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Stellungnahmen zum jüngsten vermeintlichen Arche-Fund

Am 27. April 2010 trat Yeung Wing-Cheung, Mitglied eines 15-köpfigen chinesisch-türkischen Teams (NAMI – Noah’s Ark Ministries International), mit der Meldung an die Öffentlichkeit „zu 99,9 Prozent sind wir uns sicher“ die Arche Noah gefunden zu haben. Zahlreiche Medien (in Deutschland: „Focus“, „Welt“, „Bild“) berichteten darüber. Mit einer Pressekonferenz in Hongkong, spektakulären Fotos „vom Inneren der Arche“ und einer Videosequenz der Gruppe im Eis des Ararat ließen die Entdecker „die Bombe“ platzen. Die Arche liege demnach unter Gletschereis auf 4000 Meter Höhe und ihr Inneres sei in mehrere Bereiche unterteilt. Ein Stück Zypressenholz der Arche sei auf ein Alter von 4800 Jahren datiert worden.

Die Medien haben überwiegend neutral berichtet, nicht spöttisch, aber mit Distanz. Die Leser werden sich wahrscheinlich in zwei größere Lager geteilt haben: Auf der einen Seite diejenigen, die nicht an einen historischen Noah und an die Existenz der Arche glauben, darunter zum Beispiel das Schweizerische Katholische Bibelwerk, das die Sensationsmeldung als „ausgemachten Blödsinn“ ablehnt - mit der Begründung, ein mythisches Schiff könne nicht gefunden werden (www.oecumene.radiovaticana.org). Auf der anderen Seite werden manche in diesem Fund vorschnell den Beweis für die biblische Glaubwürdigkeit sehen.

Die Mitarbeiter der SG Wort und Wissen sind davon überzeugt, dass Noah in der Arche tatsächlich die Sintflut überlebt hat und dass der Fund dieses Schiffes eine archäologische Sensation wäre, der die Glaubwürdigkeit der Bibel stark unterstreichen würde. Nichtsdestotrotz muss die Beweislage genau überprüft werden, bevor euphorisch triumphiert wird.

Daher sind im Folgenden einige Überlegungen von verschiedenen Personen aufgeführt, die sich mit Archäologie und der Arche Noah intensiv beschäftigt haben:

Peter van der Veen, archäologischer Mitarbeiter der SG Wort und Wissen, hält das C-14-Ergebnis für sehr zweifelhaft als Hinweis auf die historische Arche: 2800 v. Chr. entspreche einer viel zu kurzen Chronologie der Genesis, zumal, wenn man Abweichungen von minus 300 Jahren in Betracht ziehe, die bei der C14-Methode für das 3. Jahrtausend vor Christus auftreten. Dies würde sich nicht mit einer in der Bibel als historisch beschriebenen globalen Flut vereinbaren lassen, sondern höchstens mit einer lokalen Überflutung, wie sie Leonard Woolley in Ur entdeckt hat. Dann aber hätte die Flut bei weitem nicht ausgereicht, ein Schiff auf dem Ararat landen zu lassen. Zum aktuellen Fund meint van der Veen: „Es lohnt sich, die Nachrichten weiter zu verfolgen. Aber es ist äußerste Vorsicht geboten, denn vieles scheint dagegen zu sprechen.“

Bill Crouse aus Texas, der sich seit Jahrzehnten mit der Arche-Forschung beschäftigt, hält es für bedenklich, dass die Datierung ausgerechnet im Iran vorgenommen wurde. Dies mache es »schwierig, die Ergebnisse zu überprüfen«. Bill Crouse vertritt die Ansicht, dass die Arche nicht auf dem Ararat, sondern auf dem 300 Kilometer südwestlich gelegenen Berg Cudi gelandet ist. (Die Bibel spricht nicht vom Berg, sondern vom Gebirge Ararat, und Namensgleichheit eines Bergzuges mit einem heutigen Berg muss nicht Identität bedeuten.)

Dieser Meinung ist auch Timo Roller und führt auf seiner Website (www.noahs-berg.de) folgende Argumente an: Das Überdauern einer Struktur unter Gletschereis ist sehr unwahrscheinlich. Eis sei ständig in Bewegung und würde im Laufe der Jahrtausende ein Schiff vermutlich zermalmt haben. Auf einem Bild, das die Chinesen veröffentlichten, seien Spinnweben und Holzwurm-Spuren zu erkennen. Diese Tiere müssten unter den lebensfeindlichen Bedingungen in 4000 Metern Höhe existieren oder die Netze und Löcher hätten seit antiker Zeit überdauert. Beides könne er sich nicht vorstellen.

Prof. Randall Price von der Liberty University in Lynchburg, Virginia, hat im Jahr 2008 mit dem chinesisch-türkischen Team zusammengearbeitet. Nach eigenen Angaben (www.jonasclark.com) kam es zu Schwierigkeiten mit dem kurdischen Führer der Expedition, was schließlich zum Abbruch der Zusammenarbeit führte. Er hält das vorgelegte Material für Fälschungen. Randall Price war im letzten Herbst wieder mit einer Expedition auf dem Ararat, um die Arche zu suchen. Für die Fortsetzung seiner Untersuchungen im kommenden Sommer erwartet er, Teile der Arche zu finden. Ob er tatsächlich zu handfesten Ergebnissen kommt, bleibt abzuwarten.

Solange nur das veröffentlichte Bildmaterial für eine Analyse zur Verfügung steht und die Funde nicht von unabhängigen Fachleuten begutachtet werden konnten, ist Zurückhaltung in der Bewertung des aktuellen Forschungsstands geboten. Zur Verfolgung des aktuellen Stands und für weitere Informationen verweisen wir auf die Website des NAMI-Projekts (www.noahsarksearch.net) und auf eine Website amerikanischer Christen (www.noahsarksearch.com), die sich mit den aktuellen Forschungen beschäftigt.

Aktualisiert: 11. 6. 2010


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