LehrbuchAllg. LiteraturFür KinderZeitschrift (SIJ)Fachberichte (SI)
W+W InfoDiskussionsbeiträgeRezensionenArtikelFlyer
Druckerfreundliche Ansicht dieser Seite


Vergleich der weltweiten Sintflutberichte

Rezension von Fred Hartmann


Helena Krez: Vergleich der weltweiten Sintflutberichte. Studienarbeit AT Genesis Exegese, 2. Studienjahr SS 08, 28. 5. 2008, ISBN 978-3-640-32894-9. GRIN-Verlag, München


Bei Recherchen im Internet stieß ich auf den o.g. Titel. Dabei erfuhr ich, dass der GRIN-Verlag mit Sitz in München seit 1998 existiert und sich auf die Veröffentlichung akademischer Texte (Facharbeiten, Abschlussarbeiten, Dissertationen usw.) spezialisiert hat. Um den örtlichen Buchhandel zu unterstützen, entschied ich mich für eine Bestellung im Büchershop „um die Ecke“.  Dort wurde mir mitgeteilt, dass die Lieferfrist für diesen Titel ca. eine Woche beträgt, weil jedes Exemplar aus Kostengründen erst auf Bestellung gedruckt würde. Nach zehn Tagen hielt ich dann ein Heft mit 32 Seiten Umfang (wie in der Verlagsanzeige angegeben) in den Händen, bemerkte aber bei der ersten flüchtigen Durchsicht zu meiner Überraschung, dass von jedem Blatt nur die Vorderseite bedruckt ist. Abzüglich des obligatorischen Vorspanns bleiben dann für die eigentliche Arbeit einschließlich Inhalts- und Literaturverzeichnis ganze 12 Seiten übrig.

Was kann man auf 12 Seiten über ein so komplexes Thema wie den „Vergleich weltweiter Sintflutberichte“ schreiben, zumal es sich um eine Exegese zur Genesis handelt? Da die Publikation selbst nichts über die Rahmenbedingungen für diese Studienarbeit aussagt, fällt es schwer, den Gehalt der Arbeit korrespondierend mit den Anforderungen inhaltlich zu beurteilen, aber ein kurzer Blick auf die Literaturliste lässt erkennen, dass im Wesentlichen schöpfungstheoretisch orientierte bzw. theologisch konservative Literatur verwendet wurde, u.a. Publikationen von Archer, Kitchen, Glashouwer, Scherer und natürlich das Standardwerk aus den sechziger Jahren des 20. Jhdts. von Whitcomb und Morris „Die Sintflut“. Autoren mit bibelkritischem Hintergrund wie Westermann und v. Rad sucht man – mit Ausnahme des Theologen und Archäologen André Parrot – vergeblich.

Helene Krez konzentriert sich in ihrer Arbeit auf das Gilgamesch-Epos. Andere Flutüberlieferungen werden nur am Rande erwähnt, aber ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum biblischen Bericht korrekt aufgelistet. Im Hauptteil nennt die Verfasserin nach einer kurzen inhaltlichen Zusammenfassung der babylonischen Sintflutsage zunächst elf  Übereinstimmungen zu Genesis 6ff, u. a. göttlicher Plan als Grund für die Flut, Auserwählte, die die Flut überleben, Aussendung von Vögeln für die Suche nach einem geeigneten Landeplatz, Anbetung  der Gottheit(en) nach der Flut (S. 6), und zieht aufgrund der vielen Übereinstimmungen das Fazit,  man könne davon ausgehen, „dass der eine Verfasser vom anderen den Inhalt kopiert hat“ (S. 6). Bei dem unmittelbar darauf folgenden Satz „Daher die Diskussion“ bleibt allerdings unklar, worauf sich das „Daher“ beziehen soll, weil eine Gegenposition zu diesem Ergebnis noch gar nicht vorgestellt wurde.

Erst im nächsten Unterpunkt wird deutlich, dass es um die Frage nach dem ursprünglichen Text geht: Ist der biblische Bericht der ältere oder der babylonische? Krez nennt Namen von Vertretern beider Positionen und kommt dann zu dem Schluss, dass aufgrund großer – bis hierhin aber noch nicht genannter – Unterschiede zwischen den beiden Texten  eine „Entlehnung von der einen Tradition zur anderen ausgeschlossen“ sei (S. 6f). Für mich ist diese Schlussfolgerung in der dargelegten gedanklichen Herleitung nicht plausibel, weil im vorangegangenen Abschnitt das Gegenteil postuliert wurde (siehe auch w. u.) und grundsätzlich  das Phänomen der Variation einer Überlieferung (Ableitung von einer Urfassung, z. B. bei einer Sage) in vielen religiösen, aber auch säkularen Texten trotz nicht unerheblicher inhaltlicher Unterschiede zu beobachten ist. Adaptionen an lokale Gottheiten und Weltbilder sowie an regionale Besonderheiten waren den jeweiligen Verfassern schon immer ein notwendiger Grund für die Bearbeitung von Überlieferungen. So gesehen ist die Übernahme einer Sintfluttradition von einer bereits vorhandenen durchaus denkbar.

Auf S. 7 zählt Helene Krez dann fünf bekannte Unterschiede zwischen dem Gilgamesch-Epos und dem biblischen Flutbericht auf, u. a. Form und Maße der Arche, Passagiere, Ursachen und Dauer der Flut, Opfer und Segnung nach der Flut. Nach Auflistung der Unterschiede wiederholt sie den schon oben erwähnten Schluss, dass der biblische Bericht der ursprüngliche sei. Als Begründung nennt sie die Charakterisierung der babylonischer Götter als „menschlich (gemeint ist anthropomorph, der Verf.), unmoralisch und unbarmherzig“ sowie eine unrealistische Beschreibung sowohl der Arche als auch der Angabe zur Dauer der Flut. Sie resümiert: „Aufgrund der Schlichtheit, Überlegtheit und der Zusammenhänge plädiere ich für die Richtigkeit des biblischen Berichts“ (S. 8) (Anm. d. Verf.: Aufgrund welcher Schlichtheit, Überlegtheit und welcher Zusammenhänge?  Und was meint hier „Richtigkeit?“). Neben der sprachlichen und inhaltlichen Unschärfe stört bei dieser Zusammenfassung der wissenschaftlich nicht zwingende – oder zumindest nicht relativierte – Schluss, die ethische Überlegenheit des biblischen Sintflutberichts gegenüber dem babylonischen weise den Text aus der Genesis als den älteren aus. Möglich ist theoretisch ja auch – wie Theologen des religionswissenschaftlichen Ansatzes konstatieren –,  dass es sich bei dem biblischen Text um eine an den Monotheismus und der Ethik des Judentums adaptierte „gereinigte Fassung“ eines mit polytheistischen, animistischen und archaischen Elementen durchsetzten Prototyps handele. Auch der Umstand, dass dieses Fazit zu einem Zeitpunkt gezogen wird, da noch keine möglichen Gründe für die Unterschiede zwischen biblischem und babylonischem Text diskutiert wurden, sehe ich  als Schwäche der Arbeit in Struktur und logischer Stringenz.

Im folgenden Kapitel (S. 8ff) nennt die Verfasserin dann die möglichen Gründe für die Unterschiede zwischen den beiden Texten: 1. „Das Alter und die Überlieferung durch Patriarchen“: Die (ursprüngliche) babylonische Sintfluterzählung wurde von Patriarchen aus Mesopotamien nach Kanaan gebracht und dort von den Semiten entsprechend der bekannten biblischen Überlieferung adaptiert (nach Parrot). Archer hält dagegen: Der ursprüngliche (biblische) Bericht wurde von den Sumerern, Babyloniern und Assyrern adaptiert  2. Die Missionarshypothese: Nach dieser Annahme sollen die Völker durch  Missionare Kenntnis von der Sintflutgeschichte erhalten haben. Krez unterstreicht zu Recht, dass diese Hypothese aber nicht erklärt, warum viele Völker zwar Überlieferungen von einer großen Flut besitzen, nicht aber die Kenntnis vom Evangelium, dem eigentlichen Hauptanliegen aller Missionsarbeit. 3. Die Fähigkeit des Lesens und Schreibens: Hier wird m. E. kein neuer Aspekt genannt, sondern nur Archers Position aus Punkt 1 variiert und präzisiert: Der Sintflutbericht sei nach der Flut von Noah schriftlich fixiert worden und bis zum Turmbau Allgemeingut einer des Lesens und Schreibens mächtigen Menschheit gewesen, nach der Sprachverwirrung wurde die Sintflutgeschichte unter den sich auf der Erde verbreitenden Völkern mündlich tradiert und variiert. 4. Einfluss von Sternenkult und Astrologie: Unter Verweis auf Scherer „Die Suche nach Eden“, ohne allerdings Werner Papke als den eigentlichen Verfasser der in dieser Publikation veröffentlichten Monografie zu nennen, wird – leider nur in einem Satz – die Möglichkeit einer Adaption der Sintflutgeschichte an die babylonische Astrologie genannt. Papkes Theorie ist für diesen Aspekt so bedeutsam, dass Kritik angebracht ist, dass sie in der vorliegenden Arbeit zu wenig berücksichtigt wird. Indizien, die er für seine Theorie heranzieht, werden nicht genannt. 5. Zufällig: Hier zitiere ich wörtlich: „Fred Hartmann schreibt, dass es möglich ist, die Übereinstimmungen der Flutberichte zu erklären, indem man annimmt, sie wären rein zufällig“ (aus meinem Buch „Der Turmbau zu Babel – Mythos oder Wirklichkeit?“, S. 87). Ich fühle mich mit diesem Hinweis allerdings nicht richtig verstanden und irreführend zitiert. Meine eigentliche Aussageabsicht wird deutlich, wenn man den betreffenden Satz im Zusammenhang liest: „Wie kann man Übereinstimmungen in den Flutberichten erklären? Vier Möglichkeiten sollen diskutiert werden: 1. Die Übereinstimmungen sind zufällig (Anm.: Von „rein“ – wie Krez es erwähnt [s. o.] – habe ich nichts geschrieben). Diese Antwort verzichtet auf eine Erklärung. Bei der vorliegenden Indizienlage scheint es sinnvoll, nach einer greifbaren Ursache zu fragen“  („Der Turmbau zu Babel – Mythos oder Wirklichkeit?“, S. 87, 2. Auflage 2002). Krez vermittelt den Eindruck, dass ich die Zufallsannahme für möglich halte. Ich denke, der Zusammenhang macht deutlich, dass ich das Gegenteil vertrete.

Krez spricht sich in ihrer Zusammenfassung für den biblischen Bericht als dem ursprünglichen aus. Am interessantesten ist für mich dabei die in diesem Zusammenhang aufgestellte These, dass der babylonische Bericht und andere Sintflutüberlieferungen nicht vom biblischen Bericht übernommen wurden, sondern unabhängig voneinander entstanden sein könnten.  Zur Stützung dieser These beruft sich die Verfasserin u. a. auf  Glashouwer: „Beide Verfasser der Völker schrieben getrennt voneinander die Erinnerung an eine große Sintflut nieder“ (S. 8). Dann fasst Helene Krez das Ergebnis ihrer Arbeit mit folgender Aussage zusammen: „Ich schließe mich der Meinung … an und plädiere dafür, dass beide Verfasser einen gemeinsamen Ursprung hatten, der jahrelang mündlich oder schriftlich weitergegeben worden ist“ (S. 8) (Anm. d. Verf.: Die Formulierung „gemeinsamer Ursprung“ ist sprachlich nicht korrekt. Gemeint ist wohl, dass beide Verfasser als Grundlage für ihre Geschichte dasselbe Ereignis meinten, d. h. nicht die Verfasser haben einen gemeinsamen Ursprung, sondern die Geschichten.) Das Ergebnis, zu dem Helene Krez kommt, nämlich dass beide Berichte unabhängig voneinander entstanden seien, empfinde ich als irritierend, weil sie w. o. zu den Gemeinsamkeiten zwischen biblischem und babylonischen Sintflutbericht als Zwischenergebnis geschlussfolgert hat, dass „der eine Verfasser den Inhalt vom anderen kopiert“ habe (S. 6). Ist nun ein Text von dem anderen übernommen worden oder sind beide Berichte unabhängig voneinander entstanden, wie auf S. 8 vermutet? Leider ist es der Verfasserin nicht gelungen, diese wichtigen Fragen zur Überlieferungsgeschichte beider Sintflutberichte in der nötigen inhaltlichen Klarheit zu behandeln.

Auch wenn Helene Krez in ihrer Studienarbeit interessante Aspekte und schöpfungstheoretisch relevante Erkenntnisse zu den Sintflutüberlieferungen herausgearbeitet hat, muss man abschließend doch anmerken, dass der Text erhebliche inhaltliche, strukturelle und sprachliche Mängel aufweist. So geht die Verfasserin bei der Diskussion der Erklärungsmöglichkeiten für das Vorhandensein weltweiter Flutberichte auch nicht auf das häufig vorgetragene Argument ein, bei vielen Überlieferungen handele es sich lediglich um lokal begrenzte Ereignisse, keinesfalls aber um die biblisch bezeugte globale Flut. Der in diesem Zusammenhang wichtige Aspekt der Deutung geologischer Formationen für die Frage nach einer kontinentübergreifenden Katastrophe bleibt ebenfalls unerwähnt. Wie schon w. o. angesprochen, sind nicht alle gedanklichen Herleitungen und inhaltlichen Verknüpfungen plausibel und manchmal stehen dem Verständnis grammatikalische und stilistische Unebenheiten sowie fehlende Präzision bei der Wahl passender Ausdrücke entgegen. Darüber hinaus erscheint mir – nicht nur für eine akademische Arbeit – neben unsauberem Zitieren und ungenauen Verweisen auch die Auswahl der herangezogenen Literatur zu einseitig auf konservative bzw. schöpfungstheoretisch orientierte Autoren beschränkt, während die Publikationen von Theologen mit bibelkritischem Hintergrund kaum berücksichtigt wurden. Soll diese Arbeit eine größere Verbreitung erfahren, wäre eine gründliche Redaktion und inhaltliche Erweiterung wünschenswert. In der vorliegenden Form ist der Preis von 13 € jedenfalls nicht angemessen, weder quantitativ noch qualitativ.


zum Seitenanfang

Home Publikationen W+W Info

Studiengemeinschaft WORT und WISSEN e.V. • Webmaster