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19. Jahrgang / Heft 2 - Oktober 2012
Titelbild: Der Bahama-Anolis (Anolis sagrei) auf Sanibel-Island in Lee County, Florida mit aufgeblasener Hautfalte an der Kehle. Mit dieser Eidechsenart wurden interessante Anpassungsversuche auf Inseln durchgeführt (siehe Seite 107ff.). (Foto: Wikimedia Commons, © Hans Hillewaert)



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Themen

M. Brandt
Wie sicher sind paläanthropologische Deutungen? Das unerwartete Merkmalsmosaik von Australopithecus sediba
J. van Dam
Untersuchungen zu experimenteller Evolution
P. Imming
Auf der Suche nach dem „Spiegel der Weisen“

Kurzbeiträge

H.-B. Braun
Kryptische Krebse: Moderne Crustaceen-Fossilien aus dem Kambrium
H. Binder
Melanin in fossilen Tintenfischen
R. Junker
Am Anfang die Vielfalt?
R. Junker
Anpassungen durch Verluste
S. Mohr
Bakterien verdauen Bambus für den Großen Panda
D. Vedder
Gründereffekt bei Eidechsen: ein Freilandexperiment auf Inseln
R. Junker
Eine Lücke weniger? Vierbeiner aus der Romer-Lücke
 

Streiflichter

Bestätigung einer wichtigen Funktion des Wurmfortsatzes
Vielfalt trotz unverändertem Lebensraum?
Unmögliche Konvergenz: Quergestreifte Muskeln
Hinweise auf komplexe unterirdische Biosphäre
Protofedern oder Kollagenfasern?
Neue Kristallformen in Stacheln von Seeigeln nachgewiesen
Wenn Libellenmännchen rot werden
Kambrische „Embryonen“ erweisen sich als Einzelle
Neues zur präbiotischen Entstehung von Stickstoffbasen

Rezension

M. Brandt
Die Suche nach Eolithen und das Problem der Unterscheidbarkeit zwischen Artefakten und Geofakten (L. Fiedler)
R. Junker
Die Evolution der Langhalsgiraffe (W.-E. Lönnig)
M. Müller
Die Descen­denztheorie. Gemeinverständliche Vorlesungen über den Auf- und Niedergang einer naturwissenschaftlichen Hypothese (A. Fleischmann)
 

Kommentar

R. Junker
Von der Citrat-Verwertung zur Entstehung des Auges?

Editorial

Die Rekonstruktion ausgestorbener Lebewesen stößt häufig an methodische Grenzen. Nicht nur, weil fossile Arten meist nur bruchstückhaft erhalten sind, sondern auch wenn es keine vergleichbaren heute lebenden Formen oder Konstruktionen gibt. Mangels anderer Möglichkeiten orientieren sich die Forscher bei der Interpretation von Fossilfunden an Bekanntem, was auch in einem ersten Schritt sinnvoll ist. Doch die Interpretation einzelner Merkmalskomplexe kann irreführend sein, selbst wenn man sich an heute lebenden Vorbildern orientieren kann und damit auf der sicheren Seite zu sein scheint. Denn es ist möglich, dass sich das bei Berücksichtigung anderer Merkmale der betreffenden Art ändert. Da die Interpretation des fossilen Materials weitreichende Konsequenzen für Fragen der Entstehung und Evolution der betreffenden Arten haben kann, ist es umso wichtiger, sich dieser methodischen Problematik bewusst zu sein. Dazu kommt noch, dass jeder Forscher bereits Entstehungshypothesen zugrunde legt, die ihn bei der Interpretation der Daten leiten. Auch das ist nicht verkehrt, bringt aber eine weitere Komponente ins Spiel, die zu Fehlschlüssen führen kann und die man ebenfalls bedenken muss.

Ein Beispiel, bei dem diese Problematik gerade in einem prominenten Themengebiet eine große Rolle spielt, schildert Michael Brandt. Es geht um die im Jahr 2008 entdeckte fossile Art Australopithecus sediba. Die Gattung Australopithecus wird häufig als „Vormensch“ bezeichnet, und Australopithecus sediba scheint diese Einstufung zu rechtfertigen, da diese Art einige menschenähnliche Anpassungen aufweist, die bislang von keinem anderen Australopithecinen bekannt sind. Die jahrelange Auswertung ihrer Merkmale offenbart allerdings einen Merkmalsmix, der neue Fragen in der Interpretation der menschenähnlichen Merkmale aufwirft. Einerseits können die Beckenmerkmale als evolutionäre Veränderung in Richtung Mensch gedeutet werden, die „primitive“ Fußstruktur steht dazu aber im Widerspruch; sie passt noch weniger  zu einem zweibeinigen Gang als die entsprechenden Merkmale mutmaßlicher Vorläufer. Die menschenähnlichen Merkmale haben daher vermutlich gar nichts mit einer Evolution zum Menschen hin zu tun, sondern stehen in einem anderen Zusammenhang; die funktionellen Deutungen anatomischer Merkmale von Australopithecus sediba bleiben unklar.

Die Schwierigkeit der Deutungen von Fossilfunden und die Rolle leitender Hypothesen in der Deutung wird auch in zwei weiteren Beiträgen deutlich: Zum einen im Streiflicht über die Kontroverse und mögliche Federvorstufen bei Dinosauriern und zum anderen über mutmaßlich fehlinterpretierte Embryonen aus dem Kambrium. In beiden Fällen sind wichtige evolutionstheoretische Fragen tangiert, die Entstehung von Vogelfedern und die Entstehung der tierischen Baupläne während oder vor der „kambrischen Explosion“.

Dass Daten unterschiedliche Deutungen erlauben, ist Lesern von STUDIUM INTEGRALE JOURNAL sicher vertraut. Bemerkenswert sind dabei Entdeckungen, die durch Forschung im Rahmen des evolutionären Ansatzes gemacht wurden, sich aber auch gut (oder sogar besser) in das Grundtypkonzept einfügen lassen, das im Rahmen des Schöpfungsparadigmas besondere Bedeutung hat. In einigen Artikels dieser Ausgabe werden solche Befunde geschildert, nämlich die Verteilung sogenannten „Supersoldatinnen“ bei Ameisen der Gattung Pheidole oder experimentelle Studien mit Anolis-Eidechsen auf Inseln. Der Ansatz, dass die Lebewesen als polyvalente, also genetisch variable und durch die Umwelt vielseitig modifizierbare Grundtypen ihr Dasein begonnen haben, erfuhr dadurch neue Stützen. Auch im Beitrag von Sandra Mohr über die spezialisierte Ernährungsweise der Pandas werden die Befunde im Hinblick auf eine Polyvalenz von Grundtypen diskutiert. Und auch ein Modell von Austin L. Hughes, das von Reinhard Junker vorgestellt wird, passt erstaunlich gut zu diesem Ansatz, da es viel eher einen Spezialisierungsprozess beschreibt als einen Vorgang, in dessen Verlauf echte Neuheiten entstehen. Ebenso zeigt eine Überblicksarbeit von Michael Behe, über die Juri van Dam berichtet, dass die Tendenz experimenteller evolutionärer Veränderung  vornehmlich in Richtung Modifikation und Verlust verläuft.

Eines der größten Probleme eines naturalistischen Weltverständnisses ist die Entstehung des Lebens. Neben vielen anderen Aspekten ist unverstanden, welche Vorgänge dazu führten, dass in den Lebewesen nur  L-Aminosäuren vorkommen. Unter natürlichen Bedingungen sollten zunächst Mischungen aus L- und D-Aminosäuren entstanden sein? Wie aber kam es zur Anreicherung der einen Form? Einige Forscher setzen auf eine kosmische Lösung dieses Problems, also auf eine Variante der Vorstellung, dass das Leben aus dem All kommen könnte. Peter Imming stellt ausgehend von einer aktuellen Veröffentlichung den derzeitigen Kenntnisstand vor. Dort wird vorgeschlagen, dass der Schlüssel zur Lösung dieses Problems in der Fracht bestimmte Meteoriten liegen könnte.

Für vielseitigen Lesestoff ist also gesorgt.

Ihre Redaktion STUDIUM INTEGRALE JOURNAL


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