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Desinformation und Unwahrheiten über einen Text
zum Thema „Schöpfungslehre an Bekenntnisschulen“

Bericht und Richtigstellungen

Diskussionsbeitrag 1/13


Am 8. August 2012 veröffentlichte der Verband Evangelischer Bekenntnisschulen (VEBS, www.vebs-online.com) einen Text „Evolution und Schöpfungslehre an christlichen Bekenntnisschulen“ von Reinhard Junker. In der Einleitung heißt es, dass es sich um eine Empfehlung „zur Orientierung und Auseinandersetzung“ handelt. Der Text kann über diesen Link heruntergeladen werden: tinyurl.com/ctbdpz3 und es empfiehlt sich zum Verständnis des Folgenden seine Lektüre. Wichtig zum Verständnis ist auch, dass christliche Bekenntnisschulen durch das geltende Recht dazu aufgefordert sind, ihr christliches Profil in allen Unterrichtsfächern zum Ausdruck zu bringen.

Die Stellungnahme von R. Junker blieb außerhalb der VEBS ein halbes Jahr lang unbeachtet, wurde dann aber am 17. 2. 2013 bei „diesseits.de“ von Prof. U. Kutschera unter dem Titel „Evolution ist kein Glaubensbekenntnis“ aufgegriffen. Diese irreführende Überschrift macht von einer Diffamierungsmethode Gebrauch, die auch weitere Kommentatoren in Anspruch genommen haben:

Man dementiere eine Aussage oder widerspreche einer Aussage, die der Kritisierte gar nicht gemacht hat.

Die AG Evolutionsbiologie (www.ag-evolutionsbiologie.net) veröffentlichte kurz darauf eine zweite Stellungnahme, ebenfalls mit einer Überschrift, die das Gegenteil dessen ausdrückt, was dem Ursprungstext wichtig ist: „Es hat keinen Sinn, die Grenze zu verwischen“ (tinyurl.com/bv6h6ea). Auch das „Forum Grenzfragen“ meldete sich zu Wort mit „Neuer Konflikt zu Evolution/Schöpfung“ (tinyurl.com/cskoayw). Der Hinweis darauf auf dessen facebook-Seite löste eine ausgiebige Diskussion aus (hier dokumentiert: tinyurl.com/brdkpm9), bei der es aber nur am Rande um die VEBS-Empfehlung ging. Schließlich brachte die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) einen Artikel von H. Hemminger in der Aprilausgabe von „Materialdienst der EZW“ heraus, in dem der VEBS-Text harsch kritisiert wurde.1 Es war vielleicht dieser Artikel, der dazu führte, dass sich auch ein einflussreicheres Presseorgan dem Thema widmete: Am 11. April veröffentlichte WELT ONLINE einen Artikel von Matthias Kamann, „Debatte um Kreationismus an Bekenntnisschulen“ (tinyurl.com/ckekca7), der vielfach von anderen Medien, darunter heute.de aufgegriffen wurde. Dieser Artikel der WELT brachte in geballter Form Irreführungen und Unterstellungen, was weniger dem Autor Matthias Kamann als vielmehr den von ihm befragten Personen anzulasten ist. Die nachfolgende Zusammenstellung wurde angefertigt, um  zu dokumentieren, wie weit das Presseecho von dem entfernt ist, was im Ursprungstext von Reinhard Junker wirklich gesagt wird.

Die Kommentare zum Artikel von WELT ONLINE sind eingerückt wiedergegeben. Darin ist mit „Text“ jeweils die eingangs erwähnte Stellungnahme von Reinhard Junker gemeint, die auf der Homepage des VEBS veröffentlicht wurde (tinyurl.com/ctbdpz3).

  • Die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) wird in WELT ONLINE zitiert, auch christliche Bekenntnisschulen seien an die geltenden Richtlinien und Lehrpläne gebunden. Der Leser erhält so den Eindruck, dass das bestritten worden wäre.

    Im Text steht dagegen: Es soll „den staatlichen Bildungsplänen Rechnung getragen werden“.

  • Die Ministerin wird außerdem wie folgt zitiert: „Die geltende Rechtslage lässt keine Freiräume für die Behandlung des Themas ‘Schöpfung und Evolution’ in der von Herrn Junker vorgeschlagenen Form zu.“

    Was unter „in der vorgeschlagenen Form“ zu verstehen ist und warum diese gegen die geltende Rechtslage verstößt, wird nicht konkretisiert.

  • Birgit Sendler-Koschel, Leiterin der Bildungsabteilung im EKD-Kirchenamt, wird zitiert, dass sie sich „gegen jede Behauptung einer Gleichrangigkeit von Naturwissenschaft und Schöpfungslehre ausspricht“.

    Im Text werden die methodischen Unterschiede zwischen Naturwissenschaft, Theologie und dem Verständnis biblischer Texte jedoch explizit betont: „Theologische Fragen zum Thema haben … ihre eigene Begründung. … Die biblischen Aussagen zum  Schöpfungshandeln Gottes, werden durch Exegese ermittelt.“ Von Gleichrangigkeit von „Naturwissenschaft und Schöpfungslehre“ ist nirgendwo die Rede (s. auch unten). Dieser Vergleich macht auch keinen Sinn, da man eine Methode (Naturwissenschaft) nicht mit einer Lehre (Schöpfungslehre) auf einer Ebene sinnvoll gegenüberstellen kann.

  • Frau Sendler-Koschel behauptet weiter, die Empfehlung verwische den grundlegenden erkenntnistheoretischen Unterschied zwischen den biblischen Schöpfungserzählungen und der naturwissenschaftlichen Forschung; die Stellungnahme sei daher „extrem verunklarend“.

    Im Text wird die Unterschiedlichkeit  der „biblischen Schöpfungserzählungen und der naturwissenschaftlichen Forschung“ und deren Relevanz für den zu betrachtenden Gegenstand (Ursprungsfrage) zu Beginn ausdrücklich herausgestellt (s. o.). Was „verunklarend“ ist, wird nicht gesagt. Die ausgewogene Wertung von naturwissenschaftlichen Ergebnissen und Interpretation biblischer Texte sowie das Nachdenken über deren Verhältnis zueinander ist ein Charakteristikum von christlichen Bekenntnisschulen.

  • WELT-Autor Matthias Kamann folgert, eine Betrachtung empirischer Befunde im Licht der Bibel sei für Junker methodisch gleichrangig mit der Naturwissenschaft.

    Dagegen der Text: „Eine Schöpfungslehre [kann] keine (durchgängige) naturwissenschaftliche Alternative zu Evolutionstheorien sein.“ Gleichheit wird nur für die „naturwissenschaftlich experimentelle Forschung“ behauptet, da Naturwissenschaft im Rahmen der Schöpfungslehre nicht eingeschränkt wird. Grenzen der Naturwissenschaft ergeben sich alleine aufgrund ihrer Methode.2

  • Reinhold Leinfelder, Professor für Paläontologie und Geobiologie an der Freien Universität Berlin, wird relativ ausführlich zitiert: Durch die Stellungnahme würden „Schüler in grotesker Weise falsch über das Wesen der Wissenschaft unterrichtet“.

    Diese Behauptung wird nicht begründet. Sie basiert auf Fehldarstellungen bzw. der Unkenntnis der von der SG Wort und Wissen vorgelegten wissenschaftstheoretischen Grundlagen (s. z. B. die Artikel unter www.wort-und-wissen.de/artikel/main.html)

  • Es sei „falsch und gefährlich“, so Leinfelder, „die biblische Schöpfungslehre der Evolutionstheorie gleichberechtigt an die Seite zu stellen, wie es in diesen Empfehlungen beschrieben wird“.

    Der Text lautet (Hervorhebung hinzugefügt): „Das Thema ‚Schöpfung und Evolution“ hat theologische und naturwissenschaftliche Aspekte, die methodisch auseinandergehalten werden müssen.“ Die Fähigkeit aus unterschiedlichen Perspektiven ein Sachthema (Ursprungsfrage) zu bearbeiten, ist nicht „falsch und gefährlich“ sondern gewinnbringend, solange die methodischen Grenzen der jeweiligen Perspektive Berücksichtigung finden.

  • Der Text suggeriere zwar, „dass man die wissenschaftliche Evolutionstheorie achten und würdigen wolle“, praktiziere aber „das Gegenteil“. Indem nämlich behauptet werde, „Wissenschaft sei bloß eine Philosophie, eine Art Weltanschauung, …“

    Solche Behauptungen gibt es im kritisierten Text nicht, auch nicht sinngemäß; stattdessen ist die Rede von „sachgemäßer Darstellung von biblischen Inhalten und Zusammenhängen einerseits und naturwissenschaftlichen Daten und Theorien einerseits.“ Und: „Der Unterricht über Evolution soll heutige Evolutionstheorien nach dem Verständnis ihrer Befürworter sachgemäß darstellen und ihre Leistungsfähigkeit, Beobachtungen in der Natur zu erklären, kritisch würdigen.“ Und: „Die Schüler sollen verstehen, was Evolutionstheorien beinhalten.“

  • Leinfelder: „... eine Art Weltanschauung, neben der gleichberechtigt die religiöse Weltanschauung stehen könnte“, sodass man dann nach „Harmonisierungsmöglichkeiten“ suchen müsse.

    Der Text formuliert nicht, dass man Harmonisierungsmöglichkeiten suchen „müsse“, sondern dass man prüfen kann, ob Möglichkeiten der Harmonisierung bestehen und wo es Widersprüche gibt.

  • Leinfelder: [Harmonisierungsmöglichkeiten] gebe es nicht, „weil Wissenschaft und Religion zwei völlig unterschiedliche Kategorien sind, die nicht dasselbe beschreiben“.

    Ersterem wird im Text unmissverständlich zugestimmt: „Das Thema ‚Schöpfung und Evolution' hat theologische und naturwissenschaftliche Aspekte, die methodisch auseinandergehalten werden müssen.“ Letzteres („nicht dasselbe beschreiben“) ist dagegen falsch. Derselben Schöpfung kann man sich aus der Perspektive der Wissenschaft und der Offenbarung zuwenden. Harmonisieren kann man durchaus Aussagen, die aus methodisch verschiedenen Kategorien gewonnen wurden.

  • Leinfelder: „Wenn die Evolutionstheorie bestimmte Phänomene nicht erklären kann oder Lücken in der Befundlage feststellt – was zum täglichen Brot der Wissenschaft gehört –, dann muss weiter geforscht, müssen die Hypothesen überprüft werden. Es besteht aber keinerlei Anlass, den Glauben in die Lücken springen zu lassen.“

    Der Text legt an keiner Stelle nahe, dass Glauben in Wissenslücken der Wissenschaft springen solle oder dass nicht weitergeforscht werden solle. Im Gegenteil: Der Glaube an eine göttliche Schöpfung der Welt wird als ein die Forschung stimulierender „Ausgangspunkt“ genannt. Zu fordern ist, dass neben den Erfolgen der Naturwissenschaft auch deutlich ihre prinzipiellen Lücken in Bezug auf eine rein natürliche Erklärung der Welt und des Lebens angesprochen werden.

Soweit die Entgegnungen.

Zwei erfreuliche Stellungnahmen


Bemerkenswert und erfreulich sind aber zwei Stellungnahmen weiterer Ministerien: „Ganz anders das SPD-geführte Kultusministerium in Baden-Württemberg. Dort heißt es, laut jener Stellungnahme solle ja ‚den staatlichen Bildungsplänen Rechnung getragen werden‘. Und weitergehende Beurteilungen, ‚insbesondere zu den religiösen Bekenntnissen‘, könne das Ministerium ‚nicht vornehmen‘. Auch die Senatsverwaltung für Bildung in Berlin, wo es eine VEBS-Mitgliedschule gibt, sieht jene ‚Ausführungen zur Evolution und Schöpfungslehre an christlichen Bekenntnisschulen als durch das Gesetz gedeckt‘ an“ (WELT ONLINE, tinyurl.com/ckekca7).

Kommentare christlicher Medien


Abschließend sei noch auf Artikel und einen Kommentar christlicher Medien hingewiesen:

W+W-Presstext zum Thema „Evolution und Schöpfung in der Schule“:


www.wort-und-wissen.de/presse/main.php?n=Presse.P05-2

Anmerkungen


1 Eine Stellungnahme dazu und zum Text von „Forum Grenzfragen“ kann bei der W+W-Geschäftsstelle angefordert werden.

2 vgl. Markus Widenmeyer: Prinzipielle Grenzen der Naturwissenschaft. (PDF)


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