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Propaganda statt Argumente

von Reinhard Junker

Diskussionsbeitrag 2/17

 

Die Zeitschrift „Welt und Umwelt der Bibel“ widmete letztes Jahr eine Ausgabe großenteils dem Thema „Schöpfung“. Einer der Untertitel lautete „Die Argumente von Kreationismus und Intelligent Design“. Doch statt Argumente gab es zu diesem Thema vor allem Propaganda.

Letzten Sommer wurde ich durch ein Interview auf „Forum Grenzfragen“1 auf das Heft „Die Schöpfung. Bibel kontra Naturwissenschaft?“ aus der Reihe „Welt und Umwelt der Bibel“ vom Verlag Katholisches Bibelwerk aufmerksam. Die Redakteurin Helga Kaiser berichtete in diesem Interview zu Beginn, dass das Thema seit Jahren von Lesern angefragt wurde, auch im Zusammenhang mit „Kreationismus“ und Bibelhermeneutik („wie verstehen wir die Heilige Schrift?“). Das Thema ist also gefragt. Am Ende des Interviews war zu erfahren, dass es keine Reaktionen von „Kreationisten“ gegeben habe.

Mittlerweile habe ich mir das Heft besorgt. Einer der Untertitel auf dem Cover versprach „Die Argumente von Kreationismus und Intelligent Design“. Nach der Lektüre kann ich mit etwas Sarkasmus sagen: Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht – eine Auseinandersetzung wurde nicht geführt und von Argumenten erfuhr man nahezu nichts. Im Gegenteil. Der einzige Beitrag („In unseren Adern fließt das Urmeer“), der überhaupt ansatzweise auf dieses Thema einging, startet mit der Feststellung, dass die Evolutionstheorie „wissenschaftlich unstrittig“ sei und Kreationisten sie jedoch „mit abenteuerlichen Argumenten“ ablehnen würden  (S. 40); Einwände hätten religiöse oder ideologische Gründe. Von diesen abenteuerlichen Argumenten erfährt man jedoch vom Autor Hansjörg Hemminger nichts.2

Eine Maxime wissenschaftlichen Arbeitens, nämlich jederzeit für begründete Kritik offen zu sein und ihr nachzugehen, wurde aufgegeben.

„Evolutionstheorie“ ist ohnehin begrifflich unscharf. Sofern Evolution als Rahmenparadigma gemeint ist, kann man durchaus sagen, dass sie insofern unstrittig ist, als man sich grundsätzlichen Einwänden längst nicht mehr widmet. Damit hat man allerdings eine Maxime wissenschaftlichen Arbeitens aufgegeben, nämlich jederzeit für begründete Kritik offen zu sein und ihr nachzugehen.

Evolutionstheorie“ als erklärende Theorie (wie Evolution funktioniert) ist dagegen ganz und gar nicht unstrittig – die Erklärungen des Neodarwinismus und seiner diversen neueren erweiterten Synthesen sind in der Fachwelt umstrittener denn je.3

Alternative Naturwissenschaft? Weiter heißt es, Kreationisten wollten eine „alternative Naturwissenschaft“. Das ist mindestens grob irreführend. Auf die Studiengemeinschaft Wort und Wissen trifft das keineswegs zu, vielmehr legt sie Wert auf die Feststellung, dass es sich bei Evolutionsforschung im Kern um eine historische Wissenschaft handelt, die notwendigerweise wie jede Ursprungsforschung Naturwissenschaft überschreiten muss. Eine andere Naturwissenschaft gibt es nicht, wohl aber ein anderes Paradigma als Deutungsrahmen. Dazu wurde seitens Wort und Wissen eine ganze Menge publiziert, was bei Hemminger keinerlei Beachtung findet.

Bereits im ersten Abschnitt wird auch noch ein Bogen zu „Rechtsradikalen“ geschlagen, von denen fast alle die Evolutionstheorie ablehnten. Damit weiß der Leser also schon nach der Lektüre des ersten Abschnitts des Artikels von Hemminger Bescheid. Kreationisten und Rechtsradikale gehören in einen Topf!

Neue Konstuktionen und Abflussrinen. Hemminger vergleicht die evolutionäre Entstehung neuer Konstruktionen mit der ungeplanten Entstehung von Abflussrinnen, die bei einem heftigen Regenguss an einem Abhang aus loser Erde entstehen (S. 43). „Auf ähnliche Weise bildet sich ein kompliziertes Merkmal in der Evolution heraus.“ Ein Pendant zu einem heftigen Regenguss genügt. Damit stellt er informationstragende, hochgradig komplex-funktionale Systeme von Lebewesen auf dieselbe Stufe wie einen durch Erosion entstandenen Kanal.4 So einfach kann „Wissenschaft“ sein! Mit einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Evolutionskritik, dem Design-Ansatz und dem Kreationismus hat all das nichts zu tun.

Theologische Aspekte. Nicht besser ist es um die theologische Auseinandersetzung bestellt. Hemminger schreibt im genannten Beitrag: „Die Bibel erzählt davon, wie Adam, der Mensch aus Lehm hervorging, wie Gott ihn ansprach und sprachfähig machte, und wie der Mensch dennoch aus dem Gottesfrieden schuldhaft herausfiel. Wie geht diese große biblische Erzählung mit Evolution zusammen?“ (S. 43). Die Frage ist berechtigt, eine Antwort gibt der Autor nicht – sie würde lauten: Gar nicht! –, stattdessen gibt es weitere Kritik am Kreationismus, er würde „die Ungeheuerlichkeit der Welt mit scheinwissenschaftlichen Mitteln verhüllen“. Ja, die Welt ist ungeheuerlich; Hemmingers Unterstellungen dem Kreationismus gegenüber sind es auch: „Der Weg, unseren Glauben gegen die Wissenschaft zu sichern, ist ein Irrweg“ (S. 46). Das stimmt, aber diesen Weg gehen die meisten, die als „Kreationisten“ bezeichnet werden, nicht; genauswenig suchen sie sich von der Wissenschaft abzuschirmen, wie Hemminger am Schluss seines Beitrags behauptet. Statt sich also der von ihm selbst aufgeworfenen Frage zu widmen, geht er erneut mit Unterstellungen auf „den Kreationismus“ los.

Weiter vertritt er die Auffassung, Evolution passe besser zur biblischen Vorstellung einer creatio continua (fortdauernde Schöpfung). Das wird zwar häufig behauptet, aber nicht schlüssig begründet. Denn damit man vom beständigen Wirken Gottes in der Schöpfung reden kann, braucht man nun wirklich kein evolutionäres Weltbild. Die Bibel spricht denn auch von Gottes Erhaltung der Schöpfung, er garantiert jeden unserer Atemzüge und Vieles mehr; dazu gibt es viele biblische Aussagen, die aber allesamt mit Evolution nichts zu tun haben. Die Annahme eines Evolutionskosmos erhellt hier somit nichts. Und die weitere Behauptung, dass Kreationisten eine creatio continua ablehnen, ist erneut falsch – sie zwingen nur das evolutionäre Weltbild nicht hinein..

Hemminger weiter: „Auch dass wir Menschen als Geschöpfe Gottes bedeutsam sind, kann durch die Evolution illustriert werden“ (S. 46), denn in unserem Körper lebe unsere evolutionäre Vorgeschichte. „Im Menschen ist die ganze Schöpfung gegenwärtig“ (S. 46). Nein, die Bedeutsamkeit, die wir Menschen in Gottes Augen haben, ergibt sich zum einen durch die besondere Stellung des Menschen in der Schöpfung als Gottes Stellvertreter („zum Bilde Gottes geschaffen“), zum anderen durch Jesu stellvertretendes Leiden und Sterben für uns Menschen – ein Geschehen, das gerade in einem evolutionären Weltbild keinen Sinn macht. Das wurde oft gezeigt5, doch die vielen Fragen, die sich aus der Akzeptanz einer Abstammung des Menschen aus dem Tierreich durch einen ungerichteten evolutionären Versuch-und-Irrtums-Prozess ergeben, bleiben außen vor, auch in den anderen Beiträgen des Heftes. Es ist erstaunlich, dass die Fragen nach den Konsequenzen aus einer evolutionären Weltsicht für die biblische Heilsgeschichte immer wieder – so auch hier – keine Beachtung finden.

Anmerkungen


  1. www.forum-grenzfragen.de/themenheft-die-schoepfung-bibel-kontra-naturwissenschaft/
  2. Auf S. 42 schreibt er dazu weiter: „Die Argumente gegen die Evolution sind vielfältig; nichts davon hält einer sachlichen Prüfung stand.“ Eine Begründung für diese Behauptung wird nicht gegeben.
  3. Z. B. Laland K et al. (2014) Does evolutionary theory need a rethink? Yes, urgently. Nature 514, 161-164. Vgl. den Genesisnet-Beitrag „Entstehung evolutionärer Neuheiten – ungelöst!“ unter www.genesisnet.info/schoepfung_evolution/n243.php.
  4. Die postulierte ursprüngliche Entstehung des Erbguts ist empirisch nicht belegt, während die Entstehung einer Abflussrinne direkt beobachtet werden kann. Eine Abflussrinne entsteht aufgrund bekannter und reproduzierbarer physikalischer Gesetzmäßigkeiten zwangsläufig, vergleichbare Gesetze gibt es in der molekularen und morphologischen Evolution nicht.
  5. Neuerdings in: Junker R (Hg) Genesis, Schöpfung und Evolution. Beiträge zur Auslegung und Bedeutung des ersten Buches der Bibel. Studium Integrale. Holzgerlingen, 2. Aufl. 2016.

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