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„Grundtypstudie“ von Stephen Jay Gould

von Reinhard Junker

Studium Integrale Journal
14. Jahrgang / Heft 1 - April 2007
Seite 28 - 29


Der 2002 verstorbene Evolutionsbiologe Stephen J. Gould ist nicht zuletzt durch seine kurzweiligen und lehrreichen Essays über ein breites Themenspektrum bekannt. Die ursprünglich in der Zeitschrift Natural History veröffentlichten Artikel wurden in mehreren Essaybänden zusammengefasst (vgl. Ullrich 2006). Darin finden sich manche bemerkenswerte Beobachtungen für eine schöpfungsorientierte Betrachtung der Natur, auch wenn Gould diese Sichtweise vehement ablehnte (er soll für die hier gezogenen Schlussfolgerungen keineswegs vereinnahmt werden!). So schildert Gould in dem 1985 veröffentlichten Band „The Flamingo’s Smile“ Untersuchungen der auf den Bahamas beheimateten Landschnecken der Gattung Cerion, die mit Fug und Recht als Grundtypstudien charakterisiert werden können. („The Flamingo’s Smile“ ist 1989 in Deutsch erschienen; Zitate im Folgenden aus der Übersetzung.)

Diese Schnecken kommen in einer Vielfalt vor, die von keiner anderen Schneckengruppe erreicht wird. „Einige Cerion-Arten sind lang und bleistiftdünn, andere sind dagegen wie Golfbälle geformt“ (S. 140). Eine Form ist sogar fast quadratisch. Es gibt auch eine beträchtliche Größenvariation von 5 mm Durchmesser bis 70 mm Länge. Dieser enormen Vielfalt ist es zu verdanken, dass bis zu 600 Arten unterschieden wurden; allerdings ist das viel zu hoch gegriffen, da Artnamen oft vorschnell vergeben wurden. Aber auch unter den noch verbliebenen 200 Arten wurden auf den Bahamas nur zwei abgeschlossene Cerion-Populationen gefunden, die im selben Gebiet vorkommen und sich nicht kreuzen: ein „Riese“ und ein „Zwerg“ (Gould wurde an Zwergpinscher und Deutsche Dogge erinnert). „In allen anderen Fällen hybridisieren die Schnecken ungeachtet ihrer Unterschiede in Größe und Form, wann immer sie an den Grenzen ihrer geographischen Verbreitung aufeinandertreffen“ (S. 140). Cerion bringt also eine sehr große Formenvielfalt hervor, ohne echte Spezies zu bilden.

Eine detaillierte langjährige Untersuchung zeigte, dass man die Schneckenvielfalt in zwei Gruppen unterteilen kann. Gould nennt sie der Einfachheit halber aufgrund der Gehäusebeschaffenheit „gerippte Population“ (sie sind dickschalig, stark gerippt, einheitlich gefärbt, relativ breit und fast zylindrisch geformt) und „marmorierte Population“ (dünnschalig, glatt oder nur schwach gerippt, vergleichsweise bunter, relativ schmal und eher fassförmig). Die gerippten Formen kommen an den Bank-Außenküsten der nördlichen Bahamas vor; die marmorierten leben an den Bank-Innenküsten und im Inneren der Inseln. Wo die Außen- und Innenküsten aufeinandertreffen, kommen Hybriden vor. Eine dritte Gruppierung mit dickem, glattem, weißem, dreieckigem Gehäuse kommt auf den Inseln Eleutheria und Cat Island vor. Auch sie hybridisieren mit Vertretern der anderen beiden Gruppen.

Abb. 1: Verschiedene Cerion-Gehäuse von den Bahamas und Kuba. Sie vermitteln einen Eindruck von der enormen Vielfalt dieser Gattung. Foto: Al Coleman.

Bemerkenswert (und für Gould zunächst „rätselhaft“) ist ein weiterer Befund: „Bestimmte Cerion-Formen leben oft auf weit voneinander getrennten Inseln“ (S. 140). Deren „detaillierte Entsprechungen“ müssen unabhängig voneinander (konvergent) an den verschiedenen Lokalitäten evolviert sein. Diese Schlussfolgerung wird unterstrichen durch den Befund, dass der Bau der Geschlechtsorgane nicht mit der Einteilung der Gruppen aufgrund der Gehäuseform (gerippt/marmoriert) korreliert. Gould folgert, „dass eine ganze Reihe komplexer Merkmale sich tatsächlich mehr als einmal in genau derselben Weise zu entwickeln vermag. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das geschehen soll, wenn sich jedes Merkmal einzeln entwickeln muss, indem es immer erneut seinem eigenen genetisch vorgezeichneten Weg folgt. Die Merkmale müssen im genetischen Programm von Cerion irgendwie koordiniert sein; sie müssen zusammen aktiviert bzw. ‘aufgerufen’ werden“ (S. 151). Er vermutet einen genetischen „Master switch“, vergleichbar dem genetischen Schalter, dessen Mutation bei Fliegen z. B. dazu führt, dass Beine anstelle von Antennen gebildet werden. (Gut 20 Jahre nach der Veröffentlichung dieses Essays von Gould ist uns dieses Verständnis durch die Entdeckung der Homeobox-Gene mittlerweile sehr vertraut.)

Gould schreibt: „Auch im genetischen Programm der Cerion könnte ein solcher Hauptschalter jeden ihrer grundlegenden Entwicklungswege aktivieren und immer wieder ein Merkmalsgefüge evoluieren, das die Grundformen festlegt“ (S. 151). Und weiter: „Wenn genetische und entwicklungsbiologische Programme hierarchisch organisiert sind, ..., dann brauchen neue Formen gar nicht Stück für Stück entstehen (...), sondern koordiniert durch eine Betätigung des Hauptschalters (oder ‘Regulators’) von Entwicklungsprogrammen“ (S. 151).

Soweit Stephen J. Gould. Die von ihm beschriebenen Befunde und seine Deutung können 1:1 in dem Rahmen der Grundtypenbiologie der Schöpfungslehre interpretiert werden: 1. Es gibt polyvalente Stammformen mit einer Art „Baukastensystem“ von Merkmalen bzw. Merkmalsausprägungen. 2. Dies bildet die Basis für schnelle und gleichartige (konvergente) Entstehung von Merkmalsausprägungen in verschiedenen Linien bzw. Arten. Woher die Gattung Cerion und ihr Variationspotential kommen, liegt außerhalb der empirischen Studien von Gould.

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Literatur

Gould SJ (1989)
Opus 100. In: Gould SJ: Das Lächeln des Flamingos. Betrachtungen zur Naturgeschichte. Basel, S. 138-152.
Ullrich H (2006)
Rezension von: Stephen Jay Gould: Das Ende vom Anfang der Naturgeschichte. Frankfurt am Main, 2005. Stud. Int. J. 13, 104-108.

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