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Grundsatzerklärung der Evangelischen Landeskirche Württemberg zum „Kreationismus“
Einige Anmerkungen

Leider wird die Diskussion um Schöpfung und Evolution seit etwa zwei Jahren in Deutschland heftiger geführt, als es der Sache zuträglich ist. Die Schärfe liegt allerdings in der Grundsätzlichkeit des Themas begründet: Einerseits hat sich die Evolutionstheorie für viele Zeitgenossen als schlagendes Argument gegen den christlichen Glauben etabliert; andererseits ist mindestens nach reformatorischem Verständnis der christliche Glaube nicht von der Gültigkeit der Schilderungen der Heiligen Schrift abtrennbar, und direkt gegen letztere geht es in der Öffentlichkeit leider oft. Die Studiengemeinschaft Wort und Wissen möchte zu dieser Debatte in möglichst sachlicher Weise beitragen. Dasselbe kann man von dem Papier sagen, das Herr Dr. Hemminger verfasst hat und das als Stellungnahme der Evangelischen Landeskirche Württemberg veröffentlicht wurde (Stellungnahme). Zwar teilen wir manche Einschätzung nicht, die in diesem Papier vorgetragen wird, sind aber froh über die christlich-brüderliche Art, in der das Gespräch gesucht wird. Wir möchten im Hinblick auf drei Punkte Folgendes zur Diskussion stellen:

1. Zur Evolutionstheorie. In der Biologie gibt es „die Evolutionstheorie“ nicht. Ähnlich wie es bei der Auslegung der Texte Genesis 1-3 innerhalb der Christenheit unterschiedliche Auffassungen gibt, die sich aber im Grundsätzlichen einig sind (Gott hat geschaffen, Er ist nicht Teil Seiner Schöpfung usw.), so gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen über Makroevolution, also die Frage, wie sich jenseits der Optimierung von bereits Bestehendem Neues ohne Plan und Ziel gebildet haben könnte. Die verschiedenen Evolutionsauffassungen stimmen zwar darin überein, dass sich alles ohne (auch nur indirektes) Wirken eines Schöpfers entwickelt hat. (Jeder Schöpfungsglaube, der sich diese Sicht zu eigen macht, würde seines Inhaltes entleert.) Darüber hinaus jedoch könnten die Vorstellungen über den konkreten Ablauf der Evolution nicht unterschiedlicher sein. Wir möchten dies schlaglichtartig mit zwei neueren Zitaten belegen:
„Trotz all ihrer unbestrittenen Erklärungskraft weist die Synthetische [Evolutions-]Theorie ernste Mängel auf. Die empirische Basis für den Gradualismus ist bestenfalls schwach. Der direkteste Blick in die Vergangenheit des Lebens auf der Erde vermittelt der Fossilbericht. Mit seinen abrupten Übergängen bietet er jedoch wenig Hinweise für eine allmähliche Evolution neuer Formen. … Außer diesen Erklärungsdefiziten hat die Synthetische Theorie philosophische Unzulänglichkeiten. Wenn behauptet wurde, dass Evolution graduell sein müsse, und dass makroevolutionäre Schemata vollständig durch das Wirken der natürlichen Selektion und durch Anpassung an die Umwelt erklärt werden können, erhob die Synthetische Theorie überzogene Ansprüche und verließ daher den Bereich der Wissenschaft und entwickelte sich zu einer Ideologie“ (Theißen 2006, in Übersetzung).
„In der Welt des Neodarwinismus war der motivierende Faktor für morphologische Veränderung die natürliche Selektion, die für die Modifikation und den Verlust von Teilen verantwortlich gemacht werden kann. Selektion besitzt aber keine innovative Fähigkeit: sie eliminiert oder erhält, was existiert. Die generativen und Ordnungsaspekte der morphologischen Evolution fehlen daher der Evolutionstheorie“ (Müller 2003, 51, in Übersetzung).
Es ist unseres Erachtens wichtig, dass die theologische Seite den innerwissenschaftlichen Konflikt in seiner Grundsätzlichkeit und Ungelöstheit wahrnimmt. Auch das schützt uns Christen sowohl vor Wissenschaftsfeindlichkeit als auch Wissenschaftsgläubigkeit.

2. Zum Verhältnis Glaube – Wissenschaft. Die Verhältnisbestimmung von Glaube und Wissenschaft ist eine vielschichtige Angelegenheit. Ein für Christen sehr wichtiger Aspekt ist darin die Einschätzung der Heiligen Schrift. Dass sie nicht als wissenschaftliches Lehrbuch missverstanden werden darf, ist selbstverständlich; niemand vertritt bei der SG Wort und Wissen ein solches Verständnis. Die Schrift spricht über die uns zugängliche Natur aber nicht nur in Metaphern, sondern berichtet vom realen Handeln Gottes in eben unserer Welt, mit der sich auch Naturwissenschaften befassen. Daher ist die ganz konkrete, reale Frage nach der Korrespondenz von Schrift und jeweiligem Stand der wissenschaftlichen Naturerkenntnis wichtig und nützlich. Die Inhalte der Heiligen Schrift sind real, weil sie vom Schöpfer veranlasst sind. Daher ist sind die biblischen Texte vertrauenswürdig. Von dieser Basis aus ist sicherlich ein fruchtbares Gespräch unter Christen möglich, die Genesis 1-3 verschieden verstehen. Abwehren müssen wir Weltanschauungen – auch wenn sie sich wissenschaftlich geben –, die das Vertrauen in die Schrift unterminieren wollen. Die Abwehr wird sich wissenschaftlicher, vernunftgemäßer und theologischer Argumente bedienen. Sie wird nicht darin bestehen, dass man der bibel- und schöpferkritischen Haltung mit freundlicher unkritischer Zustimmung begegnet.

3. Zur Rolle von Sünde und Tod in der Schöpfung. Mindestens eine sehr zentrale Frage, die sich aus dem Glauben an eine göttlich gewollte Evolution ergibt, ist in der Stellungnahme nicht angesprochen und müsste eigens diskutiert werden: Die gegensätzliche Rolle, die der Tod in Evolution und Heiliger Schrift spielt: dort Teil des Schaffensmechanismus, hier der Feind des Lebens und Werkzeug in der Hand des Teufels (Hebr. 2,14), den unser Herr besiegt hat. Der Tod ist nach der Schrift eine Folge des Gerichts Gottes über die Sünde des Menschen. Im Neuen Testament wird Jesus Christus und sein Werk in einen engen Zusammenhang mit dem Beginn der Menschheit gestellt, wie er in Genesis 1-3 geschildert wird. Das Verständnis der Person und des Wirkens Jesu hängt damit unmittelbar auch mit dem biblischen Verständnis der Urgeschichte zusammen (s. Literaturhinweis und Links).

Die Studiengemeinschaft Wort und Wissen sieht sich nicht als „kreationistisch“ im gegenwärtig öffentlich gebrauchten Sinne des Wortes (vgl. dazu Kurzcharakterisierung wichtiger Ursprungslehren. Die Position der SG Wort und Wissen). Vielmehr möchten wir wissenschaftliche Fragestellungen und Befunde in unserer Zeit als Menschen verstehen, die in ihrem Denken vom Glauben an „Gott den Vater, den Allmächtigen, Schöpfer des Himmels und der Erde“ ausgehen und die immer wieder – im Glauben – konkrete Spuren Seines Handelns in der realen Natur wahrnehmen und sich darüber freuen. Zum Begreifen von Schöpfung, ihrer Herkunft, gegenwärtigen Beschaffenheit und Zukunft, reichen nach unserer Überzeugung wissenschaftliche Erkenntnisse nicht aus, sondern es bedarf der Integration im Wort Gottes geoffenbarter Wahrheiten.

Quellen

Müller GB (2003) Homology: The Evolution of Morphological Organization. In: Müller GB & Newman SA (eds) Origination of Organismal Form. Beyond the Gene in Developmental and Evolutionary Biology. Vienna Series in Theoretical Biology. Cambridge, MA, pp 51-69.
Theißen G (2006) The proper place of hopeful monsters in evolutionary biology. Theory in Biosciences 124, 349-369.

Literaturhinweis und Links

Junker R (2007) Kreationismus: Theologische Motivation und naturwissenschaftliche Aspekte. In: Klinnert L (Hg) Zufall Mensch? Das Bild des Menschen im Spannungsfeld von Evolution und Schöpfung. Darmstadt, 127-146.

Die biblische Urgeschichte im Neuen Testament

Evolutionsmechanismen als Schöpfungsmethode?

22. 8. 2007


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