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Lutz Fiedler
Die Suche nach Eolithen und das Problem der Unterscheidbarkeit zwischen Artefakten und Geofakten

Rezension von Michael Brandt

Studium Integrale Journal
19. Jahrgang / Heft 2 - Oktober 2012
Seite 122 - 124


Lutz Fiedler
Die Suche nach Eolithen und das Problem der Unterscheidbarkeit zwischen Artefakten und Geofakten
In: Harald Floss (Hg) Steinartefakte. Vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit. Tübingen S.153-158

Seit Jahren angekündigt ist nun endlich das Buch Steinartefakte – Vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit im Kerns Verlag, Tübingen, erschienen. An dem 980 Seiten umfassenden Werk haben 45 Autoren mit insgesamt 82 Beiträgen mitgewirkt. Der Herausgeber Harald Floss schreibt, dass dieses Buch die Nachfolgepublikation des Tübinger Buches Erkennen und Bestimmen von Stein- und Knochenartefakten – Einführung in die Artefaktmorphologie von Joachim Hahn ist (S. 11). Nicholas J. Conrad stellt als Mitautor im Vorwort fest, dass „die vorliegende Arbeit ... weltweit einzigartig [ist]. ... Wir gehen davon aus, dass dieses Buch für die nächste Generation das Standardwerk über Steinartefakte sein wird ...“ (S. 9).

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Um es gleich vornweg klar zu stellen: Es handelt sich bei Steinartefakte um ein wertvolles Buch mit vielen Informationen über Steinartefakte und Steinbearbeitungstechnologien. Conrad hat also recht: „... jeder Studierende und Kollege, der in der Steinzeit forscht, [wird] von diesem Buch profitieren“ (S. 9).

Als Autor von Vergessene Archäologie – Steinwerkzeuge fast so alt wie Dinosaurier hat der Rezensent mit besonderem Interesse den Abschnitt des Buches gelesen, der sich mit der Erforschungsgeschichte der Eolithen und damit im Zusammenhang stehende Erkennungskriterien von Artefakten und ihre Unterscheidbarkeit von natürlich bestoßenen und gesplitterten Steinen beschäftigen. Im Folgenden werden nur die zu diesem Thema gemachten Ausführungen des Buches besprochen. Dies ist für jeden an Steinwerkzeugen Interessierten von großer Wichtigkeit, da sich die Frage nach der Artefaktnatur von Fundstücken immer wieder neu stellt.

Der Begriff Eolith („Steine der Morgenröte“ der Menschheitsgeschichte) wurde in der Vorgeschichtsforschung nicht einheitlich verwendet. Ursprünglich war es ein zeitlich-kulturell umgrenzter Begriff für tertiäre/früheiszeitliche, als echte Artefakte angesehene Stücke. Heute wird so ein zweifelhaftes Artefakt bezeichnet (Hahn 1991, S. 33; ausführlich bei Brandt 2011, S. 47-48). Warum werden heute die Eolithen nicht mehr als Werkzeuge des Menschen anerkannt?

Nach heute vorherrschender Meinung lebten als erste Werkzeughersteller Australopithecinen und Habilinen, sogenannte „Affenmenschen“, erst am Ende des Tertiärs vor ca. 2,5 Millionen Jahren. Aus diesen ausschließlich in Afrika lebenden „Affenmenschen“ entstanden demnach die unbestrittenen ersten echten Menschen (Homo erectus), die sich vor ca. 1,8 Millionen Jahren am Übergang zum darauf folgenden jüngsten geologischen Zeitraum, dem Quartär (Pleistozän und Holozän) nach Eurasien ausbreiteten. Demzufolge gab es keine Werkzeughersteller vor dem Pleistozän (Eiszeit) in Europa und Asien. In Vergessene Archäologie werden jedoch Steinwerkzeuge aus dem Vorpleistozän besprochen, die nicht nur in den oberen (zeitgleich mit den heute ältesten anerkannten Werkzeugen in Afrika), sondern auch in den mittleren und unteren Ablagerungen des Tertiärs entdeckt wurden, und zwar an verschiedenen Fundplätzen West- und Mitteleuropas von Portugal über Frankreich bis nach England, Belgien und Deutschland, aber auch außerhalb Europas. Die Artefakte wurden zwischen ca. 1860 und 1930, vereinzelt auch später entdeckt. Die ältesten stammen aus Ablagerungen, die heute auf 56-59 Millionen Jahre radiometrisch datiert werden. Diese Werkzeuge wurden nach einigen Diskussionen von den damaligen Wissenschaftlern als Naturprodukte abgetan, weil sie schon zu jener Zeit nicht mehr in die Vorstellungen über die Evolution des Menschen passten. Tatsächlich sind sie aber anerkannten pleistozänen Artefakten ganz ähnlich und können nicht als Produkt natürlicher Prozesse erklärt werden (Brandt 2011).

Abb. 1: Abschlag mit ausgeprägter Schlagnarbe; feine Retuschen; dorsal Abschlagnegative. Sammlung M. Verworn, Seminar für Ur- und Frühgeschichte und Vorderasiatische Archäologie, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. (Aus Brandt 2011, 377)
Abb. 2: Spitzschaber aus einem Abschlag mit sehr feinen Kantenretuschen. Sammlung M. Verworn, Seminar für Ur- und Frühgeschichte und Vorderasiatische Archäologie, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. (Aus Brandt 2011, 375)

Was findet sich zu diesem umfangreichen und brisanten Stoff in Steinartefakte, das nach Einschätzung der Autoren fachliche Maßstäbe setzt?

Für den Rezensenten überraschend ist die Tatsache, dass sich zum Thema Eolithen nur ein sehr kurzer Beitrag von Lutz Fiedler findet: Die Suche nach Eolithen und das Problem der Unterscheidbarkeit zwischen Artefakten und Geofakten (S. 153-158). Abzüglich des Inhaltsverzeichnisses und der Begriffserklärung hat der Beitrag nur drei Seiten Textumfang. Aufgrund dieser Kürze sind die Ausführungen Fiedlers sehr allgemein gehalten.

So geht Fiedler nicht näher auf die Eolithen ein. Kein einziger Eolith aus der alten oder neueren Literatur findet sich bei ihm abgebildet. Dem Leser werden auch keine konkreten Kriterien angeboten, anhand derer man Artefakte von Geofakten unterscheiden und somit die Eolithen als angebliche Naturprodukte erkennen kann.

Fiedler schreibt einerseits: „Über die phantasievoll interpretierten Eolithen mochte nun kein Archäologe mehr reden.“ Andererseits resümiert er unter Zitierung zweifelhafter älterer Arbeiten (z. B. Warren 1923): „... dass vielfältige artefaktähnliche Formen an natürlichen gesplitterten, zerteilten und kantenbestoßenen Steinen in unruhig abgelagerten Sedimenten ... vorhanden sein können und deshalb ‚Eolithen‘ nicht zu identifizieren seien“ als heutigen Erkenntnisstand (Hervorhebungen nicht im Original).

Er bemerkt an dieser Stelle offensichtlich nicht einen Widerspruch in seinen Aussagen: Wurden die Eolithen nur phantasievoll interpretiert, d.h. wurden ihnen Artefaktmerkmale nur angedichtet oder besaßen sie tatsächlich Artefaktmerkmale, die aber als Ausweis echter Werkzeuge des Menschen nicht ausreichen, weil sie durch Naturprozesse hätten entstanden sein können?

Tatsache ist, dass viele Eolithen typische Merkmale altsteinzeitlicher Werkzeuge aufweisen. Diesen Umstand kann der Leser auch anhand des Beitrages von Harald Floss über Grundbegriffe der Artefaktmorphologie und der Bruchmechanik in Steinartefakte nachvollziehen (S. 117-132).

So wurden z. B. in obermiozänen Schichten von Aurillac, Frankreich, die heute auf sieben Millionen Jahre datiert werden, gruppiert zahlreiche Steinsplitter mit typischen Abschlagmerkmalen des Menschen (Abb. 1) und Schaber mit längerstreckig bearbeiteten Arbeitskanten entdeckt (Abb. 2). An einem anderen berühmten Eolithen-Fundort, Boncelles in Belgien, wurden in oberoligozänen Ablagerungen, die heute auf 25-28 Millionen Jahre datiert werden, paläolithischen Artefakten gleichende Fundstücke wie Kerne, Schaber und Abschläge geborgen (Abb. 3). Zahlreiche weitere Abbildungen von Eolithen finden sich bei Brandt (2011). Fiedler verschweigt dies alles oder weiß er nicht darum?

Auch nahezu alle Gegner der Werkzeugnatur der Eolithen anerkannten die Tatsache, dass viele Eolithen altsteinzeitlichen Werkzeugen ähneln. Sie behaupteten aber, dass natürliche Prozesse diese Ähnlichkeit bewirkt hätten. Diese Behauptung ist unplausibel und konnte in der Folgezeit nicht bestätigt werden (Brandt 2011).

Befremden löst Fiedlers Umgang mit den Forschungsergebnissen von Alfred Rust aus. Fiedler schildert, wie Rust (1956) in Mauer zahlreiche Sandsteinstücke fand, die er Abschlägen und bestimmten Werkzeugen wie Nasenschabern und Hohlschabern zuordnete. „Mit der nötigen Distanz kann man heute sagen“, so Fiedler, „einige dieser Funde könnten vielleicht Artefakte sein; aber es gibt keine eindeutigen Möglichkeiten, diese von den massenhaft natürlich bestoßenen Sandsteinstücken zu trennen, die im Neckarbett vorhanden sind.“ Fiedler belegt diese Aussage u.a. mit einer eigenen Arbeit von 1991. Dies ist nun aber wirklich merkwürdig, denn in seiner damaligen Arbeit stellt Fiedler unmissverständlich fest, dass sich unter den Fundstücken aus den Neckarsanden von Heilbronn und Mauer sehr wohl Artefakte befinden, wobei solche Stücke auch natürlich entstehen können. Müller-Beck hat dies ähnlich gesehen und Schwabedissen als Kenner altsteinzeitlicher Geräte (auch Ziegert, Krüger, Adrian und Feustel, s. Brandt 2011, S. 323) hat den artifiziellen Charakter der Funde anerkannt, schreibt Fiedler weiter (S. 58). Viele dieser Werkzeuge, so Fiedler damals, finden heute „mühelos ihren Platz im Formenspektrum der altpaläolithischen Haugeräte“ (S. 60).

Abb. 3: A Hohlschaber mit feiner Retusche, B Abschlag mit großer Schlagnarbe, C Kern mit mehreren Abschlagnegativen und feinen Aussplitterungen. Alle Bilder Sammlung M. Verworn, Seminar für Ur- und Frühgeschichte und Vorder-asiatische Archäologie, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. (Aus Brandt 2011, 173,f.)

Fiedler stellte 1991 fest, dass viele Kritiker von Alfred Rust mit Funden des Altpaläolithikums nicht vertraut waren. Die deutsche Urgeschichtswissenschaft hat den Pionier der Erforschung der ältesten steinernen Hinterlassenschaften des Menschen im Stich gelassen. Fiedler bedauerte es zutiefst, dass ein erfolgreicher und verdienstvoller Steinzeitforscher gegen Ende seines Lebens in die wissenschaftliche Isolation geriet (S. 64). In seinem Artikel von 1991 erkennt Fiedler also die Artefaktnatur der betreffenden Funde an.

Man kann über die Ursachen der in Steinartefakte anders vorgetragenen Beurteilung der Forschungsergebnisse von Rust nur spekulieren. Neuere Forschungsergebnisse, die eine Änderung der Bewertung erforderlich machen, liegen dazu nicht vor.

Rust hatte die Eolithen aus den obermiozänen Schichten von Aurillac, Frankreich, als echte Werkzeuge anerkannt (Brandt 2011, S. 405).

Es muss das Resümee gezogen werden, dass Fiedlers Beitrag dem Thema Die Suche nach Eolithen und das Problem der Unterscheidbarkeit zwischen Artefakten und Geofakten in keiner Weise gerecht wird. Im Vorläuferbuch Erkennen und Bestimmen von Stein- und Knochenartefakten von Hahn (1991) findet man zur Unterscheidung zwischen Geofakten und Artefakten mehr Informationen. Die Eolithen werden bei Hahn kurz angesprochen, eine nähere Auseinandersetzung findet aber auch dort leider nicht statt.

Literatur

Brandt M (2011)
Vergessene Archäologie. Steinwerkzeuge fast so alt wie Dinosaurier. Holzgerlingen.
Fiedler L (1991)
Alfred Rust und Artefakte aus der Zeit des Homo Erectus. Archäologische Informationen 14, 56-75.
Fiedler L (2012)
Die Suche nach Eolithen und das Problem der Unterscheidbarkeit zwischen Artefakten und Geofakten. In: Floss H (Hg) Steinartefakte. Vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit. Tübingen, S. 153-158.
Floss H (2012)
Grundbegriffe der Artefaktmorphologie und der Bruchmechanik. In: Floss H (Hg) Steinartefakte. Vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit. Tübingen, S. 117-132.
Hahn J (1. Aufl. 1991, 2. Aufl. 1993)
Erkennen und Bestimmen von Stein- und Knochenartefakten. Einführung in die Artefaktmorphologie. Tübingen.
Rust A (1956)
Artefakte aus der Zeit des Homo heidelbergensis in Süd- und Norddeutschland. Bonn.
Warren SH (1923)
The sub-soil flint flaking sites at Grays. Proceedings of the Geologists’ Association 34, 38-42.

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