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Wissenschaftstheoretische Aspekte der Schöpfungsforschung am Beispiel der beobachtungsorientierten Kosmologie

von Thomas Portmann
August 1997, inhaltlich zuletzt bearbeitet im Dezember 1997


Am Beispiel der beobachtungsorientierten Kosmologie wird andeutungsweise die wissenschaftstheoretische Problematik bewusst gemacht, in der sich die Schoepfungsforschung befindet. Die Betrachtung muendet in der Eroerterung der Lebensfaehigkeit eines vom Konkordanzgedanken getragenen wissenschaftstheoretischen Ergaenzungsmodells, das im Rahmen des pluralistischen, kritisch-rationalen Ansatzes steht.



Inhalt
 
1 Einleitung
2 Die besondere Problematik der Kosmologie
3 Die prinzipielle Ambivalenz der Beobachtungsdaten
4 Beispiel Standardkosmologie
5 Der Einfluss der weltanschaulichen Prämissen auf das konkrete Forschungsergebnis
6 Beispiel Standardkosmologie
7 Alternative, beobachtungsorientierte Zugänge zur Kosmologie
8 Diskussion eines wissenschaftstheoretischen Ergänzungsmodells



1. Einleitung

Begriffserklaerung: beobachtungsorientierte Kosmologie

Die beobachtungsorientierte Kosmologie ist eine Kosmologie, die sich ihrer wissenschaftstheoretischen Situation bewusster ist. Sie geht von der Grundfrage aus: Was ist - und was ist nicht - entscheidbar in der Kosmologie auf der Basis astronomischer Beobachtungen?

Motivation

Die Motivation zu diesem Aufsatz ist vielfaeltig und nach mehreren Richtungen hin orientiert. Wichtige Punkte sind:

  • Befruchtung der Arbeit der Fachgruppe Wissenschaftstheorie am Thesenpapier

  • Anstoss einer gruendlichen Analyse zur genaueren wissenschaftstheoretischen Methodik der Arbeit der Studiengemeinschaft

  • Suche nach Antworten auf diesbezuegliche, brennende Fragen in den Fachgruppen, und damit im Zusammenhang stehend

  • hinreichende Instruktion, Orientierung und Motivation der Arbeit der Fachgruppen (z.B. fuer eine biblische Kosmologie)

2. Die besondere Problematik der Kosmologie

Aehnlich wie in der Forschung nach der Herkunft und Entwicklung des Lebens, die die saekulare Wissenschaft mit der Evolutionstheorie zu beantworten pflegt, sind die fuer die Kosmologie verwertbaren empirischen Daten (die astronomischen Beobachtungen) aus prinzipiellen Gruenden nicht eindeutig interpretierbar - schon gar nicht im Sinne einer Kosmogonie. Eine weitere Aehnlichkeit zur Biogenese und Evolution steht damit in engem Zusammenhang und besteht darin, dass weltanschauliche Praemissen auf das ganz konkrete Forschungsergebnis einen viel groesseren, naemlich wesentlichen, Einfluss haben - im Gegensatz etwa zu naturwissenschaftlichen Disziplinen. Es handelt sich bei der Kosmologie ausserdem nicht um eine reine naturwissenschaftliche, sondern vielmehr um eine historische Wissenschaft - was ebenfalls in Analogie zur Evolution steht.

3. Die prinzipielle Ambivalenz der Beobachtungsdaten

Es muss zwischen der Kosmographie und der Kosmologie unterschieden werden. Die Kosmographie hat die raumzeitliche Beschreibung des Universums zum Gegenstand. Die Kosmologie, die die Kosmographie einschliesst, betrachtet zusaetzlich die Dynamik, d.h. sie untersucht die Kraefte, die das Universum sich so entwickeln liessen bzw. lassen. (Eine Evolution des Universums waere ein in der Kosmologie zu stehen kommendes Gedankengebaeude, weil sie mit der Erklaerung der zeitlichen Entwicklung zu tun hat.)

Eine Kosmographie aufgrund von Beobachtungsdaten allein ist problematisch, weil nur Ereignisse auf dem Rueckwaertslichtkegel (Abb.?) beobachtbar sind - und der Rueckwaertslichtkegel ist eine sehr bescheidene und ganz spezielle Untermannigfaltigkeit (dreidimensionaler Schnitt) des ganzen (vierdimensionalen) Universums. Eine Extrapolation in die prinzipiell unbeobachtbaren Raumzeitbereiche hinein ist ohne weitere Grundannahmen ebensowenig moeglich wie die Bestimmung der raeumlichen Struktur, naemlich der vielen unabhaengigen, physikalisch relevanten Komponenten der Metrik (Funktionen des Ortes und der Zeit), deren Kenntnis fuer eine quantitative und topologische (sozusagen qualitative) raumzeitliche Beschreibung notwendig ist.

G. F. R. Ellis et al. (1985) unterscheiden den kosmographischen und den kosmologischen Fall einer beobachtungsorientierten Kosmologie und haben unter der Voraussetzung bestimmter, sehr allgemeiner Grundannahmen (z.B. der Vierdimensionalitaet der physikalischen Raumzeit) folgendes gezeigt:

  • Kosmographischer Fall (ohne Annahme einer bestimmten Dynamik): Falls ideale Beobachtungsdaten zugaenglich sind, reichen sie doch nicht hin, um die Raum-Zeit- Struktur der Vergangenheit, nicht einmal nur auf dem Rueckwaertslichtkegel, zu bestimmen.

  • Kosmologischer Fall (unter der Annahme der Gueltigkeit der Allgemeinen Relativitaetstheorie Einsteins und der Tatsache, dass sie die Dynamik des Universums dominiert): Ideale Beobachtungsdaten reichen hin, um das Universum zu beschreiben.

4. Beispiel Standardkosmologie

Die Standardkosmologie setzt (unbegruendet!) die raeumliche Homogenitaet und Isotropie des Universums voraus. Diese Voraussetzung wird das sog. "Kosmologische Prinzip" genannt. Es bedeutet, dass es eine (freilich sehr grobe) raeumliche Rasterung (Skala) gebe, bei der die kosmographischen Groessen wie z.B. Materiedichte, Temperatur, Raumkruemmung usw. ueber eine Rastereinheit (Skaleneinheit) gemittelt - zu je einer bestimmten kosmologischen Zeit ueberall gleich seien. Damit ist erstens ganz direkt eine eindeutige Extrapolation in die prinzipiell unbeobachtbaren Raumzeitbereiche hinein gegeben. Zweitens hat die Metrik dadurch tatsaechlich nur noch eine einzige unabhaengige Komponente, die dann eine Funktion der kosmologischen Zeit ist und deren zeitliche Entwicklung nur noch aus der Dynamik folgt. Diese Funktion bestimmt damit die gesamte Kosmologie eindeutig.

Erst durch die Annahme des "Kosmologischen Prinzips" also reichen die Beobachtungsdaten hin, um eindeutig eine Kosmologie zu favorisieren.

Zur erkenntnistheoretischen Bewertung dieser Situation heisst es in einem Klassiker unter den Kosmologielehrbuechern, Steven Weinberg, Gravitation and cosmology, erschienen 1972 John Wiley & Sons, Seite 408f:

"The real reason, though, for our adherence here to the Cosmological Principle is not that it is surely correct, but rather, that it allows us to make use of the extremely limited data provided to cosmology by observational astronomy. If we make any weaker assumptions, as in the anisotropic or hierarchical models, then the metric would contain so many undetermined functions (wether or not we use the field equations) that the data would be hopelessly inadequate to determine the metric. On the other hand, by adopting the rather restrictive mathematical framework described in this chapter [in dem Kapitel geht es gerade um Symmetrien der Metrik, fuer die die Homogenitaet und Isotropie des Raumes ein Beispiel ist; Anm. v. T.P.], we have a real chance of confronting theory with observation. If the data will not fit into this framework, we shall be able to conclude that either the Cosmological Principle or the Principle of Equivalence [gemeint ist die Allgemeine Relativitaetstheorie, von der angenommen wird, dass sie als Gravitationstheorie die Dynamik des Universums dominiere; Anm. v. T.P.] is wrong. Nothing could be more interesting."

Die Bemerkung zeigt, dass die saekulare Forschung sich des betrachteten besonderen erkenntnistheoretischen Problems durchaus und seit langem bewusst ist. - Die waehrend des letzten Jahrzehnts weitergetriebenen astronomischen Beobachtungen der ziemlichen Inhomogenitaet der sichtbaren Materieverteilung auf grossen Skalen legen in der Tat Zweifel am Kosmologischen Prinzip nahe. Da man aber gute Gruende zu der Annahme hat, dass der groessere Anteil der Materie unsichtbar ist, ist auch nicht einmal die beobachtete Inhomogenitaet eindeutig interpretierbar. Insgesamt wird die prinzipielle Ambivalenz der Beobachtungsdaten an diesem Zitat sehr deutlich: Interpretiert man sie nicht vom Standpunkt des unbegruendeten Kosmologischen Prinzips, so koennen demzufolge anscheinend gar keine Aussagen mehr gemacht werden.

5 Der Einfluss der weltanschaulichen Praemissen auf das konkrete Forschungsergebnis

Obwohl (oder vielleicht sogar: weil) man sich der vorbezeichneten problematischen Situation lehrbuchmaessig bewusst ist, bekommen die weltanschaulichen Praemissen einen das konkrete Forschungsergebnis und den Gang des Main-Streams praegenden Charakter. Die bestehende Ambivalenz wird langfristig genutzt, um sie in den weltanschaulichen Dienst zu stellen. Die Forschungsergebnisse stehen zwar genau genommen unter dem Vorbehalt der kritischen Diskussion (s. Weinberg-Zitat), die aber ganz besonderen Einschraenkungen unterworfen ist. Das Beduerfnis nach existentieller Gewissheit laesst diesen Vorbehalt weitgehend in Vergessenheit geraten. Das Bewusstsein fuer die Ungewissheit und fuer den Ausstand der kritischen Diskussion ist an der Basis weitgehend nicht vorhanden. Es droht das Trugbild zu entstehen, dass die Forschungsergebnisse die vorausgesetzte Weltanschauung stuetzen.

Es ist interessant zu beobachten, wie sich der Wissenschaftsbetrieb einer solchen Situation allmaehlich anpasst. Beispielsweise ist es in der Kosmologie so, dass Beobachtungsdaten oft nicht als Rohdaten veroeffentlicht werden, sondern dass stattdessen Werte von modellspezifischen Parametern angegeben werden, wie sie im Rahmen der Standardkosmologie aus diesen Daten resultieren wuerden. Die Beobachtungsdaten werden vor ihrer Veroeffentlichung bereits im Sinne des des Main-Streams gefiltert und interpretiert, so dass, falls sie fuer eine kritische Diskussion im obigen Sinne relevant sind, eine Auswertung in alternativer Richtung weitgehend nicht mehr moeglich ist. Dies geschieht nicht "boeswillig", sondern aus dem genannten Bewusstseinsmangel und einer Bequemlichkeit heraus - die ja auch in demjenigen Rahmen gerechtfertigt waere, in dem man gar keine Alternative mehr diskutieren wollte.

Es ist interessant, zu beobachten, wie sich die Forschungsbudgets ganz an einem eingeschlagenen Weg orientieren und Alternativen vernachlaessigen - ganz entgegen der wissenschaftsethischen Vorgabe, dass gerade im Falle des Ausstehens der kritischen Diskussion die Alternativen gleichberechtigt beruecksichtigt werden muessen. Der Gang des Main-Streams bekommt eine Eigendynamik mit besonderem Charakter.

6. Beispiel Standardkosmologie

Natuerlich ist das "Kosmologische Prinzip" (die Annahme, daß das Universum sozusagen ueberall gleich aussieht, sich aber zeitlich entwickelt) weltanschaulich motiviert. Es entspricht naemlich symbolisch bzw. psychologisch am ehesten der die Aufklaerung befluegelnden Negation des geozentrischen Weltbildes einerseits und (ebenfalls symbolisch bzw. psychologisch) der Evolutionstheorie andererseits. Dabei ist das nicht einmal sachlich notwendig, denn erstens implizieren die Entdeckungen von Kopernikus, Galilei, Kepler und Newton noch lange nicht mit Notwendigkeit, dass sie auf das ganze Universum zu extrapolieren sind. Und zweitens impliziert eine Evolution der Biologie noch lange nicht, dass das ganze (biologisch tote) Universum evolviere. Es sind ganz klar die psychologischen Wirkungen der genannten Gedanken, die den Ausschlag gegeben haben.

Dabei ist es tatsaechlich so, dass auch alternative restriktive Symmetrien fuer das Universum angenommen werden koennen, die den Zustand auf dem Rueckwaertslichtkegel auf andere Weise extrapolieren und die Beobachtungsdaten auf ihre eigene Weise eindeutig und mehr oder weniger erfolgreich interpretieren - mithin auf eine Weise, auf die die Bemerkung von S. Weinberg ebenso zutraefe. So hat G. F. R. Ellis 1978 eine solche Alternative durchgespielt, nur um einmal auf diese Tatsache aufmerksam zu machen. Seine Alternative zum Kosmologischen Prinzip war ein statisches (mithin "ewiges"), kugelsymmetrisches Universum, in dessen Zentrum sich unsere Galaxie ungefaehr befindet. Zwar empfindet der moderne Mensch diese Vorstellung aus den genannten psychologischen Gruenden geradezu als intellektuell geschmacklos. Ellis gelang es aber hervorragend, astronomische Beobachtungstatsachen wie beispielsweise die Rotverschiebungs-Entfernungs-Relation (Hubble- Relation) oder die isotrope Hintergrundstrahlung in dieses Szenario zwanglos einzuordnen. Trotzdem hat es fuer eine solche Forschung nie ein nennenswertes Budget gegeben. (Und das liegt mit Sicherheit nicht daran, dass Wissenschaftler wie Ellis zu den nicht akzeptierten Sonderlingen gehoeren.)

An diesem Beispiel erkennt man deutlich, wie konkret die Auspraegungen der weltanschaulichen Vorgaben auf den Main-Stream sein koennen, wenn die kritische Diskussion drastisch eingeschraenkt ist.

[Ende des Beispiels]

Diese Situation ist beim Vorhandensein von guten Moeglichkeiten zur kritischen Diskussion ganz anders. Im Falle der Zugaenglichkeit von Falsifikationsmoeglichkeiten wird in der Regel von diesen Gebrauch gemacht. Auch wenn weltanschauliche Praemissen oder Inspirationen im Hintergrund des Ansatzes einer erfolgreichen Theorie gestanden haben moegen (wie z.B. die fernoestliche Mystik bei der Quantenmechanik), kann dann keine Rede davon sein, dass diese es waren, die der gesicherten Theorie das Gepraege gegeben haben. Vielmehr war der Ausgang der ermoeglichten kritischen Diskussion, eben die Beruecksichtigung der empirischen Fakten, dasjenige, das die entscheidende Rolle gespielt hat.

Zwar haben die philosophischen Praemissen immer einen bestimmten Einfluss auf die Theorienbildung und die wissenschaftliche Methodik - und damit auch indirekt auf das Forschungsergebnis. Wenn die Methodik aber wirklichkeitsorientiert und wissenschaftstheoretisch einwandfrei ist, sollte sie nicht fuer das konkrete Ergebnis ausschlaggebend sein, sondern eher auf seinen Erfolg. Im Bereich der Physik z.B., wo man Zugriff auf relevante Experimente hat, habe ich auch nicht den Eindruck, dass es an wesentlichen Stellen solche ausschlaggebenden Auswirkungen gibt.

7. Alternative, beobachtungsorientierte Zugaenge zur Kosmologie

Trotz der beobachteten Main-Stream-Dynamik haben sich sehr bekannte, serioese und ernstzunehmende Kosmologen darueber Gedanken gemacht, wie man zu jener ausstehenden kritischen Diskussion zurueckfinden kann. Die Gruppe um G. F. R. Ellis, die hier mit dem genannten Ergebnis an erster Stelle zu nennen ist, hat im Rahmen einiger grundlegender Veroeffentlichungen die beobachtungsorientierte Kosmologie ("observational cosmology") eroeffnet, in der sie sich der schon genannten Frage widmet.

Unter der von Ellis et al. aufgeworfenen Fragestellung der beobachtungsorientierten Kosmologie hat es auch von anderen Kosmologen Veroeffentlichungen gegeben. Dabei hat man die Gueltigkeit verschiedener Praemissen variiert. Beispiele:

  1. Bonnor, Ellis (1986)

    Grundannahme:

    uniforme, thermische Geschichte der Materie, Allg. Relativitaetstheorie (ART) (Diese Annahme tritt an die Stelle der Idealitaet der Beobachtungsdaten bei Ellis, 1985.)

    Resultat:

    Wenn man annehmen darf, dass daraus eine Uniformitaet der kosm. Dynamik folge (was naheliegend erscheine), so folgt aus der anscheinenden Homogenitaet des Universums die wirkliche.

  2. Ehlers, Rindler (1987)

    Grundannahme:

    Kosmologisches Prinzip (Friedmann-Robertson-Walker-Metrik, FRW) (von der Annahme der Gueltigkeit der ART als die die Dynamik bestimmende Kraft wird abgesehen)

    Resultat:

    Kenntnis entweder der Anzahldichte der Galaxien oder der intrinsischen Helligkeit der Galaxien (jeweils als Funktion der kosmologischen Zeit) bestimmt eindeutig die kosmologische Raumkruemmung (und deren zeitliche Entwicklung) und die jeweils genannte andere Groesse (und damit eigentlich die ganze Kosmologie) eindeutig.

  3. Rindler, Suson (1989)

    Grundannahme:

    Kugelsymmetrische Kosmographie mit zeitlicher Entwicklung (Tolman, Bondi) (Von der ART wird wieder abgesehen.)

    Resultat:

    Aus der Kenntnis idealer Beobachtungsdaten und der galaktischen Evolution ist die Metrik (mitsamt zeitl. Entw.) und damit die Kosmologie eindeutig bestimmbar.

Wie bei der urspruenglichen Arbeit von Ellis et al. (1985) handelt es sich hier um theoretische Arbeiten. D.h. hier sind weder alternative Kosmologien aufgestellt oder propagiert worden, noch war das der dahinterstehende Beweggrund. Vielmehr wollte man der Standardkosmologie sozusagen "den sicheren Gang einer Wissenschaft" beibringen, indem man sie einer kritischen Diskussion im Rahmen konkurrierender Modelle und der Falsifikationsmoeglichkeit anhand der Beobachtungsdaten ausetzt. Man wollte schlicht das reine Postulat des Kosmologischen Prinzips durch eine empirisch gesicherte Erkenntnis ersetzen. Dabei ist die moderne erkenntnistheoretische Denkweise des kritischen Rationalismus offenbar zum Zuge gekommen.

8. Diskussion eines wissenschaftstheoretischen Ergaenzungsmodells

Meiner Meinung nach könnte eine solche wissenschaftliche Handlungsweise, wie sie im vorigen Abschnitt schlaglichtartig angedeutet wurde, der Schoepfungsforschung zugute kommen. Das folgende ist also der Versuch, Schoepfungsforschung im Rahmen des kritischen Rationalismus zu verstehen. Die Vorteile und Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben koennten, moechte ich hier kurz nennen. Vor allem erscheinen die Beruehrungspunkte zwischen weltanschaulichen Vorgaben und der Empirik dabei problematisch.

Was mir vorschwebt, ist eine Art "Ergänzungsmodell":

Weltanschauliche Vorgaben und Beobachtungsdaten ergaenzen sich zu einem einzigen Bild und befinden sich sozusagen in Konkordanz zueinander. Dabei implizieren die weltanschaulichen Vorgaben z.B. diejenigen Annahmen, die ich oben als kosmologische "Grundannahmen" ausgewiesen habe. Das liegt im Falle der Studiengemeinschaft Wort und Wissen daran, dass die weltanschaulichen Vorgaben moeglicherweise durchaus auch kosmologische Implikationen haben koennen, wie z.B. eine konkrete Altersvorstellung von der Erde (abweichend vom Main-Stream nur etwa 10.000 Jahre). Eine junge Erde unter gleichzeitiger Annahme hoher Alter fuer entfernte Sterne koennte die Konsequenz haben, dass man von der kosmographischen Homogenitaet abruecken und eine Kugelsymmetrie annehmen muss, wobei die Erde im Zentrum des Universums steht.

Im Idealfall wuerde die Wahrheitsbewertung im weltanschaulich bestimmbaren Teil durch die weltanschaulichen Praemissen allein geschehen, wohingegen im empirisch relevanten Teil die Beobachtungsdaten das Wahrheitskriterium abgaeben. Weltanschauung und Empirie wuerden sich sozusagen "nicht gegenseitig ins Gehege kommen". Es gaebe keine Widersprueche. Ein Rueckschluss etwa von wissenschaftlichen Ergebnissen auf den Wahrheitsgehalt der weltanschaulich motivierten Praemissen waere unmoeglich.

Die Gretchenfrage lautet, was wir tun sollen, wenn der Nicht-Idealfall eintritt: Der Fall der Ueberbestimmung des Gesamtbildes durch empirische Fakten und weltanschauliche Praemissen. Folgt aus dieser Situation eine Wahrheitsbewertung der weltanschaulichen Praemissen?

Falls ja:

Muss man im Falle eines Widerspruches den Rückschluss auf die Ableitung der weltanschaulichen Praemissen zulassen? War dann die Exegese falsch? Muss vielleicht sogar die Bibel kritisiert werden? Steht die "Erkenntnis aus dem Buch der Natur" ueber der "Erkenntnis aus dem heiligen Buch"?

Beispiel:

Luther hat das kopernikanische Weltbild aus Gruenden der Schriftauslegung abgelehnt. Er meinte, es gebe Schriftstellen, die eindeutig das Feststehen der Erde aussagen. Aus der inzwischen empirisch leicht zugaenglichen Aussage, dass sich die Erde bewegt (man denke nur an die Weltraumfahrt), folgt dann, dass entweder die Exegese Luthers verkehrt war, oder aber, dass die Bibel zu kritisieren ist.

Falls es aber trotz Ueberbestimmung der Unbekannten des Erkenntnisgegenstandes gar keinen Widerspruch gibt, sondern eine gegenseitige Bestaetigung? - (Dieser Fall muss sorgfaeltig von dem Fall unterschieden werden, wo es mangels Ueberbestimmung, also aus prinzipiellen bzw. trivialen Gruenden, keine Widersprueche geben kann!)

Daraus wuerde nach dem kritisch-rationalen Ansatz folgen, dass eine moegliche Falsifikation seitens der Empirie ausgeblieben ist, und daraus waere sofort die (fuer diesen Ansatz typische) Bestaetigung der Theorie gegeben. Weil die Theorie aber weltanschaulich vorgegeben bzw. beeinflusst wurde, folgt daraus, dass die Empirie die weltanschaulichen Praemissen wahrheitsbewertet. Auch in diesem Fall muss man sich die Frage stellen: Steht die "Erkenntnis aus dem Buch der Natur" ueber der "Erkenntnis aus dem heiligen Buch"? (Interessant ist in diesem Zusammenhang der Disput zwischen dem "scientific creationism" und dem "biblical creationism".)

Falls nein (es wird a priori keine gegenseitige Wahrheitsbewertung zugelassen):

Müssen wir schizophren werden? Müssen wir Glauben und Wissen trennen? Gibt es mehrere Wirklichkeiten? Oder muessen wir dem exegetischen Ansatz der modernen Theologie folgen, wonach die weltanschaulich relevanten biblischen Aussagen einfach ins Reich der Mythologie gehoeren (zum Beispiel auch die leibhaftige Auferstehung Christi)?

Eigentlich ist die "Loesung" der modernen Theologie, wie hier sehr deutlich wird, eine Loesung, wo man durchaus in gewisser Weise an der Einheit der Wirklichkeit festhaelt und diesbezueglich die gegenseitige Wahrheitsbewertung zulaesst, und zwar in der Richtung, dass die "Erkenntnis aus dem Buch der Natur" ueber der "Erkenntnis aus dem heiligen Buch" steht, was die naturwissenschaftliche Domaene angeht. Man postuliert demgegenueber eine geistlich-spirituelle Domaene (eine Art Rettungsboot) und damit doch eine bestimmte Art der Trennung von Glauben und Wissen. Offenbar besteht immer die Gefahr einer solchen Loesung, wenn man eine gegenseitige Wahrheitsbewertung zulaesst und gleichzeitig der empirischen Aussage den Vorrang gibt. Diese Gefahr ist latent auch dann vorhanden, wenn zunaechst der Fall der gegenseitigen Bestaetigung vorzuliegen scheint. Ich denke sogar, dass die Wissenschaftsgeschichte der Neuzeit diesen Wandel explizit durchgemacht hat: Angefangen hat es mit der Ueberbetonung der "cognitio Dei ex libro naturae" im ausgehenden Mittelalter, die in der Aufklaerung und im aufkommenden Rationalismus dann nahtlos in die Dominanz dieser Erkenntnisart vor der "cognitio Dei ex libro Scripturae" (ich hoffe ich habe richtig lateinert) uebergegangen ist. Von daher versteht sich m.E. die Schwaeche der evangelischen Theologie vor der Aufklaerung. Ich denke, wir duerfen diesen Fehler nicht wiederholen. Auch von daher ist eine grosse Sorgfalt bei der wissenschaftstheoretischen Eroerterung notwendig.

Meine Frage ist: Kann man den Fall der Ueberbestimmung (also den "Nicht-Idealfall", wie ich ihn hier ad hoc nannte) guten Gewissens ausschliessen? Ist eine Ueberbestimmung vielleicht a priori ein Indikator fuer eine falsche Exegese (Beispiel Luther, s.o.)? Dann waere ja doch durch die Hintertuere eine Dominanz der Empirie vor der Exegese eingekehrt. Oder muss eine echte Alternative her? Eine Alternative waere vielleicht, den kritischen Rationalismus zu ueberwinden. Ich habe aber keine Ahnung, wie das gehen soll. - Vielleicht durch eine alternative Logik, eine Art Quantenlogik, wo es nicht zu jeder Frage-Situation eine eindeutige Wahrheitsbewertung gibt und von daher eine andere Art von Konkordanz moeglich erscheint? Eine solche Logik haette den Vorteil, dass man nicht schizophren werden muesste.


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