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Anmerkungen zu
Wissen und Wissenschaft unter Gott

von Prof Dr. A. Herzer im Dezember 2001


Dies stellt ein paar Gedanken im Anschluss an die diesjährige (2001) Fachtagung WISSENSCHAFTSTHEORIE dar.
Besprochen wurde das Manuskript von Herrn Kaiser (Wissen und Wissenschaft unter Gott), eine leicht ergänzte Fassung seines Vortrags in der Hauptkonferenz vorigen Jahres.


"Wir erkennen die Dinge, wie sie sind". Diese These wurde allerdings erläutert durch die Vorläufigkeit wissenschaftlicher Erkenntnis. Was ist daran richtig? "Der Mensch braucht ein Gehäuse" (Karl Jaspers). Der Mensch muss sich die Welt, in der er leben muss, die auf ihn einstürmt, irgendwie ordnen, sonst wird er wahnsinnig. (Karl Jaspers greift zurück auf Erfahrungen als Psychiater, die ihn schließlich auf den Weg zur Philosophie brachten.)

Gott kleidet die Menschen nach der Vertreibung aus dem Paradies mit Fellen. So gibt er ihnen auch weiterhin ein "Oikos", ein Zuhause. Rohrbach macht die Unterscheidung zwischen "Weltbild" und "Naturbild": Ersteres gibt dem Menschen die Geborgenheit im gottgeschaffenen Kosmos, letzteres wird von der exakten Wissenschaft geliefert, die doch überhaupt nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit berühren kann. Im Mittelalter stimmten Welt- und Naturbild noch überein, heute fallen sie auseinander. So lebt der Mensch in einer illusionären Welt; diese ist ihm jedoch zugleich von seinem Schöpfer als seine irdische Heimat geschenkt - einschließlich der im letzten dann doch gegebenen Heimatlosigkeit, die ihm als Pilgrim zukommt.

"Veritas est adaequatio intellectus et rei". Das kann ja nur heißen: Es gibt eine schöpfungsmäßige Zuordnung unserer Fähigkeit, Dinge (im weitesten Sinne) zu erkennen, zu dem Erkannten. "Wahrheit als Begegnung" (Emil Brunner) ist dann nicht mehr weit, auch Martin Bubers "Ich und Du", oder auch, dass uns Dinge "angehen", sogar "ansprechen", weil alles im Wort begründet ist (Rosenstock-Huessi). Wir können einen Menschen kennen lernen, immer besser, wir können uns mit einem Tier vertraut machen, eine Landschaft, die Bergwelt erwandern. "Dich kennen mehr und mehr" singen wir auch zu dem großen Du.

Man wird mir vorwerfen, dass ich Sprache unreflektiert verwende. Aber Sprache entspringt zugleich mit der Erkenntnis aus der Begegnung mit der Wirklichkeit. Puristische Nominalisten und Sprachreduzierer (wie z.B. Quine) mögen vielleicht exakte Wissenschaft noch exakter machen - aber was solls, das können die Wissenschaftler selber ohnehin - verschließen aber den Zugang zu allen wesentlichen Wirklichkeiten. Husserls "Zurück zu den Sachen" ist immer noch aktuell. Gemäß dem Husserl-Schüler (und meinem philosophischen Lehrer) Alois Müller, Bonn, steht am Anfang die sinnliche Erkenntnis, die immer schon mit Denken verbunden ist. Von ihr ausgehend gibt es weitere Zugänge zu Wirklichkeiten über das Denken (Verstand, Vernunft).

Es gibt aber noch einen weiteren Zugang, das ist die Schau. (Ich meine, es wird hier überall der "natürliche Mensch" vorausgesetzt.) Nehmen wir das Ich. Günther Bittner zeigt die Schwierigkeit, das "Ich-Gefühl" sprachlich zu fassen (zuletzt in Scheidewege 31, Jahrgang 2001/2002 "Kein Mensch kann für mich fühlen, ich bin"). Aber das Ich ist unmittelbar gegeben und man kann sich darüber verständigen. Ebenso ist doch unmittelbare Schau, dass zum Menschen Leib, Seele und Geist gehört. (Die Diskussion entspann sich im Anschluss an den Vortrag von Dr. Hans Penner über Eccles/Popper "Das Ich und sein Gehirn"; dort wird eine Existenz des Geistes unabhängig von Leib und Seele des Menschen postuliert und gezeigt, wie der Geist (unter Erlaubnis der heute anerkannten physikalischen Gesetze) über das Gehirn in die Welt eingreift.)

Ein anderes Beispiel: Immanuel Kant. Seine "Kritik der reinen Vernunft" enthält Ontologie und Metaphysik: Man kann die "Erkenntnis a priori" als Zugang des Denkens z.B. zur ideellen Sphäre der mathematischen Gegenstände interpretieren, die Kritik der praktischen Vernunft bzw. Urteilskraft (das geht auf Ethik bzw. Ästhetik) als Zugang zur Sphäre der ethischen bzw. ästhetischen Werte. In der Wirkungsgeschichte wurde Kant jedoch der große "Zertrümmerer", der für exakte Wissenschaften die Grundlagen des "Wissens" gab, während das übrige Gegenstand des bloßen "Glaubens" wurde; dass hiermit gleichwertige Zugänge zu anderen Wirklichkeitssphären (gemäß der ihnen entsprechenden Form der Erkenntnis) angesprochen wurden, blieb weithin unverstanden. Für Kant war der freie Wille, geboren aus dem "du sollst", Gewissheit. In der heutigen Diskussion scheint der Zugang zur Sphäre des Ethischen weithin verschüttet: In der Frage des Embryonen- Schutzes zieht man sich auf Lehren der Geschichte zurück (Euthanasie, Auschwitz), um daraus Schlussfolgerungen für das rechte Handeln zu gewinnen. (Vgl. verschiedene Aufsätze dazu in den obengenannten Jahresschrift "Scheidewege 31".) Das führt zu der Frage, ob das Postulat "Gott" aus der absoluten Verbindlichkeit des Ethischen, wie bei Kant, abgeleitet werden kann, oder ob Ethik letztlich nur aus einer Religion (der Sphäre des "Heiligen") ableitbar ist, für uns besonders aktuell: Eine der abrahamitischen Religionen.

Doch nun ist ja Aufgabe unserer Arbeitsgemeinschaft, Schöpfungswissenschaft in den jeweils einzelnen Disziplinen zu begründen. Und da stehen Fragen der Philosophie/Erkenntnistheorie höchstens im Hintergrund zum besseren Einordnen der Grundlagen, mit denen sich die meisten Wissenschaftler i.A. begnügen. Ein häufiger zu lesendes philosophisches Votum: "Was Wissenschaftler/Physiker zu Fragen der Ontologie und Metaphysik beigetragen haben, ist weithin bedeutungslos." Bei der Kritik einer Einzeldisziplin ist das "Paradigma" ins Auge zu fassen. Dies umfaßt nicht nur unbezweifelte Sätze dieser Disziplin sondern auch die anerkannten Methoden und Fragestellungen. Hier muss sich Schöpfungswissenschaft hineinbegeben, um etwas zu bewegen. Man vergleiche dazu den Aufsatz von Thomas Portmann im Verteiler von Ende 1997, sowie das Vorgehen vieler Arbeiten im Studium Integrale Journal zusammen mit den Monographien in "Studium Integrale". Wenn von der Hl.Schrift her andere Erkenntnisse zu erwarten sind, so kann der Weg dorthin nur im Rahmen des derzeit existierenden Paradigmas vermittelt werden. Dabei können auch Grundsätze dieses Paradigmas benannt und infrage gestellt werden. So kann z.B. der Unitarismus/Aktualismus in der Geologie durch entsprechende Befunde zu Diskussion gestellt werden, wie es z.B. M. Stephan tut. Wie man in der Biologie vorgeht, zeigt uns ja ständig Junker und Scherer. Die Philosophen unter uns mögen es bedauern, aber auf diesem Gebiet ist die Frage nach Wahrheit im philosophisch-erkenntnistheoretischen Sinne völlig irrelevant.

Dass dieses Konzept keine Verachtung des philosophischen Wahrheitsbegriffes bedeuten muss, möchte ich am Beispiel meines Arbeitsgebietes "Mathematik" verdeutlichen; denn auch diese Disziplin besitzt ein Paradigma. (Da ich erst im mittleren Alter und philosophisch-theologisch geschult mit dem Mathematik-Studium begann, konnte ich schon gleich wissenschaftstheoretische Beobachtungen mit einfließen lassen.) Ein wesentliches Hilfsmittel, um zu den Dingen zu gelangen, (d.h. etwas zu "verstehen"), ist das Lösen von Übungsaufgaben und das Besprechen derselben. So bekommt man allmählich ein Gefühl, wann ein mathematischer Schluss richtig ist. Denn zuerst muss man einmal lernen den mathematischen Gegenstand festzuhalten. Man lernt nun, wie ein Beweis auszusehen hat; die Ansprüche sind hier gegenüber der Mathematik des 19.Jahrhunderts enorm gestiegen. Ebenso später beim Beweis neuer selbstgefundener Sätze. Reicht ein Anfänger Entsprechendes bei einer Zeitschrift ein, wird ihm erst einmal beigebracht, wie so etwas auszusehen hat. Man kann sich auch ein Beispiel an anderen Arbeiten nehmen. D.h. ich "sehe" etwas, was vielleicht erst im Erarbeiten eines Beweises richtig klar wird, und stelle dies durch Veröffentlichung zur Diskussion. Zwar besteht für mich die mathematische Wahrheit im Zugang zu dem mathematischen Gegenstand in seiner ideellen Sphäre. Dass aber Irrtum ausgeschlossen ist, garantiert mir erst die "scientific community". D.h. ich begreife mathematische Wahrheit nicht als Konvention, unterstelle sie aber sehr wohl der Kritik der Gemeinschaft der Mathematiker. - Entsprechend ist z.B. auch der Wahrheitsbegriff in der Physik zu sehen. Als (der noch ganz junge) Max Planck bei der Untersuchung der Strahlung schwarzer Körper auf eine diskrete Form der Wärmeübertragung stieß, unterbreitete er diesen Tatbestand der physikalischen Öffentlichkeit, und diese ließ sich überzeugen. (Das Beispiel der Einsteinschen Relativitätstheorie ist in dieser Hinsicht allerdings nicht so schlüssig.)

Zum Abschluss:

Wie verhält sich die eine Wahrheit zu den vielen Einzelwahrheiten? Des Herrn Wort ist wahrhaftig, und was er zusagt, das hält er gewiß. Das Wort ward Fleisch, und wir sahen seine Herrlichkeit...voller Gnade und Wahrheit. Hier ist nicht einfach der aristotelische Wahrheitsbegriff, sondern mehr, wie z.B.auch, wenn ich von ganzem Herzen sage "ich liebe dich". Christus als die Wahrheit eröffnet einen Weg, einen Lebensvollzug im Lichte Gottes. Hier bekommen dann auch die vielen kleinen (aristotelischen) Wahrheiten der Schrift und auch der Wissenschaften ihren geeigneten Platz. Ich darf "in der Wahrheit" sein.

Wir dürfen insoweit uns die Welt in diesem Licht auch selber ordnen. Visionäre haben großartige Bilder der Heilsgeschichte von Schöpfung, Urmensch, Fall bis zur Endgeschichte entworfen. Dieses Persönliche geht dann auch gewiss über die Schrift hinaus und kann nicht Gegenstand unserer Arbeitsgemeinschaft sein.


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Letzte Änderung: 03.01.2005
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