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1. Problemstellung und ZielsetzungDer Schöpfungsforschung, die sich auf die biblische Überlieferung stützt, wird häufig Wissenschaftlichkeit abgesprochen. Ihre Ergebnisse stünden von vornherein schon in groben Zügen fest nämlich das, was in der Bibel steht. Die aus der Bibel abgeleiteten Grundlagen der Theoriebildung würden prinzipiell nicht zur Disposition gestellt; Schöpfungsforschung sei daher dogmatisch und nicht in unvoreingenommener Weise (wenn überhaupt) an Erkenntniszuwachs interessiert. Ein Scheitern aufgrund von Daten werde von vornherein ausgeschlossen; die Empirie müsse im Falle eines Widerspruchs mit den Glaubensvorgaben zurückstehen, womit Wissenschaft ad absurdum geführt werde. Was aber ist „wissenschaftlich“ und wie funktioniert Wissenschaft in der Praxis außerhalb der Schöpfungsforschung? Die Geschichte der Naturwissenschaften zeigt jedenfalls, daß der Konflikt zwischen Theorien und Daten sehr häufig (wenn nicht sogar regelmäßig) sozusagen zuungunsten der Daten gelöst wird, oft über lange Zeit hinweg. Anders ausgedrückt: Widersprüchliche Daten werden zwar als Anomalien erkannt, welche die vorliegende Theorie in Frage stellen, es wird ihnen aber nicht das Gewicht beigemessen, die betreffende Theorie stürzen zu können. Weiter zeigt die Wissenschaftsgeschichte, daß es häufig gut war, Theorien nicht vorschnell aufgrund von Anomalien aufzugeben; immer wieder konnten Verbesserungen der Theorien Anomalien in stützende Daten umwandeln. Inwieweit die oben genannten an die Adresse der Schöpfungsforschung gerichteten Kritikpunkte auch für Vorgehensweisen in der Evolutionsforschung zutreffen, soll hier nicht näher untersucht werden. Es sei aber darauf hingewiesen, daß wohl kaum ein Evolutionstheoretiker dafür offen ist, die „Tatsache“ der über einige Milliarden Jahre währenden organischen Evolution zur Disposition zu stellen. Diese wird de facto oft als eine Art Dogma zugrundegelegt. Inwieweit dieses Dogma nur hypothetischer Natur ist, soll hier dahingestellt bleiben. In der evolutionstheoretischen Forschung führen widersprechende Daten keineswegs zu einem Hinterfragen einer allgemeinen Makro-Evolution der Lebewesen (zum Begriff „Makroevolution“ s. Junker & Scherer 2001, Kap. II.4). Vielmehr werden Teiltheorien im Rahmen des Evolutionsparadigmas entsprechend angepaßt (wie gut dies gelingt, wäre von Fall zu Fall zu diskutieren und ist ebenfalls nicht Thema dieses Artikels), ohne das grundlegende Paradigma in Frage zu stellen. Dieses bleibt als harter Kern unangetastet. Die Frage, unter welchen Umständen Evolution als Deutungsrahmen angetastet würde, ist nicht leicht zu beantworten und wird selten gestellt. Zunächst soll also festgestellt werden, daß es im Wissenschaftsbetrieb nicht ungewöhnlich vielmehr der Regelfall ist, daß ein harter Kern von Theoriegebäuden vor Widerlegung geschützt wird. Wenn man so will: Wissenschaft ist immer ein Stück weit dogmatisch bzw. beruht auf Konventionen, die nicht empirisch begründet sind, sondern auf Vorlieben, Gewohnheiten etc. der beteiligten Wissenschaftler zurückzuführen sind. Imre Lakatos hat diese Situation in seiner Forschungsprogramm-Konzeption dargestellt. Er unterscheidet bei Forschungsprogrammen zwischen dem „harten Kern“ einiger grundlegender Inhalte von Theorien, die vor einer Widerlegung geschützt werden (er zeigt aus der Wissenschaftsgeschichte, daß dieser Schutz mit guten Gründen erfolgt), und einem Mantel von Hilfshypothesen, die aufgrund neuer Erkenntnisse abgewandelt werden, um den harten Kern zu schützen. Die Überarbeitung des Schutzmantels soll dabei so erfolgen, daß dadurch Erkenntniszuwachs möglich ist, d. h. es soll möglich sein, neue Befunde vorherzusagen und diese sollten wenigstens teilweise auch bestätigt werden können. Kommen wir auf die Schöpfungsforschung zurück. Daß sie dogmatische Elemente enthält, ist also im Wissenschaftsbetrieb nichts Ungewöhnliches. Daraus kann man ihr keinen „wissenschaftstheoretischen Strick“ drehen. Ob Schöpfungsforschung fruchtbare Wissenschaft sein kann, d. h. zu Erkenntniszuwachs führt, hängt von anderen Dingen ab. Damit sind wir bei der Zielsetzung dieses Beitrags angelangt. Anhand eines Beispiels soll untersucht werden,
2. Das Forschungsprogramm-Konzept von Lakatos: Wissenschaft ist ein Wettstreit von Forschungsprogrammen2.1 Hinführung In diesem Kapitel orientiere ich mich vornehmlich an Lakatos (1974) (abgekürzt „L“) sowie ergänzend an Chalmers (1994). Darüber hinaus verwende ich an wenigen Stellen einige Formulierungen aus einem unveröffentlichten Aufsatz von Udo Kelle (1998) und aus einer Stichwortliste eines Vortrages von Frank Rieger (1995). Um die Motivation für das Forschungsprogramm-Konzept von Lakatos einsichtig zu machen, ist ein kurzer Ausflug zu einigen Stationen der neueren Geschichte der Wissenschaftstheorie hilfreich. Als Leitfrage kann formuliert werden: Gibt es eine unhintergehbare Basis für sichere Erkenntnis? 2.1.1 Logischer EmpirismusNach dem Rechtfertigungsdenken des logischen Empirismus bzw. logischen Positivismus besteht Wissenschaft aus bewiesenen Aussagen. Wissen wird mit bewiesenem Wissen gleichgesetzt. Wissenschaftlichkeit bedeutet „auf empirischen Beobachtungen beruhend“. Diese werden in sog. Protokollsätzen (Formulierungen von Beobachtungssätzen) festgehalten. Von ihnen ausgehend sollen durch Induktion allgemeine Sätze formuliert werden. Auf diese Weise kann jedoch kein Beweis geführt werden, weil viel zu viele Fälle überprüft werden müssen, was unmöglich ist (Induktionsproblem). Wenn von einzelnen Beobachtungen auf die Gesamtheit geschlossen wird, transzendieren daraus abgeleitete Gesetze unsere Erfahrung. Außerdem ist es aus praktischen Gründen nicht möglich, alle vorkommenden Fälle zu überblicken bzw. zu untersuchen. Auch Wahrscheinlichkeitsaussagen sind aus logischen Gründen nicht möglich. Letztlich zeigt sich, daß es gar keine beweisbaren Aussagen gibt; alle Theorien sind gleichermaßen unbeweisbar, ja sogar gleichermaßen unwahrscheinlich (L92f.). Zusätzlich zum Induktionsproblem liegt dies auch daran, daß auch Beobachtungsaussagen Irrtümer enthalten können. Es muß eine Entscheidung darüber getroffen werden, welche Aussagen als wahr zugrundegelegt werden, womit ein konventionalistisches Element eingeführt wird. Darüber hinaus ist das, was ein Beobachter wahrnimmt, stets auch von seinem Vorwissen abhängig, also theoriegebunden und damit hinterfragbar. In den positiven Wissenschaften können empirische Beobachtungen (Protokollsätze) daher aus logischen Gründen keine sichere Grundlage des Wissens bilden. 2.1.2 Kritischer RationalismusDer kritische Rationalismus nach Popper trägt dieser Situation Rechnung, indem er klarstellt, daß Theorien nicht beweisbar, sondern nur widerlegbar sind. „Kühnheit im Vermuten auf der einen Seite und Strenge im Widerlegen auf der anderen: Das ist Poppers Rezept. ... Die intellektuelle Redlichkeit besteht ... darin, daß man jene Bedingungen genau festlegt, unter denen man gewillt ist, die eigene Position aufzugeben“ (L 90). Theorien müssen, um als wissenschaftlich zu gelten, bestimmte Beobachtungen verbieten können. Treten diese Beobachtungen dann doch auf, ist die betreffende Theorie widerlegt. „Nach der Logik des dogmatischen Falsifikationismus besteht der Wachstumsprozeß der Wissenschaft im wiederholten Verwerfen von Theorien auf Grund harter Tatsachen“ (L 95). Lakatos nennt dies einen naiven Falsifikationismus und eine einfachere Version davon einen dogmatischen Falsifikationismus, wobei nach Lakatos diese Charakterisierung nur für den frühen Popper gilt. (Lakatos unterscheidet als eine kompliziertere Version des naiven Falsifkationismus noch den methodologischen Falsifikationismus, auf den hier nicht eingegangen wird. Im folgenden wird „naiver“ und „dogmatischer“ Falsifikationismus weitgehend synonym gebraucht.) Doch damit wird keine Lösung des anstehenden Problems erreicht. Denn eine Falsifikation tritt nur dann ein, wenn Beobachtungen als falsifizierend anerkannt werden, womit auch hier ein konventionalistisches Element eingeführt wird; Popper ist sich bewußt, daß eine Widerlegung nie zwingend ist. Popper unterscheidet übrigens zwischem dem Kontext der Entdeckung woher kommt die Theorie, durch was ist sie inspiriert? und dem Kontext der Geltung wie kann eine Theorie beurteilt werden, ist sie gerechtfertigt? D.h. es geht in der Wissenschaftstheorie bzw. in der Frage der Wissenschaftlichkeit einer Theorie nicht darum, wie man zu einer Theorie gekommen ist, sondern ob die vorliegende Theorie methodisch zu rechtfertigen ist; für Popper: ist sie falsifizierbar? (vgl. Logik der Forschung, 9. Aufl., S. 257) Auch in dieser (naiven) Konzeption treten wie im logischen Empirismus Protokollsätze (hier als Basissätze bezeichnet) als nicht-hinterfragbare Schiedsrichter auf. Diese Rolle können sie aber hier genausowenig spielen wie im logischen Empirismus, denn wie schon festgestellt sind Beobachtungssätze auch fehlbar. „Auch solche empirischen Beobachtungen, die geeignet sind, eine bewährte Theorie zu falsifizieren, können selber zur Disposition gestellt werden. ... Die Akzeptierung von Beobachtungsaussagen als falsifizierende oder bestätigende Instanzen beruhen letztendlich ebenso wie die Anerkennung von Theorien auf der konventionellen Übereinkunft der Wissenschaftsgemeinschaft“ (Kelle 5). Die Fallibilität unseres Wissens betrifft auch die Basissätze oder um es mit Popper zu sagen: „Die Basis schwankt“ (Logik der Forschung, S. 76). Es gilt also: „Der dogmatische Falsifikationismus gibt die Fallibilität aller wissenschaftlichen Theorien vorbehaltlos zu, hält aber an einer Art unfehlbarer empirischer Basis fest. ... Es gibt eine absolut sichere Basis empirische Basis von Tatsachen, die man zur Widerlegung von Theorien benutzen kann“ (L 94). Der dogmatische Falsifikationismus übersieht also ein Problem: Jeder Bestandteil einer Theorie kann vor Widerlegung geschützt werden, indem andere Elemente des Aussagesystems abgeändert werden (Duhem-Quine-Problem). Lakatos (L 95) faßt zusammen: Der dogmatische Falsifikationismus ist unhaltbar, weil er auf zwei falschen Annahmen und einem zu engen Abgrenzungskriterium zwischen „wissenschaftlich“ und „nicht-wissenschaftlich“ beruht:
Es stellt sich damit die Frage, auf welcher Grundlage eine Theorie je eliminierbar ist, wenn die wissenschaftliche Kritik selbst fallibel ist. Der naive Falsikationismus kann dieses Problem nicht lösen. 2.1.3 ZwischenergebnisAls Zwischenergebnis kann festgehalten werden: „Die Wissenschaftsgeschichte legt ... den Gedanken nahe, daß Tests zumindest dreiseitige Kämpfe sind zwischen zwei oder mehr theoretischen Rivalen und dem Experiment; und daß einige der interessantesten Experimente prima facie zu einer Bewährung und nicht zu einer Falsifikation führten“ (L 112). Mit anderen Worten: Nicht (falsifizierende) Daten „kämpfen“ gegen Theorien, sondern (zwei oder mehr) Theorien kämpfen gegeneinander im Bemühen, Daten zu erklären. Gibt es also überhaupt eine rationale Erklärung für den Erfolg der Wissenschaft? Wir haben bereits gesehen, daß es im Falsifikationismus ein konventionalistisches Element gibt: Es muß eine Entscheidung getroffen werden, welche Daten als Anomalien und damit als potentielle Falsifikationen zu betrachten sind. Dieses konventionalistische Element (das nicht eliminiert werden kann) sollte so Lakatos reduziert und die naiven Formen des methodologischen Falsifikationismus durch eine raffinierte Form ersetzt werden, „die neue Vernunftgründe für die Falsifikation angibt und damit die Methodologie und die Idee des wissenschaftlichen Fortschritts rettet“ (L 112f.). 2.1.4 Raffinierter versus naiver Falsifikationismus„Der raffinierte Falsifikationismus unterscheidet sich vom naiven Falsifikationismus durch seine Regeln des Akzeptierens (oder das ‘Abgrenzungskriterium’ [wann ist eine Theorie wissenschaftlich? Anm.]) und seine Regeln des Falsifizierens oder des Eliminierens [wann soll eine Theorie verworfen werden? Anm.]“ (L 113). Eine Theorie ist hier akzeptabel, wenn sie gegenüber einem Vorgänger
Eine Falsifikation einer Theorie T ist also dann erfolgt, wenn
Es geht also darum, den theoretischen Adjustierungen, mit denen man eine Theorie retten (d. h. ihren harten Kern schützen, s. u.) darf, gewisse Bedingungen aufzuerlegen (L 114). „Das heißt, daß jede wissenschaftliche Theorie zusammen mit ihren Hilfshypothesen, Anfangsbedingungen etc. und insbesondere mit ihren Vorgängern beurteilt werden muß, damit wir sehen, welche Art von Veränderung sie hervorgebracht hat. Aber dann beurteilen wir natürlich eine Reihe von Theorien und nicht isolierte Theorien“ (L 115). 2.1.5 Progressive ProblemverschiebungEs sollen also Theoriereihen entwickelt werden; dabei sollen die einzelnen Versionen dieser Reihe eine sog. progressive Problemverschiebung ermöglichen. D. h. jede neue Theorie soll einen Gehaltsüberschuß (s. o.) gegenüber ihrer Vorläuferin besitzen. Wenn ein Teil des Gehaltsüberschusses bewährt ist, ist die Reihe empirisch progressiv. Andernfalls ist die Reihe degenerativ, d. h. die Theorie wurde nur durch Rettungsmaßnahmen gestützt, ohne daß dies zu neuer Erkenntnis führte. „Der raffinierte Falsifikationismus verwandelt also das Problem der Bewertung von Theorien in das Problem der Bewertung von Theoriereihen“ (L 116). 2.1.6 Allgemeine KonsequenzenAls wichtige Konsequenzen resultieren aus dieser Konzeption folgende Punkte:
2.1.7 Konsequenzen für die SchöpfungsforschungEs ist nicht nur legitim, sondern für den Erkenntnisgewinn förderlich und wünschenswert, Theoriekonkurrenten gegen etablierte Theorien einzuführen. „Und schließlich verlangt die Redlichkeit des raffinierten Falsifikationismus, daß man versuche, die Dinge von verschiedenen Seiten her ins Auge zu fassen, daß man neue Theorien vorschlage, die neue Tatsachen antizipieren, und daß man Theorien verwerfe, die durch andere, stärkere Theorien überholt worden sind“ (L 120). In der Auseinandersetzung zwischen Evolutions- und Schöpfungslehre ist die Situation m. E. komplizierter als in der obigen Darstellung. Ist einer der beiden Konkurrenten in der Lage, alles zu erklären, was der andere Konkurrent erklärt? Beide Konkurrenten haben an verschiedenen Stellen mit Anomalien zu kämpfen, so daß ein globaler Theorienvergleich schwierig ist. Die eine Theorie mag einen progressiven Gehaltsüberschuß in einem bestimmten Bereich haben, während die andere damit in einem anderen Bereich auftrumpfen kann. Ein Theorienvergleich wird nur im Bereich von Teiltheorien möglich sein (vgl. 3.). 2.2 Die Konstruktion von Forschungsprogrammen2.2.1 ÜberblickWie schon (unter der Überschrift des 2. Kapitels) festgestellt, ist nach Lakatos Wissenschaft ein Wettstreit von Forschungsprogrammen. Ein Forschungsprogramm führt zu einer linearen Reihe von Theorieversionen. Der gerechtfertigte Übergang von einer Theorieversion zu einer anderen wird durch methodologische Kriterien geregelt. Es gelten folgende Bedingungen (vgl. 2.1.4):
Treffen (1) - (4) zu, so ist das Forschungsprogramm empirisch progressiv. Forschungsprogramme bestehen aus einem harten Kern und aus einem Schutzgürtel. Der harte Kern enthält Grundannahmen, die dem Forschungsprogramm zugrunde liegen und nicht angetastet (weder verworfen noch verändert) werden. Diese Grundannahmen werden durch Entscheidungen festgelegt (konventionalistisches Element). Der harte Kern „besteht aus einigen sehr allgemeinen, theoretischen Hypothesen, die die Grundlage bilden, von der aus das Programm entwickelt werden muß“ (Chalmers 82). Was passiert, wenn die Übereinstimmung zwischen einem ausgearbeiteten Forschungsprogramm und den Beobachtungsdaten unzulänglich ist? Das sollte dann nicht den Annahmen des harten Kerns zugeschrieben werden, sondern dem Schutzmantel aus Hilfshypothesen. Dessen Aufgabe ist es, den harten Kern durch Hilfshypothesen, Anfangsbedingungen, den Beobachtungen zugrundeliegende Theorien (z. B. Meßtheorien) etc. zu schützen. Der Schutzmantel „besteht nicht nur aus expliziten Hilfshypothesen, die den harten Kern ergänzen, sondern auch aus Annahmen, die der Beschreibung der Anfangsbedingungen und ebenso den Beobachtungsaussagen zugrunde liegen“ (Chalmers 82). Veränderungen oder Ergänzungen des Schutzgürtels eines Forschungsprogramms müssen unabhängig überprüfbar sein und die Möglichkeit neuer Überprüfungen und damit die Möglichkeit neuer Entdeckungen bieten (Chalmers 85). 2.2.2 Forschungsprogramme„Ein Forschungsprogramm ist nach Lakatos eine Struktur, die sowohl auf positive als auch auf negative Art und Weise einen Leitfaden für zukünftige Forschung bietet“ (Chalmers 82). Dabei wird zwischen negativer und positiver Heuristik unterschieden (s. u.). Die Durchführung des Forschungsprogramms soll dazu führen, daß der harte Kern beim Versuch, Erklärungen für bereits bekannte Phänomene zu liefern und neue Phänomene vorherzusagen, durch weitere Annahmen ergänzt wird. „Forschungsprogramme sind progressiv oder degenerativ, je nachdem, ob sie erfolgreich zu der Entdeckung neuartiger Phänomene führen oder aber ob ihnen dies immer wieder mißlingt“ (Chalmers 82). „Die Entwicklung eines Forschungsprogramms beinhaltet nicht nur das Hinzuziehen geeigneter Hilfshypothesen, sondern auch die Entwicklung geeigneter mathematischer und experimenteller Techniken“ (Chalmers 83). 2.2.3 Negative HeuristikDie negative Heuristik meint Unternehmungen zum Schutz des harten Kerns, der durch durch einen Ausbau und durch Veränderungen des Schutzgürtels erfolgt; sie führt nicht zu neuer Erkenntnis, sondern gibt Forschungswege an, die man vermeiden soll. „Die negative Heuristik eines Programms entspricht der Forderung, daß während der Entwicklung eines Programms der harte Kern eines Programms unverändert und unangetastet bleiben muß“ (Chalmers 83). 2.2.4 Positive HeuristikDie positive Heuristik besteht aus Unternehmungen zum Ausbau des harten Kerns, um weitere Befunde zu erklären und gibt Forschungswege an, denen man folgen soll. „Die positive Heuristik enthält grobe Richtlinien, die angeben, wie das Forschungsprogramm entwickelt werden könnte“ (Chalmers 82). „Die positive Heuristik weist darauf hin, wie der harte Kern ergänzt werden muß, damit er imstande ist, reale Phänomene zu erklären und vorherzusagen“ (Chalmers 83). „Die positive Heuristik besteht aus einer partiell artikulierten Reihe von Vorschlägen oder Hinweisen, wie man die ‘widerlegbaren’ Fassungen des Forschungsprogramms verändern und entwickeln soll und wie der ‘widerlegbare’ Schutzgürtel modifiziert und raffinierter gestaltet werden kann“ (L 131). „Die positive Heuristik skizziert ein Programm, das eine Kette immer komplizierter werdender Modelle zur Simulierung der Wirklichkeit darstellt“ (L 132). 2.2.5 Keine „Sofortrationalität“Alternative Forschungsprogramme, die als Konkurrenten in den wissenschaftlichen Wettstreit eintreten, können nicht auf Anhieb überlegen sein. Sie brauchen Zeit, sich zu entwickeln, und diese darf ihnen nicht genommen werden („Jugendschutz“). „Es muß einem Forschungsprogramm die Gelegenheit gegeben werden, seine gesamte Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen“ (Chalmers 84). „Wegen der Ungewißheit des Erfolgs zukünftiger Versuche, ein Forschungsprogramm weiterzuentwickeln und zu überprüfen, kann man nie von einem Forschungsprogramm sagen, daß es zweifelsfrei degeneriert sei“ (Chalmers 87). 2.2.6 Unterschiede zum Falsifikationismus„Wenn ein Programm sich soweit entwickelt hat, daß es Beobachtungsüberprüfungen unterzogen werden kann, dann sind nach Lakatos eher die Bewährungen als die Falsifikationen entscheidend. An ein Forschungsprogramm wird die Anforderung gestellt, daß es mindestens zeitweilig erfolgreich neue Vorhersagen treffen kann, die sich dann auch bewähren“ (Chalmers 84f.). Dabei bedeutet „neuartig“: in konkurrierenden Theorien unerwartet oder sogar verboten. „Für den Falsifikationisten endet die Unfähigkeit, den Ursprung der Schwierigkeiten ausfindig zu machen, in einem planlosen Chaos. Der wissenschaftliche Ansatz von Lakatos ist hinreichend gegliedert, um dieser Konsequenz zu entgehen. Die Ordnung wird durch die Unersetzlichkeit des harten Kerns und durch die positive Heuristik, die damit einhergeht, aufrechterhalten. Das freimütige Entwickeln sinnvoller Vermutungen innerhalb dieses Rahmens wird zu Fortschritt führen, vorausgesetzt, daß sich einige der Vorhersagen, die sich aus diesen Vermutungen ergeben, gelegentlich als erfolgreich erweisen“ (Chalmers 86). „Die Probleme, die Wissenschaftler, welche rational an mächtigen Forschungsprogrammen arbeiten, zur Behandlung auswählen, werden bestimmt durch die positive Heuristik des Programms und nicht durch psychologisch beunruhigende (...) Anomalien. Die Anomalien werden zwar registriert, aber beiseitegeschoben in der Hoffnung, daß sie sich nach einer Weile in Bewährungen des Programms verwandeln werden. .. Für naive Falsifikationisten klingt das alles abscheulich ...“ (Lakatos 134). 3. Anwendung auf die Schöpfungsforschung3.1 Verhältnisbestimmung: Biblische Überlieferung - schöpfungstheoretisches ForschungsprogrammSoll das Lakatossche Konzept auf Theorien im Rahmen der Schöpfungslehre angewendet werden, so muß zunächst Rechenschaft über den harten Kern abgelegt werden. Die biblischen Texte selber können nicht als harter Kern eines Forschungsprogramms auftreten, da sie für diesen Zweck zu unscharf sind; sie dienen aber als Ausgangspunkt zur Entwicklung eines harten Kerns, der somit einer kontextgerechten Exegese entspringen oder zumindest mit ihr verträglich sein muß. An dieser Stelle muß darauf hingewiesen werden, daß der Gegenstand, um den es in der Auseinandersetzung um Schöpfung / Evolution geht, mit Methoden der Naturwissenschaft nur vergleichsweise eingeschränkt untersucht werden kann, da es um die Rekonstruktion eines einmaligen vergangenen Geschehens geht. Dieser Vorgang kann nicht wie ein heute regelhaft ablaufendes Geschehen direkt und wiederholt untersucht werden. Eine Reproduktion ist also nicht möglich. Gemessen am Erkenntnisgegenstand (Geschichte der Lebewesen) liegen nur wenige Momentaufnahmen aus der Vergangenheit vor (z.B. in Form von Fossilien), die zudem interpretationsbedürftig sind. (Auf Unterschiede zwischen Gegenwartsanalyse und Geschichtsrekonstruktion soll hier aber nicht näher eingegangen werden.) Gegenwartsdaten (z. B. über Bau und Funktionsweise von Organen, Sequenzanalysen von Proteinen und DNS, ökologische Beziehungen der Lebewesen, Verbreitung der Lebewesen etc.) wie auch Daten aus der Geologie und Paläontologie können als Testinstanz für historische Rekonstruktionen zugrundelegt werden. Entsprechend kann das Lakatossche Konzept auch auf historische Rekonstruktionen angewendet werden.
Abb. 1 (modifiziert nach R. Junker, Leben durch Sterben?, S. 242) soll den Zusammenhang zwischen der biblischen Überlieferung und den durch sie motivierten und darauf basierten Theorien (hier: historischen Rekonstruktionen) der Schöpfungsforschung verdeutlichen. Ausgangspunkt (1) sind die biblischen Texte. In der Schöpfungsforschung wird die Verbindlichkeit dieser Texte für das weitere Vorgehen vorausgesetzt. Die Exegese (2) darf nicht von naturwissenschaftliche Theorien bestimmt werden. Sie darf naturwissenschaftliche Erkenntnisse zwar berücksichtigen, diese dürfen jedoch nicht quasi zum Auslegungsschlüssel werden. Bis hierher befinden wir uns in einem dogmatischen Bereich; dies soll ausdrücklich vermerkt werden. Doch stehen wir hier noch im Vorfeld naturwissenschaftlich untersuchbarer Fragen. Evolutionsforschung geschieht auch vor einem dogmatischen Hintergrund, wonach in der Geschichte des Lebens keine supranaturalen Einflüsse gewirkt haben. Diese Vorgabe ist empirisch nicht begründbar, sondern dogmatische Setzung im Sinne des Naturalismus. Unter Naturalismus soll hier die Position verstanden werden, daß nur natürliche Vorgänge in der Geschichte des Lebens wirkten. Der Naturalismus beinhaltet jedoch nur dann mehr als nur eine Heuristik, wenn die Option „Schöpfung“ prinzipiell ausgeschlossen wird. An dieser Stelle liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen Evolutions- und Schöpfungvorstellungen. Die Evolutionstheorie ist eine Folge des naturalistischen Ansatzes; sie macht über die allgemeine Vorgabe des Naturalismus hinaus keine konkreten inhaltlichen Vorgaben, während im Rahmen der Schöpfungslehre inhaltliche Vorgaben zugrundelegt werden, wenn auch mit einem erheblichen Spielraum. Wie erwähnt, liegt der Satz „Es gab eine allgemeine Evolution der Lebewesen“ de facto als inhaltliche Vorgabe der Evolutionsforschung zugrunde. Kommen wir auf Abb. 1 zurück: Der harte Kern ist jetzt unter Beachtung des exegetischen Interpretationsspielraums konkret zu formulieren (3). Mit der Festlegung des harten Kerns wird eine bestimmte Auslegungsmöglichkeit vorläufig fixiert. Damit wird gleichzeitig die Bühne der Wissenschaft betreten, und alle weiteren Schritte laufen methodisch genauso ab wie Forschung unter naturalistischen Vorgaben. Der harte Kern wird durch einen Mantel von Hilfshypothesen geschützt (4). Kern und Mantel müssen Schlußfolgerungen erlauben, die aus ihnen abgeleitet werden können und einer Prüfung anhand empirischer Daten zugänglich sind (5). Diese Prüfung ist durchzuführen (6). Werden die Schlußfolgerungen bestätigt (7a), hat sich das Forschungsprogramm bewährt. Fällt die Prüfung negativ aus (7b), muß der Mantel der Hilfshypothesen modifiziert oder ergänzt werden. Sollte sich dieses Verfahren auf Dauer als degenerativ im Lakatosschen Sinne (s. o.) erweisen (7c), dann darf auch der harte Kern nicht tabu sein (8); dessen Neuformulierung muß jedoch wiederum unter Beachtung des exegetischen Spielraums erfolgen (9). Schritt 9 bewegt sich wie Schritt 2 im dogmatischen Bereich. Abb. 1 kann auch in ein Kreisschema übersetzt werden (Abb. 2).
3.2 GrundtypenbiologieDas oben allgemein geschilderte Vorgehen soll nun an einem vergleichsweise gut ausgearbeiteten Bereich der Schöpfungsforschung angewendet werden. 3.2.1 ÜberblickDie Grundtypenbiologie in der Schöpfungsforschung beruht auf dem allgemeinen Schöpfungszeugnis der Bibel. Alles Sichtbare, Erforschbare, der menschlichen Erkenntnis Zugängliche ist durch Gottes Wort geschaffen worden (Hebr 11,3). Was dieser Satz im einzelnen bedeutet, soll hier nicht entfaltet werden. In der Grundtypenbiologie wird das Schöpfer-Sein Gottes so ausgelegt, daß alle Grundtypen der Lebewesen von Beginn ihrer Existenz an in fertiger und komplexer Form im Dasein sind. Die Geschichte des Lebens beginnt mit polyvalenten Grundtypen (s. u.). In der Schöpfungslehre werden die „geschaffenen Arten“ als „Grundtypen“ bezeichnet; der Grundtyp-Begriff ist sind von anderen Artbegriffen (die es in großer Zahl gibt) zu unterscheiden. Grundtypen können relativ exakt definiert werden (vgl. Scherer 1993). Speziell wird in der Grundtypenbiologie Bezug auf die Wendung „ein jedes nach seiner Art“ im Schöpfungsbericht (Gen 1) genommen; eine Formulierung, aus der hervorgeht, daß die belebte Schöpfung in unterscheidbare Grundtypen gegliedert ist. Wie an anderer Stelle erläutert, läßt der biblische Gebrauch des Begriffes „min“ (für „Art“) offen, was damit genau gemeint ist (vgl. Junker 1994, Abschnitt 5.5.1). In der Grundtypenbiologie geht es darum, zu zeigen,
3.2.2 Der harte KernIn der Arbeitsgruppe Wissenschaftstheorie der SG Wort und Wissen wurde ein harter Kern von Aussagen der Schöpfungslehre in Form einer Reihe von Thesen formuliert, die für alle Wissensgebiete zugrundegelegt wird. In der Grundtypenbiologie werden daraus folgende Aussagen als harter Kern herausgegriffen bzw. konkretisiert:
Dieser harte Kern ist wie in 3.1 erläutert zu unterscheiden von den biblischen Texten und konkreter als diese formuliert, kann aber aus den Texten abgeleitet werden. Lediglich der letzte Satz steht in keinem engeren Bezug zu den biblischen Texten, läßt sich indirekt aber ebenfalls als biblisch begründet darstellen. (Zur Begründung müßte weiter ausgeholt werden, was hier zu weit führen würde.) 3.2.3 Schutzmantel (Hilfshypothesen)Der harte Kern kann nicht direkt anhand von Beobachtungsdaten überprüft werden. Um ihn mit Daten konfrontieren zu können, werden Hilfshypothesen wie folgt formuliert:
3.2.4 Positive HeuristikZur Erinnerung: „Die positive Heuristik enthält grobe Richtlinien, die angeben, wie das Forschungsprogramm entwickelt werden könnte“ (Chalmers 82). Sie gibt Forschungswege an, denen man folgen soll, um den harten Kern auszubauen, um weitere Befunde zu erklären. Im Anschluß an die Hilfshypothesen ergeben sich folgende Strategien:
Zu diesen sieben Punkten können folgende das Grundtypmodell stützende Ergebnisse genannt werden: Zu 1.: Etwa 20 Grundtypen wurden bislang beschrieben; das Konzept abgrenzbarer Grundtypen hat sich bislang bewährt. Dabei ist folgendes zu beachten (was häufig übersehen wird): Innerhalb von Grundtypen sind gewöhnlich zahlreiche Kreuzungen bekannt, auch quer durch verschiedene Untergruppen. Zu Nachbargrundtypen besteht eine scharfe Grenze, über die hinweg es keine Kreuzungen gibt. Eine solche Situation innerhalb von Grundtypen sehr viele Kreuzungen, dann abrupt keine entspricht nicht evolutionstheoretischen Erwartungen, aber den Vorhersagen des Grundtypmodells. Zu 2.: Die Grundtypebene liegt nach bisherigen Studien auf dem Niveau der Familie oder zwischen Gattung und Familie. Auf diesem Niveau zeigen sich auch in der Fossilüberlieferung regelhaft Diskontinuitäten. Zu 3.: In den letzten Jahren sind hierzu zahlreiche Arbeiten veröffentlicht worden, die eine rasche Artbildung und Diversifikation innerhalb weniger Generationen belegen. Zu 4. und 5: Dafür gibt es zahlreiche Belege, deren Darstellungen den Rahmen dieses Artikels sprengen würde, weshalb auf Junker & Scherer (2001), Kap. VII.17.3 verwiesen werden soll. Zu 6.: Für „programmierte Variabilität“ gibt es bislang nur wenige Hinweise, motiviert aber ein interessantes Forschungsprogramm. Zu 7.: Eine große Zahl von Studien erweist das Fehlen eines Mechanismus für Makroevolution. Die Problematik wird beispielhaft in Junker & Scherer (2001), Kap. IV.7.4 oder in S. Scherer, Entstehung der Photosynthese (Neuhausen-Stuttgart, 1996) erläutert. Darüber hinaus sei darauf hingewiesen, daß das verbreitete Vorkommen komplexer Konvergenzen im Sinne eines „Baukastensystems“ interpretiert werden kann, wonach beliebige Merkmalskombinationen denkbar sind, wenn das Ergebnis funktionell Sinn macht eine Situation, die evolutionstheoretisch nicht zu erwarten ist. (Ausführliche Diskussion dazu in Junker [2002], Kapitel 5.) Die genannten Punkte sind hier nur knapp formuliert worden, um den Rahmen des Artikels nicht zu sprengen, und bedürfen jeweils genauerer Darstellungen. 3.2.5 AnomalienDie Grundtypenbiologie hat derzeit mit folgenden (möglichen) Anomalien zu kämpfen:
3.2.6 Frühere und mögliche zukünftige Weiterentwicklung der Grundtypenbiologie (progressive Problemverschiebung)Forschungsprogramme sollten eine progressive Problemverschiebung zeigen, d.h. die gegebenene Theorie sollte in einer Weise weiterentwickelt werden, daß die einzelnen Versionen dieser Reihe einen Gehaltsüberschuß gegenüber ihren Vorläufern besitzen, d. h. zusätzliche Vorhersagen machen. Wenigstens ein Teil des Gehaltsüberschusses sollte sich empirisch bewähren. Führen die Programmversionen dauerhaft nicht zu einem empirisch bewährten Gehaltsüberschuß, so daß lediglich ad-hoc-Hypothesen die Anomalien überspielen, ist das Forschungsprogramm degeneriert und hat sich (vorerst) nicht bewährt. In der Vergangenheit wurde das Grundtypkonzept (im weiten Sinne des Konzepts „erschaffener Arten“) mehrfach erweitert und führte zu progressiven Problemverschiebungen. Dazu kann gerechnet werden:
In Zukunft könnte je nach weiteren Erkenntnissen sich die Grundtypenbiologie wie folgt weiterentwickeln:
Es bleibt noch anzumerken, daß die genannten vergangenen und möglichen zukünftigen Änderungen den harten Kern nicht tangieren, womit der negativen Heuristik Rechnung getragen wird. Man beachte, daß zum harten Kern nicht gehört, daß die Grundtypen heute scharf abgrenzbar sein müssen (die biblischen Texte fordern dies nicht ausdrücklich); dies ist ein Bestandteil der Schutzmantels. 3.2.7 Vergleich mit dem Evolutionsmodell im Bereich der RezentbiologieAbschließend soll das Forschungsprogramm der Makro-Evolutionslehre mit dem der Grundtypenlehre verglichen werden. Ist die Grundtypenbiologie ein ernstzunehmender Konkurrent? Dieser Vergleich sei stichwortartig durchgeführt:
Das Grundtypenmodell erklärt sowohl den Erfolg als auch die genannten Anomalien des Evolutionsmodells, hat aber mit anderen Anomalien zu kämpfen, die mit der Zeitproblematik (Diversifikation von Grundtypen innerhalb weniger tausend Jahre) zusammenhängen, die es in dieser Form für die Evolutionslehre nicht gibt (z. B. in der Deutung des Fossilberichts). Außerdem ist ein großes Problem die Erklärung der Fossilreihenfolge (vgl dazu Stephan 2002). Die weitere Forschung kann natürlich zu einer Verschiebung der Anomalien und Erklärungsmöglichkeiten führen, aber das ist Zukunftsmusik. 3.3 Abschließende BemerkungenDie Grundtypenbiologie dürfte eines der am besten ausgebauten Forschungsprogramme im Bereich der Schöpfungslehre sein. In anderen Wissensgebieten fällt der Vergleich mit evolutionären Forschungsprogrammen nicht immer so günstig aus, doch kann auf vergleichbare Weise vorgegangen werden wie im Falle der Grundtypenbiologie. Das hier durchexerzierte Beispiel könnte ein Muster abgeben, wie schöpfungstheoretische Forschungsprogramme dargestellt und auch für Andersdenkende transparent gemacht werden können. 3.3.1 Das Forschungsprogramm-Konzept: passend für die Schöpfungslehre?Eingangs wurde u. a. die Frage aufgeworfen, ob die Schöpfungslehre eine ganz eigene Wissenschaftstheorie braucht oder ob sie bereits bestehende Konzeptionen aufgreifen kann, um sie eventuell noch zu modifizieren. Meines Erachtens bietet die Konzeption von Lakatos einen geeigneten Rahmen und zwar aus folgenden Gründen:
3.3.2 Unterschiede zwischen Schöpfungslehre und naturalistischen WissenschaftenAuf einen prinzipiellen Unterschied zwischen einer auf der biblischen Schöpfungslehre basierenden Ursprungsforschung und der auf den Naturalismus festgelegten Evolutionsforschung wurde bereits hingewiesen. In der Grundtypenbiologie werden konkrete inhaltliche Vorgaben gemacht. Dazu gehört die Existenz fertiger, diskreter Schöpfungseinheiten des Lebens (Grundtypen) von Anfang an und eine kurze Geschichte des Lebens. Insofern gibt es eine dogmatische Fixierung, die in vergleichbarer Weise im Rahmen der Evolutionslehre nicht unbedingt von vornherein gegeben ist. Es wurde datrauf hingewiesen, daß es in der Praxis aber auch im Rahmen der Evolutionsforschung dogmatische Festlegungen gibt, zunächst auf den Naturalismus, der in der Evolutionsbiologie mehr ist als eine Heuristik (weil die Option „Schöpfung“ prinzipiell ausgeschlossen wird), dann aber auch auf die „Tatsache der Makroevolution“, die auch trotz schwerwiegender Anomalien und trotz widerlegter Erwartungen nicht zur Disposition gestellt wird. Es sei darauf hingewiesen, daß die genannten dogmatischen Vorgaben der Schöpfungslehre ziemlich unscharf gehalten sind und konkretisiert werden müssen (vgl. Abb. 1). Dies ist ein Grund, weshalb im Rahmen einer schöpfungsorientierten Forschung die Ergebnisse nicht von vornherein feststehen. Darüber hinaus wurde in Abschnitt 3.2.4 eine Reihe von Fragestellungen genannt, in welche der Ansatz der Grundtypenbiologie führt. Es gibt viele wissenschaftlich behandelbare Fragestellungen, die im Rahmen der Grundtypenbiologie motiviert sind; dieser Ansatz kann Erkenntnisgewinnung fördern. Im Rahmen der Evolutions- und der Schöpfungslehre gibt es unterschiedliche Erwartungen, was durch naturalistisch orientierte Forschung erreicht werden kann. So wird im Rahmen der Schöpfungslehre beispielsweise erwartet, daß alle Versuche, die Entstehung des Lebens durch natürliche Vorgänge zu erklären, scheitern werden. Evolutionstheoretisch wird das Gegenteil erwartet. An der Frage, wie Leben entstanden ist, kann im Rahmen beider Ursprungslehren gearbeitet werden, z.B. indem ausgelotet wird, welche Prozesse physikalisch-chemisch ohne gezielte Steuerung möglich sind. Eingangs wurde erwähnt, daß der Schöpfungslehre Wissenschaftlichkeit abgesprochen werde, weil sie nicht zu Erkenntniszuwachs führe, weil ihre Ergebnisse von vornherein feststünden und noch aus anderen Gründen. In der Tat wird die naturwissenschaftliche Aufklärung bestimmter Fragen wie die der Entstehung des Lebens von vornherein als unrealistisch betrachtet aus biblischen Gründen; aber auch aus empirischen: Der Satz „Omne vivum e vivo“ wurde unzählige Male bestätigt. Er ist sicher einer des bestbegründeten Sachverhalte in der Biologie. Es ist daher auch empirisch begründet, an dieser Stelle keine eigenen Forschungen zu betreiben mit dem Ziel, diesen wohlbegründeten Sachverhalt zu widerlegen. Das wird von Kritikern als Erkenntnisverzicht interpretiert. Doch ist hier zweierlei zu bedenken: Zum einen: Selbstverständlich besteht auch im Rahmen der Schöpfungslehre Interesse an neuen Erkenntnissen der Biogenese-Forschung; andersdenkende Wissenschaftler werden sogar aufgefordert, den Satz „Omne vivum e vivo“ zu widerlegen. Die eigene Position, daß Leben auf natürlichem Wege nicht entstehen kann, wird ausdrücklich der Möglichkeit einer Widerlegung unterworfen. Zum anderen: Wenn Evolutionstheoretiker den ihrer Meinung nach wohlbegründeten Satz „Es gab eine allgemeine Evolution der Lebewesen“ nicht mehr hinterfragen und zu widerlegen versuchen, betreiben sie im Sinne der genannten Kritik ebenso Erkenntnisverzicht. Wollte man hier vom Forschungsverzicht sprechen, träfe diese Kritik die Evolutionstheoretiker also gleichermaßen. Welcher Evolutionstheoretiker betreibt Forschungen, um die „Tatsache der allgemeinen Evolution der Lebewesen“ zu widerlegen? Oder: Viele Organe wurden schon als nutzlos oder fehlkonstruiert deklariert, weil sie aus evolutionstheoretischer Perspektive als rückgebildet interpretiert wurden. Wenn keine (nennenswerte) Funktion erwartet wird, braucht man nicht danach zu forschen. Solcher Forschungsverzicht wurde aus evolutionstheoretischen Gründen schon oft betrieben. Oder: Warum untersuchen Evolutionstheoretiker nicht, ob es nach den Grundtypkriterien klar abgrenzbare Grundtypen gibt? Weil sie das als im Rahmen ihrer Sichtweise unrealistisch betrachten. Die Liste solcher Beispiele könnte noch fortgesetzt werden. Welche Phänomene im einzelnen auf natürlichem Wege auftreten können, steht für beide Ursprungskonzepte nicht von vornherein fest. So ist es auch für die Schöpfungslehre von Interesse, die Reichweite evolutiver Veränderungen oder natürlicher physikalisch-chemischer Prozesse auszuloten. Unterschiedlich sind jedoch die Erwartungen an die Ergebnisse der Forschung. Und verschieden sind zweifellos auch die Bewertungen der vorliegenden Ergebnisse. 4. Literatur
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