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Die Menschheit existiert erst seit kurzer Zeit

von Manfred Stephan


Zu dieser Schlussfolgerung gelangt Michel Brandt in seinem neuen Buch „Wie alt ist die Menschheit?“ Durch seine inhaltlich und sprachlich anspruchsvollen evolutionskritischen Werke zur Entstehung des Menschen ist der Autor bekannt; auch hier legt er ein fachlich qualifiziertes, diesmal aber leicht verständliches Buch vor.

Das Thema wird in zwei Teilen behandelt und erstens gezeigt: Das Bevölkerungswachstum hätte fast immer bei praktisch Null gelegen, wenn die Menschheit tatsächlich – wie allgemein angenommen wird – ca. 2 Millionen Jahre alt wäre. Diese Sicht der Fachwelt ist völlig unwahrscheinlich und hätte zum Aussterben der Menschheit geführt, wie der Autor in einer umfangreichen, gut verständlichen Diskussion zeigt (S. 13-86). Gleichzeitig lernt der Leser erstaunlich viel vom Leben der Altsteinzeitler kennen, ihre Jagdgewohnheiten, ihre Ernährung und Gesundheit.

In der späteren Jungsteinzeit haben Landwirtschaft und komplexer bearbeitete Steinwerkzeuge nichts mit Höherentwicklung zu tun. Beide sind vielmehr aus einer Notlage heraus eingeführt worden: Als die Bevölkerungsdichte höher wurde, nahm gleichzeitig das Großwild wegen Überjagung ab. Da blieb den Menschen nichts anderes übrig, als pflanzliche Nahrungsmittel anzubauen und für die neue Lebensform andere Steingeräte zu entwickeln und zu optimieren.

Im zweiten Teil geht es um die Anzahl der gefundenen Steinwerkzeuge. Der Befund lautet: Es gibt um Größenordnungen zu wenig Werkzeuge, wenn eine lange Menschheitsgeschichte vorausgesetzt wird. Das ist bedeutsam, denn Steinwerkzeuge sind im Gegensatz zu anderen Hinterlassenschaften des Menschen überaus haltbar. Auch hier diskutiert der Autor über viele Seiten herkömmliche Auffassungen im Detail (S. 89-136). Der Vergleich der gefundenen Werkzeugmengen mit dem Werkzeuggebrauch heutiger Wildbeuter lässt nur den Schluss zu: Die Hinterlassenschaften der Altsteinzeit sind um einen etwa vierstelligen Faktor zu niedrig, wenn man das konventionelle Alter der Menschheit voraussetzt (S. 146). Auch dieser Buchteil gibt quasi nebenbei interessante Einblicke in das Leben von Steinzeitkulturen und ihrer Werkzeugfertigung.

Insgesamt kommt der Autor zu der plausiblen Schlussfolgerung: Die steinzeitliche Menschheitsgeschichte dürfte „statt der radiometrisch datierten 2 Millionen Jahre … nur einige Tausend Jahre gedauert haben“ (S. 149).

Heute stehen sehr viele Menschen unter dem Eindruck, die Befunde der historischen Naturwissenschaften (etwa Geologie und Archäologie) würden einheitlich auf große Alter hinweisen. Dieses Buch ist ein gutes Beispiel für eine Forschung, die sich von diesem Eindruck nicht beirren lässt, sondern unabhängig die Befunde prüft. Man wird dem Autor vorhalten, er habe sich nur auf die Bevölkerungsentwicklung und die Anzahl der Steinwerkzeuge konzentriert, aber andere schwierige Fragen beiseite gelassen. Etwa die Geologie der Eiszeit (Pleistozän), denn in den eiszeitlichen Schichten finden sich die altsteinzeitlichen Werkzeuge. Aber dieser Einwand ist unberechtigt. Es ist methodisch angemessen, sich zunächst wie der Autor ausschließlich auf seine Themen zu konzentrieren. Sodann ist es als nächster Schritt statthaft, umgekehrt wie üblich vorzugehen: Man lege z.B. die in diesem Buch vorgestellten Daten zugrunde und frage noch einmal eindringlich: Trifft es überhaupt zu, dass die (sonstigen) Befunde der Eiszeit-Geologie durchweg lange Zeiten belegen? Bereits das Vorkommen der Steinwerkzeuge in eiszeitlichen Flussschottern (wo sie zumeist gefunden werden; z.B. S. 91) ist ein Hinweis auf die Schwächen dieser Annahme: Wenn die Steinwerkzeuge während langer Zeiten auf den trocken gefallenen Schotterebenen der Flüsse hergestellt worden wären, dann sollten sie sehr reichlich in den darüber abgelagerten Schotterkörpern vorkommen – jedoch sind sie in den Schottern viel zu selten. Dieser Befund spricht auch gegen lange Pausen zwischen der Ablagerung der einzelnen Schotterpakete.1 Sie sind ohnehin jeweils das Resultat kurzfristiger Hochflutereignisse.2

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Format: 16,5 x 24; Hardcover
160 Seiten, 43 Abb., 29 Tab.

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Rasche Entstehung vertritt der Autor beispielsweise auch für die 55 Fundschichten der berühmten Höhle Combe Grenal (Südwestfrankreich). Begründung: Wegen der überaus geringen Zahl an Werkzeugen in den einzelnen Fundhorizonten könnte die insgesamt über 20 Meter mächtige Abfolge von Kulturschichten maximal in Jahrhunderten statt der konventionellen 60.000 Jahre entstanden sein (S. 95-97). Das setzt (1) auch hier rasche Schichtenbildung voraus und passt (2) zum allgemeinen Befund der Altsteinzeit: Die Siedlungsplätze, an denen die Menschen das Feuersteinmaterial zur Werkzeugherstellung fanden, wurden nur hin und wieder und dann auch nur kurzzeitig aufgesucht (S. 131-140). Man könnte dafür neben der überregionalen Großwildjagd als weiteren Grund die sehr häufigen Hochwasserkatastrophen in Erwägung ziehen (s.o.). Dadurch wurden die Altsteinzeitler immer wieder gezwungen, in sicheres Terrain auszuweichen. Zumindest für die nur kurzzeitig bewohnten, zum Teil weit ausgedehnten Fluss-Terrassen leuchtet das unmittelbar ein. Immerhin fällt auf: Obwohl die Wildnis damals „von Tieren wimmelte“ (S. 55) und nur sehr wenige Menschen gleichzeitig lebten (S. 121-129), haben sie ihre Basislager häufig verlegt und das Gelände weiträumig durchzogen (S. 41).

Ich wünsche diesem wichtigen und leicht verständlichen Buch viele interessierte Leser!
Manfred Stephan


Anmerkung

1 Vgl. z.B. für das Maintal G. GEYER: Geologie von Unterfranken und angrenzenden Regionen, Gotha-Stuttgart 2002, 408f.
2 Vgl. M. STEPHAN: Sedimentbildung bei der Hochwasserkatastrophe im Erzgebirge (Sachsen). Teil 2: Enorme Transportvorgänge im Flussbett der Müglitz zwischen Glashütte und Oberschlottwitz. Studium Integrale Journal 11 (2004), S. 11-19.

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Letzte Änderung: 19.07.2007
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