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WORT und WISSEN

Info 4/05 - Nr. 73/Dezember 2005




Schon öfter habe ich Psalm 119 gelesen und mich über die Passagen gewundert, in denen der Psalmbeter sich bei Gott darüber beklagt, daß Unwahres über ihn verbreitet wird. Weshalb sollte man so etwas tun, dachte ich. Nun hat dieser Psalm besondere Aktualität erlangt, als ich vor ein paar Wochen in meiner Bibellektüre wieder auf die betreffenden Passagen dieses längsten Psalms der Bibel stieß. Ja, es wurden in letzter Zeit viele unwahre Dinge über die Arbeit von Wort und Wissen verbreitet, wobei ich nicht beurteilen kann, ob es sich um Lügen handelte oder ob nur schlampig recherchiert wurde. Jüngstes Beispiel ist eine bekannte Polit-Fernsehsendung, in der zum Teil das genaue Gegenteil von dem behauptet wurde, was dem verantwortlichen Redakteur an Information persönlich zugeleitet worden war.

Man kann sich darüber entrüsten, und sicher sind sachlich gehaltene Reaktionen an TV und Presse kein Fehler. Wichtig wurde mir aber die Reaktion des Psalmisten: „aber ich halte von ganzem Herzen Deine Befehle“ (V. 69). Und ich bin dabei, diese Reaktion durchzubuchstabieren; es ist schwer, danach zu handeln und sich nicht „anstecken“ zu lassen.

Trotzdem stellt sich die Frage, wie wir mit Behauptungen über unsere Arbeit umgehen sollen, die nach unserem besten Wissen und Gewissen nicht den Tatsachen entsprechen. Sollen wir Entgegnungen schreiben, wann sollen wir das tun? Wen erreichen wir damit überhaupt? Und vor allem: Wozu führt das? Schon manches Mal haben Entgegnungen weitere Falschdarstellungen über uns provoziert – es droht dann eine endlose Spirale.

Wir tendieren dazu, uns auf die sachlich-inhaltliche Auseinandersetzung zu konzentrieren. Kritik an unserer Arbeit – ob berechtigt oder nicht – soll uns helfen, unsere Position deutlicher zu profilieren. Und dann können wir nur hoffen, daß sich viele Zeitgenossen anhand unserer Publikationen informieren, um sich ein eigenes Bild zu machen. Damit würden viele falsche Behauptungen korrigiert. Zu diesem Zweck haben wir eine neue Rubrik „Presse“ auf unserer Homepage eingerichtet. Außerdem möchte ich in diesem Zuzsammenhang besonders auf die Newsbeiträge und „Fragen und Antworten“ auf www.genesisnet.info hinweisen. Hier finden Sie kompakte Infos, die Sie als Freunde unserer Arbeit wirkungsvoll einsetzen können, z. B. indem Sie ihren Bekanntenkreis entsprechend informieren, freundliche Leserbriefe an Ihre Zeitung schreiben und wo Sie können informieren. Wir zählen auf Sie. Vor allem aber ist Gebet wichtig, daß wir uns von Gottes Geboten leiten lassen und so ein Zeugnis für ihn sind, der seinen Sohn Jesus Christus als Retter in unsere Welt gesandt hat.

Es grüßt Sie herzlich Ihr
Reinhard Junker


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Einseitige Informationen über Archäologie und das Alte Testament

Hans-Christian Huf (Hg.): Das Bibelrätsel – Geheimnisse der Heiligen Schrift. Econ Verlag, Berlin, 2005, 375 S. € 25,00

In diesem reich illustrierten Begleitbuch zur gleichnamigen ZDF-Dokumentarreihe gehen mehrere ZDF-Redakteure auf eine Reihe von Geschichten aus der Bibel ein. Dabei wurden Wissenschaftler zu Rate gezogen und zitiert. Leider ist der Inhalt oft bibelkritisch und einseitig. Exemplarisch seien einige Themenbereiche hervorgehoben.

Abb. 1: „David – der Bezwinger Goliats„. Szene aus dem Fernseh-Dokumentarfilm „Der Riese Goliat„ (mit freundlicher Genehmigung von Eye2EyeMedia).

Im Kapitel „Jahwe – Die Karriere eines Gottes“ (ab S. 12) erklärt G. Graffe, wie Jahwe während eines langen Übertragungsprozesses aus mehreren kanaanäischen Gottheiten entstanden sein soll. Dafür gebe es auch in der Bibel klare Hinweise. So wird Jahwe z.B. in den Psalmen (z.B. Ps. 29,3) als donnernder Wettergott dargestellt. Daß man diese Aussagen auch anders deuten kann, wird leider verschwiegen. Solche kanaanäischen Gottesbeschreibungen sind im Alten Testament (AT) nicht selten (vgl. Psalmen 18 und 74; Habakuk 3). Die Bibelschreiber grenzten mit diesen Beschreibungen gerade ihr Jahwe-Bild von dem des „Baal“ ab, indem sie ihren abtrünnigen Zeitgenossen verdeutlichten, daß eben nicht Baal, sondern Jahwe über Trockenheit und finstere „Chaosmächte“ siegte. Nicht Baal, sondern Jahwe als Schöpfer des Kosmos herrscht über die Naturgewalten, wie es in der Geschichte von Elia auf dem Karmel (1. Könige 18) anhand eines Wunders tatsächlich gezeigt wird.1 Einen weiteren „Beweis“ für die „Karriere Jahwes“ findet der ZDF-Autor in der Entdeckung von Inschriften aus der Königszeit2 , wo neben Jahwe auch „seine“ Aschera erwähnt wird. Ob es sich allerdings um Jahwes „Gattin“ (wie der Autor vermutet) oder um einen Kultgegenstand Jahwes handelt3, ist zwar archäologisch nicht endgültig entschieden, ein Beweis dafür, daß Jahwe ursprünglich „kanaanäisch“ war, ist dies aber noch lange nicht.4 Daß der religiöse Pluralismus im alten Israel während beinahe der ganzen Zeit florierte, verheimlicht die Bibel nicht. Daß er aber von den monotheistischen Gottesmännern bereits seit den Tagen Moses strengstens verurteilt wurde, ist ebenso eine biblische Tatsache.

Im Kapitel „Mose – Ein Mann macht Geschichte“ (S. 102ff.) untersucht H.-Chr. Huf die Historizität des Exodus. Er vermutet zwar wie viele, daß Ramses II., der Bauherr der Stadt Pi-Ramesse, als Pharao der Unterdrückung in Frage käme, er äußert aber auch Bedenken. Zurecht betont er, daß keine westsemitischen Sklaven zur damaligen Zeit belegt sind und daß die Prosperität der Weltmacht Ägyptens unerreicht war. Auch galt „die Grenze zwischen Ägypten und Kanaan“ damals „als die bestbewachte des Reiches“, so daß die Flucht einer großen Menschenmasse problematisch gewesen sein muß (S. 126ff.). Ebenso zurecht weist Huf darauf hin, daß dagegen mehrere Jahrhunderte früher während der 2. Zwischenzeit viele Westsemiten in Ägypten lebten. Diese Semiten (Hyksos) wurden um 1550 v. Chr. aus Ägypten vertrieben und der Autor vermutet, daß dieses Ereignis „die Geschichte des Exodus inspiriert“ haben könnte. Daß die Israeliten von 1800-1600 v. Chr. tatsächlich in Ägypten lebten (und nicht erst später), wird jedoch im Buch nicht weiter verfolgt. Dennoch war zumindest ein Teil der Bevölkerung damals wirklich israelitisch gewesen!5 Papyri aus der 13. Dynastie (um 1750 v. Chr.) erwähnen sogar Semiten mit biblischen Namen, die damals Sklavenarbeit verrichteten. Die Israeliten waren also wirklich in Ägypten gewesen, aber zu einer früheren Zeit!

Abb. 2: Überreste des antiken Jericho aus biblischer Zeit (Foto: W. Bosse).

In „Die Posaunen von Jericho“ ab S. 157 geht G. Graffe auf die Frage nach der Eroberung Kanaans durch die Israeliten ein. Da Pharao Merenptah „Israel“ in Kanaan als Volk 1207 v. Chr. auf seiner Kriegsstele erwähnt (und er „Israel“ z.Z. Ramses II. noch in Ägypten vermutet), könnte die Landnahme kurz vor Merenptah stattgefunden haben. Dies bedeute jedoch nicht, so wird betont, daß es auch tatsächlich eine biblische „Landnahme“ (von außen her) gegeben habe. Die Bergbewohner im zentralen Hügelland Palästinas (nach 1200 v. Chr.) seien nämlich kulturell identisch mit den städtischen Kanaanäern der Spätbronzezeit (vor 1200 v. Chr.). Somit wäre „Israel“ als Volk nicht neu zugezogen, sondern aus anderen Gründen – z. B. die politische Umwälzung durch die Seevölker um 1180 v. Chr. – aus den Städten ins Bergland geflohen.6 Daß es jedoch in einer früheren Zeit (gegen Ende der Mittleren Bronzezeit – ca. 1550 v. Chr.) Spuren einer militärischen Landnahme gibt, wie u.a. J. Bimson gezeigt hat, wird im Buch nicht erwähnt.7

Auch in den weiteren Kapiteln „David – Die verwehten Spuren eines Königs“ von G. Graffe (ab S. 140) und in „Babylon – und die Erfindung der Bibel“ von R. Andrews (ab S. 196) ist die bibelkritische Vorgehensweise deutlich sichtbar. Graffe stellt der These I. Finkelsteins zum Reich Davids und Salomos als „bescheidenes Provinzfürstentum“8 die These von Y. Yadin gegenüber. Dieser hat versucht, mehrere „salomonische“ Großbauten u. a. in Hazor zu identifizieren. Dennoch behauptet Graffe, daß die Archäologie bestätigt habe, daß die Bibel die Größe ihres Reiches übertreibt. Weiter betont er einerseits richtig, daß „der Bezwinger Goliats [David] ... bis auf weiteres in einen Forscherstreit um komplizierte Datierungsmethoden ... verstrickt“ zu sein scheint (S. 153). Andererseits nimmt er nicht zur Kenntnis, daß das Fehlen von Spuren „davidischer/salomonischer“ Prosperität grundsätzlich mit einer fehlerhaften Chronologie zu tun haben könnte (wie wir dies in mehreren Publikationen gezeigt haben).9

Andrews kritische Äußerung zur späten Entstehung der alttestamentlichen Kernaussagen (im 6. Jh. v. Chr.) entspricht zwar der Meinung vieler Theologen, sie ist dennoch als unbiblisch und archäologisch unplausibel anzusehen. Mehrere Hinweise in den früheren Büchern des AT lassen tatsächlich vermuten, daß sie früh entstanden sein könnten. Woher sollten die Juden im Exil denn noch gewußt haben, daß z.B. der in 1. Mose 37 gezahlte Sklavenpreis für Joseph dem üblichen Preis für Sklaven um 1800 v. Chr. tatsächlich entsprach10 , oder daß der Terminus „Hebräer“ (hebr. ‘ibrim) in 1. Samuel als sozio-politische Bezeichnung von Randgruppen und Hilfssoldaten dem Gebrauch des Terminus „Habiru“ während der Bronzezeit stark ähnelte, während er später im 1. Jt. so nicht mehr vorkam?11

Es ist bedauerlich, daß die Autoren ihre Chance, die biblische Geschichte archäologisch untermauern zu wollen, so einseitig genützt haben. Es ist bedenklich, daß die Autoren die Geschichtsrekonstruktion bibelkritischer Wissenschaftler für bare Münze nehmen. Viele Funde erlauben oft mehrere Auslegungen. Wenn man aber zusätzlich die Funde außer acht läßt, die die Bibel ohne Zweifel bestätigen (die es ja eindeutig auch gibt), so grenzt dies schon an bewußte Geschichtsfälschung.

Peter van der Veen

Anmerkungen

1 Vgl. P. van der Veen, „Jahwe ist Gott!“, Factum 2/2003, S. 36.
2 U.a. aus Kuntillet Adjrud (Nord-Sinai) und Hirbet el-Kom (ca. 14 km westl. v. Hebron).
3 Es handelt sich in diesem Fall eher um die in der Bibel selbst erwähnten ‘Aschera-Holzpfähle’, die von den abtrünnigen Israeliten aufgestellt wurden (5.Mo 16,21; 2.Kö 23,14).
4 Vgl. van der Veen, ‘Göttin’, in: Calwer Bibellexikon, Bd. 1 (2003), S. 473f.
5 Vgl. U. Zerbst & P. van der Veen, Keine Posaunen vor Jericho? Holzgerlingen 2005, S. 53ff.
6 Graffe behauptet ebenfalls, daß die Erwähnung Israels auf der Merenptah-Stele neben anderen Stämmen (in Wirklichkeit handelt es sich jedoch um Städte wie Askalon und Janoam und um größere Territorien wie Kanaan und Churru/Syrien) zeigt, daß Israel damals das Land nicht unterworfen hatte. Eine solche Aussage ist unseriös (die Bibel sagt ja, daß mehrere Teile des Landes unerobert blieben) und unplausibel. Die chiastische Struktur des Textes verrät, daß Israel als Volk in Kanaan für Ägypten gerade eine Bedrohung darstellte: s. Zerbst & van der Veen, ibid, S. 38-39.
7 Idem., S. 55ff. Auch: van der Veen, ‘Chronologie’: Calwer Lexikon Bd. 1, S. 222.
8 I. Finkelstein datiert die bisherigen Eisenzeit IIA Bauwerke des ’10. Jh.’ auf das 9. Jh. v. Chr., d.h. auf die Zeit der Könige Omri und Ahab.
9 Ausführlich dazu: van der Veen & Zerbst, Biblische Archäologie am Scheideweg?, Holzgerlingen, 2002. Am Ende der Späten Bronezezeit (konv. ca. 1200 v. Chr.) erfuhr Kanaan tatsächlich eine Blütezeit.
10 K. A. Kitchen, ‘The Patriarchal Age – Myth or History’, Biblical Archaeol. Rev. 21,2 (1995), S. 52.
11 P. van der Veen, ‘Die el-Amarna Habiru und die frühe Dynastie in Israel’, in: van der Veen & Zerbst: 2002, S. 359-367.

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Die Professoren Aren Maeir und Aaron Demsky bei der Besprechung eines neu entdeckten Ostrakons. Die 2005 in Tel Gat (der Heimatstadt des Riesen Goliat) beschriftete Scherbe nennt zwei Philister-namen (‘Alyat’ und ‘Yalat’), die wahrscheinlich mit dem Namen Goliat verwandt sind. Entgegen der Auffassung vieler Theologen, die Goliat-Erzählung sei spät entstanden und gehöre ins Reich der Fabeln, zeigt auch dieser Fund, wie die biblische Geschichte mit dem archäologischen Rahmen im Einklang ist. Weitere Infos: www.stefan-jakob-wimmer.de/Philisterprojekt.html. Richard Wiskin gräbt 2006 erneut in Tel Gat (vom 16. 7. - 4. 8. 2006) und sucht ehrenamtliche Mitarbeiter! (Foto Richard Wiskin)


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Anfang November 2005 fand die 12. W+W-Fachtagung für Archäologie im Freizeitheim Schönblick bei Schwäbisch Gmünd statt. Von den 35 Teilnehmern stammte fast die Hälfte aus relevanten Fachbereichen der Semitistik, Biblischen Archäologie, Geschichte und Theologie.

Zum Thema „Inschriften aus der israelitischen und judäischen Königszeit“ referierten fünf Spezialisten. Gotthard Reinhard (Sulzbach a. Murr) analysierte die ersten beiden schwer leserlichen Zeilen der aramäischen Königsstele aus Aleppo (9. Jh. v. Chr.) und nannte überzeugende Gründe dafür, warum dort der bisher von manchen bereits für legendär gehaltene biblische König Ben-Hadad III. (2. Könige 8,7ff.) erwähnt wird.

Lawrence Mykytiuk (W. Lafayette/USA) stellte zum ersten Mal in Europa seine Methodik zur Identifizierung von biblischen Personen in altvorderasiatischen Inschriften vor. Dabei folgerte er, daß mindestens 16 Personen (u.a. die Könige Omri, Jerobeam II. von Israel, Mescha von Moab, Minister Gemaria, der Sohn Schafans usw.) aus Texten des 1. Jts. v. Chr. nahezu 100%ig sicher mit den uns bekannten Charakteren der Bibel identisch sind.

Lenny Wolfe (Jerusalem) und Martin Heide (München) untersuchten Inschriften (Siegel und Ostraka) nicht bekannter Herkunft, und betonten, wie schwer es ist, mit Sicherheit die Echtheit solcher Stücke festzustellen. Während Wolfe Zweifel über die Echtheit der Tonbullen Baruchs (des Schreibers des Propheten Jeremias) aufgrund abweichender Buch-stabenformen und Papyrusfasernabdrücke hegte, betonte Peter van der Veen (während der Diskussionsrunde am Samstagabend und parallel zum Vortrag von W.-D. Winkel über die Entstehung altorientalischer Lampen), daß eben genau diese Abweichungen auf manchen der stratifizierten Tonbullen aus Jerusalem (aus der Zeit Jeremias!) zu sehen sind.

Peter van der Veen referierte über Siegel und Tonbullen von Beamten und Königen aus der Zeit Jeremias und zeigte anhand von zusätzlichen Keramik- und Kleinfunden, daß sie aus der späten Königszeit und dessen späteisenzeitlichen Umfeld stammen.

Nicht nur die Teilnehmer äußerten sich zufrieden mit der Tagung, sondern mehrere Fachleute zeigten ausgesprochenes Interesse an einer engeren Zusammenarbeit im Rahmen der Arbeitsgruppe. Als uns am Abend nach der Tagung noch eine Nachricht aus Israel zusammen mit einem Foto von einer vor nur wenigen Wochen im Schutt des Tempelbergs entdeckten Tonbulle eines weiteren Zeitgenossen des Propheten Jeremias erreichte, war die Faszination perfekt!

P. van der Veen


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Werner Lachmann, Reinhard Haupt, Karl Farmer (Hrsg.): Globalisierung der Wirtschaft – Segen oder Fluch? Aus der Reihe: Marktwirtschaft und Ethik, Bd. 8., LIT-Verlag, Münster 2005, € 25,90

Die 12. gemeinsame Wirtschaftsfachtagung der Gesellschaft zur Förderung von Wirtschaftswissenschaften und Ethik (GWE) e.V. und der Fachgruppe Wirtschaft der Studiengemeinschaft Wort und Wissen (W+W) e.V. fand vom 6. - 9. 11. 2003 zum Thema „Globalisierung der Wirtschaft – Segen oder Fluch?“ in Bad Blankenburg (Thüringen) statt. Die Globalisierung der Wirtschaft wird in der wirtschaftswissenschaftlichen Diskussion unterschiedlich bewertet. Die einen bedauern die sich aus der Globalisierung ergebenen Beschränkungen nationaler Wirtschaftspolitik und kritisieren, daß sie nur den Wohlhabenden und Reichen diene und die Armen dabei leer ausgehen lasse. Die Befürworter sehen in der Globalisierung eine Chance, verkrustete Strukturen von Gesellschaft und Wirtschaft aufzubrechen, so daß die Wirtschaft wieder in Schwung kommt.

Werner Lachmann, Reinhard Haupt, Karl Farmer (Hrsg.): Globalisierung der Wirtschaft – Segen oder Fluch? Aus der Reihe: Marktwirtschaft und Ethik, Bd. 8., LIT-Verlag, Münster 2005

Die Vorträge der Wirtschaftsfachtagung liegen nun als achter Band der Reihe „Marktwirtschaft und Ethik“ vor. Der Schwerpunkt der Tagung lag auf der Frage des „Wie?“ der Globalisierung, ihrer ethischen Bewertung und Begründung sowie der wirtschaftsethischen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Globalisierung.

Andreas Mitschke stellt in seinem Beitrag die Gesamtproblematik der ökonomischen Globalisierung aus wirtschaftsethischer Sicht dar. Neben einer Begriffsabgrenzung der ökonomischen Globalisierung geht er auf einige methodische Grundprobleme der Globalisierungsdiskussion ein. Es werden bedeutende Streitfragen der Globalisierungsdebatte beleuchtet, und dabei werden sowohl Industrie- als auch Entwicklungsländer jeweils im Rahmen eines optimistischen und eines pessimistischen Szenarios näher betrachtet.

Der zweite Beitrag von Reinhard Meckl beschäftigt sich mit der Erörterung ethisch relevanter Aspekte von Mergers & Acquisitions (M&A) – ein in der wirtschaftlichen Diskussion eher unberührtes Gebiet. Es erfolgt eine Einordnung der M&A in den Optionsrahmen der strategischen Unternehmenspolitik und es wird empirisch belegt, daß die von den beteiligten Unternehmen angestrebten Ziele weitgehend verfehlt wurden. Darüber hinaus werden ausgewählte ethische Aspekte, wie z.B. die Gegenüberstellung von „Share-holder Value“ vs. „Stakeholder Value“ diskutiert. Als weitere wirtschaftsethisch sensible Felder stellt der Autor die Bereiche der Unternehmenskultur sowie die der feindlichen Übernahmen dar. Dabei macht Meckl auf interessante Weise deutlich, wie schwierig es ist, eine Grenze zwischen effizienzsteigerndem, gewinnorientiertem und ethisch verantwortlichem Handeln zu ziehen.

Spiridon Paraskewopoulos legt in seinem Beitrag Wert darauf, die Chancen und Risiken der Globalisierung zu verdeutlichen. Definiert man Globalisierung als eine sich über Jahrtausende bewährte Intensivierung der Arbeitsteilung, so läßt sich erkennen, daß diese sowohl Chancen für alle Beteiligten mit sich bringt, aber gleichzeitig auch traditionelle Positionen gefährdet und somit Widerstand auslöst. Darauf aufbauend wird erklärt, daß die Gewinner der Arbeitsteilung somit Teile ihres Gewinns im Rahmen der Sozialpolitik an die Verlierer abzutreten haben. Die derzeit diskutierten Auswirkungen einer regionalen Integration diskutiert der Autor am Beispiel der ehemaligen EU-15. Trotz der Tatsache, daß die einzelnen Staaten miteinander im Wettbewerb stehen, wird aufgezeigt, welchen Beitrag die bisherigen Erfahrungen mit der Sozialen Marktwirtschaft leisten, nämlich jene, daß innerhalb Europas einer weiteren Fortführung der Globalisierung stark zugestimmt wird, auch wenn die Stimmen der Verlierer sich über eine weltweite soziale Umverteilung beklagen. Paraskewopoulos hält internationale Vereinbarungen auf der Basis der Sozialen Marktwirtschaft für notwendig, da auf diese Weise alle Beteiligten bei geschickter Rahmensetzung zu Gewinnern werden.

Darauf aufbauend stellt Werner Lachmann die Frage, ob eine „Welt-Ordnungspolitik“ von Nöten sei. Er zeigt in seinem Beitrag auf, daß die Ausweitung der Globalisierung Regeln für die internationale Koordination notwendig macht. Sanktionsbewährte Instanzen sind im Rahmen der Globalisierung notwendig, um ein „Trittbrettfahrer“-Verhalten der Staaten zu vermeiden. Dabei untersucht Lachmann, ob die internationale Koordination auf prozeß- oder ordnungspolitischer Ebene durchgeführt werden soll, und bringt interessante Argumente an, weshalb von einer prozeßpolitischen Koordination abzuraten ist. Ebenfalls behandelt werden in seinem Beitrag die Probleme einer internationalen Wettbewerbsordnung. Darüber hinaus stellt der Autor dar, daß es neben einer Handels- und Finanzordnung auch einer Weltsozialordnung bedarf, in welcher auch die Entwicklungshilfe besser verankert werden muß. Anhand aktueller Problembereiche der Globalisierung, wie der fehlenden Ordnung in der Zusammenarbeit mit den Ländern der Dritten Welt, bringt Lachmann zum Ausdruck, daß eine Weltordnungspolitik notwendig ist, daß aber mit ihrer Realisierung kurzfristig nicht gerechnet werden kann.

Karl Farmer erörtert in seinem Beitrag die Auswirkungen der Globalisierung auf Standortwettbewerb und Lohnungleichheit. In Deutschland ließe sich – anders als in den USA – eine höhere Arbeitslosigkeit, dabei jedoch geringere Lohnspreizung feststellen. Die Auswirkungen der Globalisierung auf die Löhne einzelner Gruppen und Sektoren werden anhand der Außenhandelstheorie erläutert. Des Weiteren zeigt Farmer mit Hilfe des Stolper-Samuelson-Theorems die Auswirkungen für wenig qualifizierte und höhere qualifizierte Arbeitnehmer in einer international integrierten Gesellschaft auf. Die Frage nach Segen oder Fluch der wirtschaftlichen Globalisierung möchte Farmer nicht klar beantworten, da dies in hohem Maße auf die Wirtschaftspolitik der Staaten und deren wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen ankommt.

Weitere Fragestellungen des Bandes betreffen die Beziehung zwischen Globalisierung und Medien (Matthias Vollbracht), die Probleme von kleinen und mittleren Unternehmen im Globalisierungsprozeß (Harald J. Bolsinger), die Konsequenzen der kulturellen Globalisierung (Helmut de Craigher), die Beurteilung der Globalisierung aus biblischer Sicht (Otto Hass) u. a.

Den Abschluß des Buches bildet eine Zusammenfassung der im Rahmen der Tagung abgehaltenen Podiumsdiskussion: Lachmann und Carolina I. Lautenbach zeigen dabei die Kernargumente der Diskussion „Gibt es wirklich eine Globalisierungsfalle?“ (Teilnehmer: Bayerischer Staatsminister Dr. Beckstein, Dr. Joachim Fetzer (Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer/AEU), Sven Gigold (ATTAC) sowie Dr. Stephan Schmitz (Linde AG)) auf.

Werner Lachmann


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Vor wunderschöner Bergkulisse von Eiger, Mönch und Jungfrau fand vom 1.-3. Juli die erste Schweizer Regionaltagung von Wort und Wissen e. V. statt. Das nostalgische Gästehaus der Bibelschule Beatenberg, das im Jugendstil noch gut erhalten ist, diente als Tagungsstätte.

Am Freitag fand zunächst eine geologische Exkursion statt, die von Manfred Stephan und Dr. Martin Ernst geleitet wurde. Nach einer anfänglichen groben Übersicht über die Entstehung der Alpen wurden an drei verschiedenen Stellen geologische Belege für schnelle Ablagerung gezeigt. Nach enormen Faltungen und Überschiebungen wurde massenweise Gestein und Geröll abgetragen. Mit großen Wassermassen befördert, lagerte sich diese Molasse im Vorland der Alpen ab. Große Schuttpakete wurden auf einmal geschüttet, so daß keine Schichtungsfugen erkennbar sind. Zwischendurch demonstrierte Dr. Reinhard Junker an Pflanzen das Konzept des „Intelligent Design“. Deren Fortpflanzungsmechanismen sind nicht nur funktional angelegt, sondern zeigen auch kreative und spielerische Momente.

Den ersten Vortrag am Freitagabend hielt Richard Wiskin über den Ursprung des jüdischen Volkes. Meisterlich verstand er es, die Kultur in Ur in Chaldäa zu schildern. Abraham und Sarah hatten riesige Herden, Knechte und Mägde und ein großes Anwesen. Trotzdem gehorchte Abraham dem Ruf Gottes und verließ mit Sarah den Reichtum und die Bequemlichkeiten, um ins Ungewisse Gottes Ruf zu folgen.

Am Samstag sprach Dr. Harald Binder über aktuelle naturwissenschaftliche Modelle über die Entstehung des Lebens. Nach einer Einführung über die Prämissen der Wissenschaften ging er näher auf Modelle zur Lebensentstehung ein. Durch Simulationsexperimente kann man zwar manche kleineren Moleküle erzeugen, doch der Weg zu einem lebenden Organismus ist damit in keiner Weise verstanden. Selbst wenn die Bausteine vollständig vorhanden wären, wäre es immer noch kein Leben, auch wenn die Evolutionstheorie davon ausgeht, daß auf diesem Wege einst Leben entstanden ist. Jesus dagegen kann Leben geben. Nach dem Tod von Lazarus sprach er nur den Befehl: „Lazarus, komm heraus!“, und Lazarus kam lebend aus dem Grab heraus.

Dr. Reinhard Junker ging auf die Kontroverse um „Intelligent Design“ ein. Der Intelligent Design-Ansatz versucht, anhand von Merkmalen der Lebewesen auf das Wirken eines Schöpfers zu schließen. Ein solches Merkmal ist zum Beispiel irreduzible Komplexität. Demnach müssen alle Teile eines Systems zusammenwirken, um das Wirkungsziel zu erreichen. Wenn nur ein Teil fehlt, dann funktioniert nichts. Weiter scheinen die Lebewesen eine potentielle Komplexität zu besitzen, die auf Bedarf genutzt werden kann. Spielerische Komplexität schließlich bedeutet, daß Luxusstrukturen vorhanden sind, die nicht nur auf einen bestimmten Zweck ausgerichtet sind.

Dr. Peter von der Veen behandelte eine archäologische Fragestellung: „Keine Posaunen vor Jericho?“ Dabei geht es um die Landnahme in Kanaan durch die Israeliten. Bekannte Archäologen behaupten heute, daß während der Landnahme die zerstörten Städte, die in der Bibel erwähnt sind, gar nicht mehr existierten. Tatsache ist, daß zwischen 1200 und 1100 v. Chr. im zentralen Hügelland ca. 300 neue Dörfer gegründet wurden. Die Bewohner dieser Städte waren aber nicht Einwanderer, sondern einheimische Kanaaniter, die vorher Nomaden waren und plötzlich seßhaft wurden. Die von der Bibel erwähnten stark befestigten Städte, die „bis an den Himmel“ befestigt waren (5. Mose 1,28), gab es dagegen um 1600 v. Chr. Um diese Zeit haben die Israeliten Ägypten verlassen und der Einzug in Ägypten fand also um 1550 v. Chr. statt. Damals existierten die Städte Jericho, Ai, Gideon und Hebron. Archäologisch konnte nachgewiesen werden, daß Jericho durch Feuer (Josua 6,24), durch ein Erdbeben (Jos. 6,20) und während der Erntezeit (Jos. 5,10) zerstört wurde.

Der Leiter der Studiengemeinschaft Wort und Wissen, Prof. Dr. Siegfried Scherer, sprach über die Wunderwelt der Mikroben. Mit wundervollen Bildern von Bakterien, Viren und anderen Mikroben faszinierte Scherer sein Publikum. Man kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Denn überwältigend war die Schönheit dieser kleinsten Lebewesen, die wir normalerweise gar nicht zu Gesicht bekommen. Obwohl Wissenschaftler schon Tausende dieser Lebewesen benennen können, ist von ihnen lediglich ein Prozent bekannt. Der Aufbau solcher Mikroben kann höchst kompliziert sein. Der Bakterienmotor des Escherichia coli wird aus 52 Proteinen zusammengebaut. Dazu Scherer: „Wir wissen noch nicht einmal, wie ein Protein entstanden sein soll!“

Die Tagung klang am Sonntag mit einem Gottesdienst aus. Siegfried Scherer hielt seine Predigt über „Der Sündenfall: Ein alter Bericht für moderne Menschen.“ Ist diese Geschichte antiquiert oder hat sie uns heute noch etwas zu sagen? Die Verführung der Menschen durch die Schlange und die Reaktion des Menschen nach der Tat ist auch heute noch zu beobachten. Verführung geschieht durch das Infragestellen des Wortes Gottes: Sollte Gott gesagt haben? Versteht ihr das auch richtig? Diese Verführung kann persönlich, aber auch gesellschaftlich verstanden werden. Auch heute werden die Menschen durch äußere Reize verführt. Der Baum war schön anzuschauen, er soll klug und wie Gott machen. Doch die Schlange hatte gelogen. Die Menschen wurden keine Götter. Gott sucht Adam und ruft: „Adam, wo bist du?“ Adam aber hat nichts anderes zu tun, als sich zu verstecken. Auch heute verstecken wir uns im Gestrüpp unserer Schuld, Verstrickungen, Entschuldigungen und Fehlverhaltensweisen.

Diese drei Tage gaben eine gute, repräsentative Einführung in die Arbeit von Wort und Wissen. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Evolutionstheorie, aber auch eine Darstellung der empirischen Daten im Rahmen einer Schöpfungslehre ist heute dringender geboten denn je.

Eugen Schmid


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Themen

R. Junker:
Der Ursprung der Vögel – ein update
H. Ullrich:
Das Ende der klassischen Homologisierung? Neue Methoden in der vergleichenden embryonalen Forschung
K. Weindel:
Geburtshelfer in der Ursuppe? „PNA-Welt“ – plausibler als eine „RNA-Welt“?
W. Lindemann:
Methanproduzierende Bakterien auf dem Mars?
H. Binder:
Elastisches Gewebe aus fossilen Dinosaurier-Knochen
R. Junker:
Unerhört: Konvergenz eines Schlüsselmerkmals
N. Winkler:
Stichlinge: Evolution oder Allelfrequenzverschiebung?
N. Winkler:
Circadiane Uhren in Cyanobakterien – chemisch physikalische Zeitgeber
H. Binder:
Trickreiche Seiltänzerinnen – Bola-Spinnen
H. Binder & M. Stephan:
Fossillagerstätten in Süddeutschland – Ursachen für Massensterben
M. Stephan:
Plattenkalke: Neue Hinweise auf rasche Entstehung und geologisch nicht überlieferte Biotope

Streiflichter

  • Vogelverwandtschaften teilweise auf den Kopf gestellt
  • Alte Termitenfresser
  • Vögel zur Zeit der Dinos
  • Linsenauge bei Quallen
  • Seide nach Maß
  • Bionik: Euplectella: der perfekt konstruierte Tiefseeschwamm
  • Überraschender Unterschied zwischen Mensch und Schimpanse
  • Die Einzigartigkeit der menschlichen Sprache
  • Kreide/Tertiär-Meteoriteneinschlag: Doch kein „nuklearer Winter“?
  • Anhaltender Streit um älteste Lebensspuren
  • Rätselhafte Ediacara-Organismen: „Luftmatratzen“-Hypothese bestätigt?
  • Medizinethikerin kritisiert „Evolutionsmedizin“

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Das Wort und Wissen Info 4/2005 (Nr. 73; Dezember 2005)

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Letzte Änderung: 03.12.2005
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