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Schimpanse und Mensch: Affen äffen nicht nach

Kommentar von Reinhard Junker

Studium Integrale Journal
20. Jahrgang / Heft 1 - April 2013
Seite 63 - 64


In Veröffentlichungen über vergleichende Verhaltensstudien wird häufig die Ähnlichkeit zwischen Schimpansen und Menschen herausgestellt. Eine Studie des Verhaltensbiologen Claudio Tennie stellt diese Ähnlichkeiten in Bezug auf eine wesentliche Fähigkeit massiv in Frage: Schimpansen sind nicht zum Lernen durch Nachahmen in der Lage. Diese These hat weitreichende Folgen. Tennies Ergebnisse werfen auch Fragen zum Wissenschaftsbetrieb auf: Gibt es eine Selektion bei der Veröffentlichung von Forschungsergebnissen?

In den Kontroversen um Schöpfung und Evolution gehören die Ähnlichkeiten von Menschen und Menschenaffen zu den Befunden, die sich eines besonders großen Publikumsinteresses erfreuen. Das ist so seit Charles Darwin und erhielt in jüngster Zeit vor allem durch die Genomforschung Auftrieb (vgl. den Artikel von Harald Binder in dieser Ausgabe).

Ein weiteres Gebiet, auf dem die besondere Nähe des Menschen zum Tierreich behauptet wird, ist die Verhaltensbiologie. In der Öffentlichkeit wird meistens ein Bild von den Menschenaffen gezeichnet, wonach diese den Menschen sehr ähnlich seien; mit dem Fortschritt der Forschung zeigen sich aber markante qualitative Unterschiede. Von den Menschenaffen werde ein sehr menschliches Bild gezeichnet, schreibt ZEIT ONLINE-Autor Frederik Jötten: „[S]ie trauern, trösten, malen, artikulieren, benutzen Werkzeuge und verfügen über eine Kultur“. Doch dieses Bild stimmt wahrscheinlich nicht.

Claudio Tennie, Verhaltensforscher vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, hat dieses Bild durch eine aufwändige Studie überprüft. Vor elf Jahren habe er als Diplomand seine Arbeiten mit dem Ziel begonnen, zu zeigen, wie ähnlich Schimpansen den Menschen sind, so Jötten – und veröffentlichte nun ein Ergebnis, das seinen Erwartungen klar widersprach.

Können Schimpansen nachahmen?

Tennie untersuchte freilebende Schimpansen auf ihre Fähigkeit hin, Verhalten anderer Schimpansen nachzuahmen. Menschen lernen ständig durch Nachahmen – tun Schimpansen das auch? Um das herauszufinden brachte Tennie in einem zweistufigen Versuch einem Schimpansen zunächst eine bestimmte in der Natur nicht vorkommende Geste bei, um im zweiten Schritt zu sehen, ob andere Affen diese Geste nachahmen. Er wählte als Geste eine Gebetshaltung aus und konditionierte das Tier darauf, indem er es mit einer Erdnuss belohnte, wenn es diese Haltung einnahm. Dann wurde ein weiterer Affe hinzugebracht, der den ersten eine Weile dabei beobachtete, wie er zu den Erdnüssen gelangt. Als dieser zweite Affe dann alleine gelassen wurde, kam er nie auf die Idee, mit einer nachgeahmten Gebetshaltung ebenfalls zur ersehnten Erdnuss zu kommen. Er kreischte und trat gegen die Tür, da er offensichtlich an die Erdnuss gelangen wollte, aber es kam ihm nicht in den Sinn, zu diesem Zweck den ersten Affen nachzuahmen.

Insgesamt wurden 15 Tiere auf diese Weise getestet; bis zu 170 Beobachtungen des Vorbilds halfen nicht; kein Affe ahmt den anderen nach. Eine verbreitete Überzeugung der Verhaltensforscher scheint widerlegt zu sein: Schimpansen beherrschen das sprichwörtliche „Nachäffen“ gerade nicht. Tennie war mit der Absicht angetreten, den Beweis der Nachahmefähigkeit anzutreten, und bewies stattdessen das Gegenteil. Schimpansen schauen auch nützliche Handgriffe wie eine bestimmte Art des Nüsseknackens nicht voneinander ab, sondern jedes Tier entwickelt sie von selbst, so dass jedes Individuum sozusagen das Rad neu erfindet. Der Unterschied der fehlenden Nachahmung dürfte ein wesentlicher Grund dafür sein, dass Schimpansengesellschaften sich so stark von der menschlichen unterscheiden, schreibt F. Jötten in ZEIT ONLINE.

„Kratzen am Mythos der unvoreingenommenen Wissenschaft“

Über die verhaltensbiologischen Ergebnisse der Studien von Tennie hinaus thematisiert ZEIT ONLINE-Autor F. Jötten den Wissenschaftsbetrieb. Der Ausgang der Experimente war – gemessen an den Erwartungen und der bislang dominierenden Auffassung – negativ. Negative Ergebnisse seien aber sehr viel schwerer in Fachzeitschriften zu veröffentlichen als positive. Außerdem würden negative Ergebnisse der scientific community viel kritischer auf methodische Fehler abgeklopft. Jötten zitiert Eric-Jan Wagenmakers, Professor für Methodische Psychologie an der Universität Amsterdam, dass negative Ergebnisse oft nicht zur Publikation gelangten. Vielleicht seien deshalb „95 Prozent aller publizierten Studienergebnisse in der Psychologie, zu der auch Tennies Forschungsgebiet zählt, positiv“. Wenn das so ist, repräsentiere die wissenschaftliche Literatur nicht die Wirklichkeit.

Dies gelte offenbar auch für die Schimpansenforschung. „Wir lieben es, Ähnlichkeiten zwischen Menschenaffen und Menschen zu finden“ wird Brian Hare, Professor für Evolutionäre Anthropologie an der Duke University in North Carolina zitiert. Ähnlichkeiten zwischen Schimpansen und Menschen würden womöglich überbetont. Bei Tennie sei es wohl deshalb besser gelaufen, weil sein Doktorvater einer der renommiertesten Forscher in der evolutionären Anthropologie ist und weil das frei zugängliche, angesehene Internetjournal PLOS ONE negativen Resultaten eine gleichberechtigte Chance auf Veröffentlichung ermögliche.

Dass Wissenschaftler interessengeleitet arbeiten und entsprechende Fragestellungen entwickeln, ist selbstverständlich. Die Orientierung auf erwartete Ergebnisse ist jedoch der Wahrheitsfindung abträglich. Sich dessen bewusst zu sein könnte helfen, Ergebnisse besser einzuordnen und nicht überzubewerten. Frederik Jötten in ZEIT ONLINE wird deutlich: Die Arbeiten von Tennie „kratzen auch am Mythos der unvoreingenommenen Wissenschaft und erwecken den Verdacht, dass sie vor allem das zur Kenntnis nimmt, was zu den herrschenden Moden passt.“ Es ist freilich nicht „die Wissenschaft“, sondern es sind die Wissenschaftler. Gut aber, dass Korrekturen möglich sind, wenn Publikationsmöglichkeiten nicht von sachfremden Interessen behindert werden.


Literatur

Tennie C, Call J & Tomasello M (2012)
Untrained Chimpanzees (Pan troglodytes schweinfurthii) Fail to Imitate Novel Actions. PLoS ONE 7(8): e41548. doi:10.1371/journal.pone.0041548
Jötten F (2013)
Von wegen menschlich. ZEIT ONLINE, 4. 3. 2013; http://www.zeit.de/2013/09/Wissenschaft-Schimpansen-Menschen

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