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Evolution und Geist

von Reinhard Junker

Studium Integrale Journal
16. Jahrgang / Heft 2 - November 2009
Seite 107 - 108


Benötigt man das Evolutionsparadigma, um naturwissenschaftliche Forschung betreiben zu können? Im Kommentar „Nur Sinn im Lichte der Evolution“ in der letzten Ausgabe von Studium Integrale Journal wurde dies mit wissenschaftstheoretischen Gründen verneint (Junker 2009). Dass diese Einschätzung zutrifft, macht ein Nature-Artikel deutlich, der sich der Frage widmet „Can evolution explain how mind works?“ (Kann Evolution erklären, wie Geist /Verstand funktioniert?) (Bolhuis & Wynne 2009). Die Autoren beginnen mit der Feststellung, dass gar nicht klar sei, welche Zusammenhänge zwischen der Theorie Darwins und der Erforschung des Erkenntnisvermögens bestünden. Arten gleicher Abstammung sollten ähnliche Fähigkeiten ihres Erkenntnisapparats besitzen; auch Charles Darwin habe sich dieses Arguments bedient.1 Doch die Realität sehe nicht so einfach aus.

Vielmehr zeige sich, dass viele kognitive Fähigkeiten konvergent entstanden sein müssen, wenn man Evolution voraussetzt. Das heißt: Es zeigen sich Ähnlichkeiten im Verhalten nicht näher verwandter Arten, so dass eine mehrfach unabhängige Entstehung angenommen werden muss.2

So berichten Bolhuis und Wynne, dass Vögel zu Leistungen fähig sind, die die Fähigkeiten von Affen übertreffen. Beispielsweise reiben Krähen ihre Schnäbel aneinander, wenn eine von ihnen in einer Auseinandersetzung mit einem anderen Vogel war. Ein vergleichbares Verhalten bei Schimpansen würde man als Tröstung bezeichnen. Außerdem gebe es Hinweise auf Ichbewusstsein bei Vögeln. Kaledonische Krähen übertreffen Affen in ihrer Fähigkeit, schwer zugängliche Nahrung aus einer Röhre zu ergattern.3

Seit Jahrzehnten wird versucht, Affen eine einfache Form der Sprache beizubringen, aber Linguisten seien sich darin einig, dass die Fähigkeiten von Schimpansen und Bonobos nicht als Sprache gelten können (Bolhuis & Wynne 2009). Eine Voraussetzung für Sprache ist die Fähigkeit zur Nachahmung. Während viele Papageien und Singvögel darin Meister sind, zeigen unsere Primaten-Vettern dazu keine Neigung. Darüber hinaus erfolgt das Erlernen des Singens bei Vögeln auf eine ähnliche Weise wie das Erlernen des Sprechens bei Kindern.

Die Autoren ziehen die Schlussfolgerung, dass das unabhängige Auftreten ähnlicher Fähigkeiten in entfernt verwandten Arten zeige, dass kognitive Fähigkeiten nicht in einer Skala evolutionärer Verwandtschaft angeordnet werden können. Evolution ist nicht der Schlüssel zum Verständnis.

Es gibt Ähnlichkeiten im Verhalten nicht näher verwandter Arten, so dass eine mehrfach unabhängige Entstehung angenommen werden muss.

Geschichte der kognitiven Fähigkeiten ist nicht erforschbar. Die Autoren stellen auch fest, dass es extrem schwierig wenn nicht unmöglich sei, die Faktoren herauszufinden, die zur Herausbildung der heutigen Fähigkeiten geführt haben. Mehr als Vermutungen anzustellen sei hier nicht möglich.4 Evolutionäre Analysen seien durchgeführt worden, um Fragen in Angriff zu nehmen, für die sie schlecht geeignet seien. „Evolutionäre Untersuchungen können jedoch nicht klären, wie Tiere eine bestimmte Fähigkeit erlangten, weil es sich um Erforschungen der Geschichte handelt.“ Als Beispiel nennen die Autoren das Verhalten mancher Vögel, Nahrung zu bevorraten. Manchmal zeigen nah verwandte Arten hier ein sehr unterschiedliches Verhalten. Es konnte jedoch kein Zusammenhang zwischen den Eigenschaften des Gehirns und dem Verhalten der Nahrungsmittel-Bevorratung nachgewiesen werden.

Fazit. Die Studien über kognitive Fähigkeiten bei Tieren zeigen, dass funktionelle Aspekte zu deren Verständnis genügen, während evolutionäre Zusammenhänge kaum prüfbar sind oder den Erwartungen sogar widersprachen. Etwas überraschend schreiben die Autoren, es gebe bei der Erforschung der Geschichte kognitiver Fähigkeiten keinen Grund, von vornherein anzunehmen, dass das Auftreten von Konvergenzen (s. o.) wichtiger sei als gemeinsame Abstammung oder umgekehrt. Das heißt aber nichts anderes, als dass in diesem Fall Ähnlichkeiten in Bezug auf evolutionäre Verwandtschaft kein aussagekräftiges Indiz darstellen – ganz im Gegensatz zur üblichen Gepflogenheit, wonach die neuesten entdeckten Ähnlichkeiten als neueste Belege für gemeinsame Abstammung gewertet werden. Ähnlichkeiten als Ausdruck ähnlicher Erfordernisse ist andererseits aus der Schöpfungsperspektive eine nahe liegende Option. Bolhuis & Wynne haben diese Option natürlich nicht auf der Rechnung, aber ihrem Schlusssatz kann man uneingeschränkt zustimmen: „Für den Fortschritt der vergleichenden Psychologie müssen wir tierisches und menschliches Bewusstsein empirisch untersuchen, ohne naive evolutionäre Vorannahmen.“5 Nichts macht Sinn außer im Lichte der Evolution?


Anmerkungen

1 „In The Descent of Man, Darwin proposed that there is ‘no fundamental difference between man and the higher mammals in their mental faculties’ on the basis of his belief that all living species were descended from a common ancestor.“
2 „In other words, evolutionary convergence may be more important than common descent in accounting for similar cognitive outcomes in different animal groups.“
3 Das Experiment ist bei YouTube zu sehen: http://www.youtube.com/watch?v=M52ZVtmPE9g
4 „Without being able to reconstruct the mind of our hunter-gatherer predecessors, we can only guess at the selection pressures they faced.“
5 „For comparative psychology to progress, we must study animal and human minds empirically, without naive evolutionary presuppositions.“

Literatur

Bolhuis JJ & Wynne CDL (2009)
Can evolution explain how mind work? Nature 458, 832-833.
Junker R (2009)
Nur Sinn im Licht der Evolution? Stud. Int. J. 16, 53-54.

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