ArchäologieGeologieBiologie/PaläontologieVor- und Frühgeschichte
PhysikWirtschaftswissenschaftenTheologie

Unternehmensethik – Wahre Lehre oder leere Ware?

Reinhard Haupt, Werner Lachmann (Hg.)

 

in Zusammenarbeit mit der GWE

Thema

Die Fülle von Publikationen und Bekenntnissen zur Wirtschaftsethik vermittelt den Eindruck, als sei der Widerspruch zwischen Markt und Moral, zwischen Geschäft und Glaube, kurz: zwischen Wirtschaft und Ethik, überwunden. Besonders die verschiedenen Führungsgrundsätze, Verhaltenskodizes und Firmenleitsätze bekannter Großunternehmen geben Anlaß zur Frage: Haben solche Ethik-Bekenntnisse mehr als nur deklaratorischen Charakter? Zugleich ist nicht zu bestreiten, daß Wettbewerbsvorteile nicht nur durch Erfolg, sondern auch durch Ethik, nicht nur durch Macht, sondern auch durch Moral errungen werden. Die Managementlehre spricht in diesem Zusammenhang gerne vom "Produktionsfaktor Ethik, vom Moralkapital oder vom "Standortvorteil Ethik".

Sowohl der Graben als auch der Brückenschlag zwischen marktwirtschaftlichen Gesetzen und ethischen Prinzipien, sowohl die Konkurrenz als auch die Kongruenz von Management und Moral gehören zu diesem Balanceakt der Unternehmensethik.

 
  Prof. Dr. Reinhard Haupt
Studiengemeinschaft W + W 
Fachgruppe Wirtschaft
Prof. Werner Lachmann, Ph.D.
Gesellschaft zur Förderung von 
Wirtschaftswissenschaften u. Ethik
 

Inhalt

Reinhard Haupt & Werner Lachmann Zur Einführung
Dirk Matten Moral im Unternehmen: Philosophische Zierleiste oder knappe Ressource?
Christine Lieberknecht Ethikkrise im Management und Vertrauensverlust der Marktwirtschaft in den neuen Ländern
Robert Wolff Marktwirtschaft im Unternehmen: Der Arbeitnehmer als Kunde
Werner Lachmann Verantwortung zwischen Eigen-, Gruppen- und Gesamtinteresse

Zur Einführung

 

von Reinhard Haupt & Werner Lachmann

Die Fülle von Publikationen und Bekenntnissen zur Wirtschaftsethik vermittelt den Eindruck, als sei der Graben zwischen Markt und Moral, zwischen Geschäft und Glaube, kurz: zwischen Wirtschaft und Ethik, überwunden. Besonders die verschiedenen Führungsgrundsätze, Verhaltenskodizes und Firmenleitsätze bekannter Großunternehmen geben Anlaß zur Frage: Haben solche Ethik-Bekenntnisse mehr als nur deklaratorischen Charakter? Zugleich ist nicht zu bestreiten, daß Wettbewerbsvorteile nicht nur durch Erfolg, sondern auch durch Ethik, nicht nur durch Macht, sondern auch durch Moral, errungen werden.

"Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alles gedacht!" Diese Äußerung in einer kürzlichen Bundestagsdebatte sollte das Eigeninteresse als Antrieb der marktwirtschaftlichen Ordnung karikieren. In der Tat erweckt bereits Adam Smith den Eindruck, als mache der Eigennutz eine besondere Ethikbetonung im Wirtschaftsleben entbehrlich, wenn er in einem berühmt gewordenen Zitat ausführt: "Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers oder Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, daß sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen-, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil."

Zwar wird nicht bestritten, daß ein Minimum an Sekundärtugenden (wie Vertragstreue und Zuverlässigkeit) für die Funktionsfähigkeit der Marktwirtschaft nötig ist. Aber nach der Meinung manches Experten sorgt der Wettbewerb für beides, für Erfolg und Ethik, für Gewinn und Gewissen.

Man kann einer solchen Position immerhin auch etwas abgewinnen, nämlich die Einsicht: Ohne einen Ausgleich zwischen ökonomischen Voraussetzungen und ethischen Überzeugungen wird es keine wirtschaftsethisch stabilen Ordnungen geben. Idealisierte Maximalforderungen und normative Utopien, ohne Rücksicht auf wirtschaftlich fundierte Zusammenhänge, werden keine Überzeugungskraft und Akzeptanz entfalten können, sondern im Gegenteil mit konjunkturellen Tiefs ins Abseits geraten. Wenn ethische Ansprüche für die Wirtschaftsteilnehmer nicht einen gewissen "appeal" haben, werden sie sich auch durch einen moralischen "Appell" kein Gehör verschaffen.

Längerfristig mag der Graben zwischen marktwirtschaftlichen Gesetzen und ethischen Prinzipien durch Unternehmensphilosophien auch tatsächlich weniger gravierend erscheinen, nämlich durch "Unternehmensleitsätze", "Ethikkodizes", "Handlungsmaximen" oder "Codes of Conduct", die Großunternehmen quasi als ihr Grundgesetz publik machen (vgl. Lenk/Maring 1992). Sie stehen damit in besonderem Öffentlichkeitsinteresse und können sich nicht so ohne weiteres über gewisse Basisprinzipien hinwegsetzen. Dieser Prozeß von Ansehen und Kontrolle kann im gewissen Maß gewohnheitsprägend und meinungsbildend wirken.

Aber es wäre kurzsichtig, nicht auch die Konfliktlagen zwischen beiden Welten, zwischen der Ökonomie und der Ethik, zwischen dem Management und der Moral, zu berühren. Neben den glücklichen Fällen des Gleichlaufs der Interessen beider Bereiche kann man unschwer auch Beispiele für geschäftlichen Mißerfolg durch Beachtung ethischer Prinzipien (z. B. Verzicht auf illegale Untertarif-Beschäftigung von ausländischen Arbeitnehmern) aufführen. Nicht nur die Kongruenz, sondern auch die Konkurrenz zwischen unternehmerischen Ansprüchen und ethischen Maßstäben muß thematisiert werden. Die Redewendung "Geschäft ist Geschäft" läßt dies erkennen: Im Geschäftsleben gelten eigene Gesetze und nicht unbedingt Ethikprinzipien. Noch drastischer wird der Konflikt zwischen Gewinn und Gewissen von Gabriel Laub karikiert: "Streng nach ethischen Kriterien können nur Menschen außerhalb der ökonomischen Zwänge leben: sehr Junge, sehr Alte, sehr Reiche, sehr Arme, Außenstehende und Verrückte - und Philosophen, die mit Ethik Geld verdienen" (Lenk/Maring 1992, 25).

Auf welche Weise kann auf ein stärker ethikkonformes Managementverhalten Einfluß genommen werden? In einer marktwirtschaftlichen Ordnung liegt es nahe, marktnahe Instrumente einzusetzen, die wirtschaftliche Anreize für moralisches Verhalten hervorbringen. Man denke hier an Abgaben und Sanktionen für unerwünschtes Verhalten oder Prämien und Vergütungen für erwünschtes Verhalten. Wo marktwirtschaftliche Instrumente versagen, ist das Recht durch Auflagen und Restriktionen gefragt. Aber auch damit kann wirtschaftsethisches Fehlverhalten nicht gänzlich verhindert werden. Es muß eine Überzeugung aus Einsicht und Akzeptanz und eine Autorität von Werten und Maßstäben hinzutreten. Markt, Macht und Moral bzw. Gewinn, Gesetz und Gewissen verkörpern die drei Instrumentbereiche zur Förderung der Unternehmensethik.

An diese dritte Einflußvariable, die gewissensmäßige Prägung, knüpfen Einsichten auf der Grundlage eines christlichen Menschenbildes an. Mit anderen normativen Ansätzen hat die christliche Glaubensüberzeugung das Wissen um eine Werte- neben einer Wertorientierung im Management gemeinsam, also eine Ethikverantwortung jenseits von Wirtschaft und Recht, von Abgaben und Auflagen bzw. von Anreizen und Vorschriften. Aber anders als Konzeptionen einer dialogischen oder diskursiven Letztbegründung von solchen wertbezogenen Einsichten lebt eine biblisch-christliche Managementphilosophie von absoluten Normen: von der Herrschaft Gottes in der Welt, nämlich von dem Maßstab der Person Jesu Christi, des Sohnes Gottes, von dem Wissen um seinen stellvertretenden Tod und seine Auferstehung und schließlich von der Erwartung seiner Wiederkunft (vgl. Kreikebaum 1996, 118 f.). Dieser personale Bezug hebt auch die Ethikprägung des christlichen Glaubens von Moralbindungen anderer Religionen ab: "Christus verkündet kein christliches Programm. Er sagt nicht: Das ist die Wahrheit. Er sagt vielmehr: Ich bin die Wahrheit. Er meint damit kein abstraktes Gesetz, sondern ein konkretes Verhalten: handelnde Liebe" (v. Weizsäcker 1983, 112).

Die Beiträge dieses Bandes sind aus Vorträgen hervorgegangen, die auf einer Tagung der Studiengemeinschaft WORT und WISSEN (W+W) sowie der Gesellschaft zur Förderung von Wirtschaftswissenschaften und Ethik e.V. (GWE) über "Ethik-Bekenntnisse in Unternehmensleitsätzen und Firmenphilosophien" vom 07. bis 10. 11. 1996 in Friedrichroda (Thüringen) gehalten worden sind.

Beide veranstaltenden Organisationen stellen sich den Herausforderungen des christlichen Glaubens durch die Erkenntniswelt der wissenschaftlichen Fachdisziplinen. In der Studiengemeinschaft WORT und WISSEN finden sich Christen aus natur-, geistes- und sozialwissenschaftlichen Fachrichtungen zusammen, die Denkansätze im Spannungsfeld von Glauben und Wissenschaften unter einer schöpfungsorientierten Perspektive erörtern wollen. Die Gesellschaft zur Förderung von Wirtschaftswissenschaften und Ethik e.V. widmet sich der Förderung von Forschung und Lehre in den Wirtschaftswissenschaften auf der Grundlage einer Ethik, die auf dem biblischen Welt- und Menschenbild beruht. Ihre besonderen Brennpunktthemen konzentrieren sich auf den Fragenkreis der Wirtschaftsethik, der Entwicklungspolitik und der ökologischen Wirtschaftspolitik. Die gemeinsamen Arbeitstagungen beider Organisationen im Bereich der Wirtschaftswissenschaften richten sich an Experten, die durch ihre Tätigkeit in Forschung, Lehre, Ausbildung und Praxis an einer biblischen Aufarbeitung von grundsätzlichen und aktuellen volks-, betriebs- und sozialwirtschaftlichen Fragen interessiert sind.

Die vorliegenden Beiträge unter dem Generalthema "Unternehmensethik - Wahre Lehre oder leere Ware?" behandeln Anspruch und Wirklichkeit, Begründung und Bewährung sowie erfreuliche und enttäuschende Beobachtungen von Moral im Wirtschaftsleben.

Dirk Matten befaßt sich unter dem Thema "Moral im Unternehmen: Philosophische Zierleiste oder knappe Ressource?" mit Management-Konzeptionen im Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichen Herausforderungen und gesellschaftlichen Ansprüchen. Mehr und mehr sehen sich Unternehmen nicht nur unmittelbaren Rentabilitäts-Erwartungen der Anteilseigner (shareholder), sondern auch mittelbaren Verantwortungs-Erwartungen der Anspruchsgruppen im öffentlichen Umfeld des Unternehmens (stakeholder) gegenüber. Der Beitrag vergleicht heute stark diskutierte Begründungen für integrierte wert- und wertebezogene Ansätze. Abschließend erörtert er biblische Normen in ihrer Bedeutung für die Unternehmensführung in einer pluralistischen, nicht-christlichen Umgebung.

Christine Lieberknecht beschäftigt sich unter dem Thema "Ethikkrise im Management und Vertrauensverlust der Marktwirtschaft in den Neuen Ländern" mit der rückläufigen Akzeptanz der Marktwirtschaft in Ostdeutschland. Zu diesen Vorbehalten gegenüber der Leistungsfähigkeit unserer Wirtschaftsordnung trägt neben verklärenden Illusionen über die vergangene Ära des Sozialismus und neben der Betroffenheits-Erfahrung des unerwarteten Ausmaßes an Beschäftigungsabbau auch der Vertrauensverlust aufgrund von Enttäuschungen über offensichtliches Management-Fehlverhalten (nutzlose Beratungsleistungen, sinnlose Versicherungen, unsolide Kreditverträge usw.) beim "Aufbau Ost" bei.

Robert Wolff beschreibt unter dem Thema "Marktwirtschaft im Unternehmen: Der Arbeitnehmer als Kunde" in einem Fallbeispiel, das vom engagierten Profil dieser Unternehmer-Persönlichkeit lebt, ein langjährig erfolgreiches Modell einer Erfolgsbeteiligung der Mitarbeiter in einem mittelständischen Unternehmen. Aber die Gewinnausschüttung ist nur die zahlenmäßig sichtbare Oberfläche eines mitarbeiterorientierten Führungsstils, der die Arbeitnehmer-Bedürfnisse nach Anerkennung und Sicherheit ernst nimmt. Diese Kundenorientierung, nicht nur auf dem Absatz-, sondern auch auf dem Arbeitsmarkt, ist Ausdruck einer konsequenten Umsetzung marktwirtschaftlichen Denkens des Unternehmens nach außen und innen.

Werner Lachmann geht in seinem Thema "Verantwortung zwischen Eigen-, Gruppen- und Gesamtinteresse" auf den Eigennutz im Spannungsfeld zwischen Selbstsucht und Gemeinwohl ein. Das Eigeninteresse, eingebunden in institutionelle Regeln fairen Wettbewerbs, kann mehr zum Gesamtinteresse beitragen als Appelle und Utopien der Nächstenliebe. Egoismus wird nicht durch intakte Marktbedingungen hervorgebracht, sondern durch defekte Rahmenbedingungen gefördert. Aber auch die überzeugendste Institutionenethik kommt nicht ohne Individualethik aus. Hier liegt die Bewährungschance der Neuschöpfung der Persönlichkeit nach dem biblischen Menschenbild.

Zusammenfassend thematisiert der Band Fragen der Unternehmensethik, und zwar sowohl grundsätzliche, konzeptionelle Entwürfe als auch Probleme der realen Erfahrungswelt. Wirtschaftsethik wird damit im Spektrum zwischen den Extremen "wahre Lehre" und "leere Ware" diskutiert.

Die Herausgeber danken den Autoren für ihre Vorträge und deren Überarbeitung zur vorliegenden schriftlichen Fassung. Ihr Dank gilt ferner den Gutachtern der einzelnen Beiträge, die die Manuskripte sachverständig und fachkritisch beurteilt und durch ihre konstruktiven Anregungen mitgeprägt haben. Schließlich gebührt Herrn Dipl.-Ök. Frank Mehrens Dank für die zuverlässige und kompetente organisatorische Vorbereitung der Fachtagung sowie für die sorgfältige und verantwortungsvolle redaktionelle Unterstützung der Herausgeber.

Bestellhinweise

Der Tagungsband ist derzeit vergriffen:
  Reinhard Haupt; Werner Lachmann (Hg.):
Unternehmensethik – Wahre Lehre oder leere Ware?
Fragen an das Evolutionsparadigma in den Wirtschaftswissenschaften
Neuhausen- Stuttgart, Hänssler, 1995
Pb., 71 S., Format 16,5x24; ISBN 3-7751-3065-3

10,50 EUR / 15,90 SFr



zum Seitenanfang


Home Publikationen Studium Integrale Wirtschaftswissenschaften

Studiengemeinschaft WORT und WISSEN e.V.
Letzte Änderung: 25.12.2010
Webmaster