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Inschriften datieren die Eisenzeit
Neue Schritte in der Biblischen Archäologie belegen
die Zuverlässigkeit der biblischen Autoren

von Peter van der Veen

Studium Integrale Journal
14. Jahrgang / Heft 1 - April 2007
Seite 3 - 11


Zusammenfassung: Um archäologische Schichten zu datieren, ist die Archäologie auf Inschriften angewiesen, die in den aufeinanderfolgenden Fundschichten vorkommen. Solche „stratifizierten“ Funde sind nicht nur äußerst selten im Bereich Syrien-Palästina, es wurde auch die Bedeutung der wenigen gefundenen Stücke in der Vergangenheit zu wenig erkannt und entsprechend wenig in diesem Bereich geforscht. In diesem Artikel wird erläutert, wie anhand einer grundlegenden Arbeit über datierbare Inschriften Klarheit in der Chronologie (vor allem der Eisenzeit im 1. Jt. v. Chr.) geschaffen werden kann und wie dies letztendlich zu einer sichereren Rekonstruktion der Geschichte des alten Israel führen könnte. Erst wenn die archäologischen Schichten korrekt datiert sind, ist es annähernd möglich, die biblischen Geschichten des Alten Testaments mit der Archäologie zu verbinden. Dieses Verfahren ist vielversprechend. So können z.B. Eigentümer von Siegeln und Tonbullen (bekannter Herkunft) am Ende der Eisenzeit tatsächlich mit bekannten Personen aus der Zeit des Propheten Jeremia gleichgesetzt werden. Die Archäologie zeigt uns auf diese Weise also, wie zuverlässig die biblischen Autoren Zusammenhänge ihrer Zeit beschrieben haben.




Einleitung und Methodik
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Abb. 1: Oben: Überreste der übereinander liegenden Siedlungen des arabischen Dorfes Silwan (Siloam) bei der Davidstadt in Jerusalem. Die Stätte wurde während Jahrtausenden bis heute besiedelt. Ganz unten befindet sich der meterdicken Schutt der langen Siedlungsgeschichte des noch bewohnten Tells. In den Felsen darüber befindet sich eine Grabanlage aus der judäischen Königszeit, die später von christlichen Mönchen bewohnt wurde. Darüber befinden sich mehrere Bauphasen des jüngeren arabischen Dorfes.
Unten: Profilwand des Grabungsareals D3 in Ramat Rachel (am Südwestrand von Jerusalem). Profilwände geben ein gutes Bild der Siedlungsgeschichte des Ruinenhügels wieder. Der weiße Boden markiert den eisenzeitlichen Fußboden des Palastes aus dem 7. Jh. v. Chr. (Fotos: Peter VAN DER VEEN)

„Die Chronologie ist das Rückgrat der Geschichte“ – eine oft gehörte Feststellung. Natürlich ist die Rekonstruktion der Geschichte der frühen Kulturen des Nahen Ostens (wie auch sonstwo in der Welt) in erster Linie auf die Archäologie angewiesen, aber ohne ein sinnvolles chronologisches Gerüst wäre wohl kaum eine nachvollziehbare historische Rekonstruktion möglich. Die vielen materiellen Überreste (Überreste von Wohnungen, Gehöften und Alltagsgegenständen wie Keramik, Werkzeugen, Waffen usw.) aus längst vergangenen Zeiten mögen ein faszinierendes Bild von der Lebensweise der damaligen Menschen abgeben. Aber wann sie so lebten und warum sie zu einer bestimmten Zeit so lebten und nicht zuletzt wer wann lebte, bleibt ohne handfeste Anhaltspunkte für eine zeitliche Einordnung in die Geschichte unklar. So beherbergen antike Ruinenhügel oder Tells oft viele Schichten übereinander. Die ersten Siedler bauten auf dem vorhandenen Felsboden. Nach einer gewissen Zeit verließen sie den Ort z.B. wegen Krieg, Hungersnot oder wirtschaftlicher Probleme. Ihre Häuser zerfielen bzw. wurden zerstört. Nach gewisser Zeit kehrten die früheren Bewohner zurück oder eine neue Sippe siedelte am alten Ruinenhügel. Die zerfallene Siedlung wurde wieder aufgebaut oder einfach eingeebnet, um Platz zu schaffen für ein neu zu errichtendes Dorf bzw. Städtchen. Somit entstand nun oben auf der alten Siedlung eine neue. Dieses Vorgehen wiederholte sich manchmal bis über hunderte oder sogar tausende von Jahren hinweg (Abb. 1).

Nun sind die übereinander liegenden Siedlungen oft nicht in schön voneinander getrennten Schichten erhalten geblieben. Vielmehr wurden alte, noch stehende Mauern in neuen Häusern wiederbenützt, Steine aus alten Mauern herausgebrochen und wiederverwendet (manchmal blieben nur noch Reste von alten Mauern stehen und ihr ursprünglicher Verlauf ist heute kaum noch zu erkennen). Mehrfach wurden Gruben (Abfallgruben, Zisternen usw.) in die Böden – durch frühere Schichten älterer Siedlungen hindurch – gegraben. Gegenstände wurden über längere Zeit in die Grube geworfen oder sind einfach hineingefallen. Obwohl sie aus einer späteren Zeit stammen, fielen sie auf den Boden der Grube und der befand sich auf gleicher horizontaler Ebene wie eine frühere Schicht einer älteren Siedlung (vgl. Abb. 2). Solche Gegenstände können also heute nichts über die zeitliche Einordnung der früheren Siedlung aussagen, sondern nur über die Zeit, wann sie in die Grube gefallen sind und wann ungefähr die spätere Grube ausgehoben wurde bzw. in Gebrauch war.

Bei einer modernen archäologischen Grabung ist es oft sehr schwierig, die verschiedenen Bewohnungsphasen und Siedlungsschichten voneinander zu trennen, es sei denn, die Stätte wurde immer wieder durch Feuer zerstört (im Krieg oder durch einen Großbrand). Dann sind klare Zerstörungsschichten zu erkennen, wodurch die alte (vorherige) Siedlung „sauber“ zugedeckt worden war. Leider ist dies jedoch meistens nicht der Fall. Die Frage, wann und wie lange eine Siedlungsphase gedauert hat und wer wann die Stätte zerstörte, kann oft nicht einfach beantwortet werden, wenn keine klaren Anhaltspunkte in den Schichten gefunden werden. Finden wir aber z.B. Keramik, die nur zu einer bestimmten Zeit in Gebrauch war, so kann diese dabei helfen, die Schicht etwas genauer chronologisch einzuordnen (wir sprechen dann von einer “relativen Chronologie“). Finden wir aber ausländische Keramik (z.B. aus der Ägäis oder aus Ägypten) und Kleinfunde (Figurinen, Schmuck), deren zeitliche Einordnung im Ursprungsland anhand von klar datierbaren Funden (wie Inschriften) möglich ist, so können wir die Datierung schon etwas genauer definieren. Besser noch: Finden wir Inschriften, die sich einwandfrei datieren lassen, weil sie Namen von Personen erwähnen, die anderweitig chronologisch fixiert wurden (z.B. Siegelamulette, Krughenkel mit Namen von bekannten Königen aus Ägypten oder Syrien-Palästina oder sogar aufs Jahr genau datierte Keilschrifttafeln), so ist eine präzise Datierung der Schichten möglich (wir sprechen dann von einer „absoluten Chronologie“). Solche Funde sind selten, aber wenn sie vorkommen, können sie äußerst wichtige Hinweise geben über die Zeit‚ von wann bis wann eine Siedlung bewohnt war.1

Abb. 2: Schnitt eines archäologischen Ruinenhügels (nach D. VIEWEGER 2003, Abb. 120, mit freundlicher Genehmigung von Herrn BRÜCKELMANN, Brüggen-Born).

Für die Biblische Archäologie ist eine solche Vorgehensweise von sehr großer Bedeutung. Erst wenn wir in der Lage sind ,die Schichten genauer zu datieren, wird es möglich sein, das richtige archäologische Umfeld für die einzelnen biblischen Geschichten zu finden. Ja, erst dann wird es überhaupt möglich sein, die Bibel mit der Archäologie zu verbinden.

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Die Bedeutung der Inschriften

Bereits der Ägyptologe Sir William FLINDERS-PETRIE erkannte die Bedeutung von klar datierbaren Funden für die Chronologie der Schichten, als er 1890 vom Londoner Palestine Exploration Fund damit beauftragt wurde, die erste wissenschaftliche Grabung in Palästina durchzuführen. So fand er in den Schichten des Tell el-Hesi (26 km nordöstlich von Gaza) z.B. ägäische und zypriotische Keramik aus der Zeit des Neuen Reiches in Ägypten (1550-1070 v. Chr.). Kurz darauf entdeckte sein Mitarbeiter Frederic BLISS sogar eine Keilschrifttafel aus der Amarnazeit, aufgrund der eine ganze Stadtanlage (aus „Schicht 3“) auf das 14. Jh. v. Chr. datiert werden konnte, denn die „Amarnazeit“ des Pharaos Amenhotep III. und Echnaton schien damals bereits chronologisch gesichert.2

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Abb. 3: Krughenkel mit dem Stempelsiegel einer geflügelten Sonne (und der Inschrift „Gehört dem König (aus der Stadt) Hebron“) aus dem archäologischen Horizont des Jaukin-Krughenkels (Privatsammlung und Foto: Peter VAN DER VEEN).

Ähnlich wie FLINDERS-PETRIE meinte auch der berühmte Archäologe William F. ALBRIGHT 1928 einen wichtigen chronologischen Angelpunkt für die späte Eisenzeit (um 600 v. Chr.) gefunden zu haben, als er auf Tell Beit-Mirsim (ca. 20 km südwestlich von Hebron) einen Krughenkel mit dem Abdruck des Siegels eines gewissen „Eljakim, Hausdiener des Jaukin“, entdeckte. Bald wurden Krughenkel mit dem gleichen Abdruck auch an anderen Stätten gefunden (AVIGAD & SASS 1997). ALBRIGHT erkannte im Namen Jaukin eine Kurzform für „Jojachin“, den König von Juda, der 597 v. Chr. von den Babyloniern in die Gefangenschaft nach Babylon verschleppt worden war (2Kön 24,8ff.). In der Südburg von Babylon hatte der bekannte deutsche Orientforscher Robert KOLDEWEY in den Anfangsjahren des 20. Jhs. sogar eine Keilschrifttafel gefunden, auf der König Jojachin von Juda im babylonischen Exil erwähnt wird. Dort heißt er Ja-u-ki-nu. Von anderen Siegeln wusste ALBRIGHT, dass der Vorgesetzte in der Formel „(Name), Diener des (Namens)“ einen König bezeichnen musste (vgl. „Schema, Diener des (Königs) Jerobeam“ oder „Schebanjau, Diener des (Königs) Usijau“ usw.). Die chronologische Einordnung des Krughenkels schien daher perfekt, bis später bekannt wurde, dass die Formel „Name, Hausdiener des (Namens)’ nicht mit dem des königlichen Dieners (Ministers) vergleichbar ist und dass der Vorgesetzte hier nicht immer ein König sein muss (AVIGAD 1976; GARFINKEL 1990). Jüngere Studien zur Eisenzeitkeramik wie auch die jahrelangen Ausgrabungen auf Tel Lachisch (die zweitwichtigste Stadt Judas) haben gezeigt, dass die Zerstörungshorizonte der letzten zwei eisenzeitlichen Perioden um ein Jahrhundert auseinander liegen müssen (ZIMHONI 2004). Daher muss der Horizont des Jaukin-Krughenkels in Wirklichkeit auf die Zeit der assyrischen Eroberungen um 700 v. Chr. datiert werden. Jaukin kann also unmöglich mit König Jojachin um 600 v. Chr. identisch gewesen sein (Abb. 3).

Auch wenn es ALBRIGHT nicht gelungen war, eine klare Verbindung zwischen den Krughenkeln und den späteisenzeitlichen Schichten in Israel herzustellen, hatte er richtig erkannt, dass Inschriften ein Schlüssel zur Datierung in der Archäologie sein können. Denn zu oft hatten bzw. haben Archäologen des 20. Jahrhunderts gemeint, sie könnten auch ohne solche Inschriften auskommen. Bereits die Archäologen des Chicago Oriental Instituts (1925-1939) waren der Auffassung, man könne ohne viel zu überlegen die früheisenzeitlichen Denkmäler auf Tell Megiddo (z.B. die 6-Kammer-Tor- und Palastanlagen und die Stallungen) allesamt dem großen Baumeister König Salomo zuweisen. Denn aus der Bibel wissen wir, dass Salomo in Megiddo im 10. Jh. v. Chr. gebaut hat (1Kön 9,15). Diese Überlegung mag zwar folgerichtig erscheinen, die Bibel sagt jedoch nichts über die archäologische Schicht aus, in der Salomos Bauwerke heute zu finden sind. Die früheisenzeitlichen Denkmäler in Megiddo (wie auch sonstwo in Israel) erwähnen ihren Bauherrn nicht. Man kann also nicht einfach folgern, dass Salomo sie errichten ließ. Und tatsächlich erkennen nicht alle Archäologen Salomo als ihren Baumeister an. Bereits die Archäologin Kathleen KENYON, die zwischen 1933-1936 in Samaria (im zentralen Bergland auf der heutigen Westbank) ausgrub, betonte, dass vor allem die Keramik aus der frühesten Anlage auf Samaria dieselbe war, die auch in den „salomonischen“ Schichten auf anderen Tells vorkam. Nach dem biblischen Bericht war jedoch nicht Salomo, sondern König Omri der Bauherr der ersten Anlagen in Samaria gewesen. Dieser ließ ein Jahrhundert nach Salomo auf dem bisher unbesiedelten Hügel seine neue Hauptstadt errichten (1Kön 16,24) (vgl. WIGHTMAN 1990; JAMES 1991). Waren die „salomonischen Bauten“ wirklich die des Königs Salomo oder eher die des späteren Königs Omri gewesen? Auch die Anhänger der „low chronology“ von der israelischen Universität Tel Aviv datieren z. Zt. die „salomonischen Bauten“ auf Tell Megiddo (und auf Tel Hazor und Tel Gezer) auf die Zeit Omris (FINKELSTEIN & SILBERMAN 2002; 2006). Welche der beiden Theorien man auch vorziehen möchte, für beide gilt fairerweise bis heute immer noch, was George WIGHTMAN vor 15 Jahren lediglich über die vermeintlichen „salomonischen“ Bauten sagte:

„Über die letzten 60 Jahre hat es keine unabhängigen Funde an dem einen oder anderen Ort gegeben, die zweifellos klarstellen können, dass diese Bauwerke tatsächlich auch aus der Regierungszeit Salomos stammen.“ (WIGHTMAN 1990)

Denn es wurden weder Siegel noch beschriftete Scherben ausgegraben, die eine präzisere Datierung der Architektur erlaubt hätten. Dasselbe gilt im Grunde auch für die Ausgrabungen in Tel Lachisch. So hat David USSISHKIN von der Universität Tel Aviv die Zerstörung des archäologischen Horizonts des oben erwähnten Jaukin-Krughenkels zwar auf die Zeit des Königs Hiskia und der assyrischen Eroberungen vom Jahre 701 v. Chr. datiert, dafür jedoch keine schriftlichen Beweise in situ (an Ort und Stelle) gefunden. Selbstverständlich eroberte der assyrische König Sanherib 701 die Stadt Lachisch und weitere Ortschaften Judas (wie Sanherib selbst in seinen Annalen und auf den Palastreliefs in Ninive stolz behauptet), aber ob Sanherib tatsächlich für den Untergang der Stadt aus Lachisch Schicht III oder des gesamten archäologischen Horizonts der „Jaukin-Krughenkel-Epoche“ (man spricht vom „Lachisch-Stratum-III-Horizont“) verantwortlich war, wie oft behauptet wird, kann letztendlich nicht bewiesen werden.

Denn es gibt auch überlegenswerte Argumente gegen die Datierung dieses archäologischen Horizonts am Ende des 8. Jhs. v. Chr. Beispielsweise dürfte ausländische Keramik aus den Gebieten des Zweistromlands wie auch aus Südjordanien (aus dem Königreich der Edomiter), die in den Schichten dieser Epoche (vor allem im Gebiet an der Südgrenze Judas zur Negev-Wüste) ausgegraben wurde, aus der Zeit nach Sanheribs Eroberungen stammen und somit aus dem 7. Jh. v. Chr. datieren. Diese Keramik-Typen wurden nämlich in ihrer Heimat zusammen mit datierbaren Siegeln (z.B. einer Tonbulle eines bekannten Königs von Edom – siehe unten) und Keilschrifttafeln (z.B. in Ninive und Burg Salmanasser in Irak) gefunden, die ein Datum im 7. Jh. v. Chr. plausibler erscheinen lassen (vgl. VAN DER VEEN 2005b).

Abb. 4: Siegel des „Schema, des Ministers von (König) Jerobeam (II.)“ aus dem „salomonischen“ Torbogen in Megiddo (Strichzeichnung: Peter VAN DER VEEN).

Dass die Chronologie der Schichten der Eisenzeit keineswegs feststeht, darauf dürften tatsächlich manche Schriftfunde hindeuten. So fand z.B. bereits der deutsche Archäologe Gottlieb SCHUMACHER während seiner Grabungen in Megiddo 1904 im Torborgen eines eisenzeitlichen Palastgebäudes (das oft auf ungefähr die Zeit des Königs Salomo im 10. Jh. v. Chr. datiert wird) das berühmte Siegel eines Ministers des israelitischen Königs Jerobeam (Abb. 4). Da die meisten Archäologen bisher diese „stummen“ architektonischen Zeitzeugen der früheren Eisenzeit auf das 10. Jh. v. Chr. datiert haben (es gibt keine einschlägigen schriftlichen Beweise dafür, wer hier gebaut hat!), stellten manche Gelehrten (darunter auch David USSISHKIN) die Frage, ob es vielleicht möglich sei, das Siegel auf die Zeit des Königs Jerobeams I. (930-908 v. Chr.), Salomos Thronfolger im Nordreich Israels, zu datieren (USSISHKIN 1993). Dies jedoch, so meinten zurecht die meisten Siegelexperten, ist nicht möglich. Denn die Schriftform des Siegels und die darauf gezeigte Darstellung des brüllenden Löwen sind typisch für das 8. vorchristliche Jahrhundert. Tatsächlich regierte damals auch ein König über Israel mit dem gleichen Namen, nämlich Jerobeam II. (793-753 v. Chr.) (vgl. z.B. AVIGAD & SASS 1997). Wenn das Siegel tatsächlich aus der Zeit des Palasttorbogens stammt, so könnte dieses Siegel also vielleicht doch noch einen positiven Hinweis auf die Datierung der Toranlage liefern (VAN DER VEEN 2005b). Wenn das Siegel von einem Minister von Jerobeam II. und nicht von Jerobeam I. stammt, so kann die Anlage nicht bereits im 10. oder 9. Jh. zerstört worden sein (wie so oft behauptet wird), sondern muss noch während der ersten Hälfte des 8. Jhs. v. Chr., also mindestens 100 Jahre später als bisher angenommen, in Gebrauch gewesen sein.3 Das Siegel würde also eine niedrigere Datierung der früheren Eisenzeit in Israel unterstützen (s. Tab. 1).

Ähnliche Hinweise für eine niedrigere Datierung liefert auch Benjamin SASS in seinem neuen Buch über die Inschriften am Anfang des 1. Jts. v. Chr. (SASS 2005). Besonders aussagekräftig für die Datierung der Schichten sind die Inschriften, die tatsächlich in einem klar definierten archäologischen Kontext ausgegraben wurden. Bei Ausgrabungen in einem Dorf namens Kfar Veradim (ca. 17 km nordöstlich von Akko) wurde 1995 ein Grab ausgehoben, dessen Keramikfunde eindeutig auf die Eisenzeit IIA-Periode (d.h. dieselbe Periode, aus der auch der genannte Torbogen aus Megiddo stammt!) schließen lassen. Unter den Grabbeigaben wurde auch eine bronzene Schale mit einer frühen phoenizischen Inschrift gefunden. Der Text war an der Unterseite, auf dem Standfuß der Schale, angebracht worden. Die Form der Inschrift ähnelt den Buchstaben des phönizischen Alphabets des 11.-10. Jhs. v. Chr.4 Äußerst problematisch erscheint jedoch die bronzene Schale selbst. Ihre charakteristische Form mit ihrem rosettenartigen Aussehen lässt an eine neuassyrische Bronzeschale denken. Die frühesten Parallelen aus dem assyrischen Ursprungsland (im Nordirak) datieren aus dem 9. Jh. v. Chr. Da Assyrien erst nach mehreren Jahrhunderten im 9. Jh. wieder in der Lage war, über weite Teile Syriens (ab ca. 870 v. Chr.) zu regieren und erst ab ca. 840 v. Chr. auch Israel tributpflichtig machte, scheint ein Datum für die Bestattung in Kfar Veradim vor ca. 850 v. Chr. kaum wahrscheinlich und ist somit mit der späteren Datierung der zeitgenössischen („salomonischen“) Schichten völlig kompatibel. Die Inschrift auf der Unterseite der Schale (deren Buchstaben bisher auf das 11.-10. Jh. v. Chr. datiert wurden), kann ebenfalls erst ab 850 v. Chr. entstanden sein und ist somit 100-200 Jahre jünger als bisher angenommen.

Archäologische
Epoche
Traditionelle
Chronologie
„Low Chronologie“
(Tel Aviv Universität)
Annähernde Chronologie
(van der Veen 2006)
Eisenzeit IA+B c. 1250-1000 v.Chr. c. 1150-925/900 v.Chr. c. 1050?-880/860 v.Chr.
Eisenzeit IIA c. 1000-900 v.Chr. c. 925/900-800 v.Chr. c. 880/860-750 v.Chr.
Eisenzeit IIB c. 900-700 v.Chr. c. 800-700 v.Chr. c. 750-670/650 v.Chr.
Eisenzeit IIC c. 700-587 v.Chr. c. 700-587 v.Chr. c. 670/650-587/550 v.Chr.
„Eisenzeit III“ c. 587-530 v.Chr. c. 587-530 v.Chr. gleich
Perserzeit c. 530-333 v.Chr. c. 530-333 v.Chr. gleich
Tab. 1: Datierung der archäologischen Epochen nach den gängigsten Chronologien (Spalte 2-3). Im Vergleich
(Spalte 4) die von VAN DER VEEN 2006 vorgeschlagene kürzere Chronologie der Eisenzeit.
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Ein groß angelegtes Forschungsprojekt
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Die wichtigsten im Artikel erwähnten Ortschaften in Israel und Jordanien.

Selbstverständlich bräuchte man sehr viel mehr Schriftfunde, um die Datierung der Eisenzeitschichten genauer überprüfen zu können. Dafür wäre eine umfassende Studie aller im Kontext gefundenen Schriftfunde (Siegel, beschriftete Scherben und Gefäße, Stelen, Stelenfragmente usw.) notwendig. Viele Funde aus früheren Grabungen liegen noch in Museumsschubladen weggepackt und sind teilweise noch nie katalogisiert und beschrieben worden. Erst ein solches umfassendes Projekt würde genauere Aussagen ermoglichen. Man könnte auf diese Weise Willkür und Spekulation bei der Datierung eindämmen, um eine annähernd präzise Chronologie zu etablieren. Obwohl es vielleicht paradox erscheint, ist bisher auf diesem Gebiet sehr wenig getan worden. Zwar hat man Schriftfunde wie Stelen und beschriftete Tonscherben im Einzelnen sprachlich und Siegel bezüglich ihrer Schriftform und bildlichen Einzelheiten sehr ausführlich erforscht, eine umfassende Studie zu ihrer chronologischen Bedeutung für die archäologische Datierung der Schichten gab es bislang so jedoch noch nicht. Einen Anfang dazu habe ich in meiner Promotionsarbeit für die Universität Bristol über Siegel der Späteisenzeit in Israel und Jordanien gemacht (VAN DER VEEN 2005a und VAN DER VEEN in Vorb.).

Obwohl über die Jahre immer wieder späteisenzeitliche Siegel und zum Versiegeln von Papyri bedruckte Tonbullen (d.h. mit dem Abdruck des Siegels des Briefsenders versehen) in legalen Grabungen aufgetaucht waren und die meisten Stücke im Einzelnen erforscht und diskutiert worden waren, waren diese bisher noch nie auf ihre Bedeutung für die Chronologie in einer umfassenden Studie systematisch untersucht worden. In meiner Dissertation habe ich deshalb alle Amtsiegel aus dem 7.-6. Jh. v. Chr. aus Israel und Jordanien systematisch unter die Lupe genommen. Auf der Suche nach Siegeln und Tonbullen von Personen, die aus der Bibel oder anderen Dokumenten bekannt sind, war es wichtig, herauszufinden, unter welchen Fundumständen sie ans Licht gekommen waren. In welcher Schicht wurden sie gefunden? War es tatsächlich die ursprüngliche Schicht gewesen oder wurde das Stück in einer Zisterne oder als Abfall in einem späteren Kontext gefunden? War es vielleicht auf eine Müllhalde geraten oder von einer Maus durch ein Mauseloch in eine spätere Schicht verschleppt worden? Falls es in einem Grab gefunden wurde, mit welchen weiteren Grabbeigaben war es bestattet worden? Passte die Schriftform zu der Zeit am Ende des Eisenzeitalters und was können die Bilder des Siegels (falls vorhanden) über die zeitliche Einordnung aussagen? Wer war der Eigentümer gewesen, welches Amt hatte er innegehabt, wie sicher konnte man sein, dass der Eigentümer wirklich derjenige war, der in der Bibel in der Zeit am Ende der judäischen Monarchie (der Zeit des Propheten Jeremia) oder in den Quellen aus dem Zweistromland (wie z.B. den assyrischen Annalen des 7. Jhs. v. Chr.) genannt wurde? Handelte es sich auch wirklich um die gleiche Person und nicht um Namensgenossen? Denn damals wie heute wurden gleiche Namen von mehreren Personen getragen.

Abb. 5: Tonbulle „Gemarjahus, des Sohnes Schaphans“ aus Jerusalem (mit freundlicher Genehmigung von D. T. ARIEL, Israelische Antikenbehörde).

Auch wenn man nicht immer mit 100%iger Sicherheit die Identität der Siegelbesitzer feststellen kann, war das Ergebnis überraschend präzise. Obwohl, wie wir bereits oben angedeutet haben, Inschriften aus der früheren Eisenzeit auf zu hohe Alter hindeuten, untermauerte das Ergebnis dieser Gruppe von Siegeln die Zuverlässigkeit des bisher von den meisten Archäologen akzeptierten Datums für die Schlussphase der Eisenzeit in Israel und Jordanien. Die Periode – bekannt als Eisenzeit IIC – begann im 7. Jh. v. Chr. und hörte in den meisten Fällen im 6. Jh. v. Chr. auf. Die Keramiktypen und Kleinfunde, die im unmittelbaren Umfeld vorkamen, waren immer genau die Gegenstände gewesen (z.B. Karaffenkännchen, Öllampen auf hohem Fuß, Vorratskrüge mit Rosettenstempeln, dekorierte karottenförmige Flaschen, beschriftete Gewichtssteine, Pfeilerfigurinen mit Glockenrock, dekorierte Muscheln usw.), die auch anderswo auf Ruinenhügeln in den Schichten vorkamen, die der Zerstörung durch die babylonische Armee zwischen 605-552 v. Chr. zugeschrieben worden waren. Interessant war allerdings auch, dass mehrere Personen aus der Bibel genannt wurden und dass der archäologische Fundus oft genau die biblischen Beschreibungen der letzten Tage der judäischen und jordanischen Königreiche bestätigte. Die Siegel bestätigten anscheinend nicht nur das bisher angenommene Datum für das Ende der Eisenzeit in Israel und Jordanien, sondern sie untermauerten auch die Genauigkeit, mit der die biblischen Schreiber des Alten Testaments diese bewegende Epoche beschrieben hatten. Davon nun einige Beispiele:

In einer gewaltigen Zerstörungsschicht in der Stadt Davids (Schicht 10), südlich des Jerusalemer Tempelbergs (es ist die einzige weitflächige Zerstörungsschicht in Jerusalem während der ganzen Periode vom 2. Jahrtausend bis zum 2.-1. Jh. v. Chr.!), machten Archäologen der Hebräischen Universität 1982 eine überraschende Entdeckung (SHILOH 1984). Inmitten der von Feuersbrunst und Krieg gezeichneten Häuser im Kaufmanns– und Eliteviertel am Osthang der Stadtanlage entdeckten sie ein Archiv. Eine solche Entdeckung ist natürlich der Traum aller Archäologen. Die einst hier gelagerten Papyrusrollen waren durch das Feuer der „babylonischen“ Verwüstung für immer zerstört worden, aber die daran befestigten Tonbullen (mit u.a. den Abdrücken der beschrifteten Siegel und der Papyrusfasern der Papyri, an denen sie befestigt gewesen waren) sind im Feuer erhärtet und somit bis heute erhalten geblieben. Die meisten Siegelinhaber trugen typisch judäische Namen mit dem Gotteselement „Jahwe/Jahu“, wie Hananjahu, Michajahu und Hoschejahu (SHOHAM 2000). Unter den 53 georteten Stücken befanden sich aber auch zwei Tonbullen, die man Personen aus der Zeit des Propheten Jeremia (der unmittelbar vor und nach der babylonischen Eroberung der Stadt gewirkt hat) zuweisen konnte.

Bild mit Skala
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Abb. 6: Tonbulle „Jehuchals, des Sohnes Schelemjahus, des Sohnes Schobis“ aus Jerusalem (mit freundlicher Genehmigung von A. LITHWICK, Shalem Center, Jerusalem).

Die vorgeschlagenen Identifikationen wurden in jüngster Zeit von Lawrence MYKYTIUK und durch eigene Arbeiten mit zusätzlichen Argumenten untermauert (MYKYTIUK 2004; VAN DER VEEN 2005a; 2007). Eine dieser Personen war Gemarjahu, der Sohn Schaphans (Abb. 5). Er könnte durchaus mit dem gleichnamigen Minister des Königs Jojakim aus Jeremia 36,12 identisch sein. Vor allem der Name des Vaters, Schaphan, ist im Hebräischen nur selten belegt.5 Die Namenskombination „Gemarjahu, Sohn des Schaphan“ kommt sonst nirgendwo mehr vor. Dieser hochrangige Politiker soll nach der Beschreibung in Jeremia Kapitel 36 wie sein Bruder Ahikam (Jeremia 22) ein persönlicher Freund des Propheten Jeremia gewesen sein. Auf einer weiteren Tonbulle wird ein gewisser Asarjahu, Sohn des Hilkijahu erwähnt, der, wie vermutet wird, derselbe sein könnte wie der gleichnamige Hohepriester von Jerusalem in 1Chron 5,13-15 (auch Esra 9,1). Er amtierte kurz vor der Zerstörung des ersten Tempels, aber besonders spannend ist die Tatsache, dass sein Vater Hilkia der Hohepriester gewesen ist, der das verschollene Gesetzbuch z. Zt. König Josias (ca. 625 v. Chr.) im Tempel wiederentdeckte und somit eine wichtige religiöse Reform eingeleitet hat (2Kön 22,8). Obwohl beide Namen Asarjahu und Hilkijahu im Hebräischen nicht selten sind, ist die Namenskombination des Sohn-Vater-Verhältnisses auch in diesem Fall wieder einzigartig.6

Leider wurden keine Amtsbezeichnungen wie „Minister des Königs“ oder „Hohepriester“ hinzugefügt. Dabei ist aber zu bedenken, dass Amtsbezeichnungen in der Regel nur sehr selten auf Siegeln erwähnt werden. So wird auch der Stadtkommandant von Arad (an der Südgrenze Judas) auf keinem gefundenen Siegel mit einer Amtsbezeichnung versehen, obwohl wir aus Briefen der Stadt wissen, welche Position er dort innehatte (AVIGAD & SASS 1997). Dennoch scheint die oben vermutete Identität dieser Personen wahrscheinlich. Nicht nur die Seltenheit der Namen bzw. die Einzigartigkeit der Namenskombinationen unterstützen die Identität, sondern auch der Fundort (die Tonbullen wurden nur wenige hundert Meter vom Palast- und Tempelareal entdeckt, wo die biblischen Amtspersonen wirkten). Besonders bezeichnend scheint auch zu sein, dass die Tonbullen genau in der Zerstörungsschicht gefunden wurden, die mit der Zerstörung der Stadt durch die Babylonier zur Zeit Jeremias in Verbindung gebracht wird. Bei einer weiteren Ausgrabung der hebräischen Universität entdeckte die Archäologin E. MAZAR im Jahr 2005 (MAZAR 2006) unweit des vorherigen Archivs in der Davidstadt und wiederum im Zerstörungsschutt derselben Periode eine Tonbulle, deren Eigentümer „Jehuchal, der Sohn des Schelemjahu“ erneut durchaus mit einem biblischen Minister aus dem Buch Jeremia identisch sein könnte (vgl. Jer. 37,3; 38,1; Abb. 6).

Die Schriftart all dieser Stücke ist ganz typisch für diese Periode in Juda (VAN DER VEEN 2005a). Auch außerhalb Jerusalems kamen Siegel ans Licht, deren Eigentümer mit bekannten Personen aus der Periode Jeremias identisch sein könnten. So entdeckte der amerikanische Archäologe William BADÉ bereits 1932 in einer Grabkammer (deren Inhalt eisenzeitliche Spuren des 7.-6. Jhs. v. Chr. aufzeigte) in Tel en-Nasbe (dem biblischen Mispa), nördlich von Jerusalem, ein wunderschönes Onyxsiegel des „Jaasanjahu, dem Hofdiener des Königs“ (AVIGAD & SASS 1997). Das Alte Testament erzählt an zwei Stellen (2Kön 25,25; Jeremia, Kap. 40), wie ein gewisser Jaasanja[hu] (ein ehemaliger General des letzten judäischen Königs Zedekia) sich dem in Mispa von den Babyloniern ernannten Statthalter Gedalja anschloss, kurz darauf jedoch bei einer Revolte ums Leben kam. Sowohl die Schriftform als auch die Abbildung eines kämpfenden Hahns passen eindeutig in die Zeit Jeremias (VAN DER VEEN 2005a; 2007).

Abb. 7: Tonbulle „Milkomurs, des Ministers [des Königs] Bacaljischas“ (mit freundlicher Genehmigung von P. RAY Jr., Andrews University, Berrien Springs).

Aus dem Gebiet südlich von Amman (der Hauptstadt Jordaniens), stammt sogar ein Krugstöpsel mit dem Namen des Königs dieses Gebiets, der nach 2Kön 25,25 (par. Jer. 40,14) für die Ermordung Jaasanjas und Gedaljas mitverantwortlich gewesen sein soll. Auf dem alten Ruinenhügel Tall al-Umayri fanden nämlich Archäologen der Andrews University/USA 1984 in der obersten Schicht, direkt oberhalb der Palastanlage aus dem 6. Jh. v. Chr., einen winzig kleinen Tonkorken mit der Inschrift „Milkom’ur, Minister des (Königs) Baaljischas“ (Abb. 7; GERATY 1985). Auf dem Korken ist auch das Königssymbol des geflügelten Käfers, flankiert von Papyrusstauden, zu sehen. Die Schriftzeichen sind typisch für dieses Gebiet jenseits des Jordangrabens, und vor allem die offenen Buchstaben verraten das Alter des Stöpsels, nämlich um 600 v. Chr. (HERR 1989; VAN DER VEEN 2005a). Es wird allgemein anerkannt, dass der Name Baaljischa tatsächlich der biblischen Form „Baalis“ entspricht (HENDEL 1996; BECKING 1999). In der griechischen Übersetzung des Alten Testaments heißt dieser König „Belisa“.

Interessant ist auch, dass wir heute eine durchgehende Königsliste der Könige der Ammoniter von 750 bis zur Zeit der Annektierung Ammons durch die Babylonier 582 v. Chr. besitzen. Nur der ammonitische König aus Jeremia 40 trug diesen Namen und steht als einziger zur Debatte. Von dem gleichen König stammt auch das vor wenigen Jahren auf dem Antikenmarkt erworbene, jedoch nur fragmentarisch erhaltene Siegel mit der Inschrift: „Baaljisch[a], König der Sö[hne Ammo]ns“ (DEUTSCH 1999).

Es gibt auch Siegel und Tonbullen aus dieser Periode, deren Eigentümer zwar nicht direkt mit bekannten Personen aus der Bibel oder anderer Dokumente in Verbindung gebracht werden können, aber dennoch für die Datierung der letzten Phase der Eisenzeit von besonderer Bedeutung sind. So fand der israelische Wissenschaftler Yohanan AHARONI 1966 auf Tel Lachisch genau in der letzten Schicht der Eisenzeit, in einem kleinen Krug (der wiederum typisch ist für die Endphase dieser archäologischen Epoche) 17 Tonbullen (AHARONI 1975). Die meisten befanden sich zwar in schlechtem Zustand, aber besonders eine war noch recht gut leserlich. Zwar fehlt der Rand rechts unten, klar ist jedoch, dass es sich um einen königlichen Beamten handeln muss, denn der Tonverschluss verrät, dass es vom amtlichen Siegel des „Schebanjahu, der … [Text rechts unten fehlt] des Königs“ bedruckt wurde. Bei einem genauen Vergleich aller sorgfältig geschnittenen Siegel und bedruckten Tonbullen, die in der oberen Zeile den Namen des Inhabers und in der unteren Zeile entweder den Amtstitel oder die Formel „Sohn des NN“ erwähnen, konnte Folgendes festgestellt werden (VAN DER VEEN 2005a): Die geübten (und administrativ hochrangigen) Steinschneider dieser Epoche hatten immer, wenn sie sich dazu entschieden hatten, die oben erwähnten Formeln in der unteren Zeile einzugravieren, den ersten Buchstaben der unteren Zeile direkt senkrecht unterhalb dem der ersten Zeile angefangen, egal wie lang der Name oder der Amtstitel war. So war es möglich, festzustellen, dass der fehlende Teil des Amtstitels „… des Königs“ mit etwa 90%iger Wahrscheinlichkeit des „Königssohns“ („Sohn des Königs“) gewesen sein muss. Eine weitere Bulle mit dem Amtstitel „Sohn des Königs“ war bereits 1931 im judäischen Städtchen Bet Zur (jedoch leider in einer späteren Zisterne aus der Perserzeit) entdeckt worden. Beide Stücke wurden auch in derselben Schrift verfasst, die üblich ist für die Abschlussphase der Eisenzeit.

Abb. 8: Abguss der Königsbulle von „Qosgabr, dem König von Edom“ aus Umm al-Bayyara/Jordanien (Foto: Richard WISKIN, Abguss: Konrad MEIER).

Aber was ist nun so besonders bedeutsam an dieser Tonbulle aus Tel Lachisch? Könige gab es in Juda nur bis 587 v. Chr., als die judäische Monarchie von den Babyloniern beendet wurde. Danach gab es erst wieder Könige während der Hasmonäerzeit im 2.-1. Jh. v. Chr., als diese Siegel und Bullen nicht mehr verwendet wurden. Mit anderen Worten, ein Prinz mit einem typisch judäischen Namen (mit dem Gotteselement „Jahu“) kann unmöglich noch nach 587 v. Chr. amtiert haben. Die letzte Eisenzeitschicht muss also vor der Invasion der Babylonier 587 v. Chr. besiedelt gewesen sein! Somit wurde also umso mehr deutlich, dass es unmöglich war (wie wenige Wissenschaftler vorgeschlagen hatten), das Ende der Eisenzeit in Juda chronologisch noch weiter nach „unten“ zu verschieben.

Dass die letzte Phase der Eisenzeit im 7. Jh. v. Chr. anfing und spätestens irgendwann im 6. Jh. aufhörte, davon zeugen auch zwei Siegelfunde aus Jordanien. In einem eisenzeitlichen Grab in Amman, das bis ca. 1950 von Beduinen als Unterschlupf für Mensch und Tier genutzt wurde, entdeckte der Archäologe Lancester HARDING um 1950 eine gewaltige Anzahl von Grabbeigaben. Manche Stücke waren von den früheren Bewohnern verkauft worden und allmählich auf dem Antikenmarkt aufgetaucht, weitere (teils genau dazu passende) Stücke wurden bei einer Grabung vor Ort sichergestellt (HARDING 1953). Lokal hergestellte assyrische Keramik wie auch ein badewannenähnlicher Sarkophag deuten darauf hin, dass das Grab am Ende der Eisenzeit zur Zeit der assyrischen und babylonischen Herrschaft in Gebrauch gewesen sein muss. Dies wurde dann auch von im Grab gefundenen Siegeln bestätigt. Einer der dort bestatteten hohen Beamten war ein „Minister des (ammonitischen Königs) Amminadab“ gewesen. Die Schriftform deutet auf die erste Hälfte des 7. Jhs. v. Chr. hin (VAN DER VEEN 2005a). Wie wir aus assyrischen Annalen wissen, regierte damals tatsächlich ein König Amminadab (I.) über das Königreich der Ammoniter (PRITCHARD 1969). Die Schrift des Siegels ist eindeutig früher als die des späteren (oben erwähnten) Tonstöpsels von König Baaljischa/Baalis. Aus derselben Zeit stammt auch der Tonverschluss des Edomiter-Königs Qosgabr aus Umm al-Bayyara (eine Felsensiedlung oberhalb der antiken Stadt Petra in Südjordanien – Abb. 8). Der Ort Umm al-Bayyara war nur kurze Zeit lang bewohnt gewesen und zeigt neben viel späteren Überresten nur Spuren aus der Endphase der Eisenzeit auf.7 Der auf der Tonbulle erwähnte König Qosgabr ist ebenfalls aus den assyrischen Annalen des 7. Jhs. v. Chr. bekannt. Fazit: das zur letzten Phase der Eisenzeit gehörende Umm al-Bayyara war zwischen ca. 650-550 v. Chr. besiedelt gewesen.

Die Inschriften machen es also möglich, das Ende der Eisenzeit genau zu datieren. Zugleich zeigen uns diese Funde, wie genau die biblischen Autoren die historischen und politischen Zusammenhänge ihrer Zeit geschildert haben. Höflinge, Priester und selbst einen König, die im Alten Testament in der Zeit Jeremias um 600 v. Chr. erwähnt werden, sind auf Siegelfunden aus legalen Grabungen belegt.

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Die „Biblische Archäologie“
Die Funde zeigen, wie genau die biblischen Autoren die historischen und politischen Zusammenhänge ihrer Zeit geschildert haben.

Es ist zu hoffen, dass für die früheren Phasen der Eisenzeit ebenfalls genügend Schriftfunde aus gut nachweisbaren archäologischen Schichten gefunden werden. Nur so kann die systematische Studie der Chronologie der Eisenzeit fortgesetzt werden. Es bedarf ohne Zweifel der Mitarbeit mehrerer Wissenschaftler, um dieses große Gebiet zu bewältigen. Dazu ist eine internationale und interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftlern ins Auge gefasst, um die chronologischen Probleme von der Späten Bronzezeit-Eisenzeit anzugehen und ihre Konsequenzen für die „Biblische Archäologie“ (d.h. für die Verbindungen zwischen der biblischen Frühgeschichte Israels und der Archäologie des Nahen Ostens) zu erforschen.

Wie bereits anderweitig detailliert besprochen wurde, gibt es gute Anzeichen dafür, dass sich bei einem chronologischen Versatz von ca. 150+? Jahren von der Mittleren Bronzezeit (ca. 1400 v. Chr.) bis hin zum Ende der Eisenzeit (ca. 550 v. Chr.) bessere Parallelen zwischen dem Alten Testament und der Palästina-Archäologie finden lassen (z.B. VAN DER VEEN & ZERBST 2003; ZERBST & VAN DER VEEN 2005). Bei einer solchen chronologischen Verkürzung entsteht eine Vielzahl von vielversprechender Synchronismen zwischen den biblischen Geschichten und der Archäologie (z. B. beim Auszug aus Ägypten, bei der Landnahme und beim Großreich Salomos). Um diese jedoch erhärten zu können, wird mit großer Sorgfalt die Datierung der einzelnen Schichten anhand der Inschriften genauestens überprüft werden müssen.

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Anmerkung

1 Nicht immer ist dies möglich, da Funde auch als Erbstücke über viele Generationen weitergereicht wurden und somit ihre Bedeutung für eine klare Datierung verloren haben.

2 Dennoch wurde die Korrektheit der ägyptischen Chronologie auch z. Zt. FLINDERS-PETRIES von z.B. dem britischen Gelehrten Cecil TORR in Frage gestellt. Wie der zeitgenössische Ägyptologe Jens LIEBLEIN plädierte auch er für eine niedrigere, ca. 200 Jahre kürzere, Chronologie Ägyptens (TORR Neuauflage 1986; LIEBLEIN 1914).

3 Aufgrund eines architektonischen Vergleichs zwischen Samaria und Megiddo datiert nun N. FRANKLIN (von der Uni Tel Aviv) die Toranlage von Megiddo auf das 8. Jh. v. Chr. und ordnet es alternativ einer einheitlichen Schicht ‚IV’ zu: FRANKLIN 2005.

4 Die Datierung der Schrift könnte auf das 10. Jh. v. Chr. Hinweisen (pers. Mitteilung von Dr. Reinhard LEHMANN, Universität Mainz).

5 Im AT dürfte er nur von einer einzigen Person, dem Schreiber König Josias (2Kön. 22,3ff.) und dem Vater Germarjas getragen worden sein. Obwohl er als ‚väterlicher Name’ für vier weitere Personen im AT belegt ist (2Kön 22,12; 25,22; Jer 29,3; Hes 8,11), erklärt FOX (2001), dass Staatsämter oft nur innerhalb von wenigen adligen Familien vergeben wurden. Somit könnten alle genannten Schaphans ein und dieselbe Person sein.

6 Auf einem aus dem Handel stammenden Siegel wird das gleiche Namenspaar noch einmal erwähnt. Der Besitzer wurde jedoch ebenfalls mit demselben Hohenpriester in Verbindung gebracht (vgl. DEUTSCH & LEMAIRE 2000).

7 Während meiner Forschungen am Kenyon-Institut in Jerusalem 2004 kam eine bisher unbeachtete Tonbulle ans Licht mit den Zeichen der babylonischen Staatsgötter Marduk und Nabu. Dies beweist, dass Umm al-Bayyara noch bis in die Babylonierzeit hinein existierte. Nach der Berichterstattung des Königs Nabonidus soll Edom erst 552 v. Chr. von den Babyloniern annektiert worden sein (VAN DER VEEN 2006; EGGLER & KEEL 2006).

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Literatur

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