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Homo sapiens: die Krone der Schöpfung

Rezension von Daniel Facius

Rezension im PDF-Format


Martin Rhonheimer: Homo sapiens: die Krone der Schöpfung: Herausforderungen der Evolutionstheorie und die Antwort der Philosophie. Springer VS, 2016, 288 Seiten.


Der Autor ist Professor für Ethik und politische Philosophie an der Päpstlichen Universität in Rom und möchte mit dem vorliegenden Werk die Herausforderungen der Evolutionstheorie für „unser Menschenbild“ untersuchen. Dieses Menschenbild sieht er sowohl durch überzogene Ansprüche der Naturwissenschaft als auch durch „unaufgeklärte“ und unreflektierte Gottesvorstellungen in Gefahr. Ein Atheismus à la Dawkins ist für Rhonheimer eine „irrationale Extrapolation naturwissenschaftlicher Erkenntnisse“, der selbst zur Ideologie, sogar zum „Glaubensbekenntnis“ wird. Religiös-fundamentalistische Wissenschaftsfeindlichkeit dagegen gehe „kurzschlüssig“ davon aus, dass eine Zustimmung zur Evolutionstheorie die Verabschiedung vom Glauben an Gott bedeute.

Im ersten Kapitel wird die „moderne Evolutionstheorie“ dargestellt. Er charakterisiert sie als „unfertig“ und konstatiert „zahlreiche Beweislücken“, hält es aber für unzulässig, diese Beweislücken gegen sie ins Feld zu führen – eine aus naturwissenschaftlicher Sicht merkwürdige Haltung. Wieso sollen „zahlreiche Beweislücken“ kein gutes Argument gegen eine naturwissenschaftliche Theorie sein? Gerade weil Naturwissenschaft endgültige „Beweise“ für die Gültigkeit einer Theorie nicht kennt, sind Lücken ein ausreichender Grund, ihre Gültigkeit zu hinterfragen. Dies gilt insbesondere dann, wenn Lücken mit dem Zuwachs empirischen Wissens ebenfalls anwachsen anstatt sich zu schließen. Die Diskrepanz zwischen dem theoretisch zwingend geforderten graduellen Auftreten neuer Arten und der Abwesenheit ihrer Spuren im Fossilbefund ist im Übrigen mehr als eine „Lücke“. Es ist ein Wiederspruch zwischen Theorie und Empirie. Der Heilungsversuch dieses schon Darwin schmerzlich bewussten Widerspruchs durch das Postulat eines noch allzu lückenhaften Befundes versagt angesichts des zeitlichen Verlaufs der Zahlen der pro Jahr und Sammler entdeckten neuen Arten mehr und mehr.

Immerhin wird konstatiert, dass die Tage der „natürlichen Selektion“ als „evolutiver Alleskönner“ gezählt seien. Diese sei vielmehr nur eine von mehreren treibenden Mechanismen der Evolution, lasse sich aber nicht als „zufällig“ beschreiben. Da die Mutationen des genetischen Materials „immer nur auf der Grundlage der jeweils vorhergehenden Stadien überhaupt zu Geltung und Ausdruck kommen können“, seien sie durch diese vorhergehenden Stadien „vorkonditioniert“. Zudem existierten aufgrund der informationstragenden Eigenschaften der DNA-Sequenzen „eine Fülle geradezu obligatorischer Mechanismen“. Der Zufall sei deshalb nicht für den Fortschritt zu immer höherer Komplexität verantwortlich, sondern höchstens für die Vielfalt von Variationen, für die Umwege und Sackgassen. Die Entstehung von Komplexität selbst „hat mit Selbstorganisation aufgrund von Regeln und Anfangsbedingungen zu tun“ (S. 24). Wie das mit der Feststellung in Einklang zu bringen ist, die Evolution sei ein „nicht zielgerichteter Prozess“, in dem man „keine planmäßigen Vorgaben finden könne“ (S. 25), ist schwer einzusehen. Wenn, und dafür spricht ja vieles, das Leben eher durch „kreative genetische Antriebsprinzipien und Gestaltungskräfte“ (S. 31) erklärbar ist als durch den Zufall, dann stellt sich ganz deutlich die Frage, wo diese Regeln, Prinzipien und Kräfte eigentlich ihren Ursprung haben – und ob sie nicht die zentralen Mechanismen der Evolutionstheorie, Selektion und Auslese obsolet machen.

Im zweiten Kapitel des Buches befasst sich der Autor mit den Grenzen der Evolutionstheorie. Rhonheimer behauptet, dass sie weder die Entstehung des Lebens, noch die Entstehung des spezifisch menschlichen, leib-geistigen Lebens, noch die Entstehung der Materie und des Universums erklären kann. Hinsichtlich des Anfangs des Universums könne es „nicht einmal echte Hypothesen“ geben, weil diese mangels empirischer Überprüfbarkeit „reine Spekulation“ blieben. Zudem würden die beiden möglichen Varianten „ewige Existenz“ oder „plötzlicher Sprung vom Nichtsein ins Sein“ eine Evolution geradezu ausschließen (S. 50). Hierin ist ihm sicherlich zuzustimmen, wobei sich die Frage stellt, ob die Erklärung der Entwicklung des Lebens, für die nach Rhonheimer die Evolutionstheorie zuständig ist, von der Frage der Entstehung des Lebens sinnvoll isoliert werden kann. Wie brauchbar ist eine Hypothese, die ausgerechnet den entscheidenden Punkt einer Entwicklung, nämlich ihren Beginn, nicht erklären kann?

Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen Evolutionstheorie und den Weltanschauungen des Materialismus und Atheismus. Die Behauptung, die Entwicklung der Arten sei das Ergebnis eines Prozesses natürlicher Auslese und zufälliger Genmutationen, der keiner göttlichen Ursächlichkeit oder Planung bedarf und daher ziellos ablief, soll nach Rhonheimer keine materialistischen oder atheistischen Implikationen haben. Einen methodischen Atheismus bejaht er gleichwohl, weshalb es für den Naturwissenschaftler „immer nur den einen Weg geben“ können soll, „nach natürlichen Ursachen zu suchen“ (S. 45). Seine Behauptung, dass die Natur als Gesamte auf Gott verweist, Gott aber in der Natur nicht vorkommt und deshalb aus ihr nicht erkannt werden kann, wird dann leider nicht begründet. Woher will Rhonheimer wissen, dass sich „Fußspuren oder Fingerabdrücke eines göttlichen Schöpfers im Gefüge der Natur selbst“ nicht finden lassen? Soll das eine naturwissenschaftliche, philosophische oder theologische Behauptung sein? Und wie kann „ein Gesamtsystem von Ursachen“, die Natur „als Ganze“, auf Design hinweisen, wenn es „die Natur selbst“, ihr inneres Gefüge und ihre „Funktionsmechanismen“ nicht tun (S. 65)? Wie kommt Rhonheimer zu dem Schluss, dass Spaemanns Vergleich der Beziehung Natur-Gott mit einem Film und einem Projektor die Wirklichkeit zutreffend beschreibt? Ist es naturwissenschaftlich zwingend, dass Gott und die Natur „zwei ganz verschiedenen Seins- und Kausalitätsebenen“ angehören? Oder soll es eine theologische Aussage sein, dass Gott ‚im Film nicht vorkommt‘? Dafür, dass der Autor dies für eine „wesentliche Unterscheidung“ hält (S. 68), wäre eine Herleitung dieser These wünschenswert gewesen. Selbstverständlich ist diese deistische Prämisse (die Rhonheimer als klassisch-scholastisch einordnet) jedenfalls nicht – und biblisch wohl ebenso wenig (wie der Autor wohl selbst erkennt, S. 83).

Im vierten Kapitel werden Kreationismus und Intelligent Design als „Irrwege der Evolutionskritik“ behandelt. Diese Einschätzung wird durch den Umstand begünstigt, dass der Autor die Evolutionstheorie gerade nicht als Ursprungslehre, sondern als „Naturgeschichte“ deutet. Die Behauptung der Kritiker, die Evolutionstheorie sei „Ursprungslehre“, ist dabei aber nicht vom Himmel gefallen, sondern entspricht dem Anspruch, den viele Wissenschaftler und auch Lehrbücher an die Evolutionstheorie stellen. Obwohl Rhonheimer zuvor erklärt hat, er wolle als Philosoph die Evolutionstheorie nicht im Detail beurteilen (S. 54), spricht er wiederholt davon, dass sie empirisch überprüfbare Voraussagen enthalte, die heute erhärtet seien. Es scheine „authentische wissenschaftliche Beweise zu geben“, um die Evolutionstheorie als gut begründet ansehen zu dürfen. Man fragt sich hier, wie man zu diesem Schluss kommen kann, wenn man nicht die Validität dieser Beweise selbst im Detail beurteilt hat. Man „scheint“ das einfach glauben zu müssen. Auch seine Behandlung der „Fehlüberlegungen“ des Kreationismus beruht letztlich auf der eigenen, äußerst abgespeckten Version der Evolutionstheorie, für die Mutation und Selektion möglicherweise keine zentralen Mechanismen mehr sein müssen. Denn der Verweis auf die Existenz von Struktur- und Steuergenen ist bei klassischem Verständnis der Evolutionstheorie ein durchaus valider Kritikpunkt an ihr. Selbstredend können „Struktur- und Steuer-Gene“ rein natürlich funktionieren. Es kann dann aber gerade nicht von einem ziellosen Prozess gesprochen werden, in dem sich „keine Vorgaben“ finden lassen. Dass solche Gene „einen brauchbaren theoretischen Rahmen für die Erklärung der Makroevolution liefern könnten“ (!), hätten Kreationisten „nicht widerlegt“. Hier darf man sich die Frage stellen, ob eine hypothetische Möglichkeit, dass ein bestimmter Umstand einen theoretischen Rahmen liefern könnte (!), wirklich wiederlegt werden muss – oder mit der Bemerkung, entsprechende Vorschläge seien „weitgehend spekulativ“, nicht zutreffend kommentiert ist (S. 102). Im Übrigen seien die „pseudowissenschaftlichen Argumente der Vertreter von ID“ durch die Forschung sukzessive widerlegt (S. 106). Auch hier fragt man sich: Woher weiß Rhonheimer das, ohne Details der Theorie und ihrer Kritik selbst beurteilt zu haben? Und wieso soll das Inbetrachtziehen intelligenter (und damit „nicht natürlicher“ Ursachen) eine Grenzüberschreitung darstellen (S. 110)?

Die Frage der Beweisbarkeit Gottes, die im fünften Kapitel bedacht wird, beginnt mit einer Widerlegung von Dawkins Argument für die Unwahrscheinlichkeit der Existenz Gottes und richtet sich dann auf die Bestimmung Gottes als „Ursprung allen Seins“. So richtig das ist, so merkwürdig erscheint es, einen Gegensatz zwischen dem „Ursprung allen Seins“ und dem „ersten Beweger“ zu konstruieren. Geschaffensein heißt selbstredend, die Ursache des eigenen Seins nicht in sich selbst zu tragen, es heißt aber auch, „einen zeitlichen Anfang haben“, auch wenn Rhonheimer das verneint (S. 128). Richtigerweise erklärt er in der Folge, dass der Verweis auf Naturgesetze, die einen bestimmten Ablauf erzwingen, in Wahrheit keine erschöpfende Erklärung darstellt, da dann gerade erklärt werden müsse, woher eigentlich die Naturgesetze kommen. Wer nichts als selbstverständlich annehme, gelange zur Frage nach Gott. Er präsentiert sodann den teleologischen Gottesbeweis Thomas von Aquins in einer evolutionstheoretischen Fassung. Hier müsse erklärt werden, wie ein blinder Prozess ohne zielsetzende Intelligenz zu einer Ordnung „voller Sinn, Zweckmäßigkeit und Schönheit“ habe führen können (S. 138) und darüber hinaus „den Anschein von Zielgerichtetheit“ (S. 140) erwecke, wobei das nicht nur ein Anschein sei, sondern „tatsächlich einen Aspekt der Wirklichkeit“ wiedergebe. Man kann hier nur die Formulierungskünste des Autors bewundern: ein Prozess ohne Ziel, der als realen Aspekt „Zielgerichtetheit“ aufweist – dies dann allerdings nicht als Voraussetzung, sondern als Ergebnis?

Rhonheimers Gottesbeweis funktioniert dann etwa wie  folgt: Die Evolution hat eine zweckmäßige Ordnung hervorgebracht, obgleich sie keine Intelligenz besitzt. Folglich muss beides, die Evolution selbst und ihr Ergebnis, eine intelligente Ursache besitzen. Der Unterschied zu Intelligent Design soll dann darin liegen, dass diese Ursache nicht den inneren Mechanismus und die Antriebskräfte des Prozesses erklärt, sondern eben Ursache des Gesamtprozesses ist – und zwar auf einer Ebene, die nicht die Ebene von Naturkausalität sei. Dieser vermeintliche Unterschied ist dabei nicht wirklich einleuchtend. Auch die Vertreter des Intelligent Design verwenden „Intelligenz“ nicht als Erklärung bestimmter Mechanismen oder Antriebskräfte, sondern schließen aus der Komplexität und Ordnung dieser Prozesse auf einen „Designer“. Zum anderen kann schlechterdings kaum darauf verzichtet werden, eine Auswirkung der „Ursache des Gesamtprozesses“ auch auf dessen Bestandteile anzunehmen. Dazu tendiert der Autor letztlich auch, wenn er bemerkt, der Evolutionsprozess enthalte wahrscheinlich eine „Strategie des Lebens“ und sei insofern geordnet, als er „seiner Struktur und inneren Logik“ nach das Ergebnis antizipiere (S. 142). All das hat mit der klassischen Evolutionstheorie nichts mehr zu tun.

Vor diesem Hintergrund kann Rhonheimer den Menschen in Kapitel 6 nicht nur als Produkt der Evolution verstehen, sondern auch als „Krone der Schöpfung“. Die Evolution habe die notwendigen Bedingungen dafür geschaffen, dass der Mensch als leib-geistiges Wesen möglich wurde, liefere aber nur eine sektorielle Erklärung. Das Auftreten des Geistigen nämlich erfordere ein „nicht-evolutives“ Element im Sinne einer „schöpferischen Durchformung eines bereits existierenden, biologisch-evolutiven Hominisationsprozesses“ mit dem neuen Prinzip des Geistes (S. 165). Der Mensch, der sich als „Gefüge von Sinn“ erfahre, wisse, falls er nicht die Augen vor sich selbst verschließe, dass er „nicht einfach nur ein Produkt der Evolution“ ist (S. 170). Hier zeigt der Autor klar auf, dass eine Reduktion auf die Genetik der Erfahrung widerspricht. Man dürfe nicht aufgrund von genetischen Übereinstimmungen darauf schließen, dass es keinen signifikanten Unterschied zwischen Menschen und Schimpansen gebe, sondern müsse vielmehr aufgrund des enormen Unterschiedes zwischen Menschen und Schimpansen zu dem Schluss kommen, dass die Gene alleine den Menschen nicht erklären können (S. 171). Vielmehr mache der Geist den wesentlichen Unterschied aus, der dem Menschen „von außen“ zukomme und ihn der „Natur“ überordne, der zudem Abglanz eines höheren Geistes sei, an welchem der Mensch teilhat. Dass die Evolution „um des Menschen willen“ abgelaufen sei (S. 243), wird sodann im letzten Kapitel erläutert. Diese Zielgerichtetheit wird wiederum nicht als dem Entstehungsprozess inhärente Bedingung verstanden, sondern als „nachträgliche Interpretation dieses Prozesses aufgrund der Selbsterfahrung dessen“, was wir Menschen tatsächlich seien. Die Frage, weshalb der Mensch einer solchen Selbsterfahrung trauen sollte, wird damit beantwortet, dass der Mensch das einzige Produkt der Evolution sei, das solche Fragen stellen könne. Die Tatsache, dass die menschliche Seele einem göttlichen Schöpfungsakt entspringe, lasse die Tatsache, dass sein Organismus einem in sich ziellosen Evolutionsprozess entspringe, unerheblich werden (S. 250).

Das Buch ist als Debattenbeitrag zum Thema zu empfehlen, im Ergebnis allerdings nicht überzeugend. Für jemand, der naturwissenschaftliche Fragestellungen nicht im Detail bewerten will, legt sich Rhonheimer auch hinsichtlich naturwissenschaftlicher Details sehr deutlich fest. Die Evolutionstheorie selbst grenzt er derart stark ein, dass sie lediglich noch zu erklären vermag, wie bestimmte Prozesse abgelaufen sind – die möglicherweise gar nicht so „zufällig“ sind, wie man landläufig annehmen würde, wenn man von „Mutation und Selektion“ ausgeht. Die Evolutionstheorie impliziere keinen Materialismus, Wissenschaftler könnten aber immer nur nach natürlichen Ursachen fragen. Zielgerichtet ist die Evolution natürlich nicht abgelaufen, es solle aber nachträglich so interpretiert werden. Die Prozesse seien ziellos, aber vorkonditioniert. Die Natur „selbst“ verweist nicht auf Gott, die Natur „als Ganze“ aber doch. Intelligent Design ist unwissenschaftlich und womöglich gefährlich, von einer sinnvollen Ordnung auf eine intelligente Ursache zu schließen dagegen vernünftig. Wenn Rhonheimer hier Evolutionsanhänger und -kritiker zufriedenstellen wollte, dürfte ihm das misslungen sein. „Kohärent zusammengedacht“ jedenfalls wirkt das Werk nicht.

Diese Buchbesprechung wurde erstmals in der Zeitschrift "Glaube und Denken heute", Ausgabe 2/2018, veröffentlicht. (siehe www.bucer.de/fileadmin/ ... /gudh_2_2018_web_a.pdf)


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