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Anmerkungen zur Neuerscheinung
„Die Energiewende. Zwischen Vision und Wirklichkeit“ (2015)

Diskussionsbeitrag 3/15


Uns erreichte ein ausführliches kritisches Leserecho zu dem von der W+W-Fachgruppe Wirtschaft herausgegebenen Band „Die Energiewende. Zwischen Vision und Wirklichkeit“. Die Hauptkritik an dem Buch zielt darauf, dass es angeblich die Prognosen des Weltklimarates (IPCC) über eine dramatische Erderwärmung aufgrund des Kohlendioxidausstoßes  zugrundelege. Dagegen werden aktuelle Buchtitel zitiert, die den Klimawandel in Frage stellen oder gar radikal vor einer Klima-Ideologie warnen („Klimalüge“), z. B. H.-J. Lüdecke („CO2 und Klimaschutz ...“), H. Bachmann („Die Lüge der Klimakatastrophe“) oder die Publikationen des Europäischen Instituts für Klima und Energie (EIKE).

R. Haupt / W. Lachmann / S. Schmitz (Hg.) Die Energiewende. Zwischen Vision und Wirk- lichkeit. SCM Hänssler, Holzgerlingen 2015, 132 S., zahlr. Abb.
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Aber auch jenseits der in Frage zu stellenden Annahme einer menschenverursachten Erderwärmung wird an der „Energiewende“ Kritik geübt, weil mit dieser die hohen Sicherheitsstandards der kostengünstigen Kernenergiegewinnung in Deutschland ignoriert und dem kostenintensiven Umbau zu einer regenerativen Energiewelt geopfert würden – mit allen Folgen für den Verlust an Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft gegenüber dem Ausland, das Deutschland auf seinem grünen Alleingang nicht zu folgen gedenke.

Schließlich wird die Klimahysterie in einen Zusammenhang von biblischen Prophetien (z. B. Daniel 11, 36 ff.) über die Macht Satans in der heutigen Welt gerückt: Dazu würden auch totalitäre Ideologien gehören, unter deren Bann ganze Gesellschaften zu geraten scheinen, z. B. der Gender-Wahn – aber eben auch der Klima-Wahn. Soweit die Leserzuschrift.

Einer der Autoren des Buches „Die Energiewende. Zwischen Vision und Wirklichkeit“, Reinhard Haupt, nimmt im Folgenden zu den angesprochenen Fragen Stellung und verdeutlicht Inhalt und Zielsetzung des Buches.

Der Hauptanstoß der Kritik an „Die Energiewende“ gilt dem scheinbar von den Autoren eingeschlagenen Kurs des Weltklimarates, demzufolge eine dramatische globale Erderwärmung zu erwarten ist. Wahrscheinlich sind die weltweiten Daten zu einem in den letzten Jahren gemessenen Temperaturanstieg weitgehend unstrittig, da international vielfach belegt und nachprüfbar. Strittig sind die für die Zukunft prognostizierte Erwärmung und vor allem die Frage, ob der Klimawandel anthropogen, also menschen- (zivilisations-, wirtschafts-) gemacht ist oder ob natürliche Ursachen jenseits von zivilisationsbedingten Einflüssen dafür verantwortlich sind.

Zu dieser strittigen Frage äußern sich die Autoren allerdings nicht abschließend, obwohl im Buch verschiedentlich Zweifel an der Sicht des Weltklimarates angemeldet werden, z. B. S. 8 oben: „Es ist sicher nicht unumstritten, ob die globale Erderwärmung der letzten Jahrzehnte allein, primär oder überhaupt dem steigenden Energieverbrauch anzulasten ist.“ Auf S. 10 Mitte wird betont, wie unsicher unser Wissen über die Klimazusammenhänge und vor allem über die Erwärmungsprognosen für die nächsten Jahrzehnte ist. Auch an anderer Stelle (S. 51 oben) klingt an, dass mindestens am Ausmaß der vom IPCC prognostizierten Klimaentwicklung starke Zweifel bestehen.

Gleichgültig aber, wie stark Treibhausgas-Emissionen das Klima betreffen – wenn überhaupt –, in jedem Fall sind regenerative Energien für das Klima unproblematisch (S. 8 oben), sind weitgehend risikolos und stehen praktisch unbegrenzt zur Verfügung (S. 11 oben).  Mit diesen starken Argumenten ist es zunächst einmal naheliegend, das Anliegen der Energiewende nachzuvollziehen – die Kritik daran folgt ja dann zur Genüge!

Die Themen und Überlegungen im Buch setzen in gewissem Sinn nach der Frage der Klimaentwicklung an. Es erscheint zwar wünschenswert und sinnvoll, langfristig auf Erneuerbare Energien umzusteigen, weil damit weniger Emissionen (als z. B. beim Öl), weniger Risiken (als z. B. bei der Kernenergie), weniger politische Abhängigkeiten (als z. B. beim Öl aus Nahost oder beim Gas aus Russland) verbunden sind. Dieses Fernziel einer regenerativen Energiewelt ist auch ohne Klimabegründungen gut vertretbar. Aber damit ist das Nahziel der gegenwärtigen Politik, die „Energiewende“, keineswegs gerechtfertigt. Die Autoren  haben gerade die doppelte Verantwortung der Energiepolitik betont: die langfristigen Emissions- und Risikokonsequenzen, aber auch die kurzfristigen wirtschaftlichen Folgen (Versorgungssicherheit, Abwanderung der Industrie, Strompreisspirale usw.) – besonders angesichts des deutschen Alleingangs oder Vorpreschens beim Energieumbau.

Es gibt genügend kritische Argumente gegen die deutsche Energiewende, die die Autoren eingehend behandeln: die Marktferne des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) und die damit verbundene unsinnige Kostenbelastung (S. 11 f.), die Wirkungslosigkeit des EEG für den europäischen Kohlendioxidausstoß insgesamt (S. 13), die ungelösten Probleme der Speicherung und des Transports des Grünstroms (besonders nach Abschaltung der letzten Kernkraftwerke) (S. 13 f.) usw. Diese im Eingangskapitel angerissenen Argumente werden in den Beiträgen von G. Maichel (S. 51 ff.) und K. Farmer (S. 65 ff.) noch einmal sehr detailliert entfaltet. Mit der Auffassung von den erwähnten Kritikern, die Energiewende sei „teuer, uneffektiv und asozial“, deckt sich die Argumentation der Autoren von „Die Energiewende“ weitgehend.

Neben den erwähnten Kapiteln des Buches (Editorial, G. Maichel und K. Farmer) findet sich auch das Kapitel des Windkraftanlagenentwicklers juwi AG bzw. dessen Mitgründers Fred Jung (S. 43 ff.). Es stellt einen gewissen Kontrapunkt zu der Mehrheitssicht der gesamten Beiträge des Buches dar und hat eine naturgemäß optimistischere Sicht zur erneuerbaren (Wind-)Energie. Aber an diesem Artikel, im Vergleich etwa zu dem von Maichel, wird auch deutlich, dass „Energieethik“ beides umfasst (wie wir auf dem Buchrücken schreiben): nämlich den „schmalen Grat zwischen Nachhaltigkeit und Leistungsstärke, Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit, Ressourcenschonung und bezahlbaren Strompreisen“. Dahinter steht ein verantwortungsvoller „Umgang mit Energie heute und morgen und damit für eine Energiebalance zwischen Vision und Wirklichkeit“.

Zur Kernenergienutzung wird im Buch wenig ausgeführt. Immerhin wird begründet, warum es unverständlich und inakzeptabel ist, die Forschung für zukünftige Kernkrafttechnologien (Transmutation, Kernfusion, Kugelhaufenreaktor usw.) zu blockieren, die die Risiken beherrschbarer und die Endlagerung unproblematisch machen könnten (S. 60).

Bezüglich der im Buch Daniel, Kapitel 11, 36 ff. angesprochenen prophetischen, endzeitlichen Sicht teile ich die Besorgnis, dass globale Strukturen (z. B. die UN), wirtschaftliche Macht, technische Entwicklungen usw. zu Systemen führen können, deren sich der Antichrist einmal als Herrschaftsinstrumente bedienen können wird. Vielleicht gehört auch dazu – der Gedanke ist mir zunächst fremd – die Ideologie des Ökologismus. Diese Horizontfragen, so wichtig sie sind, lagen jedoch jenseits unserer Tagung und des Bandes zur „Energiewende“.


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