ThemenKurzbeiträgeStreiflichter
Druckerfreundliche Ansicht dieser Seite


Zweifel am Alter des Kosmos?

von Norbert Pailer

Studium Integrale Journal
8. Jahrgang / Heft 1 - April 2001
Seite 29 - 30



Neuer Galaxientyp?

Möglicherweise wurde mit dem Hubble Weltraumteleskop und dem australischen Radioteleskop CSIRO ein völlig neuer Galaxientyp entdeckt, der sich durch eine rund hunderfach höhere Sternentstehungsaktivität auszeichnet (Norris 2000). Galaxien dieses Typs sollen im Bereich des sichtbaren Lichts ausnahmslos dunkel, im Bereich der Radiowellen jedoch sehr hell sein.

Die Entfernung dieser Galaxien wird auf fünf bis elf Milliarden Lichtjahre geschätzt. Damit wären sie im Extremfall (bei maximaler Entfernung) überraschend kurz nach dem postulierten Urknallereignis entstanden.

Größte Struktur im Kosmos

Neben diesen sehr frühen Galaxien sorgte die Entdeckung der bislang größten Struktur im Kosmos für Aufsehen: Eine Gruppe amerikanischer Astronomen der National Optical Astronomy Observatories in Greenbelt, Maryland, glaubt, auf eine 600 Millionen Lichtjahre große Anhäufung von Quasaren und Galaxien gestoßen zu sein, die sich in rund 6,5 Milliarden Lichtjahren Entfernung von uns befinden soll. Von der Erde aus gesehen liegt der ungeheuer große Galaxienhaufen etwas südlich vom Zentrum des Sternbilds Löwe und erstreckt sich am Firmament über zwei bis fünf Winkelgrad, das entspricht aus irdischer Perspektive einer Fläche von rund 40 Mal der Größe des Vollmondes. Noch weiter entfernte aber selbst mit größeren Teleskopen unsichtbare Galaxien könnten zudem zu diesem gewaltigen Komplex von Galaxienverbänden gehören. Eine solche Anhäufung wirft für die Astronomen im Rahmen des Urknallmodells jedoch Probleme auf, denn die Struktur ist eigentlich zu groß, um allein unter dem Einfluß der Schwerkraft in der "kurzen" Zeit von rund 12 Milliarden Jahren seit dem Urknall entstanden zu sein. Diese Beobachtungen stellen die Theorie der Galaxienentstehung damit auf eine harte Probe. "Das beobachtete Licht dieser Galaxiengruppe", so erklärt der beobachtende Astronom Gerard Willinger vom 4-Meter-Teleskop des Inter-American Observatory in Cerro Tololo, Chile, "hat so einen ungeheuer langen Weg zurücklegen müssen, daß es von den Galaxien vor der Entstehung der Erde ausgesendet wurde - wir sehen die Galaxiengruppe zu einem Zeitpunkt, als unser Universum erst ein Drittel des heutigen Alters hatte, etwa 4,5 Milliarden Jahre nach dem Urknall."

Normalerweise befinden sich in einer Himmelsregion dieser Größe nur zwei bis drei Quasare und vier Galaxien. Willinger und sein Team beobachteten dagegen 18 Quasare und 11 Galaxien - ein gewaltiger Massenüberschuß!

Lokale Gruppe

Unsere Galaxie ist Mitglied von mindestens 30 Galaxien, der sogenannten Lokalen Gruppe, die sich mehr als drei Millionen Lichtjahre weit im Raum ausdehnt (vgl. Abb. 1). Über die Hälfte sind mit 6 000 Lichtjahren Durchmesser kleine oder Zwerggalaxien. Deren Sterne bewegen sich mit hoher Geschwindigkeit voneinander weg, was durch die gemessene Radialgeschwindigkeit gezeigt werden kann, die bis zu 10-12 km/sec betragen kann.


Abb. 1: Der Andromeda-Nebel, eines der ca. 30 Mitglieder der Lokalen Gurppe.
Abb. 1

Astronomen haben schnell realisiert, daß sich diese Sterne nicht schon seit Milliarden von Jahren mit dieser Geschwindigkeit bewegen können, denn sonst müßten sich die Zwerggalaxien schon längst aufgelöst haben, weshalb sich dieses Phänomen nicht ohne weiteres in Urknallvorstellungen einreihen läßt. Bei dieser Eigenbewegung ihrer Sterne sollten sich die Zwerggalaxien bereits nach 100 Millionen Jahren aufgelöst haben. Deshalb bleibt die Frage: Wie ist es möglich, daß die Zwerggalaxien noch immer Sterne mit hoher Radialgeschwindigkeit beherbergen? Die Antwort, die üblicherweise gegeben wird, ist "Dunkle Materie", welche die Objekte zusammen halten soll. "But for a tiny galaxy like Draco, it (the speedy star problem) is enormous. To hold on to such speedy stars, dim Draco must have a large mass and enormous quantity of dark matter" (Croswell 1995).

Nun hat in den letzten Jahren die Astrometrie-Sonde Hipparcos wesentliche Beiträge geliefert, um in unserer kosmischen Nachbarschaft von etwa 400 Lichtjahren Aussagen über Dunkle Materie zu machen (Perryman 1999): "This sample provides the first reliable, homogenous tracer of mass and stellar motions in our part of the galaxy. It indicates that the total mass in the solar neighbourhood amounts to 0.076 +/- 0.015 solar mass per cubic parsec, roughly twice the amount from stars alone and well below all previous determinations - though compatible with all observations of interstellar gas and dust. This result leaves no room for significant dark matter in the Milky Way's disk. A nearly spherical halo of dark matter extending to the galaxy's outer reaches is still needed, however, to explain the high speeds at which the Milky Way's outlying parts rotate."

Wenn daraus auch kein junges Alter für den Kosmos ableitbar ist, für eine junge Lokale Gruppe sprechen diese Ergebnisse.



Literatur

  • Croswell K (1995) The Alchemy of the Heavens, Anchor Books, p. 206
  • Perryman M (1999) Hipparcos: The Stars in Three Dimensions, Sky & Telescope 97(6), 44.


zum Seitenanfang

Themen | Kurzbeiträge | Streiflichter

Studium Integrale Journal

Home Publikationen Zeitschrift (SIJ) 8. Jg. Heft 1

Studiengemeinschaft WORT und WISSEN e.V.
Letzte Änderung: 05.01.2005
Webmaster