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Georg Menting
Die kurze Geschichte des Waldes
Plädoyer für eine drastische Kürzung der nacheiszeitlichen Waldgeschichte

Rezension von Natale G. Cincinnati

Studium Integrale Journal
10. Jahrgang / Heft 2 - Oktober 2003
Seite 98 - 99


Georg Menting
Die kurze Geschichte des Waldes.
Plädoyer für eine drastische Kürzung der nacheiszeitlichen Waldgeschichte.
Mantis-Verlag, Gräfelfing, 2002
172 S., ISBN 3-928852-23-X,
Euro 14,90

Mit dem Anstieg der Temperaturen und dem Schwinden der festländischen Eismassen am Ende der letzten Eiszeit setzte in Mitteleuropa eine Wiederbewaldung der eiszeitlichen Steppentundren und der ehemals vom Inlandeis bedeckten Flächen ein. Nach herrschender Lehre soll sich diese spätund postglaziale Waldgeschichte in einem Zeitraum von ca. 15.000 Jahren abgespielt haben, wobei dem 10.000jährigen Holozän der Löwenanteil zukommt. Aus der Auswertung von Pollenspektren, die sich in Moor- und Seeablagerungen erhalten haben, sind schon seit dem frühen 20. Jahrhundert die Grundzüge der nacheiszeitlichen Ausbreitung der mitteleuropäischen Gehölze bekannt. So lassen sich im Verlauf des Holozäns grob eine Birken/Kiefern-, Hasel-, Eichenmischwald- und Buchen- bzw. Buchen/Tannen-Zeit unterscheiden. Bis heute bereitet es den Quartärbotanikern jedoch große Probleme, zu erklären, weshalb dieser Wiederbewaldungsprozeß in Mitteleuropa so viele Jahrtausende in Anspruch genommen haben soll.

Der Landschafts- und Geoökologe Georg MENTING nimmt sich dieses Problems in seinem Buch Die kurze Geschichte des Waldes aus chronologiekritischer Sicht an. Bereits im Vorwort weist der Autor auf die bedauernswerte Tatsache hin, daß in den populären und fachwissenschaftlichen Veröffentlichungen zur Waldgeschichte, fundamentale chronologische Fragestellungen vollständig ausgeklammert werden (7). Als Folge habe sich in der quartärbotanischen Literatur eine Vielzahl von Ungereimtheiten und Rätsel angesammelt, welche in der jüngeren Forschung kaum noch als chronologische Probleme wahrgenommen, sondern zunehmend als undiskutierte oder sogar undiskutierbare Fakten akzeptiert beiseite gelassen würden. In der Einleitung weist MENTING erstmals darauf hin, daß dieses mangelnde chronologische Problembewußtsein der Quartärbotaniker durch die Dominanz der als exakt geltenden absoluten Datierungsmethoden wie Warven- und Dendrochronologie sowie der Radiokarbonmethode verursacht wird. Diese unreflektierte Dominanz wird von ihm kurz auch als „Zeitdiktat“ bezeichnet (15).

Im zweiten Kapitel werden die Grundlagen und Methoden zur Rekonstruktion der postglazialen Waldgeschichte ausführlich besprochen. Neben der Pollen- und Großrestanalyse (17-22) werden auch die relativ- und absolutchronologische Bedeutung der Moor- und Seeablagerungen diskutiert (22-35). Dabei zeigt es sich, daß Moorablagerungen aufgrund ihrer variierenden Akkumulationsraten kaum als absolute Zeitmesser geeignet sind (30) und sich zudem auch in einem Kurzzeitrahmen deuten lasen (29). Auch die Brauchbarkeit von Warven als Zeitdokument ist fragwürdig, da eine sichere Unterscheidung in Jahres-, Tagesoder anderweitig entstandenen Warven nur schwer möglich ist (31). MENTINGs Kritik an Radiokarbonmethode und Dendrochronologie beruht im Wesentlichen auf der Tatsache, daß der dendrochronologische Kalender nur erstellt werden konnte, indem einzelne schwimmende Jahrringsequenzen mittels konventioneller Radiokarbondaten vordatiert wurden. Nach seiner Fertigstellung wurde der Jahrringkalender dann seinerseits zur Kalibrierung von Radiokarbondaten herangezogen. Aufgrund dieses Zirkelschlusses hält der Autor beide Datierungsmethoden für wenig zuverlässig (36-40) und stellt fest, daß hier weniger Chronologie betrieben als Chronologie reproduziert wird.

Im folgenden Kapitel schildert der Autor die spät- und postglaziale Waldgeschichte aus konventioneller Sicht (43-62). Dabei wird deutlich, daß hinsichtlich der Lage der eiszeitlichen Rückzugsgebiete, dem nacheiszeitlichen Ausbreitungsverhalten der Gehölze und der zeitlichen Gliederung der postglazialen Waldgeschichte große Unstimmigkeiten in der aktuellen Forschung bestehen. Bei der Gliederung der Waldgeschichte in Zonen werden neben der klassischen überregionalen biostratigraphischen Zonierung zunehmend auch Einteilungen anhand von lokalen Pollengesellschaften oder sogar C14-datierten Chrono-Zonen vorgenommen (53). MENTING weist jedoch darauf hin, daß überregionale, palynologische Ereignisse in den seit jüngster Zeit bevorzugten Gliederungen gar nicht mehr wahrgenommen werden können. Solche Gliederungen können daher nur noch mit den zweifelhaften absoluten Altersbestimmungsmethoden parallelisiert werden. Diese zunehmende Verwendung von absoluten Datierungsmethoden hat zu einer Abwertung der biostratigraphischen Befunde und in Folge zu einer zunehmenden Verwirrung bei der chronologischen Einordnung von pollenanalytischen Befunden geführt (61-62).

Im vierten Kapitel werden die von den Quartärbotanikern diskutierten Faktoren, welche das Einwanderungs- und Ausbreitungsverhalten der Gehölze bestimmt haben sollen, ausführlich analysiert (63-104). Neben natürlichen Faktoren wie Konkurrenzverhalten und Wanderungsvermögen der Gehölze, Bodenentwicklung, Ausbreitungsmechanismen und Klimaveränderungen wird auch der Einfluß des Faktors Mensch beleuchtet. Da die vorgenannten natürlichen Faktoren nicht ausreichen, um das rätselhafte Ausbreitungsverhalten der Gehölze zu erklären, besteht nämlich seit einigen Jahren die Tendenz, dem anthropogenen Faktor einen größeren Einfluß auf den Ablauf der nacheiszeitlichen Wiederbewaldung einzuräumen (95). MENTING kann jedoch zeigen, daß auch der Faktor Mensch nicht geeignet ist, eine über 10.000 Jahre dauernde Waldgeschichte plausibel zu machen (126). Tatsächlich sprechen die empirischen Befunde bei einer unbefangenen, von den Vorgaben der „absoluten“ Datierungsmethoden losgelösten Betrachtung, dafür, den Zeitraum der spätund postglazialen Waldgeschichte um mehrere Jahrtausende zu kürzen.

MENTING schließt dabei an die schon früher gemachte Beobachtung an, daß die spät- und nacheiszeitliche Waldentwicklung große Ähnlichkeit mit der Wiederbewaldung einer abgeholzten bzw. vegetationsfreien Fläche aufweist (64-69). Somit kann in einer vom „Zeitdiktat“ befreiten Quartärbotanik die natürliche Sukzession als die treibende Kraft in der spät- und postglazialen Waldentwicklung angenommen werden. Dies setzt jedoch voraus, daß die überwiegende Zahl der mitteleuropäischen Gehölzarten bereits zu Beginn des Holozäns auf günstigen Standorten eingewandert war. Im Zusammenhang mit den gewaltigen klimatischen Umbrüchen am Ende der letzten Eiszeit postuliert MENTING hierfür Zufallssprünge von Diasporen (Verbreitungseinheiten von Pflanzen), weit jenseits der kontinuierlichen Ausbreitungsfront. Diese stellten dann die Ausgangspunkte der sich schnell ablösenden Massenausbreitungsvorgänge dar (126). Auch in der neueren vegetationsgeschichtlichen Literatur wird die Langdistanzverbreitung von Samen immer häufiger diskutiert.

Am Beispiel des rätselhaften und drastischen Rückgangs der Ulme (Ulmenfall) am Ende des Atlantikums und des späten Vordringens der Buche im Subboreal und Subatlantikum zeigt der Autor sodann die Möglichkeiten auf, wie mit der Annahme von der Sukzession als treibende Kraft, sowie der damit einhergehenden Verkürzung der Zeitachse offene Fragen der postglazialen Waldgeschichte elegant gelöst werden können. Nochmals wird deutlich gemacht, daß bei der Berücksichtigung der bio- und ökologischen Eigenschaften der Gehölzarten der Wiederbewaldungsprozeß nach wenigen Jahrhunderten zu einem Abschluß hätte kommen müssen (109, 113). Im abschließenden Anhang gibt der Autor einen kurzen Überblick über die Entwicklung naturgeschichtlicher Erklärungsmodelle, sowie chronologiekritischer Ansätze. Dabei wird besonders die Bedeutung der Katastrophismus / AktualismusDebatte in der naturgeschichtlichen Forschung unterstrichen, sowie auf die chronologiekritischen Ansätze des Historikers und Psychoanalytikers Immanuel VELIKOVSKY hingewiesen, in dem MENTING den bedeutendsten Neokatastrophisten und Chronologiekritiker des 20. Jahrhunderts sieht. Bedauerlich aus der Sicht des Rezensenten ist die Sicht des Autors, wenn er die Verbannung des göttlichen Wirkens in der Naturgeschichte durch das aktualistische Prinzip als positiv beurteilt (130) und in biblisch motivierter Chronologie eine Fessel sieht (131). Dennoch sieht er in einigen schöpfungstheoretischen Veröffentlichungen einen überdurchschnittlich kompetenten Umgang mit naturwissenschaftlichen Themen gegeben (134).

Ein ausführliches Glossar (144-152) schließt dieses, auch aus schöpfungstheoretischer Sicht, höchst interessante Buch ab.


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