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Streiflichter


Studium Integrale Journal
7. Jahrgang / Heft 2 - Oktober 2000
Seite 96 - 100


Inhalt:


Ein mausgroßes Skelett eines Säugetieres aus Liaoning in China gewann kürzlich besondere Aufmerksamkeit der Wirbeltierpaläontologen. (Die Fundstätte ist in den letzten Jahren bereits durch zahlreiche Vogelfunde berühmt geworden.) Während die meisten mesozoischen Fossilien, die den Säugetieren zugeordnet werden, nur auf der Basis von Kieferbruchstücken und Zähnen benannt wurden (Rowe 1999), handelt es sich bei dem von Ji et al. (1999) präsentierten Exemplar von der Grenze Jura/Kreide um ein fast vollständiges Skelett. Daß man sich aus einem solchen Fund Hinweise auf die frühe Säugetierevolution erhofft, liegt auf der Hand, doch der Fund aus der Gruppe der Triconodonten mit dem Artnamen Jeholodens jenkinsi entspricht nicht unbedingt evolutionstheoretischen Erwartungen. Das postkranielle Skelett (unterhalb des Schädels) weist ein Merkmalsmosaik auf: Beckengürtel und Hinterextremität werden als primitiv eingestuft; der Schultergürtel dagegen als "sehr abgeleitet", dem von fortschrittlichen Theriern gleichend (zu denen die heutigen Säugetierordnungen gehören). Für einen Fund dieses Alters ist dies im evolutionären Kontext unerwartet, denn Formen an der Basis der mutmaßlichen Evolution sollten eher durchgehend Primitivmerkmale aufweisen. Ji et al. (1999) gehen daher davon aus, daß die fortschrittlichen Merkmale konvergent entstanden sind und damit keinen Hinweis auf einen Abstammungszusammenhang mit den modernen Säugetiergruppen geben. Sie äußern die Vermutung, daß nicht nur im Schädelbereich (wo das schon länger bekannt ist), sondern auch im Bereich des postkraniellen Skeletts mit häufigen Konvergenzen zu rechnen sei. Jeholodens zeigt wie viele andere Formen, daß Mosaikformen nicht mit evolutionären Übergangsformen gleichgesetzt werden können und ist ein weiteres Beispiel dafür, daß Lebewesen "baukastenartig" zusammengesetzt sein können (vgl. Junker 1999).

[Ji Q, Luo Z & Ji S-A (1999) A Chinese triconodont mammal and mosaic evolution of the mammalian skeleton. Nature 398, 326-330; Junker R (1999) Mosaikformen und Baukastensystem. Stud. Int. J. 6, 37-38; Rowe T (1999) At the roots of the mammalian family tree. Nature 398, 283-284.] RJ



Bis vor kurzem kannte man die ältesten Reste von Wirbeltieren aus Ablagerungsgesteinen des Erdzeitalters Ordovizium. Gemeinhin galt dies als Beleg, daß die Wirbeltiere als "höherentwickelte" Tiere erdgeschichtlich später auftreten als die "primitiveren" wirbellosen Tiere, die man bereits massenhaft aus noch älteren Erdschichten des Kambriums kannte. Chinesische und britische Paläontologen beschrieben nun aber jüngst aus der Fossillagerstätte Chengjiang im Süden der Volksrepublik China zwei verschiedene Arten von fischähnlichen Fossilien aus Sedimenten, die auf das Untere Kambrium datiert wurden. Obwohl die Erhaltung der relevanten Merkmale, die für kiefertragende Wirbeltiere charakteristisch sind, nicht ausreichte, sind doch genügend Charakteristika zu erkennen, die zumindest ihre Deutung als kieferlose Wirbeltiere wahrscheinlich erscheinen lassen. Die erhaltenen fischähnlichen Fossilien sind nicht länger als 3 cm und besitzen weder eine Wirbelsäule noch einen knöchernen Schädel oder Kiefer. Dafür sind Strukturen im Vorderbereich und im Mittelteil dieser Versteinerungen erhalten, die in ähnlicher Form auch bei heutigen und fossilen kieferlosen Fischen zu finden sind. Bei der neuen Gattung Haikouichthys werden Strukturen im Vorderende des Körpers als Kopfknorpel interpretiert. Über die verwandtschaftliche Position im Stammbaum der Fische gibt es aber noch genausoviele Fragen wie zur Interpretation einzelner Strukturen bei den Fossilien selbst.

Falls sich die Altersdatierung bestätigt und diese Fossilien tatsächlich Wirbeltiere nach heutiger Definition sind, dann verschiebt sich der Ursprung der Wirbeltiere in die Erdurzeit, dem Proterozoikum. Damit verstärkt sich jedoch der Erklärungsnotstand, warum zu Beginn des Kambriums eine Vielzahl von mehrzelligen Organismengruppen (nun auch die Wirbeltiere) zu finden sind, während die darunterliegenden Schichten durch eine ausgesprochene Fossilienarmut geprägt sind. [Shu D-G, Luo H-L, Morris S C, Zhang X-L, Hu S-X, Chen L, Han J, Li Y & Chen L-Z (1999) Lower Cambrian vertebrates from south China. Nature 402, 42-46] TR



Heutige Reptilien besitzen ein dreikammeriges Herz, welches aus zwei Vorhöfen (Atrien) und einer Kammer (Ventrikel) gebildet wird, sowie eine paarige Aorta. Der Ventrikel ist bei Krokodilen durch eine unvollständige Scheidewand teilweise geteilt. Im Gegensatz dazu haben Vögel und Säuger ein vierkammeriges Herz mit je zwei Vorhöfen und Kammern mit einer einzigen Aorta. Die Trennung von Körper- und Lungenkreislauf, die sicherstellt, daß nur sauerstoffreiches Blut in den Körperkreislauf gelangt, ist funktionell notwendig, um ihren aktiveren Stoffwechsel hinreichend mit Sauerstoff versorgen zu können.

Da sich Weichteile wie das Herz in Fossilien üblicherweise nicht erhalten, gab es bisher keine direkten Hinweise auf den anatomischen Aufbau der Herzen ausgestorbener Reptilien, namentlich solcher, die als Vorfahren für Vögel oder Säuger diskutiert werden.

Eine US-amerikanische Forschergruppe hat jetzt klare Hinweise dafür gefunden (Fisher et al. 2000), daß das Herz des nach radiometrischer Datierung vor 66 Millionen Jahren lebenden pflanzenfressenden Sauriers Thescelosaurus spec. (wahrscheinlich Thescelosaurus neglectus), ein Hypsilophodontide aus der Ordnung Ornithischia, wie das der Vögel und Säuger vierkammerig war (die Bilder und weitere Informationen sind unter www.dinoheart.org einsehbar).

Das gut erhaltene Skelett des etwa 300 kg schweren und 4 m langen Tieres wurde 1998 in einer Sandstein-Formation in Süd-Dakota, USA, gefunden. In der Brustregion imponierte ein großes, eisenhaltiges Konkrement, welches entgegen den üblichen Präparationspraktiken nicht entfernt, sondern als Ganzes mit dem umgebenden versteinerten Brustkorb herauspräpariert wurde. Eine computertomographische Untersuchung des Konkrementes ließ Hohlraumstrukturen erkennen, die nach übereinstimmender Aussage von sieben Kardiologen morphologisch als die beiden Ventrikel eines Herzens aufzufassen sind. Zudem war eine längere röhrenförmige Struktur erkennbar, die wahrscheinlich von einem der Hohlräume ihren Ausgang nahm und einer unpaaren Aorta entsprechen könnte. Die Wandstrukturen der hypothetischen Ventrikel waren eisenreich, während Eisenminerale in den Hohlräumen wie in den umgebenden Räumen fehlten (Muskelgewebe enthält viel Eisen, welches bei der Fossilisation lokal mineralisiert worden sein könnte). Das Fehlen von Atrien und, neben der hypothetischen Aorta, weiteren Blutgefäßen wird mit dem Kollabieren derselben nach dem Tode erklärt sowie mit ihren im Verhältnis zu den Kammern sehr geringen Wandstärken. Freilich kann eben deswegen die Existenz einer zweiten paarigen Aorta nicht ausgeschlossen werden. In einem technisch verbesserten Computertomogramm soll versucht werden, Spuren von Vorhöfen und Gefäßen zu finden.

Revolutionär ist die nun gut begründete, allerdings noch nicht von allen Experten geteilte Annahme, bereits Thescelosaurus, der nicht in die Reihe der direkten evolutionären Vorfahren von Vögeln und Säugern gestellt wird, habe ein "modernes" vierkammeriges Herz besessen, obgleich dies nach Aussage der Autoren schon länger alleine aufgrund der enormen Körpergröße von Dinosauriern mit der sich daraus ergebenden Notwendigkeit eines leistungsfähigen Herz- Blutkreislauf- Systems vermutet wurde (Morell 2000). Möglicherweise waren Dinosaurier sogar gleichwarm (was schon lange diskutiert wird). In jedem Falle sind die herkömmlichen Präparationstechniken ergänzungsbedürftig. Einer der Autoren führt aus (www.dinoheart.org/mediakit/index.html), daß der Fund aufgrund dieser neuen Vermutungen die bisherigen Theorien über die Evolution der Dinosaurier grundlegend in Frage stelle.

[Fisher PE, Russel DA et al. (2000) Cardiovascular evidence for an intermediate or higher metabolic rate in an ornithischian dinosaur. Science 288, 503-505; Morell V (2000) Revealing a dinoraur's heart of stone. Science 288, 416-417.] WL



Unlängst wurde ein fast vollständig erhaltener 1,75 MrJ (Millionen radiometrische Jahre) alter Schädel von einem Mädchen und ein Schädeldachfragment eines Jugendlichen in Georgien (Dmanisi) beschrieben (Gabunia et al. 2000). Sie lebten zeitgleich mit dem Afrikanischen Homo ergaster, der afrikanischen Form des asiatischen Homo erectus und ähneln diesem auch sehr stark. Mit seiner offenen Buschlandschaft war der georgische Lebensraum zu ihren Lebzeiten Afrika, dem angeblichen Ursprungsort der Gattung Homo, sehr ähnlich.

Bislang geht die anthropologische Mehrheit noch davon aus, daß sowohl die Entstehung der Gattung Homo als auch die letzte Etappe der menschlichen Evolution - die Entstehung des anatomisch modernen Menschen - in Afrika stattfand. Allerdings mehren sich Indizien, daß auch der Nahe Osten als Ursprungsort der Gattung Homo und seiner Nachfahren in Frage kommen könnte. Echte Vertreter der Gattung Homo gibt es ab knapp 1,9 MrJ sowohl in Fernost als auch im Nahen Osten (letztere Datierung ist umstritten). Nach den Ausgräbern könne nun der neue Fund die Idee stützen, daß die Entwicklung des Menschen in einer viel größeren Region als ursprünglich vermutet stattfand - zwischen Ostafrika und dem südlichen Eurasien.

Die Funde werden von zahlreichen einfachen Geröll-Abschlägen begleitet, die sich deutlich von den späteren, ausgefeilteren Faustkeilen unterscheiden. Damit kann nach den Ausgräbern ein Fortschritt in der Steinwerkzeug-Technologie nicht die treibende Kraft für die Wanderungen gewesen sein, sondern wohl eher die Expansion des Lebensraums aufgrund des zu vergrößernden Jagdreviers. Die Menschen zogen gleichermaßen ihren Beutetieren hinterher. Ob diese Formen allerdings die ersten Europäer waren, wie manche Forscher vorschlagen, bleibt heftig diskutiert (siehe Beitrag zum Neandertaler in dieser Ausgabe). Die monozentrische Vorstellung geht davon aus, daß diese Formen und ihre Nachfahren um 50.000 rJ von anatomisch modernen Menschen völlig verdrängt wurden, die aus Afrika oder dem Nahen Osten nach Europa einwanderten.

[Gabunia L, Vekua A, Lordkipanidze D, Swisher CC, 3rd, Ferring R, Justus A, Nioradze M, Tvalchrelidze M, Anton SC, Bosinski G, Joris O, Lumley MA, Majsuradze G & Mouskhelishvili A (2000) Earliest Pleistocene hominid cranial remains from Dmanisi, Republic of Georgia: taxonomy, geological setting, and age. Science 288, 1019-25.] SHS



In der Grundtypenbiologie wird die Existenz genetisch polyvalenter Stammformen heutiger Grundtypen postuliert, d. h. es wird ein vielseitiges ursprüngliches Erbgut angenommen - bedingt durch ein großes Ausmaß an Heterozygotie und programmierter Variabilität. Diese Polyvalenz kann Basis für rasche mikroevolutive Artaufspaltungen innerhalb von Grundtypen sein. Als Beispiel für einen solchen Vorgang kann die Entstehung von sechs neuen chromosomalen Rassen (Arten?) von Hausmäusen (Mus musculus) auf Madeira gewertet werden, die maximal 500 Jahre, vielleicht noch viel weniger Zeit in Anspruch genommen hat. Über entsprechende Beobachtungen berichtet die Evolutionsbiologin Britton-Davidian von der Universität Montpellier. Sie untersuchte mit ihren Mitarbeitern hunderte von Mäusen von 40 Lokalitäten der Insel Madeira und stellte fest, daß sie sich in sechs klar unterscheidbare chromosomale Rassen aufteilen. Da die Hausmäuse erst vor ca. 500 Jahren mit dem Menschen auf die Insel gelangten, müssen sich diese Unterschiede in dieser kurzen Zeit von 1500-2000 Generationen etabliert haben. Hausmäuse besitzen 40 Chromosomenpaare (2N = 40); die "Madeira-Mäuse" dagegen nur 22-30. Diese Verringerung erfolgte nicht durch Verluste, sondern durch Robertsonsche Chromosomenfusionen. Die verschiedenen chromosomalen Rassen sind durch steile Berge voneinander getrennt und leben in verschiedenen engen Tälern. Britton-Davidian et al. (2000) führen die Unterschiede daher auf geographische Trennung und Gendrift, nicht auf Selektion zurück, zumal sich die Mäuse äußerlich kaum unterscheiden. Hybriden zwischen den Rassen wurden in keinem Fall gefunden; die Wissenschaftler vermuten Sterilität aufgrund der chromosomalen Unterschiede. Daher kann definitionsgemäß von verschiedenen Arten gesprochen werden.

[Britton-Davidian J, Catalan J, de Grac,a Ramalhinho M, Ganem G, Auffray J-C, Capela R, Biscoito M, Searle JB & da Luz Mathias M (2000) Rapid chromosomal evolution in island mice. Nature 403, 158.] RJ



Eine tiefe Stimme läßt unwillkürlich auf Größe schließen. Dies macht sich eine Reihe von Vogelarten mittels einer verlängerten Luftröhre zunutze, um eine größere Körpergröße vorzutäuschen, wie Fitch (1999) in einer ausführlichen Darstellung des Phänomens darlegt. Normalerweise ist die Länge der Luftröhre mit der Körpergröße korreliert, so daß die entsprechende Akustik von Vogelrufen Informationen über die Größe des Tieres vermittelt. Bei mindestens 60 Vogelarten ist die Luftröhre erheblich verlängert (bis zu 20fach) und verläuft in Windungen oder Spiralen bis zur Lunge. Die Stimme wird dadurch tiefer. Nützlich dürfte der damit erzielte akustische Effekt bei der Revierverteidigung oder beim Gewinnen von Paarungspartnern sein. Die Vögel mit verlängerter Luftröhre gehören sechs verschiedenen, nicht näher verwandten Ordnungen an. Evolutionstheoretisch muß daher mehrfache konvergente Entstehung dieses Merkmals angenommen werden. Nahe verwandte Arten haben oftmals keine verlängerte Luftröhre.

[Fitch WT (1999) Acoustic exaggeration of size via tracheal elongation: comparative and theoretical analyses. J. Zool. Lond. 248, 31-48.] RJ



Anhand von Fraßspuren an fossilen Blättern von Ingwer (Heliconias, Zingiberales) konnten Wilf et al. (2000) indirekt einen Blattkäfer aus der Familie der Chrysomelidae (Unterfamilie Hispinae) in der Oberkreide nachweisen. Die stereotypen Fraßspuren bleiben in den ausgewachsenen, nicht gerollten Blättern erhalten.

Mit der neuen Hispinae-Käferart (Cephaloleichnites strongi) wurde das erste Auftreten dieser Unterfamilie nach üblicher Lesart 20 Millionen Jahre früher als bisher nachgewiesen. Der beschriebene Befund zeigt auch, daß unmittelbar mit dem fossil dokumentierten Erscheinen der Monokotyledonen (einkeimblättrige Blütenpflanzen) in der Oberkreide (Campan, Maastricht) die entsprechenden Käfer mit ihren auch rezent bekannten Spezialisierungen auf die jeweiligen Futterpflanzen auftreten. Damit ist an einem weiteren Beispiel gezeigt, daß sowohl speziell ausdifferenzierte Arten als auch deren besonders ausgeprägte Verhaltensweisen (Wahl der Futterpflanze) sehr früh und gleichzeitig auftauchen und fossil nachgewiesen werden können.

[Wilf P, Labandeira CC, Kress WJ, Staines CL, Windsor DM, Allen AL & Johnson KR (2000) Timing the radiations of Leaf Beetles: Hispines on Gingers from Latest Cretaceous to recent. Science 289, 291-294; vgl. auch den einführenden Kommentar: Pennisi E (2000) Chewed leaves reveal ancient relationship. Science 289, 229-230.] HB



Weibchen von Schlupfwespen (Ichneumonidae) legen typischerweise ihre Eier mittels eines langen Legebohrers in Wirtsorganismen (z.B. Schmetterlingslarven), welche oft zunächst noch am Leben bleiben, aber nach der Entwicklung der Schlupfwespenlarve sterben und manchmal von dieser auch verzehrt werden.

Eine auffällige Verhaltensweise, die durch eine solche Parasit-Wirt-Beziehung verursacht wird, beschreibt Eberhard (2000) in einer kurzen Mitteilung. Ein Hymenoepimecis-Weibchen paralysiert eine Radnetzspinne (Plesiometa argyra) durch einen Stich in den Hinterleib und legt darin ein Ei ab. Anschließend verhält sich die wieder "zum Leben erwachte" Spinne für 7-14 Tage unauffällig. Am Abend, an welchem die inzwischen entwickelte Schlupfwespenlarve ihren Wirt töten wird, beeinflußt sie dessen Verhaltensweise ganz massiv. Die Spinne, die auch nach dem erfolgten Angriff in gewohnter weise ihre Netzte gesponnen hat, baut an ihrem letzten Abend ein Kokon-Netz, das sehr einfach gebaut ist und zu dessen Herstellung nur die ersten Arbeitsgänge des normalerweise komplexen Spinnverhaltens wiederholt werden. Die weiteren Stadien scheinen unterdrückt zu werden. Mit diesem Verhalten versorgt der Wirt, bevor er getötet und verspeist wird, den Parasiten mit einer dauerhaften Konstruktion für dessen Kokon.

Diese Verhaltensänderung scheint chemisch ausgelöst zu sein, denn die Spinne baut die veränderte Kokon-Netz-Version auch dann, wenn der Parasit kurz vor Beginn des Spinnvorgangs entfernt wird. Die Auslösung erfolgt offenbar auch sehr schnell: entfernt man den Parasiten früh am Abend, so tritt keine Verhaltensänderung ein. Die Einfluß hält auch längere Zeit an: entfernt man den Parasit nach Eintritt der Verhaltensänderung, so wird in der nachfolgenden Nacht ebenfalls ein atypisches Netz gebaut. Unter den vielen bekannten Manipulationen von Wirten durch Parasiten scheint die hier erstmals beschriebene, die am feinsten gelenkte Verhaltensänderung zu sein.

Diffizile Phänome treten nicht nur dort auf, wo man über Lebensäußerungen staunen kann, sondern auch dort, wo Leben zerstört wird.

[Eberhard WG (2000) Spidermanipulation by a wasp larva. Nature 406, 255-256; s. auch die darin angekündigte Fachpublikation.] HB



Die Einführung des Alphabets anstelle der älteren Silbenschrift ist eine der ganz großen Kulturleistungen der Menschheit. Konventionell wird sie ägyptisch beeinflußten Siedlern im syro-palästinischen Raum zugeschrieben. Inschriften in Kanaan und auf dem südwestlichen Sinai werden auf 1650 bis 1550 v.Chr. datiert. Nach ihnen hat die neue Schrift ihren Namen: proto-kanaanitisch oder proto-sinaitisch. P. Kyle McCarter, Jr., Professor an der John-Hopkins-Universität und Experte für alte Schrift zieht diese Sichtweise nun in Zweifel. Auslöser seiner Überlegungen sind neue Funde desselben Schrifttyps im südlichen Ägypten. John und Deborah Darnell hatten die in die Wände einer Heeresstraße eingeritzten Zeichen unlängst im Wadi el-Hol (etwas frei übersetzt "Tal des Schreckens") nördlich von Luxor entdeckt. Entstanden ist die Inschrift zur Zeit des Mittleren Reiches. McCarter setzt für ihre Entstehung eine Zeit um 1800 v.Chr. oder früher an. Obwohl die Entzifferung des Alphabetes bis heute nicht vollständig gelungen ist, glauben die Experten zwei Wörter lesen zu können: den Namen eines Fürsten und einen Bezug zu einer Gottheit. Die Entstehung der Schrift schreiben sie in Ägypten ansässigen Semiten zu. In unmittelbarer Nähe des Textes hat sich - allerdings nicht in Buchstabenschrift - ein gewisser Bebi, "General der Asiaten" verewigt. Die alten Ägypter bezeichneten alle Ausländer als Asiaten, zumeist handelte es sich dabei um Menschen aus der Levante nordöstlich des Nillandes und v.a. aus Kanaan.

[Not as Simple as A-B-C. Earliest Use of Alphabet Found in Egypt. Biblical Archaeology Review 26 (1/2000), S. 12.] UZ



Zypern war das erste Missionsziel des Paulus. Gemeinsam mit Barnabas durchzog der Apostel die Sonneninsel von Salamis im Nordosten bis nach Paphos im Westen. Lokaler Tradition zufolge war das um das Jahr 45 n. Chr. Von Paphos berichtet die Apostelgeschichte über den Zusammenstoß der Missionare mit dem Zauberer Elymas und über die Bekehrung des römischen Prokonsuls Sergius Paulus (Apostelgeschichte 13). Ein italienisches Archäologenteam um Filippo Guidice hat nun bei Grabungen in Paphos ein Fragment einer Marmortafel mit der Eingravierung LOY und OSTO gefunden, die sie zu (PAU)LOY (AP)OSTO(LOY) oder auch (SAU)LOY (AP)OSTO(LOY), "Paulus (oder Saulus) - Apostel" ergänzen. Die Tafel fand sich in den Ruinen einer frühchristlichen Basilika, die über einem früheren heidnischen Tempelkomplex zu Ehren der Götter Apollo, Artemis und Äskulap, dem Sohn des Apollo und Gottes der Heilkunst, errichtet wurde. Die Kirche stammt vermutlich aus der Zeit eines späteren Zypernmissionars, des Mönches Hilarion von Gaza (ca. 291-371 n. Chr.). Die Marmortafel selbst ist aber Guidice zufolge deutlich älter. Sein Statement: "Auf der Grundlage des Stils können wir die Inschrift in das erste oder zweite Jahrhundert datieren."

[Harris J (2000) Putting Paul on the Map. Apostel's Name Found on Cyprus Inscription. Biblical Archaeology Review 26, S. 14.] UZ



Von allen Orten werden nur Jerusalem und Kapernaum öfter in den Evangelien erwähnt als Bethsaida, die Fischersiedlung am See Genezarath. Drei Jünger Jesu, Philippus, Andreas und Petrus stammen von hier. Aus der Umgebung der Stadt berichtet das Neue Testament von zahlreichen Taten Jesu, von der Heilung eines Blinden (Markus 8), der Speisung der 5000 (Lukas 9) u.a.m. (vgl. a. Matth. 11, 20-23). Und doch waren bereits frühchristliche Pilger nicht mehr in der Lage, den Ort zu lokalisieren. Das Rätsel bleib bis in die allerjüngste Zeit ungelöst. Im Jahre 1838 meinte der Amerikaner Edward Robinson einen Hügel zweieinhalb Kilometer nordöstlich des Sees Genezarath als Bethsaida identifizieren zu können. Er nannte ihn einfach et-Tell (der Hügel). Durchsetzen konnte sich dieser Vorschlag aber seinerzeit nicht. Was sollte eine Fischersiedlung soweit entfernt vom Wasser zu suchen haben? Lange Zeit waren statt dessen andere Stellen direkt am Seeufer im Gespräch. Unlängst sammelte nun ein Archäologenteam der Universität von Nebraska eine Reihe von Hinweisen, die kaum noch einen Zweifel daran lassen, daß et-Tell tatsächlich Bethsaida war. Rami Arav und Richard A. Freund konnten nachweisen, daß et-Tell von allen diskutierten Stellen die einzige ist, die in der fraglichen Periode von 37 v. Chr. bis 324 n. Chr., der römischen Zeit, überhaupt besiedelt war. Die entscheidende Erklärung für die seltsame Lage des Ortes gelang schließlich dem dritten im Bunde, dem Geologen John F. Shroder. Es ist nicht ungewöhnlich, daß antike Hafenstädte heute einige Kilometer im Landesinneren liegen. Im Falle von et-Tell konnte Shroder anhand von Seeablagerungen einschließlich Resten von Krustentieren am Fuß des Hügels zeigen, daß der Ort in früherer Zeit direkt am Seeufer gelegen hatte. Radiokarbondatierungen der Reste weisen auf Alter zwischen 68 und 375 n. Chr. hin. Später wurden diese Ablagerungen mit Kies und Geröll überschüttet. Die Forscher vemuten, daß das große Erdbeben des Jahres 363 v. Chr. und große Erdrutsche das Seeufer zurückverlagert haben. Bethsaida blickte zu Jesu Zeiten bereits auf eine große Vergangenheit zurück. Die Forscher vermuten, daß der Ort zeitweilig die Hauptstadt des starken Königreiches von Geschur war, das bereits in den el-Amarna-Briefen (konventionell ins 14. Jhd. v.Chr. datiert) erwähnt wurde. Im zehnten Jahrhundert war die Stadt mit David verbündet. Später wurde sie u.a. von den Assyrern erobert. In neutestamentlicher Zeit kam dem Ort nur noch eine Rolle als Provinzstadt zu. Nach Josephus wurde Bethsaida 30 n.Chr. unter Philippus, dem Sohn Herodes des Gr. zu Ehren Julia-Livias, der Gattin des römischen Kaisers Augustus und Mutter des Tiberius in Julias umbenannt. Mit diesem Ereignis könnte ein römischer Tempel in Verbindung stehen, den die Ausgräber ebenfalls entdeckten. Im dritten Jahrhundert wurde die Stadt vermutlich wegen des Rückzuges des Seeufers aufgegeben.


Abb. 2Abb. 2: Nordufer des Sees Genezareth heute (oben) und vor 2000 Jahren (unten)

[Arav R, Freund RA & Shroder JF (2000) Bethsaida Rediscovered. Long-Lost City Found North of Galilee Shore. Biblical Archaeology Review 26, S. 45-56.] UZ



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