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Ausgabe: 6. Jg. / Heft 2 (Oktober 1999)

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Cover von Studium Integrale Journal 6. Jg. / Heft 2 Oktober 1999
Titelbild: Ein Insekt auf der Blüte? So interpretieren Bestäuberinsekten die Blütenunterlippe der Ragwurz-Orchideen (hier: Spinnen-Ragwurz, Ophrys sphegodes). Aber nicht nur das äußere Aussehen täuscht. Die Blüten imitieren auch die Sexuallockstoffe erstaunlich exakt.





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Editorial

In einer der jüngeren Ausgaben des Wissenschaftsmagazins Science (25. Juni 1999) publizierte Stephen Jay Gould, Zoologieprofessor an der Harvard University, eine Art Lobrede über die Evolutionstheorie. Die Aussage, daß Evolution eine der "sichersten Tatsachen" sei, die "jemals durch Wissenschaft erhärtet wurden", war darin sicher nicht überraschend; Gould ging aber noch viel weiter, indem er in Anspielung auf ein Zitat von Jesus Christus verkündete: "Evolution ist wahr – und die Wahrheit kann uns nur frei machen." (Er beklagt nebenbei, daß diese Wahrheit der Hälfte der amerikanischen Bevölkerung nicht bekannt sei.) Evolution befreie den menschlichen Geist, z. B. indem wir aufhören, mehr zu fordern, als die Natur uns ermöglicht und indem wir die Natur nicht mit falschen Projektionen unserer Bedürfnisse überziehen. Als empirische Realität schlage Evolution jeden Mythos vom Ursprung des Menschen um Lichtjahre. Ein über fast vier Milliarden Jahre währender Abstammungszusammenhang von Bakterien bis zum höchsten Baum oder zu den Fußspuren des Menschen auf dem Mond - "let us praise this evolutionary nexus", ruft Gould seine Leser auf. Evolution als Religion.

Vor dem Hintergrund dieser geradezu enthusiatisch anmutenden Lobrede auf die Evolution erscheinen die Bemühungen der Wissenschaftler, "hard facts" auszugraben und zu bewerten, in einem merkwürdigen Kontrast. So berichtet Sigrid Hartwig-Scherer in dieser Ausgabe von der Neuklassifikation der bislang zu "Homo" habilis gerechneten Menschenartigen (Hominiden). Deren Status als "Mensch" kann mittlerweile nicht mehr aufrecht erhalten werden; die betreffenden Funde werden neuerdings der Gattung Australopithecus zugerechnet, womit bislang wichtige Bindeglieder zwischen Menschenaffen und Menschen an Beweiskraft verlieren. Einerseits wird also Evolution als nicht mehr hinterfragbare Tatsache – als "Wahrheit" – präsentiert, die nur noch bekanntgemacht werden müsse, andererseits werden wichtige Indizien, die bislang schon strittig waren, brüchig. Wenn Evolution aber nicht als Quasi-Religion, sondern als Wissenschaft gelten soll, muß sie hinterfragbar bleiben; ihre Plausibilität kann immer nur vorläufig sein. Und wenn dies der Fall ist, können neue Befunde oder neue Theorien in einem ganz anderen Licht erscheinen, nicht nur als seltsame Anomalien, sondern als Bausteine für eine mögliche Alternative.

Auch hierzu bietet diese Ausgabe von Studium Integrale journal ein bemerkenswertes Beispiel. Ein neuer Australopithecus-Fund, A. garhi weist eine überraschende Merkmalskombination auf, die es noch schwerer als bisher macht, die mittlerweile etwa ein Dutzend Arten der Australomorphen in einen schlüssigen stammesgeschichtlichen Zusammenhang mit dem Menschen zu stellen. Natürlich kann man durch Annahme von Parallelentwicklungen und zahlreicher blinder Seitenzweige beliebig viele Mosaikformen evolutionär interpretieren, doch zeichnet sich alternativ in letzter Zeit deutlich ab, daß die zahlreichen Arten der Australomorphen als unterschiedliche Mosaikformen eines polyvalenten Grundtyps interpretiert werden können, der deutlich vom Grundtyp des Menschen abgesetzt ist.

Sehr verschiedene Einschätzungen werden auch zu den Erfolgen der Erforschung der Lebensentstehung abgegeben. Während in populären Darstellungen und in Schulbüchern häufig der Eindruck erweckt wird, die Schritte von anorganischer Materie hin zu einfachen Lebewesen seien im wesentlichen geklärt, zeigt der Blick in die Primärforschung ein deutlich anderes Bild: Immer wieder zeigen Arbeiten zu dieser Thematik: "So kann es nicht gewesen sein." Harald Binder erläutert dazu ein aktuelles Beispiel.

Im vierten und abschließenden Teil seiner Aufsatzfolge über Radiokabondatierung und Archäologie beschäftigt sich Uwe Zerbst mit der Datierung historischer Funde des Alten Orients. Anhand dreier ausgewählter Regionen (Ägypten, der südlichen Levante und der Ägäis) wendet sich der Autor der Frage zu, inwieweit zwischen den kalibrierten Radiokarbondaten und den historisch-archäologischen Daten tatsächlich ein systematischer Versatz existiert. Neuere Daten vom zweiten vorchristlichen Jahrtausend aufwärts weisen eine stabile Tendenz aus, nach der die Radiokarbondaten höher sind als die historischen Zahlen. Bei der Behandlung der Gründe sind sich die Forscher bislang uneins. Eine mögliche Ursache könnten die historischen Chronologien, eine andere die Assoziierung der Funde mit diesen Chronologien sein. Daneben existiert aber auch – worauf der Autor mit Bezugnahme auf die vorausgegangenen Aufsatzteile ausdrücklich hinweist – entgegen anderweitiger Behauptungen die Möglichkeit eines systematischen Versatzes in den 14C-Kalibrierkurven.

Eine aufschlußreiche Lektüre wünscht Ihnen
Ihre Redaktion Studium Integrale Journal



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Letzte Änderung: 08.07.2009
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