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Design-Fehler in der Natur

von Henrik Ullrich



Ulrich Kutschera: Design-Fehler in der Natur. Alfred Russel Wallace und die Gott-lose Evolution. LIT-Verlag Berlin. Reihe: Science and Religion. Naturwissenschaft und Glaube Bd. 12, 2013, 384 Seiten.


Wissenschaftshistorische Analysen sind bekanntlich immer wieder für Überraschungen gut. Wie kam es zu  den großen  Ideen oder Theorien in der Naturwissenschaft, welche individuellen und soziokulturellen Begleitumstände prägten Forscherpersönlichkeiten? Zahlreiche geniale Köpfe der Vergangenheit sind  in Vergessenheit geraten und mit ihnen ihre großartigen Leistungen. Alfred Russel Wallace, ein Zeitgenosse von Charles Darwin, war ein solcher Forscher, dessen individuelle Lebensgeschichte und Leistungen als Biologe beeindrucken und darüber hinaus  eine Fundgrube für das Verständnis des Wissenschaftsbetriebes im 19. Jahrhundert darstellen. Ulrich Kutscheras Aufarbeitung der einzelnen Lebensabschnitte des Mitbegründers der Selektionstheorie liefert viele spannende Ansatzpunkte, die das o.g. bestätigen.

Leider büßt Kutscheras Arbeit Qualität und damit Zitierfähigkeit ein, weil der Autor unbeirrt alle fachlichen und handwerklichen Missgriffe seiner früheren Werke fortsetzt. Dazu gesellt Kutschera einen zwar keineswegs neuen,  jedoch für eine solche populärwissenschaftliche Publikation völlig deplatzierten Umgang mit seinen Gegnern. Die entwürdigende und teilweise beschämende Art und Weise, wie u.a. evolutionskritische Positionen und deren Vertreter dargestellt werden, wirft ein trauriges Licht auf den Autor. Die kläglichen Versuche z.B., die Wahl des Eisvogels auf dem Cover einer Publikation der SG Wort und Wissen zu ergründen (S.260-262) oder der Vergleich deutscher „ID-Kreationisten“ mit „dickleibigen, Bier-trinkenden Spießbürgern“ (S. 344) sind dafür selbstredend. Gibt es beim LIT-Verlag keinen Lektor, der solche Entgleisungen verhindern könnte?

Neben der Abqualifizierung seiner weltanschaulichen und wissenschaftlichen Kontrahenten liegt ein weiterer Schwerpunkt in Kutscheras Buch auf der Kritik des Design-Arguments. „Design-Fehler“ in der Natur sind – so es sie denn wirklich gibt und diese mittels naturwissenschaftlicher Methodik als solche auch klar definierbar wären – tatsächlich eine Herausforderung für alle, die von der Existenz eines genialen und kreativen Designers überzeugt sind. Kutschera ignoriert jedoch konsequent alle publizierten Kriterien, was im wissenschaftlichen Sprachspiel als designt gilt und was nicht. Nach eigenem Gutdünken, in welches zudem viele subjektive theologische Vorstellungen einfließen, legt Kutschera fest, was gutes Design in der Natur ist und wie der Designer zu handeln habe. Ein Kinderspiel ist es dann für ihn, diesen selbst geschaffenen Strohmann an eigenartig anmutenden Beispielen (wie die Kristallstruktur von NaCl, der Kreislauf der Gesteine, Sauerstoffradikale) zu zerpflücken. Kutschera bewegt sich damit völlig außerhalb dessen, was in der wissenschaftlichen Diskussion um das Designargument tatsächlich im inhaltlichen Zentrum steht.

Die Gliederung und der Aufbau des Buches orientieren sich nicht an dem durch die Überschrift vorgegeben roten Faden. Dem Leser werden weite Sprünge zwischen  Wallace‘ Leben,  den „ID-Kreationisten“, Darwin und den ungeliebten Vertretern der Frankfurter  Konstruktionsmorphologie zugemutet, eine gedankliche Kontinuität des Dargestellten bleibt so weithin unkenntlich.

Der Stil ist – gemessen an seinen bisherigen Publikationen – typisch für den Autor, geprägt  von wiederkehrenden unbegründeten Pauschalaussagen und  Worthülsen. Das bisher schon enorme Ausmaß an Selbstzitationen übersteigt in diesem Werk das Maß des Erträglichen.   

Wallace‘ Leben und Werk, dem der Ruhm seines über allen geschätzten Vorbildes Charles Darwin verwehrt blieb, ist es wert, in Erinnerung gerufen zu werden. Kutschera gelingt es – wenn er sich auf dieses Thema konzentriert –, die ungewöhnliche Spannweite des akribisch arbeitenden, aber meist mittellosen Naturforschers und gleichzeitig verlachten, „tischerückenden“ Spiritisten nachzuzeichnen. 
Dennoch, jeder der das Buch bis zum Ende aufmerksam liest, fragt sich, warum diese Lebensgeschichte in einem solch unwürdigen Rahmen eingefügt werden musste.


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