Themenübersicht
Suchen Sie nach einem Schlagwort Druckerfreundliche Ansicht dieser Seite
Informationen aus der Studiengemeinschaft WORT und WISSEN

Ernst Mayr, Charles Darwin, Evolution und Sozialdarwinismus
 
Info 4/03
Nr. 65/11.03
•  Grußwort von Peter Imming
•  Überraschendes an der
Universität von Königsberg
•  Ernst Mayr, Charles Darwin,
Evolution und Sozialdarwinismus
•  Darwin im Kreuzverhör
•  Kleine „Publikations-Wunder“
•  Evolutionskritische Filme als DVDs
•  Zeitschrift SIJ 10. Jg. Heft 2
•  Anzeigen
 

Ernst Mayr, deutschstämmiger Ornithologe, Zoologe und Taxonom, der letzte noch lebende Mitbegründer des Neodarwinismus, wurde am 5. Juli 2003 99 Jahre alt. Er gilt als der „größte lebende Evolutionsbiologe“ (Stephen Jay Gould), als lebende Legende unter den zeitgenössischen Wissenschaftlern und als „Darwin des 20. Jahrhunderts“ (New York Times). Er veröffentlichte mehr als ein Dutzend Bücher, darunter „Die Entwicklung der biologischen Gedankenwelt“ (1984) sowie die Standardwerke „Systematics and the Origin of Species“ (1942) und „Artbegriff und Evolution“ (1967). Ernst Mayr lebt heute in der Nähe von Boston.

Im Sommer diesen Jahres gab er der „Netzeitung“ ein längeres Interview (http://www. netzeitung.de/wissenschaft/243542.html und .../243544.html – Stand: 3. 11. 2003). Aus diesem Interview zitieren wir hier einige bemerkenswerte Passagen, in welchen er sich über den heutigen Menschen aus evolutionärer Sicht äußert.

Netzeitung: Was fällt Ihnen zum Thema Evolution bei den heute mehr als sechs Milliarden Menschen ein?

Mayr: In unserer Massenpopulation, das ist die Tragik der Menschheit – die Art Selektion, die da stattfindet, ist keine Gewünschte.

Netzeitung: Wie sieht die Zukunft des Menschen aus?

Mayr: Finster.

Netzeitung: Aus welchen Gründen?

Mayr: In ihrem Urzustand bestand die Menschheit aus Gruppen von Menschen, sozialen Gruppen, die kooperierten und mit anderen Gruppen konkurrierten. Manche Gruppen waren erfolgreicher als andere – zum Teil deshalb, weil sie besonders gut mit anderen Gruppen kooperiert haben und dadurch einen Selektionsvorteil hatten. Das ist von Anthropologen und Historikern oft beschrieben worden. Als ich in Neuguinea war, gab es im ersten Dorf, in dem ich lebte, einen Häuptling. Der war offensichtlich eine sehr außergewöhnliche Persönlichkeit, er war sehr intelligent, sehr erfolgreich. Er hatte drei Frauen. In dem Dorf gab es auch zwei oder drei Männer, die waren nicht ganz so bedeutend wie der Häuptling. Die hatten zwei Frauen. Der Durchschnittsmann hatte eine Frau. Und vielleicht 20 oder 30 Prozent der Männer hatten gar keine Frauen. Und die waren auch aus meiner Sicht ganz offensichtlich nicht smart genug. Das ist ein typisches Beispiel von Selektion in der Art Mensch. Am richtigen Platz, in der richtigen Umwelt, hat das zur kulturellen Entwicklung der menschlichen Art geführt. Die Überlegenen hatten mehrere Frauen, haben ihre Gene also erfolgreicher weitergegeben als die weniger Cleveren. Das war eine Art Eugenik. Heute hat die Art Mensch keine Chance, sich weiter zu entwickeln, weil keinerlei Selektion stattfindet.

Netzeitung: Welche Aussichten haben wir also?

Mayr: Das kann man sich leicht ausrechnen. Wenn die Besten nur ein oder zwei Kinder haben, und diejenigen, die nicht die Besten sind, vier oder fünf Kinder, braucht man nicht viel Intelligenz um sich auszurechnen, was da im Laufe der Zeit passieren wird: ein Niedergang, eine Rückentwicklung.
(Das Interview wendet sich dann anderen Themen zu)

Kommentar: Die Aussagen von Ernst Mayr zeigen (wieder einmal) deutlich, daß der Humanismus keine wirkliche Basis besitzt. Mayrs Statement stellt kaum eine Außenseiterposition dar; er ist nicht irgendwer, sondern der vielleicht weltbekannteste Biologe. Für ihn ist es nicht wünschenswert, wenn die Erfolglosen sich fortpflanzen. Die Konkurrenz, der Kampf ums Dasein wird als Rettung für die Zukunft der Menschheit propagiert. Trotz heftiger Dementis seiner späteren Anhänger hat dies auch Darwin ähnlich gesehen. Das zeigt die umfangreiche und nüchterne Biographie von DESMOND & MOORE (1991). Auch wenn es immer wieder vehement bestritten wird: Die brutale „Ethik“ des Sozialdarwinismus kann nicht wirklich vom Darwinismus getrennt werden. Das gilt, auch wenn längst nicht jeder Vertreter der Evolution ein Verfechter sozialdarwinistischer Auffassungen ist.

Die Zukunft ist laut Mayr „finster“; er befürchtet einen „Niedergang“ der Menschheit, eine „Rückentwicklung“. Hier ist der hochgemute Naturalismus in den Pessimismus abgeglitten. Bereits im 19. Jahrhundert war es auch der biologische Naturalismus – damals sprach man vom Materialismus –, der in Europa zum Mitauslöser eines kulturellen Pessimismus wurde (LÜTGERT 1926; 1930). Es muß(te) so kommen, denn nicht allein der Darwinismus, sondern die neuzeitlichen, naturalistisch orientierten Weltanschauungen überhaupt sind nicht in der Lage, dem Menschen eine tragfähige Zukunftsperspektive zu eröffnen. Vor allem aber: Der Naturalismus nimmt nicht die Gesamtwirklichkeit zur Kenntnis und steht damit in Gefahr, zur Ideologie zu werden.

ANHANG: Darwin und der Naturalismus. In diesem Sinn sollte immer unvergeßlich bleiben, daß der altgewordene Darwin mit Freunden und Verwandten einmal eine spiritistische Sitzung besuchte – damals eine Modetorheit der eleganten Londoner Salons –, dann aber vorzeitig hinausging. „Die Vorstellung begann ohne ihn.“ Natürlich hatte er recht mit seiner Weigerung, an der Sitzung teilzunehmen. Jedoch verließ er den Raum nicht aus Gottesfurcht, nicht mit Berufung auf die Bibel. Vielmehr hatte er Angst, sein Naturalismus könnte durch die dort auftretenden, unerklärlichen Phänomene erschüttert werden (schon der junge Darwin hatte sich in seinen geheimen Tagebüchern selbst als Materialist bezeichnet). Darwins Ehefrau Emma, die auch bei der Sitzung anwesend war, äußerte dazu: „Er will es nicht glauben, der Gedanke daran ist ihm so unsympathisch.“ Seine Nichte Snow war deshalb von ihrem Onkel enttäuscht, zumal Darwin es gewöhnlich „als eine große Schwäche ansah, wenn man seine Überzeugungen von Wünschen beeinflussen ließ“. Emma antwortete Snow: „Ja, aber er handelt nicht im Einklang mit seinen Prinzipien“ (DESMOND & MOORE 1991, Kap. 40).

Manfred Stephan

Literatur

DESMOND, A. & MOORE J.
Darwin. München-Leipzig 1991.
LÜTGERT, W.
Die Religion des deutschen Idealismus und ihr Ende, Bd. 3: Höhe und Niedergang des Idealismus. Gütersloh 1926; Bd. 4: Das Ende des Idealismus im Zeitalter Bismarcks. Gütersloh 1930.

zum Seitenanfang

Das Wort und Wissen Info 4/2003 (Nr. 65 / November 2003)

Home Publikationen W+W Info

Studiengemeinschaft WORT und WISSEN e.V.
Letzte Änderung: 31.12.2004
Webmaster