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Streiflichter

Studium Integrale Journal
6. Jahrgang / Heft 1 - März 1999
Seite 43 - 48


Inhalt:


Einer der Kritiker unter den Zeitgenossen Darwins war Louis Agassiz (1807-1873), der bedeutende schweizerisch-amerikanische Fischsystematiker und Geologe. Viele Kommentatoren führen dies auf Agassiz' Arten-Essentialismus zurück. Der Biologe Paul Morris, University of Massachusetts, zeigt jedoch anhand einer wenig bekannten Publikation von Agassiz aus dem Jahre 1869 auf, daß der Artbegriff in dessen Argumenten gegen den Darwinismus keine besondere Rolle spielte. Vielmehr entwickelte Agassiz in dieser Publikation folgende drei Hauptargumente: 1. Der Darwinismus sei eine a priori vorausgesetzte Lehre, die Daten interpretiert, jedoch nicht von diesen abgeleitet wurde. 2. Alle Organismen weisen Variabilität auf, diese ist aber begrenzt und betrifft nicht Merkmale, die Gattungen oder Familien charakterisieren. 3. Der Fossilbericht paßt nicht zu den Erwartungen einer progressiven Evolution. Morris urteilt, daß Agassiz' Argumente nicht primär von seiner religiösen Grundhaltung bestimmt sind, sondern daß er überzeugt war, daß die Daten der Natur seine Weltsicht unterstützen. Morris schreibt: "It should be abundantly clear that Agassiz's opposition to Darwinism was based in a cogent worldview, and that the core of his opposition lay in a literal, empirical interpretation of the natural world, especially in the fossil record." [Morris PJ (1997) Louis Agassiz's arguments against Darwinism in his additions to the French translation of the Essay on Classification. J. Hist. Biol. 30, 121-134] RJ



Bei der (Re)konstruktion von Stammbäumen haben es die Evolutionsbiologen häufig mit dem Phänomen der Konvergenz zu tun: Verschiedene Merkmale oder Merkmalskomplexe legen unterschiedliche Abstammungsverhältnisse nahe. Daher bestand die Hoffnung, daß molekulare Studien zu mehr Klarheit in phylogenetischen Fragen verhelfen könnten. Diese Hoffnung wurde vielfach nicht erfüllt - im Gegenteil. Molekulare Studien enthüllten in manchen Fällen neue Konvergenzen, so zum Beispiel bei den Verwandtschaftsverhältnissen der Walartigen. Nach bisherigen taxonomischen Vorstellungen sind die Zahnwale (Odontoceti) als monophyletische Gruppe von den Bartenwalen (Mysticeti), die sich als Filtrierer völlig anders ernähren als die Zahnwale, deutlich abgesetzt. Angesichts enormer morphologischer Unterschiede ist dies nicht anders zu erwarten. DNA- und Protein-Sequenzanalysen bestätigen diese Trennung überraschenderweise jedoch nicht. Eine Gruppe der Zahnwale sind demnach mit den morphologisch deutlich verschiedenen Bartenwalen enger verwandt als mit den anderen Zahnwalen - ein Befund, der unter evolutionstheoretischen Voraussetzungen als unerwartet gelten muß. [Hasegawa M, Adachi J, Milinkovitch MC (1997) Novel phylogeny of whales supported by total molecular evidence. J. Mol. Evol. 44 (Suppl. 1), S117-S120.] RJ



Die heute lebenden Amphibien (Lisamphibia) bilden drei deutlich unterscheidbare Gruppen: Frösche (Anura), Salamander (Caudata) und die unterirdisch lebenden, beinlosen Blindwühlen (Gymnophiona). Evolutionstheoretisch werden die deutlichen Unterschiede zwischen diesen Ordnungen auf eine frühe Abspaltung im Jungpaläozoikum zurückgeführt, doch fehlen dafür die fossilen Belege; die drei Gruppen sind auch fossil immer gut unterscheidbar (Carroll 1993, 196). Nach konventioneller, auf morphologischen Merkmalen basierender Sicht sind Frösche und Salamander am nächsten miteinander verwandt. Von Feller & Hedges (1998) durchgeführte DNA-Sequenzanalysen von vier mitochondrialen Genen mit 2,7 Kilobasen zeigen neuerdings dagegen eine engere Verwandtschaft zwischen Salamandern und Blindwühlen - ein weiteres Beispiel eines Merkmalskonflikts zwischen Molekülen und Morphologie. [Carroll RL (1993) Paläontologie und Evolution der Wirbeltiere. Stuttgart; Feller AE & Hedges SB (1998) Molecular evidence for the early history of living amphibians. Mol. Phyl. Evol. 9, 509-516] RJ



Kaffee weckt nicht nur mancher Leute Lebensgeister, sondern bietet auch ein interessantes Beispiel einer Grundtyp-Radiation. Die in Afrika, Madagaskar und einigen Inseln des Indischen Ozeans beheimateten Kaffeebäume (Familie Rubiaceae) werden in zwei Gattungen, Coffea und Psilanthus, unterteilt, die wiederum in zwei Untergattungen aufgeteilt werden. Die Untergattung Coffea umfaßt über 80 Taxa. Außer Coffea arabica, einer der beiden ökonomisch bedeutsamen Arten, sind alle Coffea-Arten diploid (2n = 22). Trotz beträchtlicher morphologischer Variation sind die Coffea-Arten leicht miteinander kreuzbar; auch Kreuzungen mit Psilanthus sind gelungen, womit diese Gattungen zum selben Grundtyp gehören. Cros et al. (1998) untersuchten die Sequenzen zwischen den trnL- und trnF-Genen der Plastiden-DNA von 23 Coffea-Arten und Psilanthus mannii. Die daraus nach dem Sparsamkeitsprinzip abgeleitete phylogenetische Rekonstruktion legt eine radiale (sternförmige) Artbildung für die Gattung Coffea und einen nicht lange zurückliegenden Ursprung der einzelnen Arten in Afrika nahe. Einige Daten deuten auf das Vorkommen introgressiver Hybridisierung hin, d. h. auf die Bildung von Hybridschwärmen, die untereinander und mit den jeweiligen Elternarten kreuzbar sind. Die Analyse der Plastiden-DNA widerspricht des weiteren der Trennung von Coffea und Psilanthus in zwei Gattungen. Werden alle Befunde zusammengenommen, passen sie gut zur Vorstellung eines genetisch polyvalenten Grundtyps (vgl. Junker & Scherer 1998, Kap. VII.17.3), dessen Vielfalt eine rasche sternförmige Artaufspaltung ermöglichte. [Cros J, Combes MC, Trouslot P, Anthony F, Hamon S, Charrier A & Lashermes P (1998) Phylogenetic analysis of chloroplast DNA variation in Coffea L. Mol. Phyl. Evol. 9, 109-117; Junker R & Scherer S (1998) Evolution - ein kritisches Lehrbuch. Giessen.] RJ



Ungefähr ein Fünftel der bedecktsamigen Blütenpflanzen (Angiospermen) gehört zu den Einkeimblättlern (Monokotyledonen; Klasse Liliopsida); darunter zählen als besonders umfangreiche Familien zum Beispiel die Orchideen und die Süßgräser. Die Monokotyledonen gelten nach heutiger Auffassung als frühe Abkömmlinge relativ primitiver Zweikeimblättler (Dikotyledonen). Obwohl 50.000 monokotyle Pflanzen heute bekannt sind, sind ihre fossilen Überreste mager und meist schwer interpretierbar. Gandolfo und Mitarbeiter haben nun in Schichten der oberen Kreide (auf ca. 90 Millionen Jahre datiert) winzige, millimetergroße Blüten entdeckt, die zweifelfrei zu den Einkeimblättlern gestellt werden können. Die Blüten sind trimer (dreizähliger Blütenblattkreis), radiärsymmetrisch und eingeschlechtlich; die gefundenen Blüten besaßen nur Staubblätter, waren also rein männlich. Aufgrund ihres Baus gleichen sie stark heutigen monocotylen Triuridaceen; dies wurde durch eine cladistische Analyse unterstützt. Die Arten der Familie Triuridaceae sind blattgrünlos, enthalten also kein Chlorophyll, und sind auf die Versorgung mit organischen Nährstoffen angewiesen (die Autoren sprechen von saprophytischer Lebensweise). Die Autoren schließen daraus, daß auch die von ihnen entdeckte fossile Pflanze auf Abbauprodukte anderer Organismen angewiesen war, womit dieser Fund auch der älteste Nachweis einer auf organische Stoffe angewiesenen Pflanze unter den Angiospermen wäre. Gleichzeitig wäre ausgerechnet der älteste Nachweis einer monokotylen Pflanze ein Beleg für eine spezialisierte Form, was evolutionstheoretisch nicht zu erwarten gewesen wäre. Die Autoren formulieren daher abschließend folgendes "Dilemma": "Either the monocotyledonous clade is much older than its fossil representation indicates, or our interpretation of what constitutes a 'primitive' monocotyledon must be revised." [Gandolfo MA, Nixon KC, Crepet WL, Stevenson DW & Friis EM (1998) Oldest known fossils of monocotyledons. Nature 394, 532-533.] RJ



Plesiosaurier sind große Meeresreptilien, die viele Besucher des Holzmadener Museums an der Autobahn Stuttgart - München in guter Erinnerung haben (Abb.1). Man hat sie als hauptsächliche Räuber der mesozoischen Meere angesehen, obwohl man bisher keine detaillierten Mageninhalte gefunden hat. Vor einigen Jahren wurde behauptet, daß ein halb verwester Plesiosaurierkadaver in der Nähe von Japan in ein Fischernetz geriet; Fotos waren im Umlauf und sogar eine japanische Briefmarke wurde gedruckt. Allerdings konnte der Fall nie ganz aufgeklärt werden.

Sato und Tanabe fanden ein sehr gut erhaltenes Plesiosaurier-Teilskelett in Japan (Obere Kreide). In der Magengegend wurden Gastrolithen gefunden; das sind Magensteine, die zum Zermahlen der Nahrung und/oder als Auftriebskontrolle dienten; man findet sie bei Dinosauriern und rezent bei manchen Vögeln und Krokodilen. In der Magengegend des Fossils wurden außerdem etwa 30 einzelne Cephalopoden-Kiefer von einer Länge von 5-15 mm gefunden. Der Vergleich mit heutigen und fossilen Cephalopoden (Kopffüßer) ergab, daß es sich wahrscheinlich um Ammoniten handelt. Die Zähne der jetzt gefundenen, rund 3 m langen Plesiosaurierart sind verhältnismäßig schwach entwickelt und kaum zum Zermalmen von Ammonitengehäusen geeignet. Die kleine Größe der Ammonitenkiefer deutet darauf hin, daß die Tiere als ganzes verschlungen und möglicherweise von den Magensteinen zermahlen wurden. Die hohe Zahl der Ammonitenkiefer zeigt, daß diese Tiere zur bevorzugten Beute dieses Plesiosauriers gehörten. [Sato T & Tanabe K (1998) Creatceous plesiosaurs ate ammonites. Nature 394, 629-630.] SS



Am 23. 10. 98 erschien in Science eine Arbeit mit dem Titel: Smart Engineering in the Mid-Carboniferous: How well could Paleozoic dragonflies fly? Bei heutigen Libellen ("Dragonfly") sind eine ganze Reihe von raffinierten Einzelkonstruktionen bekannt, die für den komplexen Libellenflug notwendig sind. Die Flügel haben keine interne Muskulatur und ihre genau definierte dreidimensionale Formveränderung während des Flügelschlags ist durch die elastischen Eigenschaften bezüglich aerodynamischen - und Trägheitskräften festgelegt. Dieser Flügelaufbau sowie die zugehörigen Muskeln im Thorax-Segment der Libelle und ihre Steuerung befähigt Libellen zu überragend vielfältigem und wendigem Flug. Die Autoren beschreiben Libellen-Fossilien aus dem Mittelkarbon von Argentinien. Die Flügel zeigen klare Anzeichen von raffinierten Flugmechanismen, wie man sie ähnlich von heutigen Libellen kennt. Dadurch nimmt der Libellenflügel während des Flügelschlags automatisch die aerodynamisch günstigste Form an. Diese kleinen mesozoischen Libellen waren also hochkomplex und auf ähnliche, aber nicht identische Weise zum Hochleistungs-Jagdflug fähig wie ihre heutigen nahen Verwandten.

Die Autoren bezeichnen den Libellenflügel als ein spektakuläres Beispiel für Mikroingenieurstechnik. Wie Mutation und Selektion, Konrad Lorenz' berühmte große Konstrukteure der Evolution, einen Libellenflügel ins Dasein brachten, bleibt allerdings weiter im Dunkel. Die Arbeit von Wootton und Mitarbeitern zeigt jedenfalls, daß ein genialer Ingenieur schon im Mittelkarbon perfekte Arbeit geleistet hatte. [Wootton RJ, Kukalová-Peck J, Newman DJS, Muzón J (1998) Smart Engineering in the Mid-Carboniferous: How well could Paleozoic dragonflies fly? Science 282, 749-751.] SS



Zwei außerordentlich wichtige Schriftzeugnisse sind unlängst auf dem Antiquitätenmarkt aufgetaucht. Die beschriebenen Tonscherben gehören zur Privatkollektion des Londoner Sammlers Shlomo Moussaieff. Obwohl ihre Herkunft völlig unbekannt ist, halten die Experten die Scherben für authentisch. Die althebräische Schrift des Materials, das aus ein und derselben Quelle zu stammen scheint, deutet auf eine Entstehung im 7. bis 9. Jhd. v. Chr. hin. Von besonderer Bedeutung ist die Bezeichnung Bjt Jhwh ("Haus oder Tempel Jahwes"), die sich außerhalb des Alten Testaments bisher nur in einer einzigen Quelle gefunden hat. Dabei handelt es sich um einen Ostrakon aus Arad. Daneben sehen manche Wissenschaftler einen Hinweis auf einen aus Elfenbein geschnitzten Granatapfel, der vermutlich einmal zum Zepter eines Priesters im salomonischen Tempel gehört hat. Da hier jedoch vom Namen Jahwe nur der letzte Buchstabe erhalten ist, ist die Lesart bis heute umstritten. So hat man anstelle von Jahwe den Namen der kanaanitischen Göttin Ashera vermutet, der im Orginal mit demselben Buchstaben endet. Die Bedeutung des neuen Fundes liegt darin, daß die Inschrift sehr gut erhalten und mindestens 100 Jahre älter ist als die bisher bekannte. Es handelt sich um eine Art Zahlungsanweisung oder Quittung für einen Betrag an den Tempel. Wörtlich heißt es: "Gemäß der Weisung Aschijahus des Königs an dich. Übergib zu Händen [Z]echarjahus Silber von Tarsis für das Haus Jahwes. Drei Schekel." Der Name Aschijahu bedeutet in seinem Stamm soviel wie "Jahwe hat gegeben". Mit Joasch (835-796 v. Chr.), Josia (640-609 v. Chr.) und Joahas (803-787 v. Chr.) haben zwei judäische und ein israelitischer König einen Namen mit dieser Wurzel getragen. Die Herausgeber des Textes, Pierre Bordreuil (Paris), Felice Israel (Genua) und Dennies Pardee (Chicago) datieren die Scherben ins späte 7. Jhd. v. Chr., was auf den Tempelreformer Josia weisen würde. Priester mit den Namen Zecharjahu (Zacharias) sind im Alten Testament und in außerbiblischen Quellen gut bezeugt. Die zweite Scherbe aus Moussaieffs Sammlung wurde vermutlich von demselben Schreiber beschrieben wie die erste. Sie enthält die Bittschrift einer Witwe wahrscheinlich eines höheren Beamten, ihr einen Teil des Erbes ihres Gatten zu überlassen. [Bordreul P, Israel F & Pardee D (1997) Deux Ostraca Paleo-Hebreux de la Collection Sh. Moussaieff, Semitica 46, 49ff.; vgl. auch: Shanks H (1997) Three shekels for the lord. Ancient inscription records gift to Solomon's Temple. Bibl. Archaeol. Rev. 23, 28-32] UZ



Archäologen der israelischen Altertumsbehörde (IAA) haben in einem Vorort von Tel Aviv einen kanaanitischen Friedhof aus der Mittleren Bronzezeit (ca. 2000 bis 1750 v. Chr.) entdeckt. Unter den mindestens tausend Skeletten befindet sich das einer Frau, die noch immer ein Kind hält. Gräber, in denen Kinder neben Erwachsenen beigesetzt wurden, sind in dem Komplex nicht ungewöhnlich. Ob es sich allerdings um Familien handelt, können erst DNA-Analysen erweisen. Neben den menschlichen Überresten stießen die Forscher um Yossi Levi auf Keramik, Schmuck und Waffen. Der Friedhof wurde zu einer Zeit angelegt, zu der nach Meinung mancher Forscher die biblischen Patriarchen Abraham, Esau und Jakob durch Kanaan zogen. Das Gebiet, in dem die Funde gemacht wurden, sollte in nächster Zeit bebaut werden. Bis auf eine Straße wird daraus aber vorerst einmal nichts, da die Forscher nun nach der Stadt suchen, zu der der Friedhof gehörte. [Rochman R (1998) Canaanites in Suburbia. Vast Graveyard Emerges Near Tel Aviv. Bibl. Archaeol. Rev. 24, 17] UZ



Drei Mal 734, 733 und 732 v.Chr. hat der assyrische König Tiglath-pileser III, der Pul des Alten Testaments, Syrien und den Norden Israels heimgesucht, bevor sein Nachfolger Salmanasser V. kaum mehr als ein Jahrzehnt später mit der Einnahme Samarias das Schicksal des Nordreiches endgültig besiegelte. Das Ausmaß der damit einhergehenden Deportationen machen Ausgrabungen deutlich, von denen der archäologische Leiter der israelischen Altertumsbehörde im nördlichen Israel, Zvi Gal, in einem Aufsatz in "Biblical Archaeology Review" berichtet. Gal hatte in den 70er und 80er Jahren eine Reihe von Städten in Untergaliläa ausgegraben. Aus Schätzungen der Bevölkerungsdichte in dem Gebiet, das sich von West nach Ost zwischen der Ebene von Akko und dem See Genezareth und von Nord nach Süd zwischen dem Tal von Beth Hakerem und Nazareth erstreckt, vermutet der Forscher, daß in dem Landstrich zur Zeit der assyrischen Invasion um die 18000 Menschen gelebt haben. Tiglath-pilesers Annalen berichten von 13520 Gefangenen allein in den Städten Untergaliläas. Dieser fatalen Entwicklung entspricht der Befund der Archäologen, wonach die Region über das ganze siebente Jahrhundert v. Chr. verwüstet blieb. [Gal Z (1998) Israel in Exile. Deserted Galilee Testifies to Assyrian Conquest of the Northern Kingdom. Bibl. Archaeol. Rev. 24, 48-53] UZ



Abb. 1: Siegel des Ahas
Abb. 1

Erstmalig überhaupt ist der Siegelabdruck eines hebräischen Königs entdeckt worden. "Eigentum des Ahas, Sohn Jotams, König von Juda" lautet die Inschrift auf dem gerade einmal einem Zentimeter großen Siegelabdruck aus rotbraunem Ton (Abb. 1). Obwohl der genaue Fundzusammenhang unbekannt ist - das Stück befindet sich im Privatbesitz eines Antiquitätensammlers - hält es Robert Deutsch von der Universität Haifa für unbedingt authentisch. Der alttestamentliche Chronist stellt Ahas ein außerordentlich negatives Zeugnis aus. "Er ließ sogar seinen Sohn durchs Feuer gehen ... und brachte Schlachtopfer und Rauchopfer dar auf den Höhen und auf den Hügeln und unter jedem größeren Baum." Daß der Name Ahas eigentlich eine Verkürzung ist, weiß man aus den Annalen des Assyrerkönigs Tiglath-Pileser III. (744-727 v. Chr.), dem Ahas Tribut zahlte. Dort wird der Name Ja-ú-ha-zi (in Keilschrift) oder (hebr.) Yeho-ahaz buchstabiert, enthält also einen zusätzlichen Verweis auf Gott. Ahas bedeutet soviel wie "ergriffen", die ursprüngliche Langform bedeutete "von Jahwe ergriffen." [Deutsch R (1998) First Impression. What we learn from King Ahaz's Seal. Bibl. Archaeol. Rev. 24, 54-56, 62] UZ



Ein bedeutender Silberfund wurde in der Nähe des antiken Mittelmeerhafens von Dor, südlich von Haifa ans Tageslicht gefördert. Die Gruppe um den Archäologen Ephraim Stern von der Hebräischen Universität in Jerusalem war bereits 1995 auf den schlichten Tonkrug gestoßen. Um die stratigrahische Einordnung eindeutiger zu ermöglichen, wurde er aber erst ein Jahr später, während der folgenden Grabungskampagne geborgen. Zur Überraschung der Ausgräber enthielt das Gefäß etwa 8,5 Kilogramm Silberschekel in Einheiten zu je 490,5 Gramm. Was den Fund besonders interessant macht, ist seine zeitliche Zuordnung. Aus Keramikfunden in derselben Schicht läßt er sich konventionell in das späte 11. oder frühe 10. Jahrhundert v.Chr. datieren, einer Zeit, die archäologisch als "dunkles" Zeitalter gilt. Wenig Konkretes ist aus dieser Zeit bekannt, in der die Zivilisationen im gesamten östlichen Mittelmeerraum von Griechenland über Anatolien und Palästina bis hin nach Ägypten nachhaltig erschüttert wurden. Von vielen Forschern wird die kulturelle Katastrophe mit der Völkerwanderung der Seevölker in Verbindung gebracht. Diese ethnischen Gruppen - am bekanntesten sind die Philister, während der späten Richterzeit und der frühen Königszeit die wichtigsten Feinde des Volkes Israel - waren in mehreren Wellen von ihren Wohnsitzen irgendwo in der Ägäis aufgebrochen, um auf dem Festland im Osten eine neue Heimat zu finden. Auf ihrem Zug hatten sie eine Spur der Verwüstung hinterlassen.

Abb. 2: Silberschekel
Abb. 2

An der Küste nördlich des philistäischen Siedlungsgebietes hatten sich die Sikils niedergelassen und dort den Hafen von Dor errichtet. Mitte des 11. Jahrhunderts v.Chr. zerstörten phönizische Siedler die Sikil-Stadt, im frühen 10. Jahrhundert folgten ihnen die Israeliten unter König David. Die Archäologen datieren den Silberfund in die phönizische Zeit. Der Krug war - wohl in der Erwartung eines Unglücks - im Boden eines Hauses vergraben worden. Sein Besitzer kehrte nicht mehr zurück und so wurde er bei der Zerstörung der Stadt im Schutt begraben.

Von anderen Silberfunden aus der Zeit unterscheidet sich der Fund von Dor dadurch, daß es sich zum größten Teil nicht um Schmuckgegenstände, sondern um Bruchstücke aus einer gegossenen Platte - äußerlich vergleichbar mit einer Tafel Schokolade - handelt. Die Stücke waren in Leinensäckchen verstaut und mit Tonabdrücken versiegelt. Solche textilen "Geldbörsen" scheinen allgemein in Anwendung gewesen zu sein. Im ersten Buch Mose, Kap. 42 werden sie im Zusammenhang mit dem Bericht um Josefs Brüder mit "zeror kesef" bezeichnet. Die nach Gewicht abgewogenen Silberschekel waren die Vorgänger der Münzwährung die erst seit der Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends in Mode kam. Rätsel gibt den Forschern das Siegel auf, mit dem die Säckchen verschlossen wurden. Daphne Ben-Tor, ein Experte des Israel-Museums datiert das Siegel auf etwa 1750 v.Chr., gut 700 Jahre bevor der Krug mit dem Schatz durch seinen letzten Besitzer vergraben wurde. Wie dieser in den Besitz des Siegels gelangt ist, wird wohl ein ungelöstes Geheimnis bleiben.

Wichtiger als das Silber ist für die Forscher der Fundkontext, v.a. die Keramikreste, von denen man sich neue Aufschlüsse für die zeitliche Eingrenzung des "dunklen" Zeitalters erhofft. Es scheint so, als sei dies eher zu Ende gegangen, als bisher angenommen.

[Stern E (1998) Buried Treasure. The Silver Hoard from Dor. Bibl. Archaeol. Rev. 24, Juli/August, 46-51] UZ



In 1. Könige 12 berichtet der alttestamentliche Schreiber, daß Jerobeam, der erste König des Nordreiches Israel nach der Reichsteilung zwei goldene Kälber anfertigen ließ, die er in Heiligtümern in Bethel und Dan aufstellen ließ. Zusätzlich baute er Höhenheiligtümer, beit-bamats (wörtl. Häuser des hohen Platzes), um seine Untertanen davon abzuhalten, weiterhin zum Tempel in Jerusalem zu pilgern. Avram Biran, Direktor der Nelson-Glueck-Schule für Biblische Archäologie in Jerusalem, glaubt einen der beiden Altäre identifiziert zu haben. Biran fand ihn in Dan, nahe einer der Quellen des Jordan im hohen Norden Kanaans. Die Anlage schließt eine etwa 18 Meter lange Plattform aus großen, aneinandergereihten Steinblöcken und eine Reihe von Kultgegenständen wie Öllampen mit sieben Dochten, Pithoi (mit einem Schlangenmuster verzierte große Behälter), Standflächen für Weihrauchgefäße, ein Behältnis gefüllt mit Tierknochen, Ton- und Fayencefiguren und ein eingesenktes, mit schrägen Basaltplatten ausgekleidetes Becken ein. Im alten Israel war das Schlangenmotiv mit Kultpraktiken, insbesondere mit der Anbetung des kanaanitischen Gottes Baal, verbunden. In den Jahrhunderten nach Jerobeam war das Heiligtum immer mehr ausgebaut worden. So fand Biran weitere, teilweise riesige Altäre, die er den Zeiten der Könige Ahab und Jerobeam II. zugeschreibt. Selbst nach der Eroberung der Stadt und der Zerstörung der Befestigungsanlagen durch den Assyrerkönig Tiglath-pileser III. um das Jahr 733/732 v.Chr. entstanden noch neue Altäre. Das religiöse Leben in der Stadt scheint bis weit in die hellenistische Zeit (3.-1. Jhd. v.Chr.) in Blüte gewesen zu sein.

Nirgends sonst in Israel sind soviele Altäre ausgegraben worden wie in Dan. Biran vermutet, daß sie nicht nur für die einheimische Bevölkerung, sondern auch für durchreisende Händler und Fremde bestimmt gewesen sind. Eine schriftliche Entsprechung zu dieser religiösen Praxis findet sich möglicherweise für das Südreich Juda, wo in 2. Könige 18 davon berichtet wird, daß König Hiskia "alle Höhen beseitigte, die Gedenksteine zerschmetterte, die Aschera ausrottete" und "die bronzene Schlange zerschlug, die Mose gemacht hatte". Avram Biran ist seit mehr als 30 Jahren mit Grabungsarbeiten in Dan befaßt, wo er die langfristigste Grabung leitet, die jemals in Israel durchgeführt worden ist.

[Biran A (1998) Sacred Spaces. Of Standing Stones, High Places and Cult Objects at Tel Dan. Bibl. Archaeol. Rev. 24, Sept./Okt., 38-45, 70] UZ



Im Ostteil Jerusalems haben Ausgräber um den Leiter der Israelischen Altertumsbehörde, Yitzhak Magen, in einer Höhle die Reste eines Kalksteinbruchs und einer Steinmetzwerkstatt aus dem ersten Jahrhundert n.Chr. freigelegt. Was den Fund besonders interessant macht, sind die Produkte dieser Werkstatt: aus Kalkstein gearbeitete unterschiedlich große Behälter, die nach Meinung der Archäologen für die rituelle Reinigung angefertigt wurden. Diese Behälter waren während der zweiten Tempelperiode (1. Jhd. v.Chr. bis 70 n.Chr.) offensichtlich in außerordentlich großer Stückzahl produziert worden. Sie sind an mehr als 60 Orten im Palästina dieser Zeit nachgewiesen. Warum gerade Steinbehälter? Nach Ansicht des traditionellen Judentums zur Zeit Jesu konnten aus Stein gearbeitete Behälter anders als etwa Keramikgefäße nicht rituell verunreinigt werden. Für den täglichen Gebrauch war dies ein immenser Vorteil, die Steingefäße brauchten weder ständigen rituellen Reinigungsprozeduren unterzogen werden, noch mußten sie im Falle einer Verunreinigung entfernt werden. Daß die Bedeutung religiöser Satzungen im Judentum gerade z.Z. Jesu eine nie dagewesene Steigerung erfahren hat, ist neben den Evangelienberichten auch aus anderen Quellen bekannt. Nach der Zerstörung des herodianischen Tempels berichtet ein rabbinischer Text davon, daß "die Reinheit unter den Israeliten ausgebrochen sei". Auch aus der Welt der Essenersekte ist bekannt, daß die Interpretation der Reinigungsvorschriften ein zentrales Thema war, um das viele Auseinandersetzungen geführt wurden. Daß reines Wasser, welches in einen unreinen Behälter gegossen wurde, dadurch verunreinigt wurde, war allgemein anerkannt. Wie verhielt es sich aber mit dem vormals reinen Behälter aus dem das Wasser entnommen war? Schließlich war er durch den Wasserstrahl mit dem unreinen Behälter in Verbindung gekommen. Mußte ihn das nicht auch verunreinigen? Der Vorteil steinerner Behälter, die nicht verunreinigt werden konnten, liegt angesichts solcher Diskussionen auf der Hand. Ein neutestamentliches Beispiel für den Gebrauch steinerner Behälter findet sich im Johannesevangelium, Kap. 2, dem Bericht vom Auftreten Jesu auf der Hochzeit von Kana, wo von "sechs steinernen Wasserkrügen nach der Reinigungssitte der Juden" die Rede ist.

Archäologische Indizien für die gesteigerte jüdische Religiosität während der zweiten Tempelperiode sind seit längerem bekannt. So wurde das Bilderverbot in den Synagogen zu keiner Zeit so streng eingehalten wie in den Jahrzehnten nach Christi Geburt. Auch die Zahl der rituellen Bäder in den Häusern der Vornehmen war nie so groß gewesen wie zu dieser Zeit. Eine Frage, die die Gelehrten seit längerer Zeit beschäftigt hat, ist, inwieweit es sich bei dieser religiösen Welle nur um eine Modeerscheinung unter den Reichen gehandelt hat, oder ob das ganze Volk davon betroffen war. Hier scheinen die steinernen Gefäße eine Antwort zu geben. Sie waren in Palästina überall verbreitet, außer in Samaria und im Bergland um Hebron. Dies war zu erwarten, denn beide Regionen waren z.Z. Jesu von Samaritern bzw. Edomitern bewohnt. Interessanter ist, daß sie auch in bestimmten wohlhabenden jüdischen Orten, wie Herodium, einer Redoute König Herodes' und Sebastia, einer der Hauptstädte der nördlichen Königreiches Israel, nicht gefunden wurden. Die Archäologen deuten diesen negativen Befund so, daß die Benutzung der steinernen Gefäße eher auf die einfachen Gesellschaftsschichten beschränkt war. Die Wohlhabenden könnten mithin Behältnisse aus teureren Materialien genutzt haben, die den strengen Reinigungsvorschriften ebenfall gerecht geworden wären. Die Intensivierung des kultisch-religiösen Lebens in den letzten Jahrzehnten vor der Zerstörung des Tempels hatte also das ganze Volk erfaßt. Für die Zeit danach sind steinerne Reinigungsgefäße nur noch vereinzelt nachgewiesen, etwa im Umfeld um den Rebellenführer Bar Kochba. Nach der Niederschlagung dieses letzten Aufstandes im Jahre 135 n.Chr. verschwanden sie endgültig.

[Magen Y (1998) Ancient Israels's Stone Age. Purity in Second Temple Times. Bibl. Archaeol. Rev. 24, Sept./Okt., 46-52.] UZ



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