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Forderung von „Evokids“: Evolution bereits an der Grundschule lehren!

Bericht und Kommentar von Michelle Noe

Diskussionsbeitrag 1/15


Nach Auffassung naturalistisch orientierter Wissenschaftler und Philosophen ist die Tatsache, dass Evolution in der Grundschule nicht thematisiert wird, ein großer Fehler in unserem Schulsystem. Der derzeitige Lehrplan sieht dieses Thema erst in den höheren Klassen ab der 8. bis 10. Klasse vor. Die Wissenschaftler kritisieren am Curriculum, dass im Gegensatz zur Evolution Schöpfung bereits in der Grundschule behandelt wird. Dadurch würde ein veraltetes Menschenbild vermittelt, was nicht den Kenntnissen der heutigen Wissenschaft entspreche.  Dem solle durch frühzeitigen Evolutions-Unterricht entgegengewirkt werden.

Hinweis: Zum Thema „Evolution und Schöpfung in der Schule“ gibt es eine Stellungnahme der SG Wort und Wissen: www.wort-und-wissen.de/presse/main.php?n=Presse.P05-2

In Deutschland wurde von einigen Biologie­didaktikern, Evolutionsbiologen, Philosophen und Pädagogen das Projekt „Evokids“ gestartet.1 Es wird von der Giordano-Bruno-Stiftung2 und dem Institut für Biologiedidaktik der Universität Gießen unterstützt. Die Unterstützer des Projektes möchten Unterrichtsinhalte in der Grundschule maßgeblich verändern. Sie kritisieren am Schulsystem, dass Grundschüler bereits von Schöpfung hören, jedoch noch nichts von Evolution. Die Schüler könnten so kein fundiertes Menschenbild entwickeln.

Das von ihnen propagierte Menschenbild zeichnet den Menschen als Produkt einer natürlichen Evolution und grenzt einen Schöpfer aus. Der Mensch habe sich innerhalb Milliarden von Jahren durch natürliche Prozesse über verschiedene Stadien zu unserem heutigen Homo sapiens sapiens entwickelt. Es geht nicht nur um Evolution als realen historischen Prozess, sondern auch darum, dass Evolution ohne irgendwelche Eingriffe oder zielorientiertes Wirken Gottes verlaufen sei.3 

Die Tatsache, dass dies noch nicht in der Grundschule behandelt wird, würde zu Wissenslücken und Irrglauben führen und damit dem Kreationismus und dem „Intelligent Design“ Raum geben. Dies müsse verhindert werden.

Bestrebungen dieser Art hatten in englischen Schulen bereits Erfolg. Ab September 2015 sieht das dortige nationale Curriculum Evolution als Unterrichtsthema in der Grundschule vor. Die britische humanistische Gesellschaft (British Humanist Association) hatte bereits von einigen Jahren eine entsprechende Kampagne gestartet. Ihre Kampagne mit dem Namen „Lehrt Evolution, nicht Kreationismus“ verfolgt zwei Hauptziele: Kreationismus aus den Lehrplänen auch in Privatschulen zu streichen und Evolution bereits in der Grundschule zu unterrichten. Ersteres wurde in England im Juni 2014 erreicht und Letzteres ist ebenfalls für das kommende Jahr vom britischen Bildungsministerium beschlossen worden.

Die Bristish Humanist Association zeigt sich sehr erfreut über diese Entwicklungen: „Wissenschaftler und Pädagogen sagen schon lange, dass Evolution eine derart zentrale Idee der Biologie ist, dass sie bereits auf Grundschulniveau gelehrt werden sollte und nicht erst im Realschulalter. Es ist unverzichtbar, dass jeder junge Mensch ein gutes Verständnis davon hat, wie sich das Leben entwickelt hat, und daher sind wir glücklich darüber, dass die heutigen Veränderungen bedeuten, dass von jetzt an junge Menschen vermehrt die Möglichkeit haben, über so wichtige Themen bereits in frühen Jahren zu lernen. Es freut uns zu sehen, dass sich nun die Ziele unserer jahrzehntelangen Kampagne erfüllt haben.“4

An diesen Erfolgen orientieren sich Befürworter des Naturalismus in Deutschland und fordern ähnliche Lehrplanänderungen ein. Altersgerechte Materialien sollen Kindern helfen, Evolution besser zu verstehen. Momentan wird an der Entwicklung solcher Materialien gearbeitet.

Wenn man die Statements der Vertreter dieser Initiativen studiert, erscheint auf den ersten Blick vieles gerechtfertigt und teilweise wissenschaftlich begründet.5 Bei weiterem Nachdenken stellen sich aber ebenso deutlich einige Fragen.

 

Kritische Stellungnahme


1. Die Lebens- und Erfahrungswelt von Grundschülern widerspricht den Grundannahmen evolutionärer Erklärungen. Kinder lernen früh, dass Kreativität und geistige Tätigkeit nötig sind, um etwas zu gestalten bzw. zu beeinflussen, zum Beispiel wenn sie ein Bild malen oder etwas bauen (s. u.). Es entspricht nicht ihren Erfahrungen, dass sich aus irgendeinem Ausgangszustand ohne äußeres Zutun und ohne Zielsetzung ein neuer Zustand entwickelt, welcher komplexer und zweckmäßiger ist als der vorherige. Beispielsweise erfahren nicht nur Grundschüler, dass wenn sie ihr Zimmer im Chaos hinterlassen, es die folgenden Tage weiterhin so bleibt, wenn nicht aufgeräumt wird. Erst dann verändert sich der Zustand der Unordnung in Richtung Ordnung. Evolution beinhaltet dagegen unter anderem, dass sich aus einem Urknall bis zur heutigen Zeit alleine durch blinde, ungerichtete, letztlich rein physikalisch-chemische Vorgänge („von alleine“) Lebensräume und Leben als höchst komplexe Systeme entwickelt haben.

Die Behauptung, dass aus Chaos Ordnung entstanden sei, können Grundschüler daher nur schwer nachvollziehen und dabei in keiner Weise an ihrer Lebenswirklichkeit anknüpfen. Zwar versuchen Pädagogen die naturalistischen Begründungen der Evolution für Grundschüler in stark vereinfachter Form darzulegen, jedoch ist das Thema sehr komplex und anspruchsvoll. Die kognitive Entwicklung der Schüler ermöglicht ihnen erst in höheren Klassen eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema.

Die Leitung des Evokids-Projektes ist sich dieses Argumentes bewusst und nimmt auch auf ihrer Website kurz Stellung dazu,6 belässt es allerdings bei einer bloßen Behauptung. Eine Begründung fehlt und der Einwand wird nicht entkräftet.

Schöpfung ist für Kinder ein naheliegendes und auch mit ihren Erfahrungen verknüpfbares Konzept, auch wenn eine wissenschaftliche Art der Herangehensweise bei diesem Thema im Grundschulalter nicht möglich ist.

2. Die Vorstellung von einer sich selbst organisierenden Welt ist zudem wissenschaftlich in weiten Teilen durch empirische Befunde nicht belegt. Allein die Tatsache, dass es Naturgesetze und eine hochgradige Ordnung in der Welt gibt, die u.a. das Leben ermöglicht, ist im Rahmen des Naturalismus nicht erklärbar (Widenmeyer 2014). Unerklärt sind darüber hinaus grundlegende Übergänge wie die Entstehung des Lebens oder die Entstehung von Geist oder der Moral, die aus der Sicht des Naturalismus durch rein physikalisch-chemische Prozesse entstanden sein müssten.

Die Lehrer könnten, um eine freie Meinungsbildung zu gewährleisten, bei der Behandlung der Herkunftsfragen darauf hinweisen, dass es unterschiedliche Sichtweisen darüber gibt, wie die Welt und das Leben entstanden sind. Die Schüler können sich dann immer noch für unterschiedliche Erklärungsweisen entscheiden, wenn sie diese wirklich erfassen. Aber das ist eben in diesem Alter ein ernsthaftes Problem (siehe 1.). Für diese Kinder kann eine Evolutionsgeschichte tatsächlich wie eine Schöpfungsgeschichte nur als „Geschichte“ erzählt werden.

3. Die Vertreter des naturalistischen Weltbildes behaupten, dass die Akzeptanz der Evolution des Menschen die Grundlage für ein ethisch gutes Menschenbild bilden kann.7 Ist mit dieser Möglichkeit also in Frage gestellt, dass ein vom Schöpfungsglauben geprägtes Menschenbild wertvoll ist? Vergleichen wir beide Anschauungen miteinander: Welches Menschenbild ist wertschätzender? Evolution basiert im Kern auf einer Theorie, wonach das Leben aus anfänglichem Chaos entstanden und der Mensch ein Produkt aus natürlichen Prozessen ist, die zufällig stattgefunden haben; nur die „Fittesten“ überleben; der Mensch ist im Endeffekt ein vielzelliges biologisches System und wird allein von den ihm innewohnenden naturgesetzlichen Wechselwirkungen bestimmt.

Dagegen führt das biblische Menschenbild zu einer besonderen Wertschätzung des Menschen! Demnach ist der Mensch als Gottes Ebenbild geschaffen, der Mensch bekam seinen Geist von Gott eingehaucht und wurde so „zu einer lebendigen Seele“. Die Wertschätzung wird hier weiter dadurch deutlich, dass jeder Mensch vor Gott gleich wertvoll ist und die Menschen die besondere, wertschätzende Aufgabe erhalten haben, über die Erde zu herrschen, indem sie sie bevölkern, bepflanzen und bebauen (1. Mose 1,28; 2,15).

Wie die Wissenschaftler aus der Evolutionstheorie eine vorbildhafte Ethik ableiten wollen, erscheint unklar und unbegründet. Das biblische Menschenbild hat der Gesellschaft nicht geschadet, sofern man die biblischen Grundwahrheiten berücksichtigt und sich nach ihnen ausgerichtet hat. Die Wissenschaftler von „Evokids“ suggerieren leider das Gegenteil.

Es stellt sich also durchaus die Frage, was mit der Menschheit passieren würde, wenn wir den Menschen  lediglich als Zufallsprodukt der Natur und als ein ausschließlich durch natürliche Wechselwirkungen geformtes und bestimmtes Gebilde von Zellen ansehen. Abtreibung, Euthanasie oder andere ethische Herausforderungen werden durch ein evolutionär-naturalistisches Menschenbild andere Antworten erhalten als auf Basis des biblischen Menschenbildes.

In den Medien werden die Versuche, die naturalistische Evolution bereits in der Grundschule zu lehren, sehr positiv bewertet. Auf der Internetplattform YouTube findet man einen Film mit dem Titel „Evolution in der Grundschule“, der ausschließlich positive Resonanzen von Lehrern oder Kindern hinsichtlich dieses Themas zeigt.8 Doch muss kritisch hinterfragt werden, ob es wirklich die naturalistische Evolutionstheorie ist, die die Kinder begeistert. Die Kinder malen ein Wandbild, basteln Dinosaurier, züchten Flusskrebse etc. Bei all diesen Aktivitäten sind die Kinder selbst aktiv und kreativ. Es entsteht etwas Künstlerisches, beispielsweise ein Bild, durch ihren Einsatz.

  • „Ich fand es toll mit einem echten Künstler zusammenzuarbeiten“ (Schülerin).
  • „Kunst macht immer Spaß“ (Schülerin).

Die Kinder begeistert nicht die Lehre der Evolution. Sie sind begeistert von der künstlerischen Aktivität, die sie ausüben dürfen. Der im genannten Film gezeigte Evolutionsunterricht gleicht mehr einer Art Kunstunterricht als einem naturwissenschaftlichen Fach. Auch Äußerungen der Erwachsenen machen das deutlich:

  • „Wenn man Kunst zusammen erlebt und etwas produziert, glaube ich auch, dass das ein ganz wichtiger Lerneffekt und ein Lernerfolg und ein Gewinn für die Seele sein kann“ (Malte Schultz, Pädagoge).
  • „…eine Mischung aus beidem, was Künstlerisches und auch was Pädagogisches…“ (Erwachsener).
  • „Die Kinder waren auch stolz, beteiligt zu sein an diesem großen Projekt“ (Frau Brune, Lehrerin).
  • „Die Kinder sehen ihre eigene Arbeit“ (Frau Glatzel, Lehrerin).

Es ist zu bezweifeln, dass die Kinder Evolution als einen Vorgang rein natürlicher Prozesse verstanden haben. Auf die Frage: „Was ist Evolution?“, antworteten sie folgendermaßen:

  • „Evolution ist die Entwicklung der Erde“ (Grundschüler).
  • „Die Weiterentwicklung der Menschheit, dass man so Städte baut“ (Grundschüler).

Ihre Aussagen treffen nicht den Kern von Evolution. Die „Entwicklung der Erde“ könnte auch ein Ausdruck für den Schöpfungsbericht sein. „Die Weiterentwicklung der Menschheit, dass man so Städte baut“ entspricht nicht der Lehre der Evolution, denn Städtebau erfolgt planvoll und zielorientiert (vgl. den oben genannten Punkt 1). Der Unterricht hat also fast nichts mit Evolution zu tun. Auch wenn die Kinder im Chor „Millionen Jahre“ aufsagen, hat dies nichts mit dem eigentlichen Unterrichtsziel, Evolution zu begreifen, und ihrer Erfahrungswelt zu tun.

Vielmehr werden die Grundschüler dazu angeleitet selbst kreativ zu sein und sie lernen, dass nur dann etwas entsteht, wenn sie selbst handeln und etwas entwerfen. Diese Kreativität bringt man eher mit den Lehren des Kreationismus bzw. Intelligent Design in Verbindung als mit Naturalismus. Wäre es nicht eher eine passendere Darstellung der naturalistischen Evolutionslehre, wenn die Grundschüler etwa durch blindes Aneinanderfügen und Trennen von Legosteinen zu einem konstruktiven Ergebnis kämen?

 

Anmerkungen


  1. Dazu gehören z. B. der Biologiedidaktiker Dittmar Graf und der Philosoph und Religionskritiker Michael Schmidt-Salomon.
  2. www.giordano-bruno-stiftung.de
  3. Auf eine persönliche Anfrage, wie „Evokids“ zu einer „theistische Evolution“ als Lehre stehen würde, erhielt ich die Antwort, dass die naturalistischen Erklärungen ausreichten, um die Entstehung des Lebens darzulegen und Gott somit ein unnötiger Parameter sei. Gott gehöre in den Religionsunterricht. Eine „theistische Evolution“ führe zu einer weltanschaulichen Kontroverse, die für Grundschüler zu viel Vorwissen voraussetze. Darum sei es sinnvoller erst in höheren Klassen reale (naturalistische) Vorgänge mit religiösen Mythen zu vergleichen.
  4. Originalzitat: „Scientists and educators have long told us that evolution is such a central idea to biology that it should be taught from a primary level instead of at GCSE. It is vital that every young person has a good understanding of how life came to be and we are pleased that today’s changes mean that from now on, young people will have more opportunities to learn about such an important topic and from an earlier age at that. We’re pleased to see the fulfilment today of our decade-long campaign.“
  5. So schreiben die Betreiber von „Evokids“: „Zweitens können die Schülerinnen und Schüler ohne ein grundlegendes Verständnis der evolutionären Sichtweise nicht begreifen, wie die im Unterricht vermittelten Einzelinformationen zusammenhängen. An die Stelle biologischen Zusammenhangswissens tritt somit isoliertes Bruchstückwissen, das schnell wieder in Vergessenheit gerät.“ (www.evokids.de/projekt.html)
  6. „wobei – zu Unrecht – behauptet wird, dass das Thema für Kinder dieser Altersstufe zu abstrakt sei“ (www.evokids.de/projekt.html)
  7. www.sueddeutsche.de/bildung/interview-zum-unterricht-in-der-grundschule-warum-die-evolution-schon-kindern-erklaert-werden-sollte-1.2003988
  8. www.youtube.com/watch?v=TOIYVqTUGp4

 

Literatur


Widenmeyer M (2014)
Welt ohne Gott? Eine kritische Analyse des Naturalismus. Holzgerlingen.

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