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Atheistischer Philosoph: Neodarwinismus ist sehr wahrscheinlich falsch

Ein kleinformatiges 130-Seiten Büchlein eines US-Amerikaners, das sich kritisch mit dem Erklärungsanspruch des Darwinismus auseinandersetzt, ist normalerweise keiner besonderen Beachtung wert. Anders ist es, wenn der Autor bekennender Atheist und (bislang) von vielen geschätzter Philosoph ist. Die Rede ist von Thomas Nagel, dessen im September 2012 publiziertes Buch Mind and Cosmos. Why the Materialist Neo-Darwinian Conception of Nature is Almost Certainly False (Oxford University Press) in den USA für hitzige Diskussionen sorgt. Über 90 Rezensionen auf amazon.com sind nur ein Indiz dafür, welches Interesse diesem Buch entgegengebracht wird.
Das Buch könnte bald auch im deutschsprachigen Raum größere Beachtung finden, denn der Suhrkamp-Verlag hat für Oktober 2013 eine deutsche Übersetzung angekündigt.1 Das Magazin „Cicero“ bringt die Brisanz des Buches mit der Überschrift „Linker US-Philosoph sägt am Darwinismus“ treffend zum Ausdruck. Der Autor Malte Lehming formuliert als Nagels zentrale These: „Das Axiom der meisten Naturwissenschaftler, dem zufolge alle Phänomene – also auch Gefühle, Gedanken, Bewusstsein, Verhalten – vollständig erklärbar sind durch materielle Faktoren, ist höchstwahrscheinlich falsch.“2 Das heißt: Bewusstsein, geistige Verursachung und die Existenz von Moral können aus unserer Erfahrungswelt nicht „gestrichen“ werden. Es gibt sie. Sie sind nicht auf materielle Mechanismen reduzierbar, auch ihre Entstehung nicht.
Das ist eine steile These, die aber schon lange „in der Luft“ liegt. Nagels Analyse: Der Naturalismus, wonach es in der Welt zu allen Zeiten ausschließlich mit sogenannten natürlichen Dingen zugeht, kann seine Grundthese nicht beweisen. Mehr noch: Er muss sein Scheitern eingestehen, wenn man Thomas Nagel folgt. Die Fortschritte der Naturwissenschaftler auf den Gebieten der Neurophysiologie und Molekularbiologie hätten zwar kurzfristig der atheistischen Hoffnung Vorschub geleistet, dass auch das Geistige physikalisch erklärt werden könne. Dies sei jedoch nicht gelungen und philosophische Argumente sprechen dagegen, dass dies überhaupt jemals gelingen könnte. Ganz analog könnten Evolutionstheorien, deren Kernstück die ziellose Abfolge von Mutation und Selektion ist, nicht erklären, „wie aus anorganischem organisches Leben entstand, aus einfachen Systemen komplizierte wurden und Instinkt in Verstand und Bewusstsein mündete“, fasst Malte Lehming zusammen. Nagel nimmt eine Art „kosmischer Prädisposition“ für das Auftreten von Leben, Bewusstsein und ethischen Werten an. Er hat sich nicht zum Theismus „bekehrt“ und stellt eine Evolution der Lebewesen nicht in Frage, allerdings ohne zu wissen, wie sie vonstattengegangen sein könnte.
Nagel glaubt zwar: „Wir sind das Produkt einer langen Geschichte des Universums seit dem Big Bang und stammen von Bakterien ab, die sich über Milliarden Jahre durch Mutation und Selektion gebildet und verändert haben.“ Doch sei unklar, wie sich das vereinbaren lässt mit dem, was wir über die Art unseres Verstandes, unser Bewusstsein und unsere Werte wissen.
Dass seine Thesen heftigen Widerspruch auslösen würden, war Nagel klar. Er äußert in seinem Buch die Befürchtung, im „gegenwärtigen intellektuellen Klima“ kaum ernst genommen zu werden. Und das, „obwohl“ er nicht den Schluss zieht, dass ein wie auch immer gearteter Schöpfer zur Erklärung des Auftretens von Leben, Geist und Bewusstsein angenommen werden müsse, wie das die Anhänger des „Intelligent Design“ (ID) tun. Selbst diese Abgrenzung von ID schützt ihn nicht vor giftigen Attacken. Sein Plädoyer, eine teleologische Komponente ins Spiel zu bringen, also eine Art von Zielorientierung, reicht für viele aus, um ihn in einen Topf mit der ID-Bewegung zu stecken und ihn wie diese zu diffamieren. Ein Blick auf die Kommentare des Tagesspiegel-Artikels und in andere Internet-Diskussionsforen zeigt, dass hierzulande dieselben reflexhaften Abwehrreaktionen kommen und der Autor mit abfälligen Bemerkungen überschüttet wird. Die meisten Kommentare lassen dabei erkennen, dass das Buch gar nicht gelesen wurde.
Doch es gibt auch seriöse und differenzierte Auseinandersetzungen mit Nagels Thesen, weiß Malte Lehming zu berichten. „Im Februar erschien eine sehr differenzierte Rezension in der ‚New York Review of Books‘, in der zumindest das Unbehagen Nagels an der materialistischen Theorie an vielen Stellen geteilt wurde. Umgekehrt veröffentlichte Leon Wieseltier in der ‚New Republic‘ eine fulminante Verteidigungsschrift Nagels unter der Überschrift: ‚A Darwinist Mob Goes After a Serious Philosopher‘ (‚Eine Darwinistische Meute verfolgt einen ernstzunehmenden Philosophen‘).“3
Dass Nagel Gemeinsamkeiten mit Befürwortern eines Intelligenten Designs hat, lässt ihn nicht in seiner Kritik beirren und er bedankt sich bei ID-Befürwortern sogar für nützliche Anregungen. Wahrscheinlich ist das einer der Gründe für den Zorn seiner Gegner. Vermutlich sitzt die Abneigung, die Nagel sich einhandelt, aber tiefer. Denn: Auch wenn Nagel kein schlüssiges Alternativkonzept zum Reduktionismus, Naturalismus oder Evolutionismus anbietet, macht er doch die Unvollständigkeit und prinzipiellen Defizite dieser Weltanschauungen klar und stört das Bild vom einfachen und schlüssigen materialistischen Weltbild empfindlich. Aus dieser Ruhe wollen sich viele offenbar nicht vertreiben lassen.

Einige Zitate aus Thomas Nagels Buch

„Seit langer Zeit finde ich es schwer, an die materialistische Erzählung zu glauben, wie wir und unsere Mitorganismen entstanden sind, und zwar einschließlich der Standardversion über die Arbeitsweise der Evolution.“ (Einleitung, S. 5 der englischen Ausgabe)
„Mir ist klar, dass solche Zweifel viele Leute empören werden. Aber das liegt daran, dass fast jeder in unserer säkularen Kultur dahingehend eingeschüchtert wurde, das reduktionistische Programm für sakrosankt zu halten, mit der Begründung, alles andere sei keine Wissenschaft.“ (Einleitung, S. 7 der englischen Ausgabe)
„Der evolutionäre Naturalismus hat zur Folge, dass wir keine unserer Überzeugungen ernst nehmen sollten, einschließlich dem naturwissenschaftlichen Weltbild, von dem der evolutionäre Naturalismus abhängt.“ (Kap. 2.6, S. 28 der englischen Ausgabe)
„Wir leben in einem Klima, in dem der naturwissenschaftliche Naturalismus dominiert. Er ist massiv abhängig von spekulativen darwinistischen Erklärungen von praktisch allem, und er ist bis an die Zähne bewaffnet gegen Angriffe seitens der Religion. In diesem Klima hielt ich es für nützlich, über mögliche Alternativen zu spekulieren. Vor allem würde ich gern die Grenzen dessen, was wir für undenkbar halten, etwas erweitern, weil wir nämlich sehr wenig von der Welt verstehen. Es wäre ein Fortschritt, würde sich das säkulare Establishment und die gegenwärtige aufgeklärte Kultur, die von ihm dominiert wird, vom Materialismus und vom Lückenbüßer-Darwinismus entwöhnen.“ (Conclusion, S. 127 der englischen Ausgabe)

Quellen/Anmerkung

1 Geist und Kosmos – Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist.
2 http://www.cicero.de/weltbuehne/evolutionstheorie-linker-us-philosoph-saegt-am-darwinismus/54656; Erstveröffentlichung im Tagesspiegel: http://www.tagesspiegel.de/meinung/evolutionstheorie-die-selektion-allein-erklaert-nicht-die-welt-sagt-thomas-nagel/8311070.html
3 http://www.newrepublic.com/article/112481/darwinist-mob-goes-after-serious-philosopher#; vgl. auch http://www.nybooks.com/articles/archives/2013/feb/07/awaiting-new-darwin/?pagination=false

24. 6. 2013


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