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Ansprache von Prof. John Lennox
zum Parlamentarischen Gebetsfrühstück in Großbritannien 20131

Übersetzte Mitschrift vom 25. Juni 2013, 7:30 - 9:00 Uhr, Houses of Parliament

Diskussionsbeitrag 3/13


In seiner brillianten Dokumentation „Der gefährlichste Mensch Englands zur Zeit der Tudors“ beschrieb der Fernsehproduzent und Autor Melvyn Bragg kürzlich das imposante, aber weitgehend in Vergessenheit geratene Werk William Tyndales.2 Tyndale wurde in England verfolgt, floh auf den Kontinent und übersetzte dort die Bibel ins Englische. Er machte sie dadurch für jedermann zugänglich, sogar ein Bauernjunge konnte sie dadurch verstehen – jede noch so einfache Person konnte durch Gottes Wort direkt, ohne irgendeine institutionelle Zwischeninstanz, zu Gott kommen.

Tyndale wurde verraten, erwürgt und verbrannt. Seine letzten Worte waren: „Herr, öffne dem König von England die Augen!“ Seine Bibel­übersetzung wurde in Baumwollballen und Ölfässern nach England geschmuggelt. Der Widerstand war so heftig, dass die Bibeln auf den Stufen der Londoner St.-Pauls-Kathedrale verbrannt wurden, und doch dauerte es nicht lange, bis Tyndales Gebet erhört wurde. Heinrich VIII. gab die Anweisung, dass in jeder Kirche seines Reiches eine englische Bibel ausgelegt werden musste. Tyndales Bibel setzte sich durch und hatte unermesslichen Einfluss auf die Geschichte, Regierungsform, Kultur und Sprache Großbritanniens.

Zwar verbrennen wir in unserem Land die Bibel heute nicht mehr. Aber eine lautstarke Minderheit einflussreicher Denker verspottet und verlästert sie. Tyndales Bauernjunge läuft Gefahr, dass man ihm einredet, die ihn den christlichen Glauben lehrten, seien des Kindesmissbrauchs schuldig. Gott sei eine schädliche Wahnidee. Die Naturwissenschaft habe doch bewiesen, dass der Glaube an Gott irrational sei und streng im privaten Bereich gehalten werden müsse – solange, bis er völlig verschwinde.

Dadurch fühlen sich viele Gläubige an den Rand gedrängt und entrechtet.

Aber die Naturwissenschaft hat Gott nicht begraben. Ironischerweise war es die Bibel, die Europa mit dem Gedanken erfüllte, dass ein rationaler, intelligenter Gott das Universum geschaffen hat und erhält. Sie bereitete damit den Boden für die moderne Naturwissenschaft. „Menschen wurden wissenschaftlich, weil sie Gesetze in der Natur erwarteten, und sie erwarteten Gesetze in der Natur, weil sie an einen Gesetzgeber glaubten“ (C. S. Lewis)3. Der Glaube an Gott behinderte also Naturwissenschaft nicht – im Gegenteil, der Glaube war der Motor, der die Naturwissenschaft antrieb.

Trotzdem wird darauf bestanden, dass wir zwischen Gott und Naturwissenschaft wählen müssen. Aber das stimmt auf gar keinen Fall. Wir müssen nicht zwischen Gott und der Naturwissenschaft als Erklärung für den Kosmos wählen, so wie wir nicht zwischen Sir Frank Whittle und Naturwissenschaft als Erklärung für das Strahltriebwerk wählen müssen. Diese Erklärungen stehen nicht in Konkurrenz oder im Konflikt zueinander, sondern ergänzen sich – beide sind notwendig. Gott ist nicht dieselbe Art von Erklärung wie Naturwissenschaft. Gott ist die Erklärung dafür, warum es überhaupt ein Universum gibt, in dem Naturwissenschaft betrieben werden kann.

Deshalb gibt es nach wie vor hervorragende Wissenschaftler, die an Gott glauben; denn es gibt einen engen Zusammenhang zwischen der rationalen Verständlichkeit des Universums und der Rationalität Gottes.

Einige Atheisten wollen diesen Zusammenhang leugnen, aber der Versuch scheitert. Denn das wissenschaftliche Arbeiten erfordert Glauben, dass man überhaupt wissenschaftlich arbeiten kann, was wiederum erfordert, dass wir uns auf unsere menschlichen kognitiven Fähigkeiten verlassen können. Laut atheistischer Lehre sind diese Fähigkeiten Produkte geistloser, ungelenkter, natürlicher Prozesse. Wenn das der Fall ist, warum sollte ich irgendetwas glauben, was sie mir erzählen? Wenn Sie glauben würden, Ihr Computer sei das Produkt geistloser Prozesse, würden Sie ihm vertrauen? Natürlich nicht.

Der Atheismus will Gedanken darauf reduzieren, sie seien bedeutungslose Schaltvorgänge an Synapsen im Hirn. Das untergräbt die Grundfesten genau jener Rationalität, die notwendig ist, um Argumente zu erstellen, zu verstehen oder zu glauben, einschließlich derer, die den Atheismus verteidigen. Der Atheismus schießt sich daher nicht nur selbst in den Fuß, er schießt sich ins Hirn. Die Ironie scheint hier zu sein, dass der Atheismus nicht nur auf Kriegsfuß mit Gott steht, sondern auch mit der Naturwissenschaft. Es sieht so aus, als würde der Atheismus sehr gut auf Dawkins Definition einer Wahnvorstellung passen: Ein hartnäckiger, falscher Glaube, der trotz starker Gegenbeweise verbissen festgehalten wird!

In einem Interview mit der englischen Zeitung „The Guardian“ sagte der berühmte Physiker Stephen Hawking kürzlich: „Der Himmel ist ein Märchen für Menschen, die sich vor Dunkelheit fürchten.“ Ich fühle mich versucht, ähnlich kurz zu antworten: „Umgekehrt: Atheismus ist ein Märchen für die, die sich vor Licht fürchten.“

Der Atheismus verwirft zu Recht Karikaturen, die Gott als alten Mann im Himmel oder als Lückenbüßer darstellen. Der Atheismus muss aber klein beigeben, wenn er mit dem Gott konfrontiert wird, der das kreative Wort ist und der das Universum verstehbar gemacht hat. Wittgenstein hat schon ganz richtig gesagt: „Der Sinn der Welt muss außerhalb ihrer liegen.“4

Mittlerweile sollte klar sein, dass nicht notwendigerweise ein Konflikt zwischen Naturwissenschaft und Gott besteht. Der Konflikt besteht eigentlich zwischen Weltanschauungen: Atheismus und Theismus. Ich treffe in Großbritannien viele Leute, die diesen Konflikt diskutieren und die Argumente jeder Seite abwägen wollen. Doch die Chancen dafür sind kaum gegeben; denn der Atheismus tritt in der akademischen Welt äußerst dominant auf und wird in den Medien als naturgemäß vorgegebene Position hingestellt. Aber nicht nur das, sondern seine Anhänger sehen oft nicht einmal, dass der Atheismus ganz genauso Glaubensentscheidungen beinhaltet wie das Christentum oder jede andere Religion. Man kann das daran erkennen, wie man über „Glaubensschulen“ redet, aber gar nicht begreift, dass der Atheismus ebenfalls ein Glaubenssystem ist, das an vielen Erziehungseinrichtungen ungehindert gelehrt wird.

Wenn die christliche Lehre schlecht für Kinder sein soll, warum nicht auch die atheistische Lehre?

Diese Unausgewogenheit stammt aus der säkularen Umdefinition von Glauben: Glaube sei ein rein religiöser Begriff mit der Bedeutung, dass man immer dann glaubt, wenn es keine Beweise gibt – also blinder Glaube. Aber nicht jeder Glaube ist blind. Denn Glaube ist ein alltäglicher Begriff. Er bedeutet Vertrauen und erfordert immer Beweise, Sicherheiten. Wenn Sie einen Kredit aufnehmen wollen, verlangt die Bank Sicherheiten, damit sie Ihnen das Geld anvertrauen kann.

Das Christentum beruht auf Beweisen. Lukas, der sich als hervorragender Historiker erwiesen hat, berichtet dem hohen römischen Beamten Theophilus, dass er alles von Anfang an genau verfolgt hat, damit Theophilus Gewissheit hat über das, was er glaubt. Lukas berichtet auch von Paulus’ Behauptung gegenüber den Philosophen in Athen, dass Gott durch die Totenauferweckung Jesu jedem bewies: Jesus war der, der er behauptete zu sein. Zu dieser historischen Beweisführung tritt die persönliche Erfahrung. Denn Glaube an Gott ist gemäß der christlichen Lehre bei weitem nicht blind, sondern rationales, persönliches Vertrauen, das auf vielfältigen Beweisen basiert.

Warum befassen wir uns überhaupt damit? Naturwissenschaft interessiert ja gar nicht jeden. Auch wenn wir keine Atheisten sind, warum wursteln wir nicht einfach weiter im Sinne von „Such dir deine eigene Religion selbst aus und bastele dir, was immer dich glücklich macht“? – statt uns mit der Frage herumzuquälen, was wahr ist?

Der Hauptgrund ist, dass Ansichten Konsequenzen haben. Der britische Großrabbiner Jonathan Sacks wies kürzlich darauf hin, dass der größte Atheist aller Zeiten, Friedrich Nietzsche, die Konsequenzen seiner Abwendung von Gott mit erschreckender Klarheit erkannte. Aber seine derzeitigen Nachfolger haben diesbezüglich nicht einen Hauch von Ahnung.5

Sacks schrieb: „In seinen späteren Werken weist uns Nietzsche immer wieder darauf hin: Wenn wir den christlichen Glauben über Bord werfen, führt das zum Verschwinden der christlichen Werte. Nicht mehr ‘Liebe deinen Nächsten wie dich selbst’; stattdessen der Wille zur Macht. Nicht mehr ‘Du sollst nicht’; stattdessen leben die Menschen nach dem Naturprinzip, dass die Starken die Schwachen unterdrücken oder vernichten.‘An sich von Recht und Unrecht reden entbehrt alles Sinns, an sich kann natürlich ein Verletzen, Vergewaltigen, Ausbeuten, Vernichten nichts „Unrechtes“ sein, insofern das Leben essentiell, nämlich in seinen Grundfunktionen verletzend, vergewaltigend, ausbeutend, vernichtend fungiert und gar nicht gedacht werden kann ohne diesen Charakter.’6

Die Werteverschiebung in unserer heutigen Gesellschaft bestätigt Nietzsche. Wir stehen in Gefahr, den Beitrag des Christentums zu den ethischen Grundfesten unserer Gesellschaft zu vergessen.

Ich zitiere nochmals Melvyn Bragg: „Es befremdet mich, dass Menschen, die sich selbst Atheisten nennen – und zwar aus verständlichem Grund, da sie nicht an einen Gott, eine Auferstehung, eine Jungfrauengeburt, eine Drei­einigkeit glauben – meinen, dass dies ihnen das Recht gibt, jede Menge Wissen aufzugeben, das die Menschen zweitausend Jahre hindurch belehrt und zu einigen der größten Errungenschaften, die die Menschheit je gesehen hat, geführt hat. Dieses Wissen muss in jedem Fall in Betracht gezogen werden, wenn wir überhaupt über die Vergangenheit in Bezug auf Ethik, Geschichte und Kunst nachdenken wollen.“7

Dankenswerterweise sind nicht alle Atheisten so respektlos. Der führende deutsche Denker Jürgen Habermas schreibt: „Der egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischen Zusammenleben, von autonomer Lebensführung und Emanzipation, von individueller Gewissensmoral, Menschenrechten und Demokratie entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeits- und der christlichen Liebesethik. ... Dafür gibt es bis heute keine Alternative. Auch angesichts der aktuellen Herausforderungen ... zehren wir nach wie vor von dieser Substanz. Alles andere ist postmodernes Gerede.“8

Es gibt unzählig viele Beispiele für dieses Erbe: Christliches Engagement bei der Gründung von Universitäten, Schulen, Krankenhäusern, Hospizen, industriellen Reformen, Abschaffung der Sklaverei. Und unsere Britischen Institutionen. Die Times schrieb in ihrem Kommentar zum 60. Thronjubiläum ihrer Majestät: „Mehr als irgend ein anderes Ereignis bezeugt die Krönungszeremonie ... die Ableitung jeder Gewalt und Autorität von Gott und die christliche Basis, auf der Regierungsgewalt ausgeübt wird, Recht gesprochen wird und der Staat verteidigt wird.“9

Jahrhundertelang war Gott in unserem Land die höchste ethische Autorität. So sehr man sich auch dagegen wehrt – unausweichlich stellt sich uns heute unter dem zunehmenden Druck des postmodernen ethischen Relativismus die dringende Frage: Wenn wir Gott aufgeben, welche Autorität steht dann hinter unserer Ethik?

C. S. Lewis argumentierte: „Wenn wir zum Beispiel fragen: ‘Warum soll ich selbstlos handeln?’ und die Antwort lautet: ‘Weil es für die Allgemeinheit gut ist’ können wir weiter fragen: Weshalb soll ich mich darum kümmern, was für die Allgemeinheit gut ist, solange ich persönlich nichts davon habe?’ Die Antwort darauf wird lauten: ‘Weil der Mensch selbstlos sein soll!’ und damit wären wir wieder am Anfang.“10

Jeder, der nicht bereit ist, einem völlig unsinnigen ethischen Subjektivismus zu verfallen, steht vor dem Dilemma, das H. P. Owen so zusammenfasst: „Einerseits liegen [objektive ethische] Ansprüche außerhalb einer menschlichen Person ... Es wäre andererseits widersprüchlich zu behaupten, unpersönliche Ansprüche seien unserer Zustimmung unterworfen. Die einzige Lösung für dieses Paradoxon ist die Annahme, dass die Ordnung der [objektiven ethischen] Ansprüche ... tatsächlich in der Persönlichkeit Gottes begründet ist.“11

Wenn wir das Transzendente und Absolute abschaffen, werden wir in Relativität und Subjektivität getrieben. Pfadfinderinnen würden dann nicht mehr ihre Treue zu Gott schwören, sondern sich selbst treu zu bleiben. Wenn es aber keine Ethik jenseits persönlicher Vorlieben und Wahl gibt, wenn es keine ewige Basis für Werte außerhalb der Menschheit gibt, wie können dann ethische Standards mehr bedeuten als limitierte menschliche Konventionen, letztendlich bedeutungslose Produkte ungelenkter natürlicher Prozesse?

Dawkins’ Beschreibung eines Universums ohne Gott hört sich so an: „In einem Universum blinder physikalischer Kräfte und genetischer Replikation werden einige Menschen verletzt werden, andere haben Glück, und sie werden keinen Rhythmus und keinen Grund dafür finden, auch keine Gerechtigkeit. Das Universum, das wir beobachten, hat genau die Eigenschaften, mit denen man rechnet, wenn dahinter kein Plan, keine Absicht, kein Böse oder Gut steht, nichts außer blinder, erbarmungsloser Gleichgültigkeit. DNS weiß nichts und sorgt sich auch nicht. DNS ist einfach da. Und wir tanzen zu ihrer Musik.“12

Aber wenn die Bombenleger von London nur zu ihrer DNS getanzt haben, kann sie niemand verantwortlich machen. Ethik wird zu einer Wahnvorstellung. Genau das sagen Michael Ruse und E. O. Wilson: „Werte oder was wir für Werte halten sind nur eine Illusion, die uns von unseren Genen angedreht wurde, damit wir kooperieren.“13

Weltanschauliche Ideen haben Konsequenzen. Wenn wir Menschen beibringen, dass moralische Werte eine Illusion sind, dann werden sie anfangen, es zu glauben – viele haben es schon getan – mit dem Ergebnis, dass unsere Institutionen von Skandalen heimgesucht werden, Familien zunehmend zerbrechen, Menschen einsamer sind denn je und gegenseitiges Vertrauen so gering ist wie nie. Wir haben Wind gesät und ernten Sturm.

Denn in der schönen neuen Welt blinder physikalischer Mächte verschwinden Gut und Böse, und mit ihnen Gerechtigkeit. Bei all ihrer moralischen Kritik an Gott leugnen die Neuen Atheisten ironischerweise das Eine, das moralischen Werten Stabilität verleiht: schlussendlich Gerechtigkeit. Millionen von Menschen erfahren in dieser Welt keine Gerechtigkeit, und da laut Atheismus der Tod das Ende ist, werden sie auch nie Gerechtigkeit erfahren. Ihr Werteempfinden, ihr Verlangen nach Gerechtigkeit erweist sich als trügerische Wahnvorstellung. Es gibt keine Hoffnung. Die Terroristen, die nach der Musik ihrer DNS auf den Leibern ihrer Opfer tanzten, kommen ungeschoren davon.

Die Neuen Atheisten behaupten, dass Glaube an Gott eine kindische Wahnvorstellung ist – so wie das Saugen an einem Schnuller für unbegründetes Wohlbefinden sorgt. Aber was ist mit ihrem Atheismus? Wie der polnische Nobelpreisträger Czeslaw Milosz schon sagte: „Echtes Opium für das Volk ist der Glaube an das Nichts nach dem Tod – der große Trost, denken zu können, dass wir für unsere Betrügereien, Gier, Feigheit, Morde nicht gerichtet werden.“14

Vernunft und Erfahrung lehrt uns, dass das ethisch absurd ist. Die Bibel stimmt dem zu. Sie lehrt, dass der Tod nicht das Ende ist. Die gute Nachricht ist, dass es ein Endgericht geben wird, welches Gerechtigkeit bringen wird, faire Gerechtigkeit. Die Ernennung des Richters wurde durch seine Auferstehung aus den Toten bestätigt. Das Christentum leistet einen unermesslich wichtigen, positiven Beitrag für unsere Gesellschaft, indem es die Werte hochhält, die den Gewissen aller Menschen eingebrannt sind, ob sie an Gott glauben oder nicht, die Werte, auf denen die Freiheit und das Wohlergehen der Menschheit beruhen.

Dies führt zu einem Dilemma: einerseits das Problem meiner menschlichen Schuld, anderer­seits mein Verlangen nach Gerechtigkeit. Ich will Gerechtigkeit – aber wie wird das gerechte Urteil über mich lauten? Denn mein menschliches Problem ist nicht, dass ich meine ethischen Regeln nicht kenne – aber ich habe nicht die Kraft, nach ihnen zu leben. Auch hier gibt das Christentum wieder die positive Antwort auf die tiefer liegende Frage mit seiner Botschaft der Gnade und Hoffnung. Denn das Christentum dreht sich nicht um Gesetze und Regeln. Seine zentrale Botschaft ist die Möglichkeit einer Beziehung mit Gott – zu Leidenden spricht es durch einen Gott, der mitleidet, zu denen, die beladen sind mit Schuld und Versagen, spricht es von Vergebung, denen die in Aufruhr leben, bietet es Frieden, und denen die kämpfen und verzweifeln, bietet es als Geschenk neues Leben, das man nur annehmen muss.

Das ist natürlich der Grund, warum Christus Gewalt ablehnte. Die Tragik ist, dass alle, die mit Waffengewalt Christus und seine Botschaft verteidigen wollten (zum Beispiel in meinem Heimatland Nordirland), ihm nicht gefolgt sind, sondern ihm ungehorsam waren. Als Jesus bei Pilatus wegen Anstiftung zu politischem Aufruhr angeklagt war, sagte er: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt – sonst hätten meine Knechte gekämpft. ... aber dazu bin ich in die Welt gekommen, dass ich der Wahrheit Zeugnis gebe.“ Pilatus erklärte Jesus öffentlich für unschuldig. Er sah, was offensichtlich war – dass Wahrheit nicht mit Gewalt aufgezwungen werden kann, besonders wenn es sich um die Wahrheit über Vergebung, Liebe und Frieden mit Gott handelt.

Das ist übrigens das genaue Gegenteil von Fundamentalismus, sei er religiöser oder säkularer Natur, der genährt wird durch den ‘Willen zur Macht’ und Missachtung der Menschenrechte und Menschenwürde.

Das bedeutet nicht, dass es keine Probleme gibt – Schmerzen und Böses werfen ihre Schatten über unser Leben –, aber durch das Kreuz Jesu können wir erkennen, dass Gott nicht ein ferner Zuschauer geblieben ist. „Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns.“ Gott nahm am Leiden teil. Wie der englische Erzbischof von Canterbury Justin Welby an Ostern sagte: „Ich denke, das Kreuz ist genau der Punkt, wo Schmerz und Leid, Folter, Versuchung und Sünde und Dreck der Welt auf den Schultern Gottes endeten, aus Liebe zu uns.“15

Dies sind wichtige Themen – Gott und Naturwissenschaft, Glaube und Beweise, Bedeutung und Ethik. Mit der christlichen Botschaft, die Teil unseres Erbes ist, haben wir enorme Ressourcen, damit umzugehen. Aber wie können wir das in einer pluralistischen Gesellschaft umsetzen?

Gemäß der Bibel haben Menschen unermesslichen Wert, weil sie im Bild Gottes geschaffen sind. Das gilt, ob sie an Gott glauben oder nicht, und wird dadurch bestätigt, dass wir in jeder Religion und Philosophie dieser Welt eine Version der Goldenen Regel finden: ‘Behandle andere Menschen so, wie du behandelt werden willst.’ Meiner Erfahrung nach ist der Weg für respektvolle und doch intensive und ehrliche Diskussionen bereitet, wenn wir diese Verhaltensregel beachten.

Meine Universität Oxford hält große Stücke auf ihre Sokratische Tradition – ‘Folge den Beweisen, wohin sie dich führen’. Aber Menschen können Beweise nur bewerten, wenn sie sie von allen Seiten und nicht nur von einer betrachten. Im 16. Jahrhundert gab William Tyndale sein Leben, um die Diskussion über die biblische Weltanschauung anzustoßen, sodass Menschen eine rationale Entscheidung treffen konnten. In diesem 21. Jahrhundert brauchen wir den gleichen Mut, um für genau die gleiche Diskussion öffentlichen Raum zu schaffen.

Heute morgen sagte Premierminister David Cameron in seiner Ansprache: „Es ist ermutigend, dass das Christentum noch immer eine solch lebenswichige Rolle in unserem nationalen Leben spielt. Es hatte einen enormen historischen Einfluss auf die Entwicklung unserer Kultur und nationalen Einrichtungen und es motiviert britische Staatsbürger zu wunderbaren Diensten und Selbstaufopferung. ... Wir sind ein Land mit einem christlichen Erbe und wir sollten uns auch nicht fürchten, dazu zu stehen.“

Niemand scheint in Großbritannien ein Problem damit zu haben, öffentlich den Atheismus auszuleben – warum sollten wir uns also schämen, Gott zu leben?

Übersetzung: Cornelia Imming, Halle, mit Genehmigung des Autors.

Quellen


  1. www.nationalprayerbreakfast.org.uk (17. 7. 2013)
  2. The Most Dangerous Man in Tudor England was on BBC Two at 9pm on Thursday 6 June 2013. Artikel: Melvyn Bragg on William Tyndale: his genius matched that of Shakespeare, The Telegraph www.telegraph.co.uk/culture/tvandradio/10096770/Melvyn-Bragg-on-William-Tyndale-his-genius-matched-that-of-Shakespeare.html (17. 7. 2013)
  3. C.S. Lewis, Miracles (1974) p.169
  4. Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus, 6.41
  5. Jonathan Sachs, The Spectator, 15.06.2013, Chief Rabbi: atheism has failed. Only religion can defeat the new barbarians.
  6. Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral: § II — 11. Erste Veröff. 16/11/1887.
  7. The Most Dangerous Man in Tudor England was on BBC Two at 9pm on Thursday 6 June 2013. Artikel: Melvyn Bragg on William Tyndale: his genius matched that of Shakespeare, The Telegraph www.telegraph.co.uk/culture/tvandradio/10096770/Melvyn-Bragg-on-William-Tyndale-his-genius-matched-that-of-Shakespeare.html  (17. 7. 2013)
  8. Jürgen Habermas: Ein Gespräch über Gott und die Welt. Ein Interview. In: Zeit der Übergänge, Frankfurt/M. 2001, S. 173-196, hier: 175.
  9. The Times
  10. C. S. Lewis, Pardon ich bin Christ, Brunnen-Verlag 1977, S. 31.
  11. H. P. Owen, The Moral Argument for Christian Theism, George Allen & Unwin, 1965.
  12. Richard Dawkins, Und es entsprang ein Fluß in Eden. Goldmann Verlag, 1998. Übersetzer: Sebastian Vogel. S. 151.
  13. Michael Ruse und Edward O. Wilson, The Evolution of Ethics, in: Philosophy of Biology, ed. Michael Ruse (New York: Macmillan, 1989), S. 316.
  14. Czeslaw Milosz, The Discreet Charm of Nihilism, Polish poet in essay by Alister McGrath,“Challenges from Atheism“ in Beyond Opinion: Living the Life We Defend. Ravi Zacharias ed. (Nashville: Thomas Nelson Publishers, 2007): 32. (parenthetical addition). Auch in The Twilight Of Atheism: The Rise and Fall of Disbelief in the Modern World  By Alister McGrath, vor Camus and the absurdity of God
  15. www.archbishopofcanterbury.org/articles.php/5048/listen-travellers-tales-archbishop-justin-on-his-journey-into-faith. (17. 7. 2013)

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