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Über 150 Jahre altes Rätsel gelöst?

von Manfred Stephan

Studium Integrale Journal
6. Jahrgang / Heft 1 - März 1999
Seite 38 - 39



Abb. 1: Vorder- und Hinterfußfährten des "Handtiers" Chirotherium auf einer durch Abtrocknung aufgerissenen, ehemals schlammigen Oberfläche einer Buntsandsteinbank. (Aus Stier et al. 1989).
Abb. 1

Spätestens seit im Jahr 1835 erstmals die bekannten Chirotherium-Fährten beschrieben worden waren, rätselte man über ihre Erzeuger. Zeitweise dachte man an gepanzerte Amphibien (Fraas 1910, 191f.) Vor allem im Oberen Buntsandstein von Thüringen und Franken sind sie häufiger; dort wurden Sedimentfolgen nach ihnen benannt. Aber auch aus anderen Buntsandstein-Gebieten hat man sie hin und wieder beschrieben (Haderer et al. 1995, 7-11). Der Name Chirotherium = "Handtier" rührt daher, daß die Fährten eine entfernte Ähnlichkeit mit einer menschlichen Hand haben. Wie man längst erkannt hat, handelt es sich bei dem nach außen, also seitenverkehrt (!) abgespreizten "Daumen" in Wirklichkeit um die nach außen weisende (kleine) Zehe V eines Reptilienfußes (Haderer 1997, 102). Doch der geheimnisvolle Erzeuger der Trittsiegel blieb unbekannt (Abb. 1).

1992 wurden von einem Amateur-Paläontologen in Hardheim (bei Wertheim/Main) im Rötquarzit ("Fränkischer Chirotheriensandstein") des Oberen Buntsandsteins auf einer Fläche von etwa 15 x 6 Meter 10 Fährtenzüge von Reptilien gefunden und vom Staatlichen Museum für Naturkunde (Stuttgart) paläontologisch ausgewertet, darunter die längst bekannten Fährten-Arten Chirotherium sickleri und C. barthii sowie die seltene Art Isochirotherium felenci. Es konnte ermittelt werden, daß die Fährten-Art C. sickleri u.a. wegen der weitestgehendfehlenden vorderen Trittsiegel (Haderer et al. 1995, 12f.) auf einen etwa 1,50 Meter langen und "zumindest zeitweise, wenn nicht ständig aufgerichtet oder halbaufgerichtet auf den Hinterbeinen" laufenden Saurier zurückzuführen ist. Schon 1989 waren bei Külsheim (nahe Hardheim) im Rötquarzit Fährtenzüge von C. barthii entdeckt worden, die von einem etwas größeren, sich aber ständig vierfüßig fortbewegenden Saurier herrühren. Eine ca. 4 x 2 Meter große Platte mit solchen Fährtenabfolgen wurde am geologisch-naturkundlichen Wanderweg in Külsheim am Parkplatz an der Straße von Külsheim nach Bronnbach unter einer Überdachung aufgestellt (Wild 1998, 43).

Bereits länger war vermutet worden, daß die Fährten-Erzeuger zu den sogenannten Scheinkrokodilen (Rauisuchier) gehören könnten (vgl. Ebel et al. 1998, 15). Neben zahlreichen anderen Wirbeltierknochen und wenigen Chirotherium-Fährten fand 1989 ein anderer Amateur-Paläontologe bei Waldshut (Südschwarzwald) im Oberen Buntsandstein einige Skeletteile des Sauriers Ctenosauriscus. Die extrem hohen Dornfortsätze der Rückenwirbel ähneln dem Skelettrest der bereits seit dem 19. Jahrhundert bekannten, geologisch etwas älteren Art Ctenosauriscus koeneni aus dem oberen Mittel-Buntsandstein von Göttingen (Krebs 1969, 698-702; vgl. Müller 1985, 496f.). Dazu kommt nun vor allem ein Darmbein (Ilium) mit einem besonderen Bau, das die Zuordnung zu den Rauisuchiern belegt. Die Artgleichheit der Waldshuter Knochen mit dem Altfund von Göttingen ist noch ungeklärt (Ebel et al. 1998, 2-4). Das gut erhaltene Skelett einer verwandten Gattung (Ticinosuchus) aus der Mitteltrias der Südschweiz (Tessin) war bereits mit der Fährten-Art C. barthii in Verbindung gebracht worden (Krebs 1969, 708; vgl. Müller 1985, 299-301). Obgleich bisher anscheinend weder Schädel noch Bein- oder Fußknochen (!) gefunden wurden, legen die Skeletteile von Ctenosauriscus, besonders aber die Ausbildung des Iliums, eine zweibeinige (bipede) Fortbewegungsweise nahe. Die zeitliche Einstufung der Fundhorizonte von Waldshut und Hardheim, die Merkmale des Skeletts von Ctenosauriscus und seine biomechanische Analyse (Ebel et al. 1998, 3-16) sowie die Interpretation der Fährten-Art C. sickleri (vgl. oben) führten zu dem Ergebnis: "Ähnliches Alter, ähnliche Größe und die mögliche bzw. nachgewiesene bipede Fortbewegung lassen vermuten, daß der Waldshuter Rauisuchier und der Erzeuger des Hardheimer Chirotherium sickleri artgleich sind" (Haderer 1997, 105f.). Nach dem Stuttgarter Wirbeltierpaläontologen R. Wild (1998, 44) ist Ctenosauriscus sogar "mit allergrößter Wahrscheinlichkeit" der Erzeuger der Fährten-Art C. sickleri. So scheint das über 150 Jahre alte Rätsel des "Handtiers" Chirotherium zumindest für eine Fährten- und Tierart gelöst zu sein (Abb. 2).


Abb. 2: Vermutetes Lebensbild des kleineren, räuberischen Saurioers Ctenosauriscus koeneni und mutmaßlichen Erzeugers der Fährten-Art Chirotherium sickleri in vierbeiniger (A) und zweibeiniger (B) Fortbewegungsweise. Der "Kniegelenkpunkt" (Kreis) bildet das biomechanische Zentrum der aus der Krümmungsrichtung der hohen Wirbelsäulen-Dornfortsätze abgeleiteten Druckkräfte während eines Schritts. Die seitlich abgeflachten Dornfortsätze trugen wohl ein Haut-"Segel" zum Wärmeaustausch bzw. dienten zum "Imponieren" (aus Ebel et al. 1998).
Abb. 2

Zur Herkunft des Sauriers bemerken Ebel et al. (1998, 15): "Wie in so vielen anderen Fällen der Fossilüberlieferung findet sich kein unmittelbarer Vorläufer von Ctenosauriscus koeneni (v. Huene). Die neue Form taucht plötzlich auf, ist dann aber geologisch wenig später verbreitet und sogar auf verschiedenen Kontinenten anzutreffen."



Literatur

  • Ebel K, Falkenstein F, Haderer F-O & Wild R (1998) Ctenosauriscus koeneni (v. HUENE) und der Rauisuchier von Waldshut - Biomechanische Deutung der Wirbelsäule und Beziehungen zu Chirotherium sickleri KAUP. Stuttg. Beitr. Naturk., B 261, 1-18.
  • Fraas E (1910; Nachdruck 1978) Der Petrefaktensammler. Stuttgart-Thun.
  • Haderer F-O (1997) Die Saurierfährten von Hardheim. Fossilien 14, 100-106.
  • Haderer F-O, Demathieu GR & Böttcher R (1995) Wirbeltier-Fährten aus dem Rötquarzit (Oberer Buntsandstein, Mittlere Trias) von Hardheim bei Wertheim/Main (Süddeutschland). Stuttg. Beitr. Naturk., B 230, 1-31.
  • Krebs B (1969) Ctenosauriscus koeneni (v. Huene), die Pseudosuchia und die Buntsandstein-Reptilien. Eclogae geol. Helv. 62/2, 697-714.
  • Müller AH (1985) Lehrbuch der Paläozoologie, Bd. III/2, Jen.
  • Stier C, Behmel H & Scholenberger U (1989) Wüsten, Meere und Vulkane. Stuttgart.
  • Wild R (1998) Zwischen Land und Meer. Saurier der Keuperzeit. In: Heizmann EPJ (Hg.) Vom Schwarzwald zum Ries, München, S. 57-66.


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