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Informationen aus der Studiengemeinschaft WORT und WISSEN

Überraschendes in einem leeren Hörsaal an der Universität von Königsberg
 
Info 4/03
Nr. 65/11.03
•  Grußwort von Peter Imming
•  Überraschendes an der
Universität von Königsberg
•  Ernst Mayr, Charles Darwin,
Evolution und Sozialdarwinismus
•  Darwin im Kreuzverhör
•  Kleine „Publikations-Wunder“
•  Evolutionskritische Filme als DVDs
•  Zeitschrift SIJ 10. Jg. Heft 2
•  Anzeigen
 

Vom 1. bis 8. Juli 2003 unternahmen wir (mein Russisch-Übersetzer Dr. Harry Tröster, unser Reise-Organisator Gerhard Perteck, der gebürtige Königsberger Dietrich Müller und ich) eine Vortragsreise ins nördliche Ostpreußen, in dem auch mein Geburtsort Raineck lag. Nun aber ist das Dorf durch Abriß in den 50-er Jahren völlig vom Erdboden verschwunden – man sieht weithin nur noch eine versteppte Landschaft. Die einstige Kornkammer Deutschlands ist zur Einöde geworden.

Es sind Vorträge in Königsberg (russ. Kaliningrad), Preußisch-Eylau (russ. Bagrationowsk), Insterburg (russ. Tschernjachowsk), Tilsit (russ. Sowjetsk) und Grommowo (russ. Name), einem kleinen Dorf in der Elchniederung, geplant. Berichten möchte ich hier jedoch nur von einer Veranstaltung.

Es ist Montag, der 7. Juli 2003, und für 14 Uhr ist im Hauptgebäude der Universität Königsberg ein Vortrag an der naturwissenschaftlichen Fakultät angesagt. Wir sind rechtzeitig da, um den Hörsaal zu finden und vor allem, um den Overhead-Projektor zu testen – das ist in Russ-land eine unbedingt notwendige Maßnahme, denn Technik ist nicht selten mit Zufallsmechanismen korreliert. Kurz nach 14 Uhr ist der Professor, der uns eingeladen hatte, immer noch der einzige russische Zuhörer. Er erklärt die Situation, indem er den leeren Hörsaal mit der Ferienzeit der Studenten entschuldigt. Zehn Minuten später kommt seine Assistentin mit ihrem etwa 15-jährigen Sohn dazu. Außer uns Vier sind in dem geräumigen Hörsaal nun schon drei Hörer. Wir warten bis etwa 14,30 Uhr, um auch verspäteten Hörern noch eine Chance einzuräumen. In der Tat, mit halbstündiger Verspätung betritt noch eine junge schwangere Frau den Hörsaal. Wir wissen nicht, ob es eine Studentin oder vielleicht auch eine Assistentin an seinem oder einem anderen Institut ist. Die gesamte „Zuhörerschaft“ hat Platz an einem einzigen Tisch. Und tatsächlich wählen sie auch einen gemeinsamen Tisch in der zweiten Reihe. Nun begrüße ich das „Auditorium“, wie gewohnt, mit meinem Standardsatz in Russisch: „Sdrastwutje daragie drusia!“ (Guten Tag, liebe Freunde). Ich tue zwar so, als spräche ich vor einem überfüllten Hörsaal, bin aber dennoch in ständigem Blickkontakt zu meinen vier Interessenten. Mein naturwissenschaftlich-biblisches Thema wird nach meinem Eindruck aufmerksam verfolgt, wenngleich der Overhead-Projektor ebenfalls sein Recht auf Aufmerksamkeit beansprucht. Er hat eine so milchige Glasscheibe, dass nur durch die Mitte das Licht so einigermaßen die Leinwand erreicht. Um immer durch das „Schlüsselloch“ schauen zu können, muß ich jede Folie mindestens 5 bis 6-mal neu positionieren, damit der ganze Blattinhalt präsentiert werden kann. Hinzu kommt noch, daß der wackelige Stecker ständig von jemandem gehalten werden muß, damit er nicht aus der Buchse fällt.

Schlossteich in Königsberg nach einer alten Postkarte

Mein Vortrag nähert sich mehr und mehr dem thematisch geplanten Ende. Da schießt es mir durch den Kopf: Bei unserem letzten Besuch an der Uni Königsberg habe ich fast ausschließlich wissenschaftlich argumentiert. Wenn ich das heute wieder tue, habe ich vielleicht einige Denkanstöße gegeben, aber dadurch wird noch niemand gerettet. So entschließe ich mich kurzerhand, den Vortrag möglichst ohne Bruch evangelistisch zuzuspitzen. Ich spüre bereits nach den ersten Sätzen, daß sich niemand empört oder den Eindruck macht, ich tue jetzt etwas, was nicht in den Hörsaal paßt. Im Gegenteil: Die Aufmerksamkeit steigt noch an. Dann frage ich meine vier Zuhörer, ob sie diesen Jesus, den ich als Retter vorgestellt habe, auch persönlich annehmen möchten. Von links beginnend, wende ich mich zuerst der Studentin zu. Meine Hoffnung war, als junge Frau wird sie am ehesten bereit sein, eine Entscheidung zu treffen. Das könnte Vorbildcharakter für die anderen haben. Aber ich täusche mich. Sie sagt ein klares „NJET“ (Nein). Dann geht mein fragender Blick an den jüngsten Zuhörer, und er sagt „DA“ (Ja). Wie freue ich mich, daß er zustimmt! Die Assistentin weiß nun, daß sie an der Reihe ist. Ich merke, sie wirkt unsicher und unentschieden, und so antwortet sie etwas diplomatisch: „Man muß sich jeden Tag entscheiden.“ Nun steigt bei uns vier Deutschen die Spannung steil an, wie wohl wird der Professor reagieren? Von ihm kommt – wir können es kaum fassen – ein klares und deutliches „Ja!“ Damit hatte keiner von uns gerechnet.

Nun nehme ich meine Bibel zur Hand und erkläre anhand einiger zentraler Verse den Weg zu Jesus. Es ist eine Entscheidung für das irdische Leben, aber auch für das ewige Leben. Nach all den Erklärungen frage ich noch einmal alle Vier in der gleichen Reihenfolge, wer wohl mitbeten wolle. Insgeheim hoffe ich, daß die vorhin nein-sagende Studentin sich jetzt doch noch anders entschließt. Es geht ja um sehr viel – den Himmel zu gewinnen oder zu verlieren.

Aber sie bleibt bei ihrem unmißverständlichen „Nein“. Wie schade, wenn jemand so dicht auf den Schatz im Acker gestoßen ist und ihn dann doch nicht hebt. Die Mutter hat inzwischen auf den Sohn eingewirkt, und dieser artikuliert nun ein zögerndes Nein. Es ist nach unserem Eindruck nicht seine eigene Überzeugung, aber er gehorcht ganz offensichtlich der Mutter. Sie selbst hat sich nun zu einem deutlichen, wenn auch sehr traurig wirkenden „Nein“ entschieden. Der Vergleich mit dem reichen Jüngling drängt sich auf, von dem es in Lukas 18,23 heißt: „Als er aber das hörte, wurde er traurig.“ Nun wird es noch einmal spannend. Was wird der Professor sagen, nachdem die drei Vorgänger alle abgelehnt haben? Welch ein Wunder! Er sagt ein fröhliches „Ja!“ Über seinen Mut vor ablehnenden Zeugen können wir nur staunen! Ich spreche – wie zuvor ausführlich erklärt - das Übergabegebet vor, das Harry T. Satz für Satz ins Russische übersetzt und das der Professor nun als eigenes Gebet nachsprechen kann. Mir fällt auf, daß er jeden Satz auffallend deutlich und laut wiederholt. Er tut es ohne Scheu in Gegenwart der anderen drei Neinsager. Es ist offensichtlich seine feste Überzeugung. Uns wird bewußt: Hier ist jemand „vom Tode zum Leben hindurchgedrungen“ (Joh 5,24).

Was so entmutigend anfing, endete mit einem Sieg Jesu. Unserem Herrn sei Dank, daß er sich aus allen Situationen heraus Kinder erwecken kann. Des durften wir Zeugen sein.

Werner Gitt


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Das Wort und Wissen Info 4/2003 (Nr. 65 / November 2003)

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Letzte Änderung: 31.12.2004
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