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Adam, Eva und die Evolution.
Wie Bibel und Wissenschaft zusammenpassen.

Rezension von Reinhard Junker



Das schmale Büchlein behandelt das spannende und spannungsreiche Thema aus der Perspektive eines Pastors einer amerikanischen Großstadtgemeinde (so Christoph Raedel im Vorwort). Keller sieht vier Hauptschwierigkeiten im Zusammenhang mit Evolution für Christen: Die Autorität der Bibel, unsaubere Grenzziehung zwischen Biologie und Philosophie, die Frage nach der Historizität von Adam und Eva als erstes Menschenpaar und das Problem des Bösen und der Gewalt. In vielen Gesprächen hat der Autor die Beobachtung gemacht, dass Christen vor allem in den ersten drei Feldern Probleme haben. Ihnen möchte er pastorale Antworten und Leitlinien auf einem allgemein verständlichen Niveau geben. In einem Satz gesagt ist Kellers Antwort: Man kann Evolution als Naturprozess (nicht als Weltanschauung) akzeptieren und zugleich an Adam und Eva als erstem Menschenpaar und einem historischen Sündenfall festhalten.

Keller, Timothy. Adam, Eva und die Evolution. Wie Bibel und Wissenschaft zusammenpassen. Gießen: Brunnen 2018. Taschenbuch, 48 S., 4,99 Euro.

Beim ersten Themenfeld geht es um die Autorität der Bibel: Wenn man Gen 1 nicht wörtlich nimmt, warum solle man andere Teile der Bibel wörtlich nehmen? Keller antwortet mit dem korrekten Hinweis, dass man von einer Stelle nicht auf andere schließen könne, sondern die jeweilige Aussageabsicht beachten müsse. Gen 1 hält er zwar nicht für Poesie, sondern im Anschluss an C. John Collins für eine „erhabene Prosaerzählung“; dennoch sieht er textliche Gründe für ein nicht-wörtliches Verständnis, vor allem die unterschiedliche Reihenfolge der Schöpfungswerke in Gen 1 und Gen 2. Doch diese Diskrepanzen sind auflösbar, wie anderer Stelle gezeigt wurde.1 Keller hält die Abfolge in Gen 1 für unnatürlich, während sie in Gen 2 stimmig („natürlich“) sei. So sei es unnatürlich, dass es am 3. Tag noch keine Atmosphäre gegeben habe, da erst am 4. Tag die Sonne geschaffen worden sei. Weshalb aber sollte die Atmosphäre nicht vor der Sonne geschaffen worden sein? Und eine Erschaffung des Menschen in eine vegetationslose Welt (wie Keller Gen 2,4ff. versteht) würde doch gerade nicht einer „natürlichen Abfolge“ entsprechen. Der Schluss von Keller, das Gen 1 nicht lehre, dass Gott die Welt in sechs Tagen mit 24 Stunden schuf, erscheint vor diesem Hintergrund auf schwachen Füßen zu stehen.

Das zweite Themenfeld behandelt den Unterschied von Evolution als biologischem Prozess  und Evolution als Weltanschauung. Keller wendet sich gegen die Auffassung, dass wer Evolution als biologischen Prozess akzeptiere, auch an Evolution als Gesamttheorie aller Dinge glauben müsse (S. 24). Es komme darauf an, gegen Letztere gemeinsam Front zu machen. In Kellers Ausführungen bleibt allerdings unklar, worin dieser Unterschied besteht. Was erklärt „Evolution als biologischer Prozess“ nicht und was tut Gott als Schöpfer in der Evolution? Ohne Antwort auf diese Fragen bleibt hier nur ein unbefriedigender Formelkompromiss.

Der dritte Themenkomplex betrifft die Historizität von Adam und Eva und des Sündenfalls. So erfreulich es ist, dass Keller auf die Historizität Wert legt und dafür einige hilfreiche Argumente präsentiert (S. 29ff.), so problematisch ist der Versuch, dies mit einem evolutiven Werdegang des Menschen zu verbinden, den Keller im Anschluss an Derek Kidner vorstellt (S. 37ff.). Das vorgestellte Modell hat den Preis, dass zwischen biologischen Menschen und geistlichen Menschen unterschieden werden muss, obwohl diese äußerlich nicht unterscheidbar sind (diese Begriffe werden nicht verwendet, aber in der Sache wird diese Unterscheidung getroffen).2 Es ist unrealistisch, dass beide Menschengruppen getrennt blieben, so dass die Folgen der Sünde nur die geistlichen Menschen betraf. Also muss man in höchst spekulativer Weise annehmen, dass Adam eine Art Stellvertreterfunktion hatte und  den natürlichen Menschen das geistliche Menschsein nachträglich ebenfalls verliehen und ihnen ebenso auch die Sünde der geistlichen Menschen zugerechnet wurde. Was ist dann aber der Unterschied zu Adam, da auch diesem das geistliche Menschsein in einer bestimmten Phase der Evolution verliehen wurde? Zudem wird aus Gen 1,26 deutlich, dass die Erschaffung des Menschen einen Neuansatz darstellt („Lasst uns Menschen machen!“), der schwerlich mit einem kontinuierlichen evolutionären Prozess vereinbar ist. Und in Gen 2 wird gesagt, dass für Adam unter den Tieren keine Hilfe gefunden wurde – hätte er nicht unter den nach diesem Modell vorhandenen biologischen Menschen fündig werden können? Der Tod als Sündenfolge kann in einem solchen „kreativen“ Modell (wie Keller Kidners Vorschlag charaktierisiert) nur „geistlich“ gemeint sein (S. 40), was aber weder dem hebräischen Begriff (mwt) für Tod noch den Ausführungen von Paulus in Röm 5,12ff. entspricht.3

In diesem Zusammenhang erscheint der Vergleich mit dem „Töpfern“ des individuellen Menschen durch Gott nach Hiob 10, 8-9 und der Erschaffung des ersten Menschen nach Gen 2,7 irreführend, wenn dazu die Frage gestellt wird, warum dieselbe Terminologie in Gen 2,7 nicht ebenfalls einen natürlichen evolutionären Prozess beschreiben kann (S. 37). Denn die Individualentwicklung des Menschen ist von einer natürlichen Evolution in wesentlichen Punkten sehr verschieden und kein „evolutionärer Prozess“ im Sinne moderner Evolutionstheorien.

Es ist zu begrüßen, dass sich Timothy Keller der Thematik um Schöpfung und Evolution stellt. In einer knappen Darstellung ist eine gründliche Auseinandersetzung natürlich nicht möglich; es kann nur ein Überblick über die wichtigsten Problempunkte und Argumente gegeben werden. Was die Problempunkte betrifft, ist das in diesem Büchlein m. E. gut gelungen. Die Argumentation erscheint mir jedoch aus den genannten Gründen zu einseitig und die Lösungsansätze zu vage. Außerdem bleiben viele wichtige theologische Fragen unberücksichtigt.

 

Anmerkung

1 R. Junker und W. Hilbrands: „Genesis 1 und 2: Zwei sich ergänzende Schilderungen vom Anfang“, in: R. Junker (Hg.) Genesis, Schöpfung und Evolution. Holzgerlingen, 3. Aufl., S. 195-198. (vgl. ähnlich: www.wort-und-wissen.de/flyer/f04/f04.pdf)

2 „Nichts zwingt uns anzunehmen, dass das Wesen, in das Gott das menschliche Leben einhauchte, nicht von einer Spezies war, die in jeder Hinsicht vorbereitet war auf das Menschsein …“ (S. 37; Zitat von D. Kidner).

3 Vgl. R. Junker: „Theistische Evolution nach Denis Alexander und BioLogos“, in: R. Junker (Hg.) Genesis, Schöpfung und Evolution. Holzgerlingen, 3. Aufl., S. 15-41; bes. S. 30f. Ein nahezu identischer Beitrag ist online unter www.wort-und-wissen.de/artikel/a12/a12.pdf verfügbar. Aus der Annahme, es sei nur der „geistliche Tod“ gemeint, folgen weitere Unstimmigkeiten, die in „Genesis, Schöpfung und Evolution“ und im genannten Internetartikel diskutiert werden.


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