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Schrieb Mose den Pentateuch?
3. Teil: Besprechung der acht Hauptargumente gegen die mosaische Verfasserschaft (s.a. 1. Teil, 2. Teil)

von Bernhard Knieß

Diskussionsbeitrag 2/99
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In den beiden bisherigen Folgen zur Frage der Verfasserschaft der 5 Bücher Mose (Pentateuch) wurden zunächst biblische Gründe für eine mosaische Verfasserschaft vorgestellt und ein Überblick über den Werdegang der Pentateuchforschung gegeben. Im letzten Teil sollen nun acht Hauptargumente gegen Mose als Autor des Pentateuch genannt1 und kritisch kommentiert werden. Die Kritik an diesen acht Argumenten gegen eine mosaische Verfasserschaft kommt traditionell aus dem bibeltreuen Lager2, z.T. aus dem Judentum3 und unter Beibehaltung einer kritischen Gesamthaltung aus dem kritischen Lager.4





1. Mangelndes Selbstzeugnis der Schrift bzw. Fehlen einer Unter- oder Überschrift

Dieses Argument versucht, den positiven Befund zur mosaischen Verfasserschaft5 mittels einer Argumentation aus dem Schweigen abzuschwächen. Wenn man schon beweisschwache Argumente aus dem Schweigen bemüht, dann wäre in Übereinstimmung mit dem Schriftbefund darauf hinzuweisen, daß (1) sämtliche Schreib-befehle und Zeugnisse vom Schreiben innerhalb des Pentateuch nie mit einem anderen als Mose verbunden werden, (2) in der gesamten Schrift nicht im Entferntesten daran gedacht wird, daß ein anderer als Mose die Verantwortung für die Abfassung des Pentateuch trägt und (3) daß weder die Bibel noch die Tradition den Eindruck stützen, der Pentateuch sei in einem Jahrhunderte dauernden Überlieferungsprozeß entstanden.



2. Existenz von Post- und A-Mosaica

Die Behauptung, daß bestimmte Verse nicht von Mose stammen könnten, hatte früher Gewicht. Abgesehen vom Bericht über Moses Tod (Dtn 34,5-12), der als späterer Nachtrag nicht an der Gesamtverfasserschaft Moses rüttelt, liegen nach konservativer Einschätzung nur wenige6 oder keine7 Postmosaica vor. Einige Beispiele:

  • In Gen 12,6 und Gen 13,7 unterstellt man, daß der nachmosaische Schreiber andeuten wollte, daß die Kanaaniter (und Pheresiter) nun nicht mehr im Lande wohnten. "Damals" sagt aber nichts über die Gegenwart, im Sinne von "damals, aber heute nicht mehr" (vgl. Jos 14,11). Beide Stellen begründen nur, warum Abram Kanaan nicht sofort in Besitz nehmen konnte.8

  • Der Vergleich mit Ri 18,29 zeige, daß Gen 14,14 frühestens am Ende der Richterzeit verfaßt sein könne. Doch selbst wenn erwiesen wäre, daß beide Texte von derselben Stadt Dan sprechen9, ist Gen 14,14 als Aktualisierung eines Abschreibers erklärbar.10

  • Die Behauptung, der Ausdruck "ehe Israel Könige hatte" (Gen 36,31) könne unmöglich vor der Zeit Sauls geschrieben sein, ist wegen Gen 17,6 und Dtn 17,14-20 nicht zwingend.11

  • Die Verwendung der Phrase "jenseits des Jordan" zur Bezeichnung des Ostjordanlandes (Gen 50,10f.; Num 22,1; 32,32; 35,14; Dtn 1,1.5; 4,46) gilt oft als Indiz dafür, daß der Autor sich im Westjordanland und damit in der Zeit nach Mose befindet. Während Young die Phrase als terminus technicus für Transjordanien betrachtet12, behauptet Lilley, daß sie unabhängig vom geographischen Standpunkt des Sprechers für die Ost- oder die Westseite des Jordan gebraucht wurde. Die Verwendung für das Ostjordanland rühre hauptsächlich von der dichteren Besiedlung der Ostseite, nicht von einem angenommenen westlichen Standpunkt.13

  • Da die Wendung "bis auf den heutigen Tag" (Dtn 3,14) nichts über den Zeitabstand zwischen Ereignis und Abfassung aussagt, ist der Rückschluß auf nachmosaische Verfasserschaft unzulässig.

  • Nach hist.-krit. Verständnis gilt Dtn 17,14-20 oft als Anachronismus, da sonst das Verhalten Samuels in 1Sam 8,6ff sowie das samuelische Königsgesetz in 1Sam 10,25 unerklärlich wären. Stattdessen müsse man Dtn 17,14-20 als Reaktion auf das Königtum Salomos interpretieren. Nach vorliegendem Text ist Dtn 17,14-20 aber prophetische Rede Moses in Übereinstimmung mit Gen 17,6. Die negative Reaktion Samuels auf das Begehren Israels nach einem König in 1Sam 8,6f erklärt sich am besten als Kritik an deren Assimilierungstendenz an das Heidentum (vgl. 1Sam 8,5+19f) und Ergänzung zum Königsgesetz des Mose. Während Mose die Verantwortung des Königs betont, rückt Samuel das Recht des Königs und die Pflichten des Volkes gegenüber dem König ins Zentrum (1Sam 8,11-18; 10,25). Somit reagiert Dtn 17,14-20 nicht auf das Königtum Salomos, sondern Salomo mißachtete Dtn 17,14-20.

  • Ex 33,11; Num 12,3 u.ä. Stellen werden oft als A-Mosaica gewertet, weil man annimmt, daß Mose sich selbst nie so gelobt hätte. Als Tatsachenbericht ist Ex 33,11 aber nicht anstößig, und in Num 12,3 sollte "'anaw" besser übersetzt werden mit "geplagt" (Ex 18,11ff; Dtn 1,12; Ps 106,7-33) statt "demütig".14



  • 3. Wechsel der Gottesnamen

    Bis heute behaupten Befürworter der Quellentheorie, daß der Wechsel der Gottesnamen Jahwe/Elohim auf die unterschiedliche Herkunft der jeweiligen Textteile hinweise.15 Die Durchführung einer exakten mechanischen Trennung der Quellen anhand der Gottesnamen hat sich jedoch als unmöglich erwiesen. So haben sog. E- und P-Stücke auch den Gottesnamen Jahwe (E: Gen 15,1f+7f; 20,18; 22,14ff.; 28,21 / P: Gen 7,16; 17,1), während sog. J-Stüke auch Elohim verwenden (Gen 2,4; 3,1-5; 4,25; 16,13; 32,30). Überdies sind die Gottesnamen häufig so eng miteinander verbunden, daß eine objektive Scheidung der Quellen anhand dieses Kriteriums sinnlos ist. Westermann urteilt: "Den Bestreitern der Quellentheorie ist zuzugeben, daß der Wechsel der Gottesbezeichnung für sich genommen und mechanisch angewandt die verschiedene Autorenschaft nicht beweisen kann."16 Bereits Ewald, Jacob, Cassuto und Allis legten überzeugend dar, daß der Wechsel der Gottesnamen in vielen Fällen theologisch motiviert ist, da die Gottesnamen verschiedene Eigenschaften bzw. Aspekte Gottes zeigen. So steht "Jahwe" in engem Zusammenhang mit der Funktion Gottes als Bundesgott Israels, während "Elohim" Gottes Allmacht und Universalität betont.17 Nach Segal und Slager18 beruht der Namenwechsel oft auf dem simplen Bedürfnis des Autors nach Stilvariation, was dem hebräischen Stil entspricht und Parallelen in ugaritischen Texten und sogar im Koran hat.19



    4. Die Existenz von Dopplungen und Widersprüchen zwischen aufeinanderfolgenden Erzählungen (sog. Dubletten)

    Als klassische Beispiele hierfür gelten die Schöpfungsberichte (Gen 1+2) und die drei Erzählungen über die Preisgabe der Ahnfrau (Sara bzw. Rebekka, Gen 12,10-20; 20; 26,6-11). Die verschiedene Herkunft der Schöpfungserzählungen zeige sich darin, daß sie sich in ihrer Gesamtszenerie, der Abfolge der erzählten Ereignisse und in ihrem Gottesbild widersprächen. Dagegen stimmten die Erzählungen über die Preisgabe der Ahnfrau trotz ihres je eigenen Profils in wesentlichen Elementen ihrer Erzählstruktur derart überein, daß sie als Varianten ein und derselben Geschichte betrachtet werden müssen und somit schwerlich ein und demselben Verfasserkreis zugehören können.20 Von konservativer Seite wird argumentiert, daß sich die Schöpfungsberichte in Wahrheit nicht widersprechen, sondern dergestalt ergänzen, daß einem Gesamtüberblick über das 6-Tage-Werk (Gen 1) eine genauere Erklärung des 6. Schöpfungstages folgt mit besonderer Fokusierung auf den Menschen (Gen 2,4b-25).21

    Im Gegensatz dazu wird nachhaltig bestritten, daß die Erzählungen von der Preisgabe der Ahnfrau Varianten derselben Geschichte seien. Dagegen sprechen nicht nur die allgemeine historische Zuverlässigkeit der Bibel und die Tatsache, daß in der Wirklichkeit sich häufig einander ähnliche Ereignisse abspielen, sondern auch die schwerwiegenden Unterschiede der Berichte und deren ausgezeichnete Einbettung in den jeweiligen unmittelbaren Kontext. Nach Houtman ergibt die Beschäftigung mit dem Text der Genesis, "daß die betreffenden Abschnitte offensichtlich nicht als Dubletten/Tripletten gedacht sind, sondern als Beschreibung eines Ereignisses, das deutlich von einem (oder mehreren) anderen ähnlichen Ereignissen unterschieden werden muß."22 Das häufige Vorkommen ähnlicher Berichte innerhalb der Genesis, der babylonischen Schöpfungs- und Fluterzählung, der Texte von Ugarit und anderer altvorderorientalischer Schriften läßt eher darauf schließen, daß die Zusammenstellung ähnlicher Begebenheiten ein typisch semitisches Stilmittel und somit kompositorische Absicht des Verfassers ist, um mittels Wiederholungen einen Betonungseffekt zu erzielen oder dem Bedürfnis nach Variation nachzukommen.23 So wundert es nicht, daß Westermann auch dieses Kriterium der Quellenscheidung relativiert und einräumt, daß das Vorkommen von Dubletten und Wiederholungen an sich kein Indiz für die Existenz verschiedener Quellen sein muß.24



    5. Existenz von Dubletten und Widersprüchen innerhalb eines einzigen Erzählzusammenhangs

    Als Paradebeispiel gilt die Sintfluterzählung (Gen 6,5-9,17), wo die Entdeckung von bis zu fünf Widersprüchen25 und 14 Dubletten26 einen einheitlichen Verfasser schlechterdings ausschließen soll.

    Grundsätzlich kann dazu gesagt werden, daß von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen sich die allermeisten "Widersprüche" ohne größere Probleme harmonisieren lassen, wie ein Blick in konservative exegetische Literatur zeigt. Häufig liegen die angenommenen Schwierigkeiten auch in den kritischen Voraussetzungen begründet. Am besten und detailliertesten hat der Jude Benno Jacob die Einheitlichkeit des Flutberichts begründet.27 Sein Ergebnis lautet zusammengefaßt: 1) Die Widersprüche lösen sich bei genauerem Hinsehen auf.28 2) Die sogenannten Dubletten sind inhaltliche Ergänzungen und entsprechen dem hebräischen Stil. 3) Seine Einheitlichkeit zeigt sich am kunstvollen Aufbau29 und der Existenz bestimmter Zahlenkombinationen.30



    6. Konkurrierende ethische oder kultische Gesetze

    Während die klassische Pentateuchkritik sich hauptsächlich den erzählenden Teilen des Pentateuch zuwandte, geraten in neuerer Zeit mehr die Rechts- und Kultüberlieferungen in den Blick. Dabei geht es vor allem um das Verhältnis der drei großen Gesetzeskorpora "Bundesbuch" (Ex 20,22-23,33), "Heiligkeitsgesetz" (Lev 17-26) und "Deuteronomistische Gesetzessammlung" (Dtn 12-26) zueinander sowie um den synoptischen Vergleich der je zweifach überlieferten Fassungen des sog. ethischen Dekalogs (Ex 20 / Dtn 5; vgl. auch Lev 19) und des sog. kultischen Dekalogs (Ex 23,10-19 / Ex 34,11-26). Als Hauptprobleme gelten 1) wie die drei Gesetzeskorpora, die eine verwandte Gesamtstruktur aufweisen und sich z.T. bis in Einzelheiten hinein gleichen, sich zugleich in Sprache und Sache unterscheiden und 2) wie die unterschiedliche Kompositionsstruktur der Dekalogfassungen und die Divergenzen und Widersprüche der sozialen und kultischen Gebote sich im einzelnen erklären lassen.31 Hier muß zunächst eingeräumt werden, daß die konservative Forschung auf diesem Gebiet noch erheblichen Nachholbedarf hat. Allgemein kann aber gesagt werden, daß die Tatsache der Dopplung oder Triplung von Gesetzen, die Existenz paralleler Strukturen und Übereinstimmungen bis hinein in den Wortlaut durchaus als Argument für einen einheitlichen Verfasser und eine dahinter stehende Gesamtkonzeption dienen kann. Die gleichzeitig beobachteten Unterschiede in der Kompositionsstruktur, im Wortlaut und vor allem in der Sache können zumindest teilweise erklärt werden mit der unterschiedlichen historischen Situation, in die hinein diese Gesetze gegeben wurden. Die Historizität der "Dekaloge" und "Gesetze" wird von den Texten selbst insofern nahegelegt, da sie in einem jeweils zu ihnen passenden Erzählrahmen stehen. Angesichts der zeitlichen, kulturellen, methodischen und theologischen Kluft moderner Forscher zu altsemitischen Rechts- und Kultgesetzen ist Bescheidenheit im Blick auf Schlußfolgerungen über deren Entstehung und Vereinbarkeit durchaus angezeigt.



    7. Unvermittelter Wechsel von Sprache, Stil und Vorstellungswelt

    Neben quellentypischer Verwendung bestimmter Vokabeln, grammatischer Formen und Redewendungen sollen auch unterschiedliche Stile32 und Vorstellungswelten33 das Vorhandensein mehrerer Verfasser beweisen. Doch auch dieser Argumentationsstrang hat seine Brauchbarkeit als zwingendes Kriterium der Quellenscheidung u.a. aus folgenden vier Gründen eingebüßt.

    a. Literarkritische Folgerungen aus stilistischen Unterschieden sind mit äußerster Vorsicht zu behandeln, wie Computeranalysen und Versuche an Werken zeitgenössischer Autoren zeigen.34 Nach Radday beträgt die Wahrscheinlichkeit für eine Homogenität von J und E in der Genesis 82%, was ihm Basis genug wäre mit der Quellenhypothese in der Genesis zu brechen.35 Die Schwierigkeit des stilistischen Arguments liegt darin, daß Wortschatz, Redewendungen, Erzählstil etc. eines literarischen Werkes von sehr vielen Faktoren abhängen, z.B. dem Stoff, der gewählten literarischen Gattung, Zeitpunkt und Umstände der Abfassung und Intention des Autors

    b. Sog. quellentypische Vokabeln wurden auch in anderen Quellen des Pentateuch gefunden oder entpuppten sich aufgrund neuerer Forschungen als unhaltbar.36

    c. Ein weiteres wichtiges Grundsatzproblem sieht vor allem Engnell darin, "daß hier ein Buch aus dem vorderen Orient wie ein Schriftstück des 20. Jh. analysiert wird."37 So ist beispielsweise die Annahme, daß häufige Wiederholungen oder eine Mischung aus Prosa und Poesie als typisches Kennzeichen verschiedener Quellen bzw. Verfasser betrachtet werden müssen, lediglich eine moderne Voraussetzung, die dem orientalischen Schreib- und Erzählstil, wie er sich z.B. auch in ugaritischen Texten findet, nur wenig Verständnis entgegenbringt.

    d. Der Versuch, mittels einer Theologie von J, E, D, P usw. die Richtigkeit der Quellentheorie zu beweisen, entpuppte sich überdies je länger je mehr als einfacher Zirkelschluß: Zuerst versuchte man aus gesicherten Stellen einer bestimmten Quelle deren Theologie zu entwerfen, um schließlich in einem zweitem Arbeitsschritt anhand dieser so ermittelten Theologie andere Stücke des Pentateuch jener Quellenschicht zuzuordnen. Abgesehen davon wurde das Argument in der Praxis dadurch geschwächt, daß häufig die verschiedensten gegensätzlichen Anschauungen innerhalb ein und derselben Quelle zusammentreffen konnten. Überhaupt darf das Argument der verschiedenen geistigen Höhenlage nur mit großer Vorsicht gehandhabt werden, wie Eißfeldt zugibt: "Der geistige Besitz jedes Einzelmenschen ist eine complexio oppositorum, und so wird auch ein Erzählungswerk mancherlei Spannungen aufweisen. Das gilt dann um so mehr, wenn sein Verfasser ältere und größtenteils schon geformte Stoffe benutzt und so schonend wie möglich mit ihnen verfahren will ... Unter diesen Umständen ist es natürlich schwer, aus dem Vorhandensein von Elementen verschiedener geistiger Höhenlage mit Sicherheit Schlüsse auf literarische Uneinheitlichkeit zu ziehen."38 Wiederum stellt Westermann fest: "Dieses ist bisher ein besonders gewichtiges Argument der Quellenscheidung gewesen. Aber auch dieses Argument kann eine absolute Geltung nicht mehr beanspruchen."39



    8. Die Gesamtanlage als literarisches Hauptproblem

    Schon Goethe40 bemerkte in seinem "West-Östlichen Diwan" die Gesamtanlage des Pentateuch als literarisches Hauptproblem und zwar in doppelter Hinsicht: Erstens sei das Verhältnis von Geschichte und Gesetz im Ganzen und im Detail so unsystematisch, daß es nur als ein wie immer zu erklärendes längeres Zusammenwachsen verschiedener Textkomplexe historisch und literarisch verstehbar wird. Zweitens seien Erzählstil und Erzähltechnik so vielgestaltig, daß sich dies nicht als Kunstgriff eines einzigen Erzählers oder eben als durch den jeweiligen Gegenstand bedingte Vielfalt erklären läßt. Hierzu ist dreierlei einzuwenden:

    a. Wie von Zenger selbst ausführlich dokumentiert wird, ist der Pentateuch in seiner Endgestalt eine planvolle Komposition41, was das angeblich unsystematische Verhältnis von Geschichte und Gesetz zumindest relativiert. Hinzu kommt folgende Tatsache: Der überwiegende Teil der Gesetze ist entweder unmittelbar oder mittelbar mit der Gottesoffenbarung am Sinai und der Konstitution Israels verbunden, während andere mit den Berichten über Israels Weg aus Ägypten durch die Wüste Sinai (Ex 12-18) und vom Sinai durch die Wüste zu den Gefilden Moabs (Num 10-36) kunstvoll verwoben sind.

    b. Verschiedene Forscher haben zu Recht angemerkt, daß man ein altes orientalisches Buch nicht in ein modernes, westlichen Denksystem pressen könne.42 Auch die vorgeschlagene Hypothese eines längeren Zusammenwachsens verschiedener Textkomplexe mag zwar in westlichen Ohren des 20. Jhdts. zunächst unverfänglich klingen, steht aber angesichts des jüdischen Verständnisses von Offenbarung, Inspiration, Kanon und Textüberlieferung vor unlösbaren historischen und theologischen Schwierigkeiten.

    c. Die Vielgestalt des Erzählstils und der Erzähltechnik erklärt sich hinreichend durch 1) die außergewöhnliche Bildung Moses (Apg 7,22), 2) die Vielfalt der behandelten Gegenstände mit jeweils unterschiedlicher personaler und emotionaler Betroffenheit des Mose, 3) den langen Berichtszeitraum, 4) den orientalischen Stil des Buches mit seiner mehr psychologischen als logischen Erzählstruktur usw.

    Die kurze kritische Besprechung der acht Hauptargumente gegen die mosaische Verfasserschaft des Pentateuch hat gezeigt, daß der zur Zeit noch herrschende Grundkonsens gegen die mosaische Verfasserschaft auf morschen Fundamenten ruht.



    Anmerkungen

    Bernhard Knieß, Jahrgang 1960, studierte an der Freien Theologischen Akademie in Seeheim und Gießen. 1985 wurde er als Lehrer für Altes und Neues Testament an die Bibelschule Bergstraße nach Seeheim berufen (seit 1990 in Königsfeld/Schwarzwald) und ist dort seit 1987 Studienleiter.

    1. E. Zenger u.a., Einleitung in das Alte Testament (Stuttgart/Berlin/Köln: Kohlhammer, 19983), S. 88-103 erwähnt nur noch die Argumente 3-8.
    2. C.F. Keil, Lehrbuch der historisch-kritischen Einleitung in die kanonischen (seit 1859: und apokryphischen) Schriften des AT, 3. Aufl. (Gütersloh: 1873). W. Möller, Die Einheit und Echtheit der 5 Bücher Moses (Bad Salzufflen: 1931) sowie Einleitung in das Alte Testament (Zwickau: 1934). O.T. Allis, The Five Books of Moses, [1943] (Philadelphia: 1949²). E.J. Young, An Introduction to the Old Testament (Grand Rapids/Michigan: 1954²). M.F. Unger, Introductory Guide to the OT (Grand Rapids: 1956²), R.K. Harrison, Introduction to the Old Testament (Grand Rapids: 1973), G.L. Archer, Einleitung in das Alte Testament, Amerik. Origialtitel: Old Testament Survey [1964/74] (Bad Liebenzell: 1987). S.R. Külling, Zur Datierung der Genesis P-Stücke (Dissertation: Kampen: 1964) sowie Fundamentum 3(1981), S. 30-47 (bes. Literaturverzeichnis S. 44-47); C. Rogers, "Die Entstehung des Pentateuch", Fundierte Theologische Abhandlungen, Bd. 3, (Wuppertal: 1985), S. 7-63.
    3. B. Jacob, Das erste Buch der Tora, Genesis übersetzt und erklärt (Berlin: 1934 / New York: 1974). Jacob behandelt die kritische Meinung sehr ausführlich und bringt starke Beweise dagegen, obwohl er die mosaische Verfasserschaft ablehnt. C.H. Gordon, "Higher Critics and Forbidden Fruit", Christianity Today 4(1959). Der jüdische Gelehrte Gordon, der sich nach dem 2. Weltkrieg aus wissenschaftlichen Gründen von der Quellenscheidungstheorie distanzierte, behauptet in diesem Artikel, daß niemand die veraltete Quellentheorie aufgeben will, da diese Theorie immer noch Kriterium interkonfessioneller akademischer Anerkennung ist. Gordon versucht dann anhand der Archäologie die verschiedenen Schwächen der Quellentheorie aufzudecken. U. Cassuto, The Documentary Hypothesis and the Composition of the Pentateuch (Jerusalem: 1961) sowie A Commentary on the Book of Genesis I-II (Jerusalem: 1961-64) bestreitet vehement die argumentative Basis der Quellentheorie und vertritt die Einheit des Pentateuch. Als Entstehungszeit postuliert er die davidisch-salomonische Ära. M.H. Segal, The Pentateuch its Composition and its Authorship and other Biblical Studies (Jerusalem: 1967) wendet sich ausführlich gegen die Quellentheorie und vertritt die Position, daß der Pentateuch im großen und ganzen auf Mose zurückgeht.
    4. B.D. Eerdmans, Alttestamentliche Studien I-IV (Gießen: 1908-1912) wies in einer sehr detaillierten Prüfung der Quellentheorie auf viele Schwachpunkte hin. F. Dornseiff, Kleine Schriften I (Berlin: 1959), S. 203-329 wendet sich in seinen Untersuchungen gegen die Kriterien der Quellenscheidung und vertritt die Einheit des Pentateuch. R. Rendtorff, Das überlieferungsgeschichtliche Problem des Pentateuch (BZAW 147) (Berlin/New York: 1977); vergleiche dazu auch Journal for the Study of the Old Testament 3(1977) sowie R. Rendtorff, Das Alte Testament. Eine Einführung, (Neukirchen-Vluyn: 1983), der die Vier-Quellentheorie als unhaltbar ablehnt. R.N. Whybray, The Making of the Pentateuch. A Methodological Study (Sheffield: 1987) greift die Grundlagen der Quellentheorie an und lehnt auch andere auf Literarkritik beruhende Konzeptionen der Pentateuchentstehung ab. Für ihn ist der Pentateuch das Werk eines Autors aus dem 6. Jhdt. v. Chr. (Näheres bei Houtman, S. 236ff.240.) C. Houtman, Der Pentateuch. Die Geschichte seiner Erforschung neben einer Auswertung (Kampen: 1994) schließt nach ausführliche Diskussion auf S. 419: "Im Lichte obengenannter Betrachtungen meinen wir behaupten zu können, daß die Quellentheorie keine befriedigende Antwort auf die Entstehung des Pentateuch zu leisten vermag."
    5. Vgl. den ersten Teil meiner Artikelserie in W+W-Disk-Beitr. 3/97: Das Zeugnis der Bibel.
    6. Konservative Gelehrte wie Young, S. 64f., 77f., 95f., 106f. bestreitet z.B. daß Gen 12,6; 13,7.18; 14,14; 22,14; 23,19; 36,31; Ex 6,26f; Dtn 1,1 spätere Ergänzungen seien. Ähnlich zurückhaltend äußert sich Möller, Grundriß für alttestamentliche Einleitung (Berlin: 1958), S. 30, 40f., 103ff.
    7. Vgl. H.J. Koorevaar, De Post-Mosaica in het boek Genesis (Dissertation: Evangelische Faculteit in Heverlee, 1986). Er bestreitet mit Ausnahme von 5Mo 34,5-12 jegliche Existenz von Postmosaica im Pentateuch.
    8. U. Cassuto, Commentary on Genesis, Bd. II, S. 327.
    9. Young, S. 64 geht von der Verschiedenheit der Orte aus. Vgl. auch B.S.J. Isserlin, "Israelite and Pre-Israelite Place Names in Palestine. A Historical and Geographic Sketch", PEQ 1957, S. 133-44, wo nachgewiesen wird, daß des öfteren gleichlautende Namen für verschiedene Plätze verwendet wurden, s. Houtman, S. 344. Vgl. auch die 33 Orte namens "Neustadt" in der BRD.
    10. Unger, S. 262 und D. Kidner, Genesis, Tyndale Old Testament Commentary (London: 1968), S. 16.
    11. Vgl. Unger, S. 263 und H.C. Leupold, Exposition of Genesis, Bd. 2 (Grand Rapids: 1959), S. 944.
    12. Young, S. 107f. Vgl. Houtman, S. 345.
    13. J.P.U. Lilley, "By the River-Side", VT 28 (1978), S. 165-71. Houtman, S. 345.
    14. Die Wiedergabe von "'anaw" mit "gebeugt sein" (vor Demut oder vor Last [!]) oder "geplagt sein" ist auch nach KAI Nr. 202,2 möglich und aufgrund der Etymologie, der Wortbedeutung und auch des Kontextes näherliegend, zumal ein Komparativ von "'anaw" in der Bedeutung "demütig" bisher nicht nachweisbar ist.
    15. Zenger, S. 89 verweist zusätzlich auf den Wechsel der Gottestitel El Eljon/El Shaddaj/El Olam usw. und die Erscheinungsweisen Gottes als Engel des Herrn oder drei Männer.
    16. C. Westermann, Genesis, BK I.1, 3. Aufl., (Neukirchen: 1983), S. 770.
    17. G.H.A. Ewald, Die Komposition der Genesis, § 37 (Braunschweig: 1823). Jacob, S. 197 u.a.; Cassuto, S. 15-41. Allis, S. 23-29.
    18. Segal, S. 8ff., 103ff., 120f. D.J. Slager, "The Use of Divine Names in Genesis", BiTr 43(1992), S. 423-429.
    19. Vgl. Houtman, 380. Er nennt auf S. 381-383 noch einen textkritischen Einwand gegen das Kriterium der Gottesnamen (Dahse, Wiener, Engnell) sowie weitere praktische Schwierigkeiten in der Anwendung des Kriteriums, die deutlich machen, "daß die Gottesnamen den Forscher jedenfalls nicht befähigt, auf einfache Weise Quellen abzugrenzen".
    20. Zenger, S. 90f.
    21. Vgl. die Ausführungen in konservativen christlichen und jüdischen Kommentaren zur Genesis. Außerdem die grundsätzliche Bestreitung der Dubletten/Tripletten bei Cassuto, S. 69ff; Segal, S. 20f., 32f., 47; G. Chr. Aalders, Short Introduction to the Pentateuch (London: 1949), S. 86ff u.a. Einen guten Überblick über die Einzelprobleme bietet R. Junker, Leben durch Sterben? Schöpfung, Heilsgeschichte und Evolution (Neuhausen-Stuttgart: 1994), S. 206-208.
    22. Houtman, S. 407.
    23. So Cassuto, S. 82; Houtman, S. 407-410.
    24. Westermann, S. 772ff.; ähnl. S. Mowinckel, Erwägungen zur Pentateuch Quellenfrage (Oslo: 1964), S. 25, 61f.
    25. Zenger, S. 91 nennt 1) die Ursache der Flut, 2) die Tiere in der Arche, 3) die Dauer der Flut, 4) die Art der Flut und 5) das Herausgehen Noahs aus der Arche. R. Smend, Die Entstehung des Alten Testaments (1981²), S. 41 läßt den ersten, Westermann, S. 534f den ersten und den letzten Widerspruch fallen.
    26. So Zenger, S. 91. Smend, S. 41 zählt nur elf, Westermann, S. 535 nur noch acht Dubletten.
    27. Jacob, S. 183-272. Vgl. dazu auch J.A. Emerton, An Examination of some attempts to defend the unitiy of the flood narrative in Genesis, in: VT 37(1987), S. 401-420 (Part I) und VT 38(1988), S. 1-21 (Part II).
    28. Exemplarisch seien zwei Widersprüche erklärt: 1) Über die Anzahl der Tiere in der Arche bemerkt Jacob, S. 196,198f: Gen 6,19f nennt die Tiere als in der Arche Mitzunehmende und zu Speisende, die die Flut überleben und die Schöpfung erhalten werden. In Gen 7,2f bestimmt die Qualifizierung der Tiere als rein und nicht rein diese als Opfergabe, die Noah nach der Flut bringen wird (8,20). 2) Bezüglich der Dauer der Flut kommt Jacob, S. 229-235 nach tiefgehender Untersuchung zu folgendem wohlfundiertem Ergebnis: "Der Regen dauerte, nach 7tägiger Vorherverkündigung am 40. Tage des Jahres, 40 Tage. Die fühlbare Abnahme der Wasser begann 150 Tage nach Beginn des Regens, also hatten die Wasser 110 Tage über den Bergen gestanden, bis sie soweit gefallen waren, daß die Arche (am 17. VII.) festsaß. 110 ist = 40 + 70. Die Erde ist völlig trocken und Noah verläßt die Arche am 27.II., d.i. nach 220 Tagen, also der doppelten Zeit, 220 ist = 2 x (40 + 70). Mit anderen Worten: 40 + 70 Tage dauert es (nach 40 tägigem Regen), bis Noah Land spürt, 2 mal 40 + 70, bis er wieder Land betritt. Damit ist das Problem <die Chronologie der Sintflut> gelöst. Durchsichtiger und folgerichtiger konnte keine Berechnung sein. Sämtliche Angaben des Textes stimmen widerspruchslos zusammen."
    29. Z.B. streng logischer Gesamtaufbau von 6,9-8,22. Bei der Beschreibung der Arche in 6,14-16: Beschränkung auf die notwendigste Information und die strenge Logik des Gedankengangs: a) Materialen, b) Maße, c) Beiwerk, d) innere Struktur. Bei der doppelten Chronologie: absolute Daten zur Fixierung des Anfangs und Endes der Flut, relative Daten zur Orientierung Noahs und der Seinen.
    30. Nach Jacob, S. 231-235 sind alle Summen und Daten von Anfang bis Ende nach den Zahlen 40 und 7 orientiert. Darüber hinaus ergibt die Abzählung der signifikanten Wörter der Fluterzählung (6,9-8,22) jeweils ein Vielfaches der Hauptzahl 12 (Noah, Arche, Wasser bzw. Flut, Erde kommen je 24x vor, das Wörtchen für Totalität 48x).
    31. Zenger, S. 93-101 behandelt diesen Punkt ausführlich und gibt zahlreiche Tabellen dazu an.
    32. O. Kaiser, Einleitung in das Alte Testament (Gütersloh: 1969), S. 69 schreibt: "Die Breite und Nüchternheit des Stils mit seiner definitorischen Genauigkeit, mit seiner Vorliebe für Chronologie und Genealogie lassen den Anfänger schon nach kurzer Übung den priesterlichen Anteil des Pentateuch mit einiger Sicherheit erkennen." In späteren Auflagen wurde diese Aussage zurückgenommen (s. z. B. 5. Aufl. 1984, S. 111).
    33. So schreibt z.B. O. Eißfeldt, Einleitung in das Alte Testament (Tübingen: 19643), S. 243: "Ein drittes Erkennungsmerkmal der einzelnen Schichten und Quellen ist die Verschiedenheit der Höhenlage ihrer religiösen und sittlichen, ihrer rechtlichen und politischen Anschauungen."
    34. Y.T. Radday, H. Shore, M.A. Pollatschek und D. Wickmann, "Genesis, Wellhausen and the Computer", ZAW 94 (1982), S. 467-481. Nach Radday, S. 269 beträgt die Wahrscheinlichkeit, daß mit seiner Methode Goethes Werke auch wirklich Goethe zugeschrieben würden, lediglich 22%.
    35. Ebd. S. 469 und 481.
    36. Die Verwendung von ani/anoki in ugaritischen Texten (um. ca. 1500 v.Chr.) widerlegt die frühere Annahme, wonach die kürzere Form ani für das späte P-Dokument (um 450 v.Chr.) charakteristisch sei. Vgl. hierzu C.L. Feinberg, "ani", Theological Wordbook of the Old Testament, ed. by R.L. Harris, G.L. Archer, B.K. Waltke (Chicago: 1981²), I, 57.
    37. F. Rienecker, Bibellexikon (Wuppertal: 197813), Sp. 946. Vgl. auch Fußnote 42.
    38. Eißfeldt, S. 246f.
    39. Westermann, S. 775.
    40. Nach Zenger, S. 102f.
    41. Ebd. 102 und 66ff.
    42. A. Bea, "Biblische Kritik und neuere Forschung", in: Stimmen der Zeit, 58. Jg., Heft 1 (Freiburg i. Breisgau: 1927); I. Engnell, Gamla Testamentet (Stockholm: 1945); K.H. Rabast, Die Genesis (Berlin: 1951); Young, a.a.O.; C.H. Gordon, Christianity Today (Washington: Nov. 1959) auszugsweise in BuG 3(1962). Gordon lehnt z.B. auch die moderne Voraussetzung ab, daß Prosa und Poesie sich nicht mischen könnten und von daher voneinander zu trennen und verschiedenen Zeiten zuzuweisen seien.

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    Letzte Änderung: 23.05.2006
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