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„Gott als Designer?“

Buchvorstellung und Kommentare von Reinhard Junker


Unter dem Thema „Gott als Designer? Theologie und Naturwissenschaft im Gespräch“ fand vom 6.-8. Juni 2008 an der Evangelischen Akademie Baden in Bad Herrenalb (Nordschwarzwald) eine Tagung über Schöpfung und Evolution statt. Die Beiträge der sechs Referenten sind nun in einem relativ preisgünstigen gleichnamigen Sammelband in der Reihe „Herrenalber Forum“ veröffentlicht worden. Das Thema „Gott als Designer?“ wird aus biologischer, wissenschaftstheoretischer, theologischer und religionspädagogischer Sicht beleuchtet. Besonders bemerkenswert ist, dass in diesem Buch auch eine evolutionskritische Position ausführlich zur Sprache kommt, und zwar sowohl in theologischer als auch in naturwissenschaftlicher Hinsicht. Die sechs Beiträge, die abschließend noch mit der Predigt von Tagungsleiter Klaus Nagorni über Jona ergänzt wurden, sollen kurz vorgestellt und kommentiert werden.

Details zum Buch "Gott als Designer? Theologie und Naturwissenschaft im Gespräch"

Der Biologe Thomas Junker präsentiert in seinem Beitrag „Die Darwinsche Revolution und die moderne Biologie“ zunächst die Evolution der Lebewesen als Tatsache „so wie es eine Tatsache ist, dass sich die Erde um die Sonne dreht“ (10), auch die Theorie der natürlichen Auslese sei in ihrer modernisierten Form konkurrenzlos. Darwin habe mit dieser Theorie eine Antwort auf das alte Rätsel der Zweckmäßigkeit der Organismen gegeben (12). Damit habe sich der Naturalismus in der Biologie durchgesetzt. Thomas Junker hält nicht nur den biblischen Schöpfungsglauben, sondern auch eine theistische (von Gott gelenkte) Evolution für unvereinbar mit dem Wissen der Biologie (14-16). Er setzt damit auf Konfrontation einer fälschlicherweise als Naturwissenschaft charakterisierten Evolutionsanschauung mit theologischen Aussagen über Gott als Schöpfer.

Reinhard Junker, Mitarbeiter von Wort und Wissen, erläutert unter der Überschrift „Evolution und Schöpfung“ die grundlegenden theologischen Motive für ein kritisches Hinterfragen der Evolutionslehre und fasst in kurzen Überblicken naturwissenschaftliche Aspekte der Evolutionskritik und biblisch orientierter Alternativen zusammen. Theologisch ist Evolution fragwürdig, weil die Bibel Gottes Schöpfungshandeln als machtvolles Wirken durch Gottes Wort beschreibt, das regelhafte Vorgänge sprengt. Das ist besonders auch am Wirken Jesu zu erkennen. Jesus selber hat zudem die Schöpfungstexte der Genesis als historisch wahr genommen. Der Fall des ersten Menschen und das Kommen und Leiden Jesu stehen in einem inneren Zusammenhang, der in einer evolutionären Ursprungssicht gesprengt wird. Im naturwissenschaftlichen Teil des Beitrags von Reinhard Junker geht es um die sogenannten Evolutionsbeweise, um Evolutionsmechanismen, die Grundtypenbiologie, die biblisch-urgeschichtliche Geologie und um „Intelligent Design“. Dieser Beitrag bietet eine kompakte Zusammenfassung theologischer und naturwissenschaftlicher Aspekte der Kontroverse um Evolution und Schöpfung.

Im dritten Beitrag befasst sich der Weltanschauungsbeauftragte Hansjörg Hemminger kritisch mit „Intelligent Design“ (ID) und Kreationismus, allerdings weniger inhaltlich, sondern vor allem anhand einiger historischer Linien. Er stellt heraus, dass der Ansatz des „Intelligent Design“ bestenfalls eine „Unvollständigkeit der bisherigen Naturwissenschaft“ beweisen könnte. Religiöse Inhalte würden dadurch nicht plausibler. Hemminger ist allerdings der Auffassung, dass der ID-Ansatz nicht einmal Grenzen der Naturwissenschaft aufzeigen könne. Die Entstehung des Erbguts eines Bakteriums vergleicht er mit der allmählichen Entstehung eines Abflusskanals durch einen heftigen Regenguss. Wenn man sich die Sache freilich so einfach macht, hat mal leichtes Spiel. Er suggeriert Lösungen des Konflikts zwischen Evolution und Schöpfung (den er zu Unrecht als Konflikt mit der Naturwissenschaft darstellt), ohne solche Lösungen konkret zu entfalten und zu erläutern. So lehnt er den ID-Ansatz ab, schreibt aber, „Mutationen können ebenso Gottes Willen dienen wie alle übrigen natürlichen Abläufe“ (62). Was aber durch Gottes Willen bewirkt wird, das nicht auch ohne diesen Willen geschieht, sagt er nicht. „Die Probleme, die naturwissenschaftliche Evolutionstheorien dem christlichen Glauben bieten, lassen sich geistig bewältigen“ (63) – aber wie das geht, beschreibt Hemminger nicht.

Der Physiker Jürgen Audretsch thematisiert Reichweite und Grenzen naturwissenschaftlicher Aussagen. Der „Nachweis von Begründungslücken bei naturwissenschaftlichen Phänomenen“ sei etwas Verdienstvolles. So gesehen habe der ID-Ansatz seine Berechtigung, aber einen zwingenden Schluss auf einen Schöpfer gebe es nicht. Es sei nur umgekehrt möglich, dass man von einem Schöpfer ausgeht und dadurch die Vorgänge einen Sinn bekommen (finale Deutung). In der Kosmologie habe sich aber gezeigt, dass Begründungslücken durch neue, umfassendere Theorien immer wieder geschlossen werden konnten; allerdings hätten sich dadurch auch wieder neue Lücken aufgetan und es habe eine Problemverschiebung gegeben. Der Physiker könne aus den Daten keinen Schluss auf das Geschehen in der Vergangenheit ziehen. Kausalität erlaube nur Vorausschau, aber keine Rückschau. Daher sei Kosmologie nicht Teil der Physik, sondern verwende nur die Physik (74). Geschichte könne nur theorieabhängig konstruiert werden. Audretsch zieht unter anderem den Schluss, dass finale Deutung (zielorientierte Handlung) keine Lücken in der Abfolge kausaler Erklärungen liefern könnten. Er erläutert dies anschaulich am Beispiel eines Topfes auf dem Herd, in dem Wasser kocht. Doch gerade dieses Beispiel zeigt, dass die Frage „Warum kocht das Wasser in diesem Topf?“ nur dann vollständig beantwortet werden kann, wenn man einen Akteur annimmt, der den Topf auf den Herd gestellt hat. Das Beispiel des kochenden Wassers scheint also gerade gegen Schluss von Audretsch zu sprechen.

Der Alttestamentler Manfred Oeming wirft die Frage auf: „‚Am Anfang schuf Gott …’ – was bedeutet das?“ Er legt zunächst einige Schöpfungstexte aus, angefangen von Gen 1 bis zum Buch der Offenbarung. Während einige seiner Auslegungen dem Text streng folgen, erscheinen andere spekulativ, wenn etwa Gott in Genesis 2 als Experimentator gesehen wird, dem auch einmal etwas missglücke, so beim Versuch, unter den Tieren einen Partner für den Menschen zu finden. Das steht so nicht im Text, und ob die Menschen, selbst wenn man historisch-kritisch und evolutionär denkt, so naiv waren, auf eine derartig abstruse Idee zu kommen, ist doch sehr fraglich. Weiter muss man kritisch fragen: Wenn die Schöpfungstexte nicht das tatsächlich konkrete Handeln Gottes beschreiben, sondern Ergebnisse theologischen Nachdenkens sind, wie kann dann den exegetisch begründeten Aussagen ein Realitätsgehalt zukommen? Was kann z. B. die Rede vom ursprünglichen Tierfrieden überhaupt bedeuten, wenn es diesen in Wirklichkeit nie gab? Oder: Was soll es bedeuten, dass der Mensch – zum Bilde Gottes geschaffen – Gottes „Standbild“ (Stellvertreter) auf der Erde ist, wenn der Mensch in Wirklichkeit evolutionär bedingt ein höchst unvollkommenes Wesen ist, das einer solchen Aufgabe niemals gewachsen sein kann? Wenn diese Texte also gar keinen (oder nur einen unbedeutenden) historischen Realitätsgehalt haben, verlieren sie auch ihren tieferen und existentiellen Sinn. Hier liegt das Hauptproblem neuzeitlicher Hermeneutik: Was das Alte und Neue Testament als wirkliches Handeln und Reden Gottes bezeugt (beginnend mit der Schöpfung), und was in der Kirche so geglaubt wurde, sieht man heute lediglich als subjektive Vorstellung früherer Theologen bzw. religiöser Gruppen. Oeming schließt mit 10 Gedanken, die eine gute Grundlage für eine kritische Diskussion bieten können.

Religionspädagogische Aspekte bringt die Religionspädagogin Astrid Dinter in ihrem Beitrag „Evolutionstheorie gegen Schöpfungstheologie? Eine Auseinandersetzung mit dem Buch ‚Gotteswahn’ von Richard Dawkins“ ein. In Dawkins’ Buch diagnostiziert sie ein monistisches, einliniges naturwissenschaftliches Denken, das alles erklären wolle. Wie einige andere Autoren dieses Bandes macht auch sie einige kritische Bemerkungen zu ID und diagnostiziert wie bei Dawkins eine monistische Weltsicht. Ich halte das für ein Missverständnis, zu dem manche ID-Anhänger allerdings wohl etwas beitragen. Leider gibt es in keinem der Beiträge eine zusammenhängende Erklärung des ID-Ansatzes. Im zweiten Teil thematisiert Dinter religionspädagogische Aspekte des Themenfelds „Glaube und Naturwissenschaft“. Sie betonte die Wichtigkeit einer Verhältnisbestimmung von Theologie und Naturwissenschaft in der Pädagogik, wobei altersgemäß unterschiedlich vorgegangen werden müsse. Gelinge hier nicht frühzeitig eine Synthese, drohe später ein Abbrechen der religiösen Weltsicht oder eine Ablehnung der Naturwissenschaft. Die SG Wort und Wissen teilt dieses Grundanliegen und möchte ebenfalls gerade diesen Abbruch sowohl zu Glaubensinhalten als auch zur Naturwissenschaft verhindern, doch die Vorstellungen zur konkreten Umsetzung dieses Anliegens gehen freilich in eine deutlich andere Richtung. Die historisch-kritische Ausdünnung der historischen und naturkundlichen Bezüge der Glaubensinhalte und des biblischen Zeugnisses (vgl. Oemings Beitrag) halten wir für eine schlechte Basis einer In-Bezug-Setzung von Glaube und Naturwissenschaft. Dass viele Jugendliche sich vom christlichen Glauben abwenden, könnte auch einer gefühlten Belanglosigkeit geschuldet sein, wenn die Bezüge zur realen Welt weitgehend gekappt worden sind.

Das Buch bietet die Möglichkeit, eine gewisse Meinungsvielfalt und Argumente authentisch von Befürwortern unterschiedlicher Sichtweisen zum Spannungsfeld Evolution und Schöpfung kennenzulernen – und das zu einem vergleichsweise günstigen Preis. Daher sei es bei aller inhaltlichen Kritik empfohlen. Wer sich genauer mit diesem Thema befassen möchte, sollte die wichtigsten Positionen und Begründungen von Vertretern verschiedener Positionen kennen.

Bestellhinweis

Herrenalber Forum Band 58.
Evangelische Akademie Baden, Bad Herrenalb, 2009
146 Seiten

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Letzte Änderung: 25.04.2009
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