkunft Jesu oder gehen von einer Verzögerung aus (2Petr 3,3f.9), während Gott geduldig ist und das Heil aller möchte. In seinen Augen ist deshalb „ein Tag wie 1000 Jahre und 1000 Jahre wie ein Tag“, weil er nicht der Zeit unterworfen ist. 4. Die Argumentation von Hebräer 4, 1-11Nach Hebr 4 gehen die an Jesus Christus Glaubenden in die endzeitliche Ruhe ein (4,2-3). Diese Sabbatruhe ist die zukünftige, ewige Gemeinschaft mit Gott und bedeutet Ruhe von den eigenen Werken (vgl. Offb 14,13), so wie Gott am 7. Tag von seinen Schöpfungswerken ruhte (4,10). Die Israeliten haben einst zwar das verheißene Land eingenommen, aber aufgrund ihres Ungehorsams diese besondere „Ruhe“ nicht erlangt (4,2.3b.5-6). Die Ungläubigen trifft daher das Unheilswort aus Ps 95,11: „Sie sollen nicht in meine Ruhe eingehen“ (4,3b.5). Anders jedoch die Gläubigen; für sie steht die Ruhe noch in Aussicht und wartet als Gottes Verheißung auf seine Erfüllung (4,1.3a.7-10); Gott schenkt einen neuen „Heilstag“. Im Gegensatz zur Generation in der Wüste sollen sich die Gläubigen am „Tage (also in der heutigen Zeit) der Versuchung“ im Glauben bewähren (3,8-10) und eifrig sein, in die verheißene endzeitliche „Ruhe“ einzugehen (4,11a). Diese theologische Argumentation darf nun nicht in Gen 2,2, wo vom Abschluss der Schöpfungswoche die Rede ist, hineingelesen werden (s. zum siebten Schöpfungstag unter 6.). Dem Schreiber des Hebräerbriefs zufolge hat die Ruhe Gottes am siebten Tag Zeichencharakter und ist ein Bild für die ewige „Sabbatruhe des Volkes Gottes“ (4,9). 5. Die Länge der Schöpfungstage (Gen 1)Manchmal wird argumentiert, dass die Schöpfungstage längere Zeitperioden bezeichnen oder unterschiedlich lang gewesen seien, da erst am vierten Tag die Gestirne und somit Zeitmesser erschaffen worden sind. Dies findet aber keinen Anhaltspunkt in Gen 1. Zumindest für den Verfasser des Schöpfungsberichts scheint dies kein Problem darzustellen.6 Die sechsmalige Formel „es wurde Abend, es wurde Morgen“ am Ende jedes Schöpfungstages mit der entsprechenden Zählung (Gen 1,5.8.13.19.23.31) spricht sowohl gegen die Annahme unterschiedlicher Tageslängen als auch langer Zeitperioden. Weil keine entsprechende sprachliche Markierung vorliegt, die auf eine andere Bedeutung von „Tag“ hinweist, ist vom nahe liegenden Verständnis auszugehen, dass es sich um gewöhnliche Kalendertage handelt; zudem reicht die Zeitangabe „Abend und Morgen“ zur Kennzeichnung eines vollen Tages völlig aus. Die Zählung der einzelnen Tage schließt die Annahme langer Zeitperioden aus; außerdem wird für alle sechs Schöpfungstage dieselbe Formel verwendet.7 Ein prophetischer „Tag des Herrn“ wird nie dichotomisch in „Tag und Nacht“ o.ä. aufgeteilt. Auch im akkadischen Weltschöpfungsepos Enuma Elisch ist von „Tag“ und „Nacht“ die Rede (Tafel I,38: „Am Tag habe ich nicht Ruhe, nachts schlafe ich nicht.“), bevor die Gestirne erschaffen wurden (Tafel V). 6. Die Länge des Ruhetages (Gen 2,1-3)An allen 147 Stellen in der Bibel, wo von „sieben Tagen“ oder dem „siebten Tag“ die Rede ist (also in Verbindung mit der Zahlenangabe „sieben“) ist ausnahmslos ein Verständnis im Sinne eines gewöhnlichen 24-Stunden-Tages gemeint. Dieser ist der Abschluss einer einwöchigen Periode.8 Der Zeitraum muss nicht mit einem bestimmten Wochentag beginnen, umfasst aber immer eine volle Woche. Aus dem Umstand, dass in Gen 2,3b die Formel „und es wurde Abend und es wurde Morgen“ fehlt, darf nicht geschlossen werden, dass der siebte Tag nicht abgeschlossen ist und als „ewige Sabbatruhe“ Gottes noch andauert. Die Zahlenangabe beim Sabbattag in Gen 2,1-3 macht deutlich, dass es sich wie bei den sechs bisherigen Tagen um einen gewöhnlichen Tag handelt. Dies gilt für ausnahmslos alle Stellen, wo von „sechs Tagen“ plus einem weiteren die Rede ist.9 Zudem macht das Sabbatgebot gar keinen Sinn, wenn man den Ruhetag nicht nach einem Tag beendet. Auch für alle sonstigen Verbindungen von „Tag“ (jom) mit einem Zahlwort kann gesagt werden, dass gewöhnliche Tage gemeint sind.10 7. Ursprung der Lehre langer Zeitalter11Von Anfang an begegnet in der Auslegungsgeschichte neben dem wörtlichen Verständnis der Schöpfungstage als gewöhnliche Kalendertage eine übertragene Deutung. Von den betreffenden Auslegern selbst wird dies in der Regel nicht als eine Alternative verstanden; beide Auffassungen können gleichzeitig vertreten werden. In den Pseudepigraphen Jubiläen 2 und in 4Esra 6,38-54 finden sich Nacherzählungen des Sechs-Tage-Werkes, in denen die Reihenfolge der Schöpfungswerke aus Gen 1 im Rahmen einer Schöpfungswoche beibehalten wird. Frühjüdische und frühchristliche apokalyptische Schriften vertreten die Deutung, aus den sechs Schöpfungstagen könne man auf sechs bzw. sieben Perioden der Weltgeschichte bis zum Weltende schließen (slavisches Henochbuch 33,1-2; Brief des Barnabas 15,412 ; vgl. Jubiläen 4,30). Der jüdische Religionsphilosoph PHILO VON ALEXANDRIEN (ca. 25 v. 40 n.Chr.) interpretiert die Zahlen des Schöpfungsberichtes allegorisch und vertritt die Ansicht, dass Gen 2,4b („an dem Tag, als Gott der Herr Himmel und Erde machte“) die Erschaffung der ganzen Welt an einem einzigen Tag besage.13 Die sechs Tage bezeichnen keinen Zeitraum, sondern die Prinzipien der Ordnung und Ästhetik, die der Schöpfung zugrunde liegen.14 In Anschluss an PHILO interpretieren die Kirchenväter ORIGENES (ca. 185-254 n.Chr.) und AUGUS-TINUS (354-430 n.Chr.) ähnlich:15 Es seien nicht sechs aufeinander folgende Tage, sondern nach AUGUSTINUS Entwicklungsstadien in der Erkenntnis der Engel gemeint. Freilich vertreten beide keine evolutionäre Schöpfung, sondern gehen entsprechend ihrem philosophischen Gottesbild davon aus, dass Gott in einem Augenblick die ganze Welt geschaffen habe, was dann in sechs bzw. sieben Tagen beschrieben werde, weil Gott sich nicht an die menschliche Zeit binde. An anderer Stelle verteidigt AUGUSTINUS gegenüber heidnischen Kosmogonien, dass die Erde weniger als 6000 Jahre alt sei.16 Verschiedene Kirchenväter des 4.Jh.s vertreten hingegen eine wörtliche Auffassung der Tage (EPHRÄM DER SYRER, GREGOR VON NYSSA, AMBROSIUS), ebenso wie später M. LUTHER und J. CALVIN. Die Restitutions- oder Lückentheorie, die von langen Zeiträumen zwischen Gen 1,2 und 1,3 ausgeht, wird vom Remonstranten EPISCOPIUS (1650) entfaltet, der sich auf BASILIUS (4.Jh.) beruft.17 Mit dem Aufkommen der modernen Naturwissenschaften wurden aus geologischen Gründen die „Tage“ von Gen 1 in längere Zeiträume umgedeutet.18 T. BURNET (1681) und B. DE MAILLET (1748/49) begründen dies damit, dass die Sonne erst am 4. Tag erschaffen wurde. Nach W. WHISTON (1696) wurden die Gestirne, die schon vorher existierten, durch eine Aufhellung der Atmosphäre am 4. Tag auf der Urerde sichtbar. Da es zunächst keine Erdrotation gab, dauerte ein Schöpfungstag ein ganzes Jahr, sodass alle Ereignisse aus Gen 1-2 in relativ kurzer Zeit stattfinden konnten.19 A.L. MORO (1740), der von langen Zeiträumen ausgeht, beruft sich auf das allegorische Verständnis des AUGUSTINUS und J.G. LEHMANN (1756) auf 2Petr 3,8. Auch ein lutherisch-orthodoxer Exeget wie Franz DELITZSCH20 gelangt unter dem Eindruck des naturwissenschaftlichen Weltbilds zur Annahme der Restitutionstheorie mit der Annahme langer Schöpfungsperioden. 8. Heutige Auffassungen unter ExegetenInteressanterweise herrscht ein weitgehender Konsens in der kritischen Forschung,21 dass in Gen 1 gewöhnliche Tage gemeint sind, während einige evangelikale und kirchlich-konservative Exegeten22 (gegen den Wortsinn) zu Schöpfungsperioden gelangen, weil sie die den Schöpfungsbericht mit langen geologischen Zeitaltern in Einklang bringen wollen, während die kritischen Forscher diese Zielsetzung nicht verfolgen. In hebräischen Standardwörterbüchern wird Gen 1,5 als erstes Beispiel für einen gewöhnlichen Kalendertag angeführt: „als Zeitmaß von 24 Stunden Gn 1,5 u.ö.“.23 Dies gilt auch für die (kritischen) theologischen Wörterbücher.24 9. SchlussfolgerungenDas hebräische Wort für „Tag“ (jom) weist ein breites Bedeutungsspektrum auf. In Gen 1,5a ist damit der helle Tag als Gegensatz zur Nacht gemeint. Die Zeitangabe in Gen 2,4b ist mit „zu der Zeit, als“ zu übersetzen. Der Ruhetag in Gen 2,1-3 ist ein gewöhnlicher Tag und kein symbolischer Gottestag. Wie auch an allen anderen Stellen schließt „der siebte Tag“ einen einwöchigen Zeitraum ab. Der Sabbattag aus Gen 2,2f kann vom Kontext her nicht als unabgeschlossen gelten. Man darf die Argumentation aus Hebräer 4 („ewige Sabbatruhe“) und Ps 90 („1000 Jahre wie ein Tag“) nicht in Gen 2 hineinlesen. Der exegetische Befund von Gen 1 spricht dafür, auch hier von normalen, kalendarischen Tagen auszugehen. Ein Schöpfungstag ist jeweils durch Licht und Finsternis definiert. Auf Gottes Schöpfungswirken am Tag folgt jeweils die Phase der Dunkelheit („Abend und Morgen“), die den jeweils vorangehenden Tag abschließt. Während die Zeitrechnung im Kultus (Gottesdienst) in der Regel vom Abend ausgeht, ist in der Alltagssprache Israels der Morgen der Beginn des neuen Tages. Dass der Schreiber des Schöpfungsberichtes das Sechstagewerk mit dem anschließenden Ruhetag im Rahmen einer gewöhnlichen Woche von sieben Kalendertagen versteht, ist exegetisch unbestritten, bes. in der kritischen Forschung.25 Dafür sprechen die Zählungen, die Angabe „Abend und Morgen“ und die Verbindung mit dem Ruhetag. Versuche, diese „Tage“ als lange Zeitperioden umzudeuten, verdanken sich in der Regel einem Interesse, den biblischen Bericht mit der geologischen Zeittafel zu harmonisieren. Herzlich danke ich Manfred Stephan für sein konstruktives Mitdenken. Anmerkung
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