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WORT und WISSEN

Info 3/05 - Nr. 72/September 2005




Während ich noch vor wenigen Wochen auf der Grabung in Ramat Rachel (am Südrand von Jerusalem) war, brachten mehrere Zeitungen in Israel und den USA die neue Entdeckung aus Jerusalem: „King David’s Palace is Found, Archaeologist Says“ (New York Times 5. August 2005). Seit 5 Monaten gräbt die Enkelin des verstorbenen Archäologen Professor Benjamin Mazar in der Davidstadt.

Abb. 1: Ramat Rachel (2005): Oded Lipschits (Grabungsdirektor) und Peter van der Veen untersuchen einen Krughenkel mit dem Stempelsiegel eines hohen Beamten aus der Zeit des biblischen Königs Hiskia. (Bild: J. Schweinsberg)  

Die Grabung von Eilat Mazar ist politisch höchst umstritten. Sie gräbt auf dem Gelände der jüdischen Siedler im arabischen Dorf Silwan, das auf den vermeintlichen Überresten der Davidstadt auf dem Hügel südlich des Tempelbergs errichtet wurde. Funde, die die alte Geschichte des jüdischen Volkes und die des Königs David an diesem Ort belegen sollen, sorgen unumgänglich für Zündstoff, nicht nur unter Arabern, sondern auch unter Archäologen und Bibelkritikern, die die biblische Vergangenheit in den letzten Jahren immer mehr in Frage gestellt haben.

Dies ist einerseits nachvollziehbar, da man bis heute ja gerade in der Davidstadt kaum Entdeckungen aus der Zeit Davids gemacht hat. Der Archäologe Ronny Reich von der Universität Haifa sagte kürzlich in einem Interview mit dem ZDF: „Ich habe jahrelang an verschiedenen Stellen in der ‘Davidstadt’ gegraben, aber was ich bis jetzt vorweisen kann, sind nur ein paar Hände voll Scherben, die man mit einiger Sicherheit auf das 10. Jahrhundert [d.h. die Zeit des Königs David] datieren kann.“

Abgesehen von zwei Hinweisen auf das ‘Haus Davids’ in Inschriften aus dem späten 9. Jh. v. Chr. gibt es tatsächlich über David aus der Archäologie kaum etwas zu berichten. Und dennoch hebt gerade die Bibel die Zeit der Könige David und Salomo als Glanzzeit hervor, während der man in Jerusalem viel gebaut haben soll. So stellt sich einer der Autoren des unlängst erschienenen Fernsehbegleitbuches zur ZDF-Dokumentarreihe „Das Bibelrätsel“ (eine Buchrezension zu diesem Band erscheint im nächsten Info) die Frage, „warum die Bibel diesen kleinen [gemeint ist archäologisch unbedeutenden] Anfang so groß macht ...“ (S. 157).

Was nun hat Eilat Mazar entdeckt, das so bedeutend ist? Oberhalb einer gewaltigen Terrassenanlage bzw. Steinaufschüttung am Osthang der Davidstadt hat sie Teile eines administrativen Gebäudes ausgegraben, das aus der frühen Eisenzeit II stammen soll. Diese Periode wird nach der traditionellen Datierung auf das 10. Jh. v. Chr. datiert, also auf die Zeit des Königs David. Tonscherben aus den Fundamenten der Anlage stammen aus dem späten 11. Jh. v. Chr. (also aus der Zeit der Jebusiter, die dort vor David wohnten). Dies ist die erste bekannte administrative Anlage oben auf dem Gipfel der Davidstadt, die aus der früheren Königszeit datiert. Ob jedoch dieses Bauwerk tatsächlich aus der Zeit Davids stammt (wie Eilat Mazar behauptet) oder aus einer etwas späteren Phase (aus dem 9. Jh. v. Chr.?) wird sich vielleicht bei einer weiteren Grabung klären.

Auch wenn ich persönlich noch nicht davon überzeugt bin, daß diese Anlage aus der Zeit Davids stammt (es fehlen Inschriften, und die Terrassenanlage unterhalb des ‘Palastes’, die mit dem von David und Salomo erbauten Millo gleichgesetzt wird, ist archäologisch älter), halte ich die Grabungen von Mazar in der Davidstadt für äußerst wichtig. Denn Mazar ist eine der sehr wenigen zeitgenössischen israelischen Archäologen, die die Bibel ernst nehmen, und es wäre ihr daher zu wünschen, daß sie künftig auf konkrete Spuren aus der Zeit Davids stoßen wird.

Das allerdings waren nicht die einzigen aufregenden Funde aus der diesjährigen Grabung Mazars. Im oberen Zerstörungsschutt (an der Oberfläche oberhalb der Grabungsfläche) stieß sie auf eine Tonbulle mit dem Abdruck eines hohen Beamten aus der Regierungszeit des letzten judäischen Königs Zedekia (ca. 590 v. Chr.). Der Eigentümer des Siegels, Juchal, der Sohn Schelemjas, wird im Buch Jeremia Kap. 37,3 und 38,1 namentlich erwähnt. Bereits 1982 wurden unweit der jetzigen Grabung in der Davidstadt aus der Schuttschicht der babylonischen Eroberung mehr als 50 Tonverschlüsse geborgen, darunter zwei Siegelabdrücke, die ebenfalls von bekannten biblischen Beamten aus der Zeit des Propheten Jeremias stammen. Dieser Fund ist heute wie damals noch immer eine archäologische Sensation. Um so erstaunlicher, jedoch, daß gerade dieser Fund in der neuen Dokumentarreihe des ZDF nicht erwähnt wurde. Während das Begleitbuch zur Reihe ‘Das Bibelrätsel’ eher die Betonung auf die Abwesenheit der Anhaltspunkte in der Bibel legte, kamen solche tollen Funde – die es selbstverständlich gibt – kaum zur Sprache.

Abb. 2: Tonverschluß des Yuchal (Jer. 37,3) aus der Davidstadt. (Mit freundl. Genehmigung von E. Mazar) 

Deshalb halte ich es auch für äußerst wichtig, daß wir uns bei Wort und Wissen intensiv mit der biblischen Archäologie beschäftigen. Solange einerseits wichtige Entdeckungen verschwiegen, andererseits scheinbare ‘Ungereimtheiten’ sofort als Beweis gegen die Bibel verwendet werden, gilt die Herausforderung, auf diesem Gebiet aktiv zu sein.

Durch Forschungsprojekte, durch das Schreiben neuer Bücher und Artikel, wie auch durch die Teilnahme vor Ort an Ausgrabungen in Israel (wie z.B. im administrativen Zentrum Ramat Rachel aus der judäischen Königszeit und in Tel Gat, der Heimatstadt Goliats), wollen wir dazu beitragen, die Geschichte der Bibel anhand der Archäologie lebendig werden zu lassen. Diese Geschichte ist nicht lediglich ein wunderbar erzählter Mythos, sondern uneingeschränkt die wahre Geschichte von Gottes Heilswirken an Israel und der ganzen Welt! Was sie historisch erzählt, will auch als wahre Geschichte verstanden werden. Die Erforschung der biblischen Welt lohnt sich auf jeden Fall. So entdeckten ebenfalls vor kurzem Jerusalemer Archäologen den von manchen Gelehrten bereits für einen Mythos gehaltenen Teich von Siloah im Süden der Davidstadt, wo Jesus den in Johannes 9 erwähnten Blinden geheilt hat.

Die neuen Funde aus Jerusalem machen wieder einmal deutlich, daß die Archäologie weiterhin die biblische Vergangenheit erleuchtet. Unsere Beteiligung an der archäologischen Forschung bei Wort und Wissen ist also ein andauernder Auftrag, der sich ständig neu den Herausforderungen durch neue Entdeckungen einerseits und Angriffen aus den Medien andererseits stellen muß. Sie trägt konkret zur Darlegung der historischen Zuverlässigkeit der Bibel bei und bedarf deshalb auch unserer Unterstützung und Gebete.

Ihr Peter van der Veen


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Buchbesprechung von Prof. Dr. Thomas Schirrmacher

Vor zwei Jahren war es mir vergönnt, mit „Biblische Archäologie am Scheideweg?“1 eine Meisterleistung der beiden Herausgeber vorzustellen.2 Auch wenn es gewisse Unterschiede des jetzt erschienenen kleinen Bruders gibt – so finden sich diesmal keine Beiträge verschiedener Autoren pro und contra bestimmte Positionen und bis auf einen Beitrag von John Bimson nur Beiträge der Herausgeber, die die verschiedenen Sichtweisen gründlich darstellen und vergleichen – könnte ich doch über das neue Buch über weite Strecken das gleiche Urteil abgeben. So gilt etwa folgendes gleichermaßen: „Dies Buch ist schon in der äußerlichen gebundenen Aufmachung und im Seitenbild beim reinen Durchblättern Spitzenklasse und eine einzige Einladung zum Kaufen und Lesen, was für ein wissenschaftliches Buch zu einem Spezialthema (also mit Ausnahme von auflagenstärkeren Lehrbüchern) sicher ungewöhnlich ist.“

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Leider traf aber meine damals geäußerte Hoffnung nicht ein: „Es bleibt zu hoffen, daß dieser Einsatz ganz unabhängig davon, wie man zum Inhalt des Buches steht, dazu anregt, daß sich aus dem evangelikalen Bereich mehr Forscher finden, die an der internationalen Ausarbeitung einer neuen (oder der Verteidigung der alten) Chronologie der antiken Kulturen beteiligen ... Schade, daß Vertreter evangelikaler theologischer Hochschulen in der ganzen Debatte fast völlig fehlen. (Wir schicken jedenfalls Studenten und Dozenten zu jeder W+W-Tagung zum Themenkomplex.)“ Jedenfalls ist der große Bruder in der säkularen Welt wesentlich intensiver rezipiert worden, als in der evangelikalen Theologie. So muß man den Herausgebern dankbar sein, daß sie selbst die Diskussion in Deutschland erneut vorantreiben.

Bis in die 1970er Jahre schien es aufgrund der Grabungsergebnisse John Garstangs in den 1930er Jahren Gewiß-heit zu geben, daß die zerstörten Mauern Jerichos tatsächlich existieren. Inzwischen gilt es jedoch für eine wachsende Zahl von Forschern als ausgemacht, daß weder die Einnahme von Jericho noch überhaupt die Landnahme je stattfand. Typisch ist etwa die 2003 auf Deutsch in „Keine Posaunen vor Jericho“ veröffentlichte Sicht von Israel Finkelstein und Neil Silbermann, daß sich hinter Josuas Maske König Josia verberge, der beweisen mußte, daß Israel gegenüber seinen Feinden siegreich sei. Insbesondere die im Buch von Finkelstein & Silberman gründlich vorgestellten Modelle, die die Geschichte Palästinas im Lichte von Anthropologie und vor allem Soziologie deuten, haben für die historische Glaubwürdigkeit der Schrift einen ähnlichen Effekt wie seinerzeit die verschiedenen Quellenscheidungstheorien der historisch-kritischen Methoden in ihrer Frühzeit (so mit den Autoren S. 33).

Evangelikale, die sich für die Irrtumslosigkeit der Schrift einsetzen, haben schon länger kein Modell vorgelegt, wie die Eroberung Jerichos und die Landnahme im Licht der Ärchaologie so zu verstehen ist, daß sie mit der historischen Glaubwürdigkeit der Bibel in Einklang gebracht werden kann. Aber auch solche Evangelikale, denen diese Sicht zu eng erscheint, lassen praktisch meist offen, ob es sich bei der Landnahme überhaupt um historische Berichterstattung handelt oder nicht. Das hat dann aber nichts mehr mit Fehlern in der Bibel zu tun, sondern würde bedeuten, daß ein breiter Themenkomplex mehrerer alttestamentlicher Bücher frei erfunden ist.

Die Autoren Zerbst & van der Veen stellen zunächst einmal zu den angeschnittenen Themen die verschiedenen Positionen gründlich dar, darunter auch die Modelle, die absichtlich oder zufällig zu einer chronologischen Parallelisierung von im Alten Testament beschriebenen und tatsächlich nachgewiesen Ereignissen oder Tatbeständen führen. Darauf aufbauend schlagen die Autoren jeweils ein Modell als wahrscheinlichste Lösung vor und modifizieren oder aktualisieren es. Dabei geht es ihnen nicht um billige Lösungen, sondern sie listen selbst die Probleme und Anfragen zu ihren eigenen Vorschlägen auf. Sie können zwar zeigen, daß in allen Fällen sehr plausible Modelle vorliegen, jedoch noch viel Forschung nötig sein wird, um zu historisch gesicherten Erkenntnissen zu kommen.

Brilliant – dieses sei mir als Theologe gestattet, der sich für die historische Glaubwürdigkeit der Schrift ebenso einsetzt wie für die Notwendigkeit echter wissenschaftlicher Forschung in ihrem Umfeld – ist der Beitrag „Die Größe der israelitischen Bevölkerung während der Wüstenwanderung und der Landnahme“. Hier geht es vor allem um die viel zu großen Zahlenangaben im Alten Testament. Minutiös werden die Erklärungsmodelle gesichtet und gefragt, wie die hebräischen Begriffe wirklich zu verstehen sind. Zwar steht am Ende kein Modell, das alle Fragen aus der Welt schafft, aber doch eines, das eine sinnvolle Erklärung für niedrigere Angaben liefert, wie auch dafür, warum diese später mißverstanden und falsch übersetzt wurden. Ist hier der evangelikalen Welt ein Exeget verloren gegangen oder zeigt sich nur, daß Nichttheologen oft besser geeignet sind, die historische Glaubwürdigkeit der Schrift aufzuzeigen?

Kurzum, ein Buch, an dem Archäologen wie Theologen und jeder am Alten Testament Interessierte nicht vorbeigehen dürfen.

1 Peter van der Veen, Uwe Zerbst (Hg.) Biblische Archäologie am Scheideweg? Für und Wider einer Neudatierung archäologischer Epochen im alttestamentlichen Palästina. Studium Integrale. edition ‚pascal’. Hänssler: Holzgerlingen, 2002. 535 S., geb.
2 „Biblische Archäologie am Scheideweg?“ Wort und Wissen Info Nr. 63 (2/2003), 2-3; ausführlicher in Professorenforum-Journal 4 (2003) 2, 33ff.

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Uwe Zerbst & Peter van der Veen (Hg.)
Keine Posaunen vor Jericho?
Beiträge zur Archäologie der Landnahme.
155 Seiten, 60 Abb., zahlr. Tab., Hardcover
großes Format 16,5 x 24.
Reihe Studium Integrale.
Hänssler-Verlag, Holzgerlingen, 2005

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Buchbesprechung von Manfred Stephan

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, lautet nach dem Philosophen Immanuel Kant (1784) „der Wahlspruch der Aufklärung“.1 Christen wollen jedoch nicht nur ihren Verstand benutzen, sondern sich vor allem am Wort Gottes orientieren. Das bedeutet im Bereich des Denkens auf „alle Freigeisterei und jeden Vernunftschluß, der sich gegen die Erkenntnis Gottes erhebt“, freiwillig2 zu verzichten und sich „dem Gehorsam gegenüber Jesus Christus zu unterstellen“ (vgl. 2. Kor 10, 4-5; z.T. nach K. Berger).

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Dazu leitet das Buch von H. Stadelmann an, dem Rektor der Freien Theologischen Akademie (FTA) Gießen. Der Autor zeigt im 1. Teil: Das Bemühen um ein bibeltreues Verständnis der Heiligen Schrift mit der Betonung von Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit hat es nicht nur in der Orthodoxie des 16./17. Jahrhunderts gegeben, sondern ebenso in der Alten Kirche, der Reformation, im Pietismus und Evangelikalismus des 19. Jahrhunderts (S. 9-49). Schon deshalb kann man diese Position nicht – wie vielfach heute – als „fundamentalistischen“ Irrweg abtun, der (psychologisch) aus Überfremdungsängsten vor der Moderne bzw. Postmoderne zu erklären sei.

Im 2. Teil werden radikal-bibelkritische Positionen behandelt und ihre Konsequenzen aufgezeigt – u.a. E. Troeltsch, H. Gunkel, R. Bultmann, E. Drewermann und Qumran-„Enthüllungs“-Literatur (51-72). Dann werden die (oft unterschätzten) Gefahren gemäßigter Bibelkritik anhand von A. Schlatter, K. Barth und E. Brunner besprochen (S. 73-91). Das folgende, zentrale Kapitel entfaltet in 8 Thesen wichtige Eckdaten evangelikalen Schriftverständnisses (S. 93-146).

Mit einem für die meisten Arbeitszweige der SG Wort und Wissen bedeutsamen Kapitel wird der 3. Buchteil eröffnet: Ist die biblische Urgeschichte wahr? Weichenstellungen für eine heilsgeschichtliche Theologie (S. 147-169). Stadelmann weiß: „Zweifellos handelt es sich um ein ‚heißes Eisen’. Hier bestehen nicht nur die üblichen Erkenntnisunterschiede, wie man sie unter Theologen immer wieder findet. … Der Allein-Zuständigkeitsanspruch der menschlichen Ratio für die Erkenntnis der Welt hat die Theologie auf dem Gebiet des 1. Glaubensartikels (‚Ich glaube an Gott…, den Schöpfer des Himmels und der Erde’) in lange Rückzugsgefechte verwickelt. Wer das Gebiet der Schöpfungslehre im Spannungsfeld zwischen Glaube und Naturwissenschaften erneut angeht, rührt an einen empfindlichen Punkt“ (S. 147). Um so mehr ist Stadelmann für dieses mutige Kapitel zu danken. Einmal zeigt er in Auseinandersetzung mit anderen Positionen (v.a. E. Brunner und O. Cullmann), daß die biblische Urgeschichte – als Beginn der Heilsgeschichte – wirkliche Geschichte sein will (S. 148-162). Zweitens gibt er wichtige Hilfen für das Verständnis von anderen Schöpfungstexten im Alten Testament (z.B. im Buch Hiob und den Psalmen), die im Unterschied zu 1. Mo 1 eine ausgeprägt poetische Sprachgestalt haben (S. 162-165). Dann werden zwei Auslegungsmöglichkeiten des Schöpfungsberichts einander gegenüber gestellt, der sog. progressive Kreationismus, der „mit Gottes fortschreitendem, gezieltem schöpferischen Handeln (über lange Zeiträume hin) rechnet“, und der eigentliche oder Kurzzeit-Kreationismus, wie ihn etwa Wort und Wissen vertritt; die Studiengemeinschaft wird ausdrücklich mit einigen (allerdings älteren) Publikationen genannt (S. 166f.). Stadelmann zitiert F. Howe, der beide Positionen „mit dem exegetischen Befund der Genesis verglichen“ hat und zu dem Ergebnis kommt, daß „der eigentliche Kreationismus der Aussageintention von 1. Mo 1 ungezwungen näher steht“ (S. 168).

Weiter behandelt der umfangreiche Teil 3 als thematische Mitte des Buches das theologisch äußerst kontroverse Thema „Bibeltreue und Geschichte“. Denn bekanntlich bestreitet die an den Universitäten dominierende historisch-kritische Theologie den Geschichtscharakter der Bibel mehr oder weniger bzw. erklärt ihn für bedeutungslos. Zwei Kapitel gehen in diesem Teil dem Thema „Heilsgeschichte“ nach, das für Stadelmann von jeher zentral ist. Zunächst wird das Verhältnis von Geschichte und Heilsgeschichte untersucht (S. 171-217); dieses Kapitel enthält einen interessanten Abschnitt über unterschiedliche Gliederungsversuche der Heilsgeschichte im Judentum und Christentum (S. 192ff.). Das zweite Kapitel behandelt unter der Überschrift „Biblische Apokalyptik und heilsgeschichtliches Denken“ bestimmte alttestamentliche prophetische Texte und Bücher (Daniel), frühjüdische sowie neutestamentliche Schriften (Offb) und Abschnitte (z.B. Mt 24), die zur „apokalyptischen“ Literatur gezählt werden; Stadelmann gibt wichtige Hilfen zur Charakteristik und zum Verständnis dieser weithin „endzeitlichen“ Texte (S. 219-236). In zwei weiteren Kapiteln wird anhand der beiden Beispiele Versuchungsgeschichte Jesu und „Differenzen“ zwischen Apostelgeschichte und Galaterbrief im Detail gezeigt, worin die Problematik bibelkritischer Auslegungsmethoden besteht und wie im Gegensatz dazu die Auslegungsschritte aussehen können, die eine schriftgemäße Bibelwissenschaft anwenden sollte (S. 237-292).

Der 4. Teil ist praktisch-theologisch ausgerichtet; er behandelt so wichtige und umkämpfte Themen wie die Bibel „als Norm im Gemeindeaufbau“ (S. 293-326), die Frage der „Frauenordination“ (Pastorinnen) in bibeltreuer Perspektive (S. 327-356; das Kapitel gehört zu den gründlichsten und ausgewogensten Abhandlungen, die ich dazu kenne), sowie „bibeltreue Ausbildung auf allen Ebenen“ – Hochschulen, Religionsunterricht, evangelikale Ausbildungsstätten (S. 357-390).

Fazit: Auch für Nichttheologen ein verständliches und empfehlenswertes Buch!

Anmerkungen

1 Kant, I.: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Bahr, E. (Hrsg.): Was ist Aufklärung? Universalbibliothek Nr. 9714, Stuttgart 1976, S. 8-17; Zitat S. 8.

2 Die Freiwilligkeit ist deshalb wichtig, weil Gott, der sich in Jesus Christus geoffenbart hat, niemand zum Glaubensgehorsam zwingt. Anders als etwa im staatlich geförderten mittelalterlichen Christentum (das dem Wort und Wirken Jesu nicht entspricht), geht es beim Gehorsam gegenüber der Heiligen Schrift, deren Zentrum Jesus Christus ist, nicht um Unterwerfung unter kirchliche Behörden mit weltanschaulichem Monopol (soweit die Aufklärung sich dagegen wehrte, ist ihr zuzustimmen). Vielmehr geht es um die freiwillige Unterordnung des einzelnen im Rahmen der Gemeinde Jesu unter das Wort Gottes als Schritt des Glaubensgehorsams gegenüber Jesus Christus (vgl. Röm 1,5; 15,18; 16,26; 1. Pt 1,22; Apg 6,7).

3 Diese Einschätzung scheint auch J. Eber zu teilen, der im Vorwort zum Jahrbuch für evangelikale Theologie (Jahrgang 18; Wuppertal 2004) von „der biblischen Schöpfungstradition in Genesis 1-2“ als „einem heiß diskutierten Thema“ spricht; er verweist auf den im gleichen Jahresband erschienenen – sehr empfehlenswerten – Beitrag des Alttestamentlers an der FTA, W. Hilbrands: „Zehn Thesen zum biblischen Schöpfungsbericht (Gen 1,1-2,3) aus exegetischer Sicht“ (S. 7-25; sowie erweitert im Internet: www.fta.de -> Dozenten -> Hilbrands -> Download).

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Jota Publikationen, Hammerbrücke 2005, 398 Seiten

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Bericht von Daniel Bode aus Ruhla/Thüringen

„Sind die weißen Flecken der Evolutionstheorie Grund genug, an der Schöpfungslehre festzuhalten? Fragen, auf die Darwin auch heute noch keine Antwort gibt“, so lautet das Thema einer von einem Schulkameraden und mir erarbeiteten Seminarfacharbeit.

Das Seminarfach wurde als Ersatz für die fehlende 13. Klassenstufe an den Gymnasien in Thüringen eingeführt. In der 11. und Anfang der 12. Klasse müssen alle Schüler in Zweier- bis Vierer-Gruppen eine Seminarfacharbeit anfertigen. Die Seminarfachgruppe kann ihr Thema selbst wählen und erhält fachliche Unterstützung von einem Fachbetreuer. Mitte der zwölften Klasse muß die Arbeit dann in einem Kolloquium verteidigt werden.

Als es Ende der 10. Klasse hieß, ein Thema zu suchen, beschlossen wir, eine Seminarfacharbeit zu Evolution und Schöpfung zu erarbeiten, da uns diese Thematik sehr interessiert. Über Wort und Wissen wurde uns Dr. Ullrich vermittelt, welcher sich sofort bereit erklärte, unsere Seminarfacharbeit fachlich zu betreuen und uns bei der Themenformulierung half.

Zunächst galt es für uns, sich in die ganze Thematik grundlegend einzulesen und einzuarbeiten, um einen ersten Überblick zur Ursprungsproblematik zu erhalten. Als wir die Gliederung unserer Seminarfacharbeit fertiggestellt hatten, konnten wir mit der Ausarbeitung der einzelnen Kapitel beginnen. Die Schwerpunkte unserer Arbeit lagen bei den weltanschaulichen Einflüssen auf die Entwicklung von Ursprungstheorien und bei den Grundaussagen der Evolutions- und Schöpfungslehre. Obwohl mein Schulkamerad für den ersten und ich für den zweiten Schwerpunkt zuständig war, war Teamarbeit sehr wichtig, um eine inhaltliche Übereinstimmung zu erzielen. Die Zusammenarbeit funktionierte größtenteils gut, nur einmal bekamen wir ein Problem in Bezug auf die Schöpfungserzählung, ob es nun zwei oder einen Schöpfungsbericht gibt und wie der Schöpfungsbericht entstanden ist. Letztlich konnten wir dieses Problem jedoch dadurch lösen, daß wir beide Auffassungen darstellten.

Um die Meinungen zur Ursprungsproblematik aus unserem schulischen Umfeld einzuholen, führten wir eine kleine Umfrage unter den Schülern ab Klasse 10 und den Lehrern durch. Dabei stellte sich heraus, daß die meisten Schüler und Lehrer sich für das Spannungsfeld Evolution – Schöpfung interessieren. Im Gegensatz zu den Lehrern waren die Schüler von der Evolutionstheorie nicht so stark überzeugt. Einige Schüler gaben sogar an, die Schöpfung in sechs Tagen erkläre am besten die Entstehung der Erde und des Lebens.

Mit der fertig gebundenen Seminarfacharbeit Anfang der zwölften Klasse war der erste Teil des Seminarfachs geschafft – nun lag das Kolloquium vor uns. Dabei bestand die Herausforderung für uns darin, die wichtigsten Ergebnisse in 30 Minuten unserer Zuhörerschaft, bestehend aus Lehrern und Schülern, zu präsentieren. Auch hier war das Interesse der Lehrer und Schüler deutlich zu erkennen – der Raum war bis auf den letzten Platz besetzt.

Insgesamt kann ich nun auf eine zwar stressige, aber sehr bereichernde Zeit zurückblicken. Stressig deshalb, weil die Seminarfacharbeit parallel zur Abiturvorbereitung erarbeitet werden mußte. Auf der anderen Seite lernte ich die Ursprungsproblematik auch von der wissenschaftlichen Seite kennen, sodaß ich Erfahrungen für Diskussionen über die Entstehung des Lebens sammeln konnte.

Ich kann allen Schülern nur Mut machen, Projekte und Ähnliches über das Spannungsfeld Evolution – Schöpfung zu gestalten, weshalb ich auch meine Erfahrungen in diesem Bericht schildere. Das Interesse an diesem Thema ist groß, dies war auch deutlich an den Reaktionen anderer zu merken, als diese von dem Thema hörten. Es entwickelten sich z.B. Diskussionen mit Schülern, die fest von der Evolutionstheorie überzeugt waren, aber auch mit Lehrern. So war eine Lehrerin der Meinung, das Tier-Mensch-Übergangsfeld sei bewiesen, sodaß sich eine Diskussion entwickelte, wonach sie erklärte, unser Kolloquium besuchen zu wollen.

Auch die Reaktionen auf unser Kolloquium zeigten, daß die Evolutionstheorie für viele (noch) keine Tatsache ist. Nach unseren Ausführungen wollten noch einige Lehrer und Schüler Fragen stellen. Leider reichte die Zeit nicht aus, um alle Fragen anzuhören und zu beantworten, da schon die nächste Seminarfachgruppe in unserem Raum sich einrichten mußte. Während ich dann die Technik abbaute, kam sogar noch ein Schüler aus der 11. Klasse und fragte mich, wie die Entstehung des Menschen im Rahmen der Schöpfungslehre zu erklären sei. Von einer Lehrerin (sie ist Christ) erfuhr ich dann, daß sich ein weiterer Schüler ein Video von Siegfried Scherer ausgeliehen hat.

Auf diesem Wege möchte ich auch noch einmal Herrn Dr. Ullrich für sein außerordentliches Engagement danken, ohne dessen Hilfe solch eine Seminarfacharbeit nicht möglich gewesen wäre. Außerdem möchte ich hiermit ein großes Lob an alle Mitarbeiter der SG Wort und Wissen aussprechen, denn durch ihre Arbeit wird eine Alternative zur Evolutionstheorie aufgezeigt und mein Schulkamerad und ich konnten auf sehr gute Literatur zurückgreifen.


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In zwei Internet-Beiträgen wird neben der Sintflutgeologie besonders das Konzept der biblisch-urgeschichtlichen Geologie heftig kritisiert. Ein biblisch-geologischer Arbeitsansatz ist der Urgeschichte (1. Mose 1-11) verpflichtet, er ist aber auch herausgefordert, auf Einwände wie folgende zu antworten:

  • Ist es sachgemäß und entspricht es der Aussageabsicht des Bibeltextes, am „wörtlichen“ Verständnis der Urgeschichte mit ihrem nur Jahrtausende umfassenden Kurzzeithorizont festzuhalten?
  • Wird nicht eine „neue Lückentheorie“ aufgestellt, wenn mit umfangreichen geologischen Abläufen und Meteoriteneinschlag-Katastrophen bereits zwischen Sündenfall und Sintflut gerechnet wird?
  • Heißt das nicht, „sintflutgeologische Ereignisse bereits vor der Sintflut“ zu installieren und dadurch das literarische Konzept der Urgeschichte, die von solchen Ereignissen nicht spricht, „ad absurdum“ zu führen?
  • Ist es nicht ferner „ein Kunstgriff“, wenn in der biblisch-urgeschichtlichen Geologie angenommen wird, daß Menschen solche Katastrophen in geologisch nicht überlieferten Lebensräumen überstanden haben?
  • Und überhaupt – wie arbeitet biblisch-urgeschichtliche Geologie angesichts vieler (noch) ungelöster geologischer Fragen, die sich im Kurzzeithorizont der Urgeschichte stellen?

Auf diese und andere Einwände geht Manfred Stephan in einer längeren Abhandlung [...zum Inhalt] ein, die als PDF-Datei (66 S., 750 KB) kostenlos im Internet heruntergeladen werden kann. Zusätzlich werden weitere Fragen behandelt: Wie kann sich biblisch-urgeschichtliche Geologie im wissenschaftstheoretischen Rahmen bewähren? Warum ist eine biblisch begründete Geologie, die die Zeit zwischen Sündenfall und Sintflut einbezieht, einer Sintflutgeologie vorzuziehen, die sich hauptsächlich auf das Flutjahr konzentriert? Im Rahmen des Themas werden in der Abhandlung auch zahlreiche wichtige Auslegungsfragen behandelt, die das Verständnis von 1. Mose 1-11 betreffen.


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Biblische Schöpfungslehre – sehr empfehlenswert für Jugendliche

Kurzbeschreibung: Thematisch umfassendes Schul- und Arbeitsbuch zur biblischen Schöpfungslehre, optisch sehr schön und übersichtlich gestaltet, leicht verständlich, lesefreundlich geschrieben, reich bebildert und sehr anschaulich, wissenschaftlich fundiert. Alle relevanten Themen zum Fragenkomplex „Schöpfung oder Evolution“ werden relativ kurz gefaßt und prägnant erläutert und diskutiert. Eine ideale Einstiegslektüre in die Gesamtthematik der Ursprungsforschung aus biblischer Sicht!

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Zielgruppen: Jugendliche ab 14 Jahren, Eltern, interessierte Laien; für die meisten Teile werden keine fachliche Vorkenntnisse benötigt

Spezifika:

  • Das Buch orientiert sich in der ersten Hälfte am Ablauf der biblischen Urgeschichte von der Schöpfung bis zur Sprachverwirrung und ist in dieser Hinsicht im deutschsprachigen Raum auf dem aktuellen Büchermarkt einmalig. In der zweiten Hälfte werden die verschiedenen Teilgebiete der Evolutionslehre kritisch betrachtet.
  • Zuerst werden die Aussagen der Bibel dargelegt und erläutert und damit ein Rahmen für die Deutung der naturkundlichen Daten und Beobachtungen gegeben.
  • Das Buch lehnt sich in seiner Aufmachung an zeitgemäße Schulbücher an und ist für den Einsatz im Unterricht geeignet.
  • Dem Buch ist eine DVD mit dem kompletten Text und vielen Zusatzinfos beigelegt.

„CREATIO besticht durch eine klare und verständliche Sprache, ohne oberflächlich zu werden. Die Erläuterungen zur biblischen Urgeschichte sind sehr gelungen und treffend formuliert. Die naturwissenschaftlichen Abschnitte ermöglichen einen leichten Einstieg in die komplexen Themen und sind up to date.“ (Reinhard Junker)

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Alexander v. Stein
CREATIO. Biblische Schöpfungslehre.
224 Seiten, 340 Abb., durchgehend farbig, Großformat 19x26, Hardcover
inklusive DVD mit dem kompletten Inhalt im PDF-Format und umfangreichem Zusatzmaterial

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Das Wort und Wissen Info 3/2003 (Nr. 64; Oktober 2003)

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