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Was bleibt übrig?

Rezension von Reinhard Junker


Hans Kessler: Evolution und Schöpfung in neuer Sicht. Butzon & Bercker, Kevelaer 2009, 221 Seiten.


Was für ein Wirklichkeitsverständnis bleibt übrig, wenn folgende drei Sichtweisen ausgeschlossen werden:

  1. Gott erschafft den Kosmos und die Lebewesen direkt durch sein Wort (klassischer Kreationismus),
  2. Gott lenkt oder programmiert zielgerichtet die Evolution (Ansatz des „Intelligent Design“),
  3. Evolution verläuft ohne jede Zielorientierung als rein natürlicher, gesetzmäßig beschreibbarer Prozess.

Gegen alle drei Sichtweisen wendet sich Hans Kessler. Was er selber vertritt, beschreibt er zwar wortreich, inhaltlich aber diffus. Doch der Reihe nach.

Inhalt. Kessler beginnt sein Buch mit „Missdeutungen“ des Schöpfungsgedankens durch Kreationisten und Naturalisten und distanziert sich dabei auch vom Ansatz des „Intelligent Design“. Es folgt ein Kapitel über die Aussageabsicht der biblischen Schöpfungstexte, dann eine kritische Auseinandersetzung mit dem „harten, weltanschaulichen Naturalismus“. Zwei weitere Kapitel befassen sich mit dem christlichen Verständnis von Gott, Schöpfung und Evolution und mit der „Evolution im Rahmen des Schöpfungsglaubens“.

Eine Botschaft dieses Buches lautet, dass Schöpfung und Evolution problemlos miteinander harmonieren würden. Evolution lasse sich nicht nur zwanglos vom christlichen Schöpfungsglauben her verstehen, sondern bekomme in seinem Rahmen „sogar eine besondere Plausibilität“ (S. 146, 160; weshalb das so sein soll, bleibt allerdings unklar). Das „kreationistische“ Schöpfungsverständnis sei eine Perversion des biblischen Schöpfungsglaubens. Gott greife nicht ins Geschehen ein. Die Evolution sei ein „fortwährendes vermitteltes Schöpferwirken Gottes“ (S. 152).

Widersprüchliche Aussagen zum schöpferischen Wirken Gottes. Das Verständnis einer Schöpfung, die sich in der Evolution irgendwie vollzieht, leidet nun aber daran, dass völlig unklar ist, was Gott eigentlich als Schöpfer tut. Aussagen darüber sind verschwommen. Kessler sagt auf ein und derselben Seite (S. 153), Gott mache, „dass die Dinge sich selber machen“ (Teilhard de Chardin), dass die Evolution dabei aber auch ihre eigenen Wege gehe, auch „Umwege und Abwege“. Was tut Gott also? Er sei der Urgrund alles Seins, aus dem alles hervorgeht (S. 125), er sei in allem „ganz tief verborgen als das, was allem Sein verleiht“ (S. 127). Das All und jedes Wesen werde von ihm „umfangen“, „bejaht/geliebt“ und „erfüllt/durchatmet“ (S. 130). Als Designer, der ein fertiges Design schaffe, dürfe man Gott dabei aber nicht denken (S. 132). Es gebe eine ständige „Interaktion zwischen Gott (als ermöglichendem Grund) und den (freigegebenen) Geschöpfen“ (S. 134) – so geht es mit vielen ähnlichen Formulierungen weiter (z. B. S. 148, 149, 151f.: „tastende Interaktion“, 158: „göttlich ermöglichte Selbstüberschreitung“; nach Rahner, 159f.: Gott als der innere Grund der Eigendynamik der Geschöpfe, 161: dialogisches Wirken von innen her). Es gibt nach Kessler also sehr wohl eine Interaktion, also eine Handlung, aber worin besteht sie? Der Design-Ansatz, der mit zielgerichtetem Wirken Gottes rechnet, wird von Kessler abgelehnt; er akzeptiert vielmehr das „naturwissenschaftlich-evolutionstheoretische Konzept der ‚Selbstorganisation’“ (S. 160). Was ist also Gottes Rolle? Einerseits wird eine rein natürliche Evolution bejaht, andererseits soll sich darin auch Gottes Schöpfung zeigen – ein Spagat, der nicht gelingt, was in einem späten Eingeständnis ehrlicherweise auch gesagt wird: „Wie das Zusammenspiel zwischen dem transzendent-immanenten Gott und den Geschöpfen … zu denken sein könnte, weiß ich auch nicht“ (S. 162). Das ist in der Tat der Eindruck, der sich dem Leser über viele Seiten hinweg aufdrängt.

Dies sei an weiteren Beispielen erläutert. Kessler schreibt: „[D]ie Evolution selbst wird als von Gott ermöglicht verstanden und, soweit ihre Prozesse für Gottes Ziele und Einfluss offen sind, als sein andauerndes Schöpferwirken“ (S. 146, Hervorhebung im Original). Das ist in mehrfacher Hinsicht seltsam: Es wird von einem Einfluss und Zielen Gottes gesprochen; beides wird an anderer Stelle aber ausgeschlossen, da Gott nicht wie ein Designer wirke (s. o.) – abgesehen davon, dass Evolutionsprozesse keine Ziele haben. Ebenfalls merkwürdig ist, dass die Evolutionsprozesse anscheinend nur teilweise für Gottes Wirken offen sind („soweit…“); sind sie also teilweise außerhalb seiner Kontrolle? Allein dieser Satz zeigt beispielhaft das Dilemma, das entsteht, wenn man eine natürliche Evolution und gleichzeitig Gottes souveränes Schöpferwirken akzeptieren will. Wo würde es „klemmen“, wenn Gott in der Evolution nicht wirkte? Wenn Evolution ohne Gott wirklich ablaufen würde, wäre Evolution ein rein natürlicher Prozess. Wenn es aber nicht „klemmt“, ist Gott überflüssig (allenfalls im deistischen Sinne als erster Beweger denkbar). In einer voll verstehbaren natürlichen Evolution kann „Schöpfung“ bzw. der Schöpfungsbegriff nur das fünfte Rad am Wagen sein.

Weiter schreibt der Autor: „Gott zwingt die Dinge nicht in eine bestimmte Richtung, er eröffnet Möglichkeiten und gibt Leithorizonte vor, lädt ein, wirbt, lockt …“ (S. 161). Was bedeutet all dies angesichts der bekannten Evolutionsmechanismen, denen bekanntlich keinerlei Zielorientierung innewohnt? Solche Charakterisierungen des Schöpfungshandelns Gottes erscheinen inhaltsleer. Die Versuche, Zufall und Zweck zusammenzubringen (S. 164ff.), misslingen; Kessler versucht dies mit gänzlich unpassenden Vergleichen1  und durch eine rhetorische Frage (S. 167)2 zusammenzubringen.

Seltsam ist auch folgende Argumentation (S. 153): Wäre Gott ein Designer, müsste man ihm alles Unvollkommene zuschreiben, er wäre dann ein „Pfuscher“, der „seinen Job miserabel“ erledige (Steve Jones). Wäre das etwa anders, wenn er durch Evolution schafft; gingen dann die (vermeintlichen!) Unvollkommenheiten nicht auf sein Konto? Wenn nein, verläuft Evolution also doch autonom.

Der Einwand, dass ein eingreifender Gott zu einem Glied in der Kette innerweltlicher Ursachen „herabgesetzt und verendlicht“ (S. 157) werde, geht an der Sache vorbei. Es geht um die Frage, ob Gott am Anfang durch sein Wort geschaffen hat und ob er eingreifen und sich der Naturprozesse bedienen kann, statt ihnen gleichsam unterworfen zu sein. Ein anfängliches Hervorbringen durch das Wort nimmt den Geschöpfen auch nicht ihre Kreativität (wie S. 157 behauptet), im Gegenteil: diese hat Gott durch sein schöpferisches, kreatives Wirken selbst in den Menschen hineingelegt.

Die Bedeutung biblischer Schöpfungsaussagen. Viele Behauptungen zu den biblischen Schöpfungsaussagen erscheinen ebenfalls wenig begründet, so zum Beispiel die Auffassung, der erste Satz der Bibel spreche von eine „mitgehenden Anfang, der dauernd anwesend ist“ (S. 147). Textlich wird dies vom Autor nicht weiter begründet, es scheint eher eine existentiale Interpretation zu sein, wie sie besonders seit Bultmann bekannt ist; Kessler vertritt sie auch an anderen Stellen (s.u.). Weiter zieht er als Verständnisschlüssel Schöpfungsmythen der altorientalischen Umwelt heran, woraus die Besonderheiten des biblischen Schöpfungsverständnisses ermittelt werden sollen (S. 49f., 56). „Im Anfang“ (Gen 1,1) sei nicht zeitlich gemeint, sondern als „mitgehender“ Anfang (S. 55). Das ist kein Ergebnis der Auslegung, sondern eher in den Begriff hineingelesen. Der erste Satz der Bibel sei Ergebnis eines Lern- und Denkprozesses (S. 56ff.). Von göttlicher Offenbarung ist dagegen bei Kessler nicht die Rede. Gen 1 habe nicht die Funktion zu erklären, wie die Dinge entstanden sind (S. 61), die Erwähnung der Arten solle nur das Gewolltsein der Vielfalt zum Ausdruck bringen (S. 62); die ursprünglich rein pflanzliche Nahrung wird als „Sehnsuchtstraum“ bezeichnet (entgegen der Wendung „und es geschah so“ in Gen 1,30) – das sind willkürliche Behauptungen des Autors, für die er keine exegetischen Begründungen gibt. Wenn die biblischen Autoren das so hätten sagen wollen, wie Kessler meint, wären sie auch damals dazu in der Lage gewesen. Die Paradieserzählung (Gen 2,4ff.) wolle sagen, dass es so sein müsste, nicht wie es war (S. 65), dagegen beschreibe Gen 3 die faktische Situation. Auch das ist willkürlich in die Texte hineingelesen. Letztlich ist Kessler davon motiviert, biblische und wissenschaftliche Aussagen strikt auseinanderzuhalten; er versucht, eine Entflechtung durchzuführen: „Es macht wenig Sinn, die Bibel so zu verstehen, als stünde sie mit der wissenschaftlichen Forschung in einem Wettbewerb um die Beantwortung derselben Fragen“ (S. 75). Und warum nicht? Wenn aber Gott der Schöpfer ist, hat alles einen Bezug zu Gott, auch die Wissenschaft. Die Entflechtungsthese, ein schiedlich-friedlicher Trennungsversuch von Glauben und Wissen, funktioniert nicht.

Oberflächliche Kritik anderer Auffassungen. Die Position des „Intelligent Design“ wird nur oberflächlich beschrieben und weit unter Wert verkauft, etwa wenn gesagt wird, man wolle „Gott aus angeblichen Lücken wissenschaftlicher Welterklärung beweisen“ (S. 35, ähnlich S. 46). Belege dafür werden nicht vorgebracht, kein Wunder, denn diese Behauptung ist falsch. Es macht auch keinen guten Eindruck, dass der britische Naturtheologe Paley (um 1800) von Kessler nicht korrekt zitiert wird, weil daran deutlich wird, dass das Original nicht herangezogen wurde (S. 21). Man merkt an vielen Stellen, dass Kessler über den Design-Ansatz kaum informiert ist. Als ziemlich unkritisch erweist sich Kessler in der Beurteilung evolutionärer Hypothesen, etwa wenn er die Entstehung von Linsenaugen als gut belegt darstellt (S. 40); wenn er meint, genetisch begründete Stammbäume würden gut zu den fossil begründeten Verläufen passen (S. 41) oder wenn er innovative Sprünge durch Veränderung eines einzigen Gens für nachgewiesen hält (S. 42). All dies trifft nicht zu.3 

Gottes Eingreifen nach dem biblischen Zeugnis. Kritisch anzumerken ist auch, dass Wichtiges fehlt, das in einer Zusammenschau von Evolution und Schöpfung berücksichtigt werden muss: Viele konkrete biblische Aussagen über Gottes Schöpfungshandeln (im AT und im NT) werden nicht bedacht. Natürlich ist es einerseits richtig, dass Gott beständig die Schöpfung erhält und in der Schöpfung wirkt, aber andererseits sehen wir auch Gottes Eingreifen in die Schöpfung, nicht zuletzt und gerade in Jesus Christus. Gott ist zwar in der Schöpfung verborgen, er hat sich aber auch in unserer Welt mit konkreten Taten offenbart. Und daraus ergibt sich ein wichtiger Schlüssel zum biblischen Schöpfungsverständnis. In Kesslers Buch ist das kein Thema. Warum das „kreationistische“ Schöpfungsverständnis, das genau auf diesen Aspekt abhebt, eine Pervertierung der biblischen Schöpfungslehre sein soll, kann man als Leser allenfalls erahnen, biblisch begründet wird diese Behauptung jedenfalls nicht.

Ein zweiter fundamental wichtiger Aspekt des christlichen Glaubens wird ebenfalls übergangen; nämlich, dass der Mensch Sünder (also von Gott getrennt) und daher verloren ist; deshalb benötigt er einen Retter: Jesus Christus, der „gekommen ist, um zu suchen und zu retten, was verloren ist“ (Lk 19,10). Davon leben Christen! Warum aber wurde Gottes Sohn Mensch, litt für uns und starb am Kreuz? Diese Frage wird nicht einmal gestellt, und sie stellt sich auch nicht, wenn Evolution wahr ist. Denn der Mensch ist in diesem Fall lediglich deshalb „Sünder“, weil er auf evolutivem Wege dazu wurde (wenn man überhaupt noch von „Sünde“ sprechen will). Jesus als Retter hat dann keinen Platz mehr, und er kommt als solcher auch in Kesslers Buch nicht vor. Die vermeintliche Harmonisierung von Schöpfung und Evolution hat also einen hohen Preis: Zentrale biblische Aussagen über Gott als Schöpfer und Jesus Christus als Retter gehen verloren.


Anmerkung

  1. Zum Beispiel: „Oder wenn ich in einem völlig dunklen Zimmer nach dem Lichtschalter suche, kann ich diesen Zweck nur dadurch erreichen, dass ich lange genug scheinbar planlos herumtaste und irgendwann zufällig den Schalter treffe“ (S. 165). Als Analogie zur Evolution ist das ungeeignet, weil hier massiv Teleologie im Spiel ist.
  2. „Warum sollte Gott nicht durch die Gesetze der Natur, auch durch die den Zufall steuernden Wahrscheinlichkeitsgesetze, und also auch durch manche Zufälle in der Natur wirken?“ (S. 167) Abgesehen davon, dass Wahrscheinlichkeitsgesetze nichts steuern, beantwortet diese rhetorische Frage nichts.
  3. Ullrich H, Winkler N & Junker R (2006) Zankapfel Auge. Stud. Int. J. 13, 3-14; Richter S & Sudhaus W (2004) Kontroversen in der Phylogenetischen Systematik der Metazoa. Sitzungsbericht der Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin N.F. 43, 1-221; Junker R (2008) Evo-Devo.

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Letzte Änderung: 13.12.2009
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