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Wundersame Eiszeitkunst:
Waren die Neandertaler die ältesten Kulturträger?

von Sigrid Hartwig-Scherer

Studium Integrale Journal
11. Jahrgang / Heft 2 - Oktober 2004
Seite 86 - 88


Zusammenfassung: Der anatomisch moderne Mensch beanspruchte seit über 100 Jahren Forschung das exklusive Vorrecht, der einzige akzeptable Urheber der erstaunlichen, sehr plötzlich auftretenden Eiszeitkunst (Aurignacien) zu sein. Doch die Beweismittel sind aufgrund verschiedener Neudatierungen stark zusammengeschrumpft und man spricht sogar schon von einem spektakulären Wissenschaftsirrtum in der Paläanthropologie. Nun hat der lang verkannte Neandertaler endlich Raum, ebenfalls als möglicher Träger dieser einzigartigen Kultur anerkannt zu werden..




Wunderwerke der Eiszeitkunst – aus dem Nichts?

Neue Funde aus der ältesten Kunstepoche, dem Aurignacien, demonstrieren die besonderen Fähigkeiten ihrer Urheber: 30.000 rJ alte und winzig kleine Elfenbeinschnitzereien aus dem Hohle Fels, Schwäbische Alb, die Ende 2003 von Nicholas Conard von der Uni Tübingen und seinem Team beschrieben wurden, offenbaren eine erstaunliche Kreativität und Geschicklichkeit.

Die nur zwei Zentimeter großen Figürchen sind mit anderen Kunstwerken dieser Region die ältesten Kulturdarstellungen dieser Art – bei ihrer Beschreibung im Dezember 2003 glaubte man noch an die anatomisch modernen Menschen als einzig mögliche Urheber, die vor mehr als 30.000 Jahren auf dem Weg entlang der Donau Westeuropa besiedelt haben sollten. Die Wissenschaftler waren sich in der Diskussion über diese Funde einig: von einer allmählichen Entwicklung der Kunst in Europa – erst grob und dann immer feiner werdend – kann keine Rede mehr sein. Man wunderte sich, daß die anatomisch modernen Menschen Europas so sehr viel fortschrittlicher als ihre Verwandten in Afrika waren und daß es eine Entwicklungexplosion während oder kurz nach der Einwanderung nach West-Europa gegeben haben mußte. Man konnte es sich nur so vorstellen, daß unterschiedliche Populationen des modernen Menschen in Europa und anderswo unabhängig voneinander verschiedene Stile entwickelt haben mußten, so daß es keinen singulären Entstehungsort gegeben haben konnte.

Daß diese Kunst jedoch möglicherweise auch dem schon wesentlich länger ansässigen Neandertaler zuzuschreiben ist, dafür waren die Meinungen lange Zeit noch nicht offen – es brauchte noch einige Monate Forschungsentwicklung, um ein sehr altes Paradigma umzuwerfen.

Von einer allmählichen Entwicklung
der Kunst in Europa – erst grob und
dann immer feiner werdend – kann
keine Rede mehr sein.

Die Figuren mögen auch symbolische Bedeutung gehabt haben. Die Figuren vom Hohle Fels stellen einen Pferdekopf, einen Wasservogel und eine Zwittergestalt aus Mensch und Katze dar. Da es sich nicht Beutetiere handelt, bleibt die Bedeutung eher im Dunkeln. Verschiedene Interpretationen kommen in Frage: die Achtung vor der belebten Welt, die Bewunderung für die besonderen Fähigkeiten der dargestellten Tiere, oder auch Zeichen von frühem Schamanismus. Diese letzte, eher kontroverse Idee geht von dem Glauben aus, daß sich der menschliche Geist nach seinem Tod in Tierform verwandelt. Tauchende Wasservögel seien die Verbindung zwischen der realen und spirituellen Welt, und damit seien die neuen Funde wie Zuckerguß für die Schamanismustheorie.

Michael Hopkin kommentiert in Nature (Internet): „Was immer die Kunst bedeutet, die Hersteller waren zweifellos moderne Menschen.“ Daß dieser Satz nur 6 Monate später im anatomischen Sinne revidiert werden muß (s. u.), war damals noch nicht abzusehen. Seine Aussage bleibt jedoch gültig, daß die Hersteller ein tiefes symbolisches Verständnis inklusive Sprache besessen haben mußten und sich nicht von uns unterschieden. Er zitiert Conard mit einem Satz, den ich – unter etwas anderem Vorzeichen – voll unterschreibe: „If you went back in time to join them, you’d have to learn a new language, and possibly how to carve a flint or two, but they would be essentially the same as you.“ („Wenn du eine Zeitreise unternähmst, um sie zu besuchen, müßtest du eine neue Sprache lernen und wohl auch, wie man einen Steinabschlag herstellt, aber sie wären im wesentlichen dir gleich!“)

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Wissenschaftsirrtum Urheberschaft?

Nicholas Conard von der Universität Tübingen befindet sich offenbar in einer Glückssträhne seiner Karriere: erst findet er diese wunderschönen Elfenbeinfigürchen, dann wirkt er bei der Demontage eines jahrhundertealten Paradigmas mit – nämlich, daß diese Kunstgegenstände nur von den anatomisch modernen, den sogenannten Cro-Magnon-Menschen hergestellt worden sein können. Der Spiegel online vom 8. 7. 2004 spricht von einem Wissenschaftsirrtum, nachdem aus einer Publikation in Nature kund wurde, daß es wohl gar nicht unbedingt der moderne Mensch gewesen war, der die schönen Elfenbeinfiguren der Schwäbischen Höhlen u.a. kreierte, sondern möglicherweise der angeblich viel grobschlächtigere und ungeschicktere Neandertaler. Neue Datierungen der menschlichen Skelettreste vom Vogelherd demonstrieren nämlich, daß diese als Urheber geltenden modernen Menschen – früher zeitgleich mit den Kunstwerken datiert – nach neuesten Untersuchungen höchstens ein Alter von 5.000 Jahren haben und damit als Urheber nicht in Frage kommen.

Abb. 1: Eine 28 cm hohe, löwenköpfige menschenartige Figur aus Mammutelfenbein; Hohlenstein-Stadel bei Asselfungen/Schwäbische Alb, auf 32.000 rJ datiert. (Zeichnung: Marion Bernhardt; nach Schmid & Wolf 1989)

Die 1931 ausgegrabenen menschlichen Skelettreste aus der Vogelherdhöhle auf der Schwäbischen Alb wurden von Wissenschaftlern der Universität Tübingen, der Universität Kiel und der Loyola University of Chicago mit Hilfe der Radiokarbonmethode auf zwischen 3.900 bis 5.000 Jahren umdatiert (Conard et al. 2004). Bisher wurden sie immer im Zusammenhang mit den ebenfalls in der Höhle gefundenen Figuren aus Elfenbein und Werkzeugen gesehen (Abb. 1), die aus der Zeit des frühen Aurignacien, der ersten Kulturstufe der jüngeren Altsteinzeit in Europa vor 30.000 bis 40.000 Jahren stammen. Dieser Zusammenhang war zusammen mit den Funden in Cro Magnon eine der wichtigsten Stützen für die Hypothese, daß nur der moderne Mensch diese Kunstwerke hergestellt hat. Man hielt es für unmöglich, daß der Neandertaler die neue Technologie – figürliche Kunst, Felsmalereien und Musikinstrumente der jüngeren Altsteinzeit vor ca. 30-40.000 Jahren – hergestellt haben könnte.

Doch diese Hypothese ist nun durch die Neudatierung sehr in Frage gestellt. Die anatomisch modernen Skelettreste wurden vermutlich durch spätere Bestattung in diesen alten Kultur-Horizont eingebracht. Tierknochen aus dem gleichen Horizont ergeben dagegen das entsprechend hohe eiszeitliche Radiokarbon-Alter der Kulturgegenstände.

Die neue Datierung der Menschenknochen vom Vogelherd schwächen auch die Argumente für die „Donau-Korridor-Hypothese“, die besagt, daß anatomisch moderne Menschen schon sehr früh entlang der Donau in unseren Raum eingewandert sein müssen (um die Kulturgegenstände hergestellt zu haben). Nun eröffnet sich die Möglichkeit, daß die Neandertaler wesentlich – vielleicht sogar ausschließlich – zur Entwicklung der jungpaläolithischen Kultur beigetragen haben.

Wie die Hohle Fels-Fundstelle liegt auch die Vogelherdhöhle in der Schwäbischen Alb und ist wie diese berühmt für ihr reiches Fundensemble von Stein-, Knochen- und Elfenbeinwerkzeugen des Aurignaciens, darunter fast ein Dutzend Figuren aus Mammutelfenbein, die zu den ältesten Zeugnissen figurativer Kunst weltweit gehören. Sie wurde 1931 unter der Leitung des Tübinger Archäologen Gustav Riek ausgegraben. Seine Veröffentlichung dokumentiert scheinbar zweifelsfrei das gemeinsame Vorkommen und damit die ursächliche Verbindung von Skelettresten anatomisch moderner Menschen mit den Kulturgütern des Aurignacien. Deshalb haben die Forscher mehr als 70 Jahre geglaubt, daß auch die Menschenreste aus der Vogelherdhöhle aus dieser Epoche stammen. Damit brauchte man auch die „tumben“ Neandertaler nicht als mögliche Künstler zu berücksichtigen.

Seit 1868 bei einem Felsvorsprung von Cro-Magnon, Frankreich, anatomisch moderne Menschenreste, auch Cro-Magnon-Menschen genannt, im Zusammenhang mit Werkzeugen entdeckt wurden, galt das als Aurignacien bezeichnete Kulturgut dem modernen Menschen vorbehalten. Diese Cro-Magnon-Menschenreste aus Südwestfrankreich wurden immer als sicherer Beleg für diese These angeführt, bis auch an diesen Skelettresten jüngere Datierungen verkraftet werden mußten. Mit der Neudatierung vom Vogelherd verlieren sich auch die letzten Beweisstücke für diesen lang verteidigten Zusammenhang: Die wenigen vorhandenen Menschenreste von anderen Fundstellen weisen entweder keine Skelettmerkmale zur eindeutigen Artbestimmung auf oder stammen aus unsicherem Fundkontext. Die kulturelle Entwicklung am Beginn der jüngeren Altsteinzeit wird von vielen Wissenschaftlern als Hinweis auf eine revolutionäre Veränderung der geistigen Fähigkeiten (vollentwickeltes symbolisches und damit modernes Verhalten) gesehen (es gibt allerdings begründete Hinweise, daß kulturelles Handeln schon wesentlich früher zum Ausdrucksmittel der Menschen gehört – schon Homo erectus besaß diese Fähigkeit). Da zu diesem Zeitpunkt sowohl Neandertaler als auch moderne Menschen in Europa gelebt haben, könnten beide für die Kultur verantwortlich sein. Daß beide kulturelle Fähigkeit besessen haben, wird schon lange im Rahmen des Grundtypmodells vertreten, wobei sich dies auch auf die anderen Menschenformen des Grundtyps Homo (Homo erectus/ergaster, heidelbergensis etc.) ausdehnt.

Damit ist die „Donaukorridor-Hypothese“ nicht mehr nur der frühen Kolonisierung Zentraleuropas durch den modernen Menschen vorbehalten, sondern gilt genauso für die Neandertaler: dieser Korridor ist ein möglicher Verbindungsweg zwischen Nahem Osten und (West)-Europa und zwar in beide Richtungen.

Mit den neuen Daten vom Vogelherd muß eine der am sichersten geltenden Annahmen der Paläanthropologie weichen. Der Raum ist frei, die kulturellen Innovationen des Aurignacien auch mit dem Neandertaler zu verknüpfen.

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Literatur

Balter M (2004)
Earliest Signs of Human-Controlled Fire Uncovered in Israel. Science 304, 663-665.
Conard NJ (2004)
Palaeolithic ivory sculptures from southwestern Germany and the origins of figurative art. Nature, 426, 830-832.
Conard NJ, Grootes PM & Smith FH (2004)
Unexpectedly recent dates for human remains from Vogelherd, Nature 430, 198-201.
Schmid E & Wolf U (1989)
Die altsteinzeitliche Elfenbeinstatuette aus der Höhle Stadel im Hohlenstein bei Asselfingen, Alb-Donau-Kreis. Fundber. Baden-Württ. 14, 33-36.

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Letzte Änderung: 15.06.2007
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