ThemenKurzbeiträgeStreiflichter


Streiflichter


Studium Integrale Journal
7. Jahrgang / Heft 1 - April 2000
Seite 40 - 46



Inhalt:


Abb. 1: Apatosaurus (früher: Brontosaurus)

Abb. 1
Wie lange brauchte ein Zehntonner eines sauropoden Dinosauriers, bis er ausgewachsen war? Heutige Reptilien würden dafür mehr als ein Jahrhundert benötigen. Mikroskopische Untersuchungen von Dinosaurierknochen führen jedoch zu einem anderen Ergebnis. Die Knochen gleichen nämlich eher den schnell wachsenden Knochen von Säugetieren und Vögeln als denen von heutigen Reptilien. Um zu genaueren Aussagen zu gelangen, untersuchte Kristina Curry von der State University of New York in Stony Brook die Vorderextremitäten und Schulterblätter verschiedener Größe von Apatosaurus (bekannter unter dem früheren Namen Brontosaurus; s. Abb. 1). Sie fand bei Bohrungen in den Schulterblätter-Knochen regelmäßige Veränderungen in der Dichte mikroskopisch kleiner Kanäle, in denen sich vermutlich Blutgefäße befanden, und interpretierte sie aufgrund von Vergleichen mit ähnlichen Strukturen bei Seekühen und Meeresschildkröten als "Jahresringe". Demnach erreichten die größten Sauropoden ihre Maximalgröße in nur 8-11 Jahren. Die daraus resultierende Wachstumsgeschwindigkeit von ca. 10 µm Knochengewebe pro Tag ist fast identisch mit der von Enten, die nach etwa 22 Wochen ausgewachsen sind. Das schnelle Wachstum kann als eine Voraussetzung dafür angesehen werden, daß die Dinosaurier sich schnell ausbreiten konnten. [Stokstad E (1998) Young dinos grew up fast. Science 282, 603-604] RJ



Angesichts der Schwierigkeiten, anhand von Fossilien hypothetische evolutionäre Abläufe zu rekonstruieren, verlagern sich die Hoffnungen seit einiger Zeit auf molekularbiologische Untersuchungen. Aus dem Vergleich von Abfolgen der Einzelbausteine von Proteinen und der DNS (Sequenzanalyse) wurde das Konzept einer molekularen Uhr entwickelt. Unter bestimmten evolutionstheoretischen Annahmen kann an der Uhr derjenige Zeitpunkt abgelesen werden, zu dem der letzte gemeinsame Vorfahre von zwei oder mehreren Arten, deren Molekülsequenzen miteinander verglichen werden, gelebt hat.

Statt der erhofften Erhellung phylogenetischer Abläufe können solche Analysen allerdings neue Probleme verursachen. So weisen Abschätzungen anhand von molekularen Uhren immer wieder auf viel frühere Zeitpunkte der Auseinanderentwicklung hin, als sie durch Fossilfunde nahegelegt werden. Dies könnte durch Lücken der fossilen Überlieferung erklärt werden. Dieser Erklärungsversuch kann mit statistischen Studien auf seine Plausibilität getestet werden. Foote et al. (1999) wendeten zu dieser Frage am Beispiel der eutherischen Säugetiere mathematische Modelle an und kamen zum Ergebnis, daß es unwahrscheinlich ist, daß viele der modernen Säugetier-Ordnungen viel früher entstanden sind als zum Zeitpunkt ihrer fossilen Dokumentation. Die Diskrepanz zwischen fossilen und molekularen Daten kann somit in diesem Fall wohl kaum durch die Lückenhaftigkeit des Fossilberichts erklärt werden. [Foote M, Hunter JP, Janis CM, Sepkoski JJ Jr. (1999) Evolutionary and preservational constraints on origins of biologic groups: divergence times of Eutherian mammals. Science 283, 1310-1314.] RJ



Schon im unteren Tertiär (55 Millionen Jahre) war das Zirpen von Heuschrecken zu vernehmen, wie Fossilfunde aus Dänemark zeigen. Manche Überreste sind so gut erhalten, daß man sogar anatomische Details erkennen kann. Bei den männlichen Exemplaren der Laubheuschrecke Pseudotettigonia amoena finden sich an der Unterseite des Vorderflügels kleine Noppen. Diese Noppen streichen über eine hervorstehende Ader des Hinterflügels und erzeugen so ein lautstarkes Zirpen, wenn der Flügel anfängt zu schwingen. Für hohe Frequenzen ist ein sogenannter Spiegel vorhanden, ein dünnhäutiger Teil des Flügels, der von kräftigen Adern umrahmt ist. Noppen wie Spiegel sind auf der linken Seite stärker ausgeprägt und zeigen, daß auch damals schon - wie heute - die Heuschrecken mit links zirpten. Vermutlich um 7 kHz dürfte der Ton der fossilen Schrecke betragen haben. Leider sind die Hörorgane, die sich auf den Vorderbeinen befinden, nicht fossilisiert, aber die Forscher gehen von einem guten Hörvermögen aus. [Rust J, Stumpner A & Gottwald J (1999) Singing and hearing in a Tertiary bushcricket. Nature 399, 650] KN



Die Familie der Kamelartigen (Camelidae) aus der Ordnung der Paarhufer setzt sich aus zwei heute lebenden Gattungen zusammen, Camelus (mit den beiden Arten Kamel und Dromedar) und Lama. Die Gattung Camelus ist heute auf die Alte Welt beschränkt, während die kleineren Lamas (vier Arten) nur in der Neuen Welt verbreitet sind. Aufgrund molekulargenetischer Studien an mitochrondrialer DNA (mtDNA) soll die Trennung der beiden Gattungen 11 Millionen Jahre zurückliegen. Die beiden Gattungen sind an deutlich verschiedene Umweltbedingungen angepaßt. So besitzen die Lamas beispielsweise ein dichtes feinwolliges Fell, das sie für das kalte Klima der Anden geeignet macht, während die Kamele weniger dicht behaart sind und mit extremen Tag-Nacht-Temperaturunterschieden zurechtkommen können.


Abb. 2
Abb. 2
Abb. 2: Mischling aus Dromedar und Lama: Oben: ein Tag alt, unten: 4 Monate alt, mit Dr. Skidmore, Direktorin des Sheikh Mohammed bin Rashid al Maktouais Camel Reproduction Laboratory in Dubai, U. A. E. Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Prof. W. R. Allen.

Trotz der enormen Zeitspanne einer genetischen Isolation gelangen erstmals Kreuzungen zwischen beiden Gattungen. J. A. Skidmore vom Camel Reproduction Center in Dubai und Mitarbeitern gelang bei 50 Versuchen einer künstlichen Besamung von weiblichen Dromedaren (Camelus dromedarius) mit Samen vom Lama (Lama guanicoe) die Geburt eines Mischlings; eine weitere Trächtigkeit endete am 260. Tag. Die umgekehrte Kreuzung wurde 34mal versucht; hier gelangen zwei Geburten (davon eine Frühgeburt); vier weitere Trächtigkeiten brachen vorzeitig ab. Die Mischlinge waren in ihrem Aussehen intermediär zwischen Kamel und Lama; DNA-Analysen bestätigten, daß es sich um Mischlinge handelte. Ob die Mischlinge fruchtbar sind, konnte nicht geprüft werden, wird aber von den Wissenschaftlern als sehr unwahrscheinlich angesehen. Innerhalb der beiden Gattungen sind Mischlinge schon länger bekannt.

Nach der Grundtyp-Charakterisierung von Scherer (1993) gehören die Kamelartigen damit definitionsgemäß zu einem Grundtyp. Skidmore et al. (1999) stellen mit Erstaunen fest, daß sich trotz der deutlichen Unterschiede in der Gestalt, in der Physiologie und im Verhalten, die sich unter den sehr verschiedenen Umweltbedingungen herausspezialisiert haben, die Fortpflanzungsbiologie nur geringfügig verändert hat, so daß Mischlinge erzeugt werden konnten. Als bedeutsam sehen sie dabei die Konstanz der Chromosomenzahl an (2n = 74). Beide Befunde zusammen lassen sich im Rahmen der Hypothese polyvanter Grundtyp-Stammformen deuten, d. h. die Vorläuferformen waren nicht primitiv, sondern genetisch vielseitig.

[Scherer S (1993) Basic Types of Life. In: Scherer S (Hg) Typen des Lebens. Berlin, S. 11-30; Skidmore JA, Billah M, Binns M, Short RV & Allen WR (1999) Hybridizing Old and New World camelids; Camelus dromedarius × Lama guanicoe. Proc. R. Soc. Lond. B 266, 649-656.] RJ



Die Darwin-Finken wurden von Darwin selbst während seiner Weltreise auf den Galapagos-Inseln gesammelt. Es handelt sich um 14 Arten, von denen 13 auf den Galapagos-Inseln selbst und eine auf der Cocos-Insel vorkommt. Obwohl schon Generationen von Forschern diese Finken untersucht haben, waren ihre phylogenetischen Beziehungen zueinander unklar. Z. T. wurde sogar vermutet, die Darwinfinken stammen von verschiedenen Finken ab, die auf das Galapagos-Archipel verschlagen wurden. Zwei molekulare Stammbäume, einer vom Cytochrom b, der andere von der sogenannten "control region", wurden aus der DNA der Mitochondrien konstruiert. Diese Daten zeigten, daß die Galapagos-Finken monophyletisch sind, also auf eine einzige Art zurückgehen. Interessanterweise paßt die bisherige traditionelle Einordnung nur zum Teil zu den molekularen Daten. Bisher werden Grundfinken und Baumfinken unterschieden. Beide Gruppen sind aber, was ihr Cytochrom b und die "control region" angeht, polymorph wie ihre vermuteten Vorfahren. Es hat also noch keine Verteilung von bestimmten Allelen auf die beiden Teilpopulationen gegeben. Damit scheinen alle Galapagos-Finken sehr eng miteinander verwandt zu sein. [Sato A, O'Huigin C, Figueroa F, Grant PR, Grant BR, Tichy H & Klein J (1999) Phylogeny of Darwin's finches as revealed by mtDNA sequences. Proc. Natl. Acad. Sci. USA 96, 5101-5106.] KN



Schon vor über 250 Jahren wurde eine bemerkenswerte und in vielen Lehrbüchern und Museen dargestellte Mutation des Leinkrauts (Linaria vulgaris) vom Altmeister der Botanik, Carl von Linné, beschrieben: Es handelt sich um die sog. Peloria-Mutante, bei der die Blüten radiärsymmetrisch sind; normalerweise sind die Blüten bilateralsymmetrisch (s. Abb. 3). Der Unterschied ist so erheblich, daß Linné für die Mutante zunächst eine eigene Gattung errichtete: Peloria radiata. Er erkannte aber bald, daß sie zu Linaria gehört. Alle fünf Blütenblätter der Mutante ähneln dem ventralen ("bauchseitigen") Blütenblatt der Wildform, alle haben eine kleine Ausbuchtung mit einer organgefarbenen Lippe und einen Sporn an der Basis. Entsprechend sind fünf Staubblätter ausgebildet, die alle dem ventralen Staubblatt der Wildform ähneln (die Wildform hat unterschiedlich ausgebildete Staubblätter). Ontogenetische Studien von Cubas et al. (1999) zeigten, daß die frühe Blütenentwicklung bei Wildform und Mutante identisch ist; Unterschiede treten jedoch auf, wenn die Staubblatt- und Blütenblatt-Primordien (Anlagen) gebildet werden. Beim Wildtyp verlangsamt sich die Bildung des dorsalen Staubblatt-Primordiums und die Primordien der dorsalen Blütenblätter bilden eine andere Form. Genetische Untersuchungen zeigten, daß die Blockade eines einzigen Gens (Lcyc) für sämtliche Veränderungen der Mutante verantwortlich ist. Und zwar wird dieses Gen methyliert, d. h. ein Buchstabe dieses Gens wird mit einer chemischen Gruppe, der Methylgruppe, versehen. Dieses "sperrige" Anhängsel verhindert den Zutritt anderer Proteine zum Gen, die es sonst ablesen könnte. Das Gen wird dadurch unkenntlich gemacht. Diese Veränderung ist erblich.


Abb. 3: Mutierte und normale Blüten (Aussschnitt) des Leinkrauts Linaria vulgaris.
(© Arne Anderberg, Naturhistorisches Reichsmuseum Stockholm)
Abb. 3 Abb. 3

Die Autoren sind überrascht darüber, daß diese erste natürliche morphologische Mutante, die genetisch untersucht wurde, auf eine Methylierung (und nicht beispielsweise auf eine Sequenzveränderung oder eine Transposition) zurückzuführen ist, da dieser Mutationsmechanismus bei Labormutanten nur selten gefunden wurde. Sie schließen daraus, daß dieser Mutationstyp im Freiland eine erheblich größere Rolle spielen könnte als bislang angenommen. Darüber hinaus kann man vermuten, daß hier ein Mechanismus vorliegt, der zur Flexibilität von Grundtypen beiträgt. Das Beispiel zeigt auch, daß die erstaunliche Veränderung der Blüte auf einer Blockade eines Gens beruht. "Kleine Ursache - große Wirkung" funktioniert wohl nur auf der Basis einer bereits fertigen Konstruktion.

[Cubas P, Vincent C & Coen E (1999) An epigenetic mutation responsible for natural variation in floral symmetry. Nature 401, 157-160.] RJ



Zwei Forscher berichten von rascher Evolution bei der Fruchtfliege Drosophila subobscura und beim Fisch Gasterosteus aculeatus spp.

D. subobscura ist ursprünglich in Europa beheimatet und wurde vor 20 Jahren nach Nordamerika eingebracht, wo sie sich rasch über den gesamten Kontinent verbreitete. In Europa zeigt die Fliege von Süden nach Norden eine geringe, aber signifikante Längenzunahme der Flügel - diese wird als Marker für die Gesamtkörpermasse betrachtet. Vor 10 Jahren wurde bei Fliegen, die auf verschiedenen Breiten Nordamerikas eingefangen wurden, noch keine solchen Unterschiede festgestellt. Kürzlich, 20 Jahre nach der Erschließung des neuen Habitates, wurden Fliegenindividuen von 11 jeweils auf verschiedenen, zwischen 35 und 55 Grad geographischer Breite liegenden Orten Nordamerikas und 10 solchen Orten Europas eingefangen. Die Fliegen jedes Fundortes wurden unter identischen Bedingungen 6 Generationen lang im Labor gehalten. Dann wurde die Flügellänge vermessen. Es fand sich, daß die nordamerikanischen Fliegen eine vergleichbare Längenzunahme der Flügel zeigten wie die europäischen, allerdings aufgrund unterschiedlicher Veränderungen: bei den nordamerikanischen Fliegen war das distale (vom Körper entfernte) Flügelsegment verlängert, bei den europäischen das proximale (dem Körper zugewandte). Die Größenzunahme ist etwa 0.1 mm oder 4% (Pennisi 2000; Huey et al. 2000).

Am Ende der letzten Glazialperiode vor 10.000 Jahren wurden in drei Seen der kanadischen Provinz British Columbia Individuen der marinen Fischart Gasterosteus aculeatus geographisch getrennt. Heute finden sich in jedem dieser drei Seen jeweils eine größere, benthisch (auf dem Gewässergrund) lebende, sich von kleinen Wirbellosen ernährende, und eine kleinere, in höheren Regionen lebende, sich von Plankton ernährende Unterart von G. aculeatus. Die beiden Arten eines jeden Sees paaren sich üblicherweise untereinander unter natürlichen und Laborbedingungen nicht, aber es verpaarten sich jeweils die benthische und die limnische Unterart verschiedener Seen miteinander (Pennisi 2000; Rundle et al. 2000).

Eine geringe, aber konstante Vergrößerung der Flügellänge eines Insektes oder die Veränderung der Körperproportionen eines Fisches, die zudem in Relation zu den angenommenen evolutionären "langen Zeiträumen" in sehr kurzer Zeit aufgetreten ist, lassen sich als ein typisches Beispiel von Mikroevolution innerhalb eines Grundtyps verstehen. Das veränderte Nahrungssuchverhalten der beiden Gasterosteus-Unterarten kann als eine Spezialisierung einer polyvalenten Ausgangsform angesehen werden. Die Interpretation dieser Ergebnisse als weiterer Beweis für die Richtigkeit des Darwinismus (Pennisi 2000) ist sicher nicht die einzig mögliche.

[Pennisi E (2000) Nature steers a predictable course, Science 287, 207f.; Huey RB et al. (2000) Rapid evolution of a geographic cline in size in an introduced fly, Science 287, 308f.; Rundle HD et al., Natural selection and parallel speciation in sympatric sticklebacks, Science 287, 306f.] WL



Die Dotter in Eiern von Vögeln, Reptilien und vielen Fischen sind gelb bis rot gefärbt. Diese Färbung wird durch Carotinoide verursacht, einer Familie von Naturstoffen, die zur Klasse der Tetraterpene (Verbindungen mit 8 C-5 Bausteinen, also 40 C-Atomen) gehören und nur von Pflanzen, einigen Bakterien und Pilzen aufgebaut werden können. Tiere und Menschen müssen diese Verbindungen mit der Nahrung aufnehmen. Der im Ei heranwachsende Embryo ist auf die stofflichen Ressourcen angewiesen, die vornehmlich im Eidotter von der Mutter bereitgestellt werden.

Jüngste Forschungen zeigen nun die Bedeutung von Carotinoiden als Antioxidantien und Immunostimulansien, d.h. sie werden bei der Abwehr zerstörerischer Einflüsse benötigt, die z.B. in Form freier Radikale auftreten, die bei Oxidationsprozessen (z.B. der Energiegewinnung aus den Lipiden) entstehen. Blount et al. (2000) versuchen diese Befunde aufgrund evolutionärer Zusammenhänge verständlich zu machen und Ansätze für neue Untersuchungen abzuleiten. Die Mutter investiert vom eigenen Carotinoidbestand in die Eier, und ein hoher Carotinoidgehalt stellt einen Schutzfaktor während der Embryonalentwicklung bis einige Zeit nach dem Schlüpfen dar.

Es ist sicher von Interesse, die ökonomischen Zusammenhänge hier detaillierter aufzuklären und zu verstehen. Man darf auf die weiteren Erkenntnisse gespannt sein. Es wird aber auch erneut das Staunen darüber geweckt, wie bis in molekulare Details hinein die einzelnen Faktoren zusammenpassen und ein Gesamtkonzept erkennbar wird.

[Blount JD, Houston DC, Moller AP (2000) Why egg yolk is yellow. Trends Ecol. Evol. 15, 47-49.] HB



Es gehört zu den bemerkenswerten Fähigkeiten vieler Lebewesen, ihr Äußeres flexibel an sich ändernde Umweltbedingungen anpassen zu können. Im Erbgut ist offenbar eine gewisse Bandbreite an Ausprägungsmöglichkeiten von Merkmalen niedergelegt. Die Biologen sprechen von Modifikation, die zu unterscheiden ist von genetischer Variation. Im ersten Fall ist das Erbgut trotz verschiedener Ausprägungen identisch, im zweiten ist es von Individuum zu Individuum unterschiedlich. Von einem interessanten Fall von Modifikabilität bei Akazien berichteten Young & Okello (1998). Die Forscher untersuchten die Länge der Dornen, mit denen sie ihre Blätter schützen, in Abhängigkeit von Bedrohung durch Laubfraß. Sie schützten einige Flächen vor gefräßigen Wildtieren. Die Folge war eine Verkürzung der Länge neu gebildeter Dornen in den darauffolgenden Jahren; nach 22 Monaten hatte die Länge um ca. 20% abgenommen. Doch die Akazien können noch weit stärker abrüsten, wenn sie ihre Verteidigung längere Zeit nicht benötigen, so daß die Dornenlänge um bis zu 70% schrumpfen kann. Die allmähliche Abrüstung erscheint sinnvoll, da ein zu eiliger Abbau in einer bösen Überraschung enden kann, falls hungrige Tiere bald wieder vorbei kommen. [Young TP & Okello BD (1998) Relaxation of an induced defence after exclusion of herbivores: spines of Acacia drepanolobium. Oecologia 115, 508-513.] RJ



Bombardierkäfer wehren sich mit einem heißen und ätzenden Sekret, welches sie aus dem Hinterleib verspritzen. Es handelt sich meist um Benzochinone und Kohlenwasserstoffe, die mit Wasserstoffsuperoxid vermischt in eine Reaktionskammer entlassen werden. Dort werden Katalasen und Peroxidasen aus einer zweiten Drüse hinzugefügt. Das Wasserstoffsuperoxid zerfällt und oxidiert das Hydrochinon. Mit fast 100°C verläßt diese Mischung explosionsartig den Hinterleib des Käfers. Und das erstaunlich sicher. Wurde ein afrikanischer Bombardierkäfer am Oberschenkel gereizt, so bespritzte er nicht sein ganzes Bein, sondern nur das oberste Segment. Diese Käfer konnten selbst auf ihrem Rücken befindliche Feinde abwehren. Mehr als 20 Schüsse können dabei abgegeben werden, bevor die Sekrete erschöpft sind und neu gebildet werden müssen. Interessanterweise besitzen die Bombardierkäfer verschiedene Schussapparate, ja bei manchen Arten sind noch nicht einmal zwischen den Männchen und Weibchen derselben Art die Apparate identisch. [Eisner E & Aneshansley DJ (1999) Spray aiming in the bombardier beetle: Photographic evidence. Proc. Natl. Acad. Sci. USA 96, 9750-9709] KN



Bakterien können sich gegen erhöhte Temperaturen schützen, in dem sie spezielle Proteine synthetisieren. Diese HSPs (nach "heat shock proteins") sind "molekulare Anstandsdamen". Bei hohen Temperaturen haben Proteine die Eigenschaft, ihre besondere dreidimensionale Anordung zu verlieren; sie entfalten sich, d. h. sie denaturieren. Die HSPs sorgen nun dafür, daß Proteine ihren "Anstand bewahren" und sich nicht entfalten, oder sie falten schon denaturierte Proteine zurück in ihre gebrauchsfähige Form. Aus Materialersparnis werden die HSPs aber nur bei erhöhten Temperaturen synthetisiert. Es stellte sich die Frage, wie Bakterien die Temperatur wahrnehmen können. Dabei zeigte sich, daß eine mRNA (Botennukleinsäure, eine Abschrift der DNA, die in ein Protein übersetzt wird) das eigentliche Thermoelement ist. Es handelt sich um die mRNA vom Hauptschalter der Hitzeschockantwort. Dieser Hauptschalter ist selbst ein Protein, welches andere Gene einschalten kann. Die mRNA dieses Hauptschalters (der Sigma32-Faktor) wird ständig hergestellt. Bei normalen Temperaturen ist sie aber so verfaltet, daß diese Botennukleinsäure nicht in Protein übersetzt werden kann. Erst nach einer Temperaturerhöhung entfaltet sich die mRNA, wird übersetzt, und der so vorhandene Sigma32-Faktor schaltet nachfolgend die HSPs ein. [Morita MT, Tanaka Y, Kodama TS, Kyogoku Y, Yanagi H & Yura T (1999) Genes Dev. 13, 655-665.] KN



Abb. 4: Abdruck vom Siegel Hiskias.
Abb. 4
Im Frühjahr 1999 berichtete Studium Integrale Journal (6/1, S. 46) über die Entdeckung einer sog. Bulle, eines Siegelabdrucks König Ahas' von Juda. Von den 1.200 bisher in der Region aufgefundenen Siegeln und Siegelabdrücken war dies der erste Fund, der einem biblischen König in Juda zugeschrieben werden konnte. Kurze Zeit später ist nun ein weiterer spektakulärer Fund aufgetaucht. Der neue Siegelabdruck, der gerade einmal einen Durchmesser von einem Zentimeter aufweist, enthält den Namen "Hiskia, (Sohn des) Ahas, König von Juda". Hiskia ist v.a. durch die Wiederherstellung des alttestamentlichen Gottesdienstes in die Geschichte eingegangen. "Und er tat, was recht war in den Augen des Herrn." (2. Könige 18,3) Auffällig ist, daß der Siegelabdruck einen geflügelten Käfer zeigt, der eine Kugel vor sich her rollt. Dieses als Skarabäus (griech.: 'Mistkäfer') bezeichnete Motiv war im Altertum auf Siegeln und Amuletten weit verbreitet. Die Ägypter nahmen an, daß der Käfer aus der Mistkugel entstanden sei, in der die Eier abgelegt sind, und sahen in ihm ein Sinnbild für die (göttliche) Sonne. Frank M. Cross, Wissenschaftler der Harvard-Universität und Entdecker des Siegelabdrucks, vermutet, daß auch Jahwe seit dem achten vorchristlichen Jahrhundert zunehmend durch die Sonne symbolisiert wurde. Bereits 1986 hatte der israelische Forscher Nahman Avigad von einem ähnlichen Siegelabdruck berichtet, der aber seinerzeit aufgrund des schlechten Erhaltungszustandes nicht näher identifiziert werden konnte. Beim Vergleich stellte sich nun heraus, daß beide Eindrücke von demselben Siegel erzeugt wurden. Wahrscheinlich sind sie bei der Einäscherung eines Jerusalemer Archivs hartgebrannt worden. Definitive Aussagen sind jedoch nicht möglich, da die Stücke vom Antiquitätenmarkt stammen, und eine Rekonstruktion des Fundzusammenhangs nicht mehr möglich ist.

[Cross FM (1999) King Hesekiah's Seal Bears Phoenician Imagery. Biblical Archaeology Review 25, 42-45.60] UZ



Abb. 5: Siegel des Baalis.
Abb. 5
"... und sie sagten zu ihm: Weißt du auch, daß Baalis, der König der Söhne Ammon, Ismael, den Sohn des Netanja, ausgesandt hat, um dich zu ermorden?" (Jeremia 40,14) Gedalja, der vom Babylonierkönig eingesetzte Statthalter über Restjuda glaubte ihnen nicht, und das wurde ihm zum Verhängnis. 'Baalis, König der Söhne Ammon' konnte kürzlich auf einem Achatsiegel identifiziert werden. Das Siegel weist einen Durchmesser von reichlich 12 mm und eine Dicke von 5 mm auf und zeigt eine geflügelte Sphinx im Zentrum. Aufgrund einer größeren Reihe anderer Funde vermutet der Entdecker, Robert Deutsch von der Universität Haifa, daß die dargestellte Sphinx das königliche Emblem des Ammoniterstaates gewesen ist. Der Name Baalis bedeutet: 'Baal ist Retter'. Das Alte Testament erwähnt die Ammoniter an vielen Stellen, wo sie in der Regel den Israeliten feindlich gegenüberstehen. Die Überreste der Königsstadt Ammons befinden sich heute unter den Fundamenten der jordanischen Hauptstadt Amman, die ihren Namen weiterträgt. "Ausgegraben" wurde das Siegel in einer Privatsammlung.

[Deutsch R (1999) Seal of Ba'alis Surfaces. Biblical Archaeology Review 25, 46-49] UZ



Sie waren auf dem Weg von der phönizischen Hafenstadt Tyros nach Nordafrika, als sie mit Hunderten von Weinamphoren im Laderaum in schwere See gerieten und sanken. Diese Behältnisse sind neben einem Ständer für Weihrauchopfer zur - offensichtlich vergeblichen - Besänftigung des Wettergottes, Steingutgefäßen zur Nahrungszubereitung und einer Weinkaraffe möglicherweise die einzigen Gegenstände, die die Jahrhunderte auf dem Grund des Meeres überstanden. Alle hölzernen Wrackteile sind vollständig verschwunden. Die beiden Schiffe wurden im Sommer 1999 auf der Höhe von Askalon etwa 30 Meilen (55 Kilometer) vor der israelischen Küste geortet. Ein Zufallsfund: eigentlich galt die Suche des Amerikaners Robert Ballard, bekannt durch die Wiederentdeckung der Titanic, einem gesunkenen israelischen U-Boot. Die Dunkelheit in fast 500 Metern Tiefe, der hohe Wasserdruck und die niedrigen Temperaturen sind die Ursache dafür, daß die Amphoren praktisch unverändert erhalten sind. In den nächsten Monaten ist ihre Bergung vorgesehen. Aber auch jetzt schon lassen die Funde eine Reihe von Schlußfolgerungen zu. Lawrence Stager, Archäologe der Harvard-Universität schätzt das Alter der Wracks auf etwa 750 v.Chr. Damit sind es die ältesten Überreste von Hochseeschiffen, die je gefunden wurden. Aus der Lage der Amphoren läßt sich folgern, daß die Länge eines der beiden Schiffe etwa 18 Meter betrug, die Größe der Crew schätzt Stager auf jeweils ein halbes Dutzend Seeleute. Die Phönizier waren eine der großen Seefahrernationen der Geschichte. Zwischen ca. 1200 und 146 v.Chr. besiedelten sie den heutigen Libanon sowie eine große Anzahl von Kolonien entlang der gesamten Mittelmeerküste. Möglicherweise sollte die Reise zu einer dieser Kolonien, dem nordafrikanischen Karthago führen, evtl. war aber auch Ägypten das Ziel. Die Route, der die Schiffe offensichtlich folgten, war für die Forscher eine weitere Überraschung. Ballard ist überzeugt, daß er unter Einsatz seiner Technik, dem Unterwasser-Roboter Jason, der in Verbindung mit einem Satellitenortungssystem und einem ausgeklügelten Sonarsystem operiert, künftig eine große Anzahl weiterer Schiffswracks entdecken wird, die ein großes Potential für die zukünftige archäologische Forschungsarbeit darstellen.

[Search for Phoenician Shipwrecks. Biblical Archaeology Review 25 (1999), 16] UZ



zum Seitenanfang

Themen | Kurzbeiträge | Streiflichter

Studium Integrale Journal

Home Publikationen Zeitschrift (SIJ) 7. Jg. Heft 1

Studiengemeinschaft WORT und WISSEN e.V.
Letzte Änderung: 24.02.2007
Webmaster