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Evolutionstheorien im Wandel: ein 'wissenschaftstheoretischer Nachschlag'

von Reinhard Junker

Studium Integrale Journal
7. Jahrgang / Heft 2 - Oktober 2000
Seite 92 - 93



Die Evolutionstheorie ist in Bewegung - dieses freundlich gehaltene Fazit könnte man aus den vorstehenden Beiträgen von Klaus Neuhaus und Judith Fehrer ziehen. Einerseits zeigt sich eine Flexibilität der Evolutionstheorie, neue Erkenntnisse in ihren Theorierahmen einzubauen. Andererseits handeln beide Beiträge jedoch von unerwarteten Entwicklungen. Immerhin: Die "Evolutionäre Synthese" war von einzelnen Kritikern (welche Makroevolution an sich nicht in Frage stellten) immer wieder aus verschiedenen Gründen als unzureichend zur Erklärung von Makroevolution herausgestellt worden (z. B. Riedl 1975, Løvtrup 1987, Gutmann 1989, Schmidt 1990); die Mehrheit aber schien es anders zu sehen: es gebe keinen Grund, über die Synthetische Evolutionstheorie hinauszugehen - so formulieren es viele Lehrbuchautoren bis heute. Doch die Kritik will nicht verstummen und auch neuere Ansätze kranken letztlich an denselben Defiziten wie die alte "Synthese" - so die Einschätzung von Fehrer (2000). Diese Situation entspricht nicht evolutionstheoretisch motivierten Erwartungen.

Geradezu sensationell angesichts früherer Auffassungen erscheinen die Vorstellungen, wonach das Leben nicht in Form einer ersten und einzigen Urzelle begonnen habe. Wenn heute diskutiert wird, daß Lebensformen in recht unterschiedlichen Formen mehrfach entstanden seien, so ist das evolutionstheoretisch gesehen schon fast ein "GAU" - ein größter anzunehmender Unterschied gegenüber ursprünglichen Erwartungen. Die von Neuhaus (2000) geschilderten Befunde, die diesem Wandel zugrundeliegen, wären früher vermutlich als Falsifikationsmöglichkeit zumindest von Teilen der Makroevolutionstheorie genannt worden.

Und wie geht es angesichts dieser Situation mit der Evolutionstheorie weiter? Sie verändert ihr Gesicht. Die Vorgänge bestätigen auf eindrucksvolle Weise den Fortgang von Theorien, wie er von Imre Latakos (1974) beschrieben wurde. Danach bleibt ein harter Kern von Forschungsprogrammen unangetastet und wird von einem Mantel von Hilfshypothesen vor Widerlegung geschützt. Diese Vorgehensweise hat - wie Lakatos zeigt - wissenschaftsgeschichtlich gesehen durchaus seine Berechtigung. Allerdings: Die gleiche Vorgehensweise muß auch konkurrierenden Forschungsprogrammen zugestanden werden. So wurden auch im Rahmen der Grundtypenbiologie, die von einer schöpfungstheoretischen Sicht der Welt motiviert ist, immer wieder Anpassungen an neue Befunde vorgenommen. Sie wurden von Kritikern jedoch gerne mit der Bemerkung quittiert, die Grundtypenbiologie betreibe "Rückzugsgefechte". Hier wird deutlich, daß der jeweils bevorzugte Forschungsansatz und nicht die wissenschaftstheoretische Situation die Wortwahl bestimmt. Das eingangs formulierte freundliche Fazit könnte nämlich auch kritisch ausfallen: Man könnte von Erklärungsnöten der Synthetischen Evolutionstheorie und ihrer Nachfolgetheorien sprechen. Außerdem könnte man sagen, daß die Vorstellung einer mehrfachen Entstehung von Lebewesen aus Nichtleben sich mindestens formal einer Schöpfungsvorstellung annähert, und könnte auch hier von einem "Rückzugsgefecht" sprechen.

Bemerkenswert ist die neue Entwicklung auch noch von einem anderen Gesichtspunkt: In jedem evolutionstheoretischen Lehrbuch werden (homologe) Ähnlichkeiten oder Sequenzähnlichkeiten von Proteinen oder Genen als entscheidende Belege für gemeinsame Abstammung gewertet. Ausnahmen bedürfen einer besonderen Begründung (z. B. Konvergenz, Gentransfer). Die von Neuhaus (2000) beschriebenen Ähnlichkeitsbeziehungen unter den Mikroorganismen schwächen dieses Argument in der üblichen Form erheblich. Dies alles spielt sich keineswegs auf einem "Nebenkriegsschauplatz" ab, sondern trifft das Zentrum evolutionärer Rekonstruktionen von Abstammungsverhältnissen. Sequenzähnlichkeiten können nicht mehr als eindeutige Indizien für den Grad oder die Art der Verwandtschaft gewertet werden.

In diesem Zusammenhang stellt sich weiter die Frage, welche Ähnlichkeitsmuster evolutionstheoretisch zu erwarten sind - wissenschaftstheoretisch eine der wichtigsten Fragen, die an Theorien mit naturwissenschaftlichem Anspruch gestellt werden. Es scheint, daß die Evolutionstheorie so modifiziert oder umgebaut werden kann, daß sie im Nachhinein an recht unterschiedliche Ähnlichkeitsmuster angepaßt werden kann. Könnte es sein, daß dies ein generelles Merkmal von Ursprungstheorien ist?



Literatur

  • Fehrer J (2000) Behebt die molekulare Entwicklungsgenetik die Schwächen der Evolutionären Synthese? Stud. Int. J. 7, 90-91.
  • Gutmann WF (1989) Die Evolution hydraulischer Konstruktionen. Frankfurt.
  • Lakatos I (1974) Falsifikation und die Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme. In: Lakatos I & Musgrave A (Hg) Kritik und Erkenntnisfortschritt. Braunschweig: Vieweg, S. 89-189.
  • Løvtrup S (1987) Darwinism: The refutation of a myth. Croom Helm.
  • Neuhaus K (2000) Wächst der Stammbaum der Evolution jetzt im Vorgarten der Schöpfungslehre? Stud. Int. J. 7, 88-89.
  • Riedl R (1975) Die Ordnung des Lebendigen. Hamburg.
  • Schmidt F (1990, Hg) Neodarwinistische oder kybernetische Evolution? Heidelberg.


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