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Haben die Australopithecinen ausgedient?
Kenyanthropus und Orrorin rütteln am Stammbaum

von Sigrid Hartwig-Scherer

Studium Integrale Journal
8. Jahrgang / Heft 2 - Oktober 2001
Seite 85 - 88


Zusammenfassung: Seit mehr als einem halben Jahrhundert gelten die Australopithecinen als einzig mögliche Vorfahrengruppe des Menschen. Nun rütteln die Entdecker der beiden neuen Fossilformen Kenyanthropus und Orrorin am menschlichen Stammbaum und sägen dabei kräftig am Australopithecinen-Ast. Beide Forschergruppen erheben für ihre Funde den Anspruch auf direkte Vorfahrenschaft des Menschen und rücken die Australopithecinen mehr oder weniger komplett auf einen für die menschliche Evolution unbedeutenden Seitenast. Allerdings werfen beide Fossilien bezüglich ihrer widersprüchlichen Merkmalskombinationen ähnlich gelagerte Probleme wie die altgedienten Australopithecinen auf: Auch mit den neuen Funden gelingt es nicht, einen auch nur einigermaßen widerspruchsfreien menschlichen Stammbaum zu konstruieren. Alternativ kann Kenyanthropus in den Grundtyp der Australomorphen gestellt werden; die Einordnung von Orrorin ist aufgrund des geringen Fundmaterials unsicher.



Ein 3,5 MrJ alter Schädel (Katalognummer KNM-WT 40000; Abb. 1) aus Lomekwi vom westlichen Ufer des Turkana-Sees in Kenya ist nach Meinung der Entdecker ein Vertreter einer neuen Hominiden-Gattung. Gleichzeitig wird er einer neuen adaptiven Radiation (= Entstehung mehrerer Taxa aufgrund von Anpassung an neue Nischen) zugeordnet (LEAKEY et al. 2001). Seine Merkmalskombination erlaube weder eine Eingliederung in die Hominidengattungen Ardipithecus, Australopithecus, Paranthropus (den robusten Australopithecinen) noch in Homo.

Abb. 1: Das "Flachgesicht" Kenyanthropus platyops.

Der Schädel zeigt eine einzigartige Kombination von ursprünglichen und abgeleiteten Merkmalen:

  • Das Gehirn und die Ohröffnung sind so klein wie bei den Schimpansen, bei Ardipithecus ramidus und bei A. anamensis,
  • der Zahnschmelz auf den Backenzähnen ist dick wie bei A. afarensis („Lucy“), A. anamensis und anderen robusten Australopithecinen,
  • die oberen Vorbackenzähne sind dreiwurzelig wie bei Paranthropus,
  • die Wangenknochen sind groß mit vorgezogenem Jochbeinbogenansatz und dem flächig ausgezogenen Part unterhalb der Nase („Flachgesicht“) wie bei KNM-ER 1470 (s. u.),
  • die Oberkiefermorphologie ist wie bei „Homo“ alias Australopithecus habilis (vgl. HARTWIG-SCHERER 1999)
  • die Backenzähne sind klein wie beim Menschen.

Besonderes Kopfzerbrechen macht die ungewöhnliche Kombination von flachem Gesicht aufgrund der speziellen Wangenknochenkonstruktion mit den ungewöhnlich kleinen Backenzähnen: alle anderen frühen robusten Formen mit großflächigen Gesichtern hatten auch große Backenzähne. Damit sei der neue Fund ein richtiger „Spielverderber“ (LIEBERMAN 2001). Sein Name Kenyanthropus platyops bedeutet soviel wie „der Mensch aus Kenya mit dem Flachgesicht“, wobei die Bezeichnung „Mensch“ nicht gerechtfertigt ist. Dieser Schädel ähnelt – mit Ausnahme seines viel kleineren Gehirnschädels – dem nur halb so alten KNM-ER 1470 (1,8 MrJ), der früher als Homo rudolfensis der älteste Vertreter der Gattung Homo war, vor zwei Jahren jedoch vorläufig zu den Australopithecinen gestellt wurde. Mit dem Neufund scheint nun auch KNM-ER 1470 endlich eine neue taxonomische Heimat gefunden zu haben – Kenyanthropus rudolfensis.

Da man der Errichtung einer neuen hominiden Gattung immer mit einer gewissen Reserviertheit gegenübersteht, wäre die Zusammenfassung aller frühen Hominiden in die Gattung Australopithecus im weiteren Sinne eine Alternative gewesen, wobei dieses Taxon zu einem recht verwirrenden Sammeleimer für sehr unterschiedliche Formen verkommen wäre.

Da dieses Fossil ungefähr zeitgleich mit der Art A. afarensis lebte, tritt es in direkte phylogenetische Konkurrenz mit Lucy und ihren Artgenossen. Haben die Australopithecinen ausgedient (siehe auch Abb. 3)?


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Kurz vor dieser an sich schon sensationellen Veröffentlichung wurde – ausgerechnet von einem der Erzfeinde des Leakey-Clans, Martin PICKFORD, ein Fossil publiziert (SENUT et al. 2001), das in der Tagespresse als „Millenium-Man“ bezeichnet wurde (Abb. 2). Er soll mit seinen 6 MrJ der älteste Vorfahre der menschlichen Linie sein und kurz nach der angenommenen Trennung von Schimpansen- und Menschenlinie gelebt haben. Sein wissenschaftlicher Name Orrorin tugenensis bedeutet im Lokaldialekt der Tugen-Sprache soviel wie der „Ursprungsmensch von Tugen Hills“.

Abb. 2: Die fossilen Hinterlassenschaften des "Millenium-Man" Orrorin tugenensis.

Die Beschreiber dieses Fundes erheben ihren Anspruch noch radikaler als die des „Flachgesichts“ Kenyanthropus. Wie schon der Name andeutet – Ursprungsmensch – soll er die um 2-3 MrJ jüngeren Australopithecinen – die Süd-Affen – von unten her ablösen und diese zum Seitenast des menschlichen Stammbaums degradieren. 13 Fragmente, einschließlich Front- und Seitenzähne, drei Oberschenkelstücke und ein Oberarmknochen sowie Fingerknochen stammen von mindestens fünf verschiedenen Individuen, die am Seeufer und in den offenen Waldgebieten gelebt haben. Da der Oberschenkel von Orrorin um 50% größer gewesen sein muß als Lucys, könnte auch die Körpergröße an die 1,50 m gewesen sein, was ein gängiges Bild über die kleine Statur früher Hominiden zu stürzen droht. Der Status, der ihn „menschlicher“ als Lucy erscheinen läßt, beruht u.a. auf der Morphologie der Backenzähne und des Oberschenkelgelenks. Die quadratischen Backenzähne sind viel kleiner als die der meisten Australopithecinen und von Ardipithecus, jedoch bedeckt mit sehr dickem Zahnschmelz wie bei Homo und den Australopithecinen. Schimpansen und Ardipithecus ramidus, ein anderer Vorfahrenkandidat, besitzen dagegen einen dünnen Zahnschmelz. Größe und Morphologie der Zähne seien insgesamt intermediär zwischen Schimpanse und Homo und weniger spezialisiert als die der Australopithecinen.

Der Oberschenkelkopf ist um einiges größer als bei Lucy, wenn auch nicht ganz so groß wie bei Homo, weswegen die Beschreiber auf einen aufrechten Gang schließen, der damit „menschlicher“ als der Lucys gewesen sein müsse. Damit wird – nach Meinung der Erstbeschreiber – die nur halb so alte, und zudem „primitivere“ Lucy aus dem Rennen um die direkte Vorfahrenschaft geworfen. Ein Einwand der Fachwelt ist, daß auch die männlichen Vertreter von A. afarensis größere Oberschenkelköpfe besitzen als dessen weibliche Vertreter. Zur weiteren Klärung wäre zumindestens auch ein Kniegelenk vonnöten, um die Art des Gangs besser beurteilen zu können, doch das ist für Orrorin (noch) nicht gefunden worden.

Gleichzeitig mit den Anpassungen an den bipeden (zweibeinigen) Gang weisen der kräftige Oberarmknochen und leicht gebogene Handknochen auf die Lebensweise eines Baumbewohners hin, ähnlich des Schimpansen, A. afarensis und anderen grazilen Hominiden.

Nach SENUT et al. (2001) stellt Ardipithecus, der von WHITE und Mitarbeitern als die Wurzelform der hominiden Linie in die Anthropologenliteratur (WHITE et al. 1994) eingeführt wurde, einen Vorfahren des Schimpansen dar. Es sei bislang der Beweis ausgeblieben, daß Ardipithecus bipede Anpassungen besaß, ja sogar ob er überhaupt hominiden Status beanspruchen könne (siehe jedoch den nachfolgenden Beitrag). Diesen Status nehme jetzt Orrorin ein (Abb. 3). Damit müssen sich die Australopithecinen auch wesentlich früher – vor ca 7,5 MrJ – von der menschlichen Linie getrennt haben, während die Spaltung zwischen Schimpanse und Mensch zwischen 8 und 9 MrJ stattgefunden habe. Die Australopithecinen werden damit kurzerhand aus der näheren Vorfahrenschaft des Menschen verbannt, die Formen A. anamensis und Teile von A. afarensis kurzerhand als Praeanthropus umbenannt. Bahn frei für Orrorin – fast mit Direktverbindung nach Homo. Erstaunlich, daß gegen diese unorthodoxe Stammbaumversion keiner der Begutachter des renommierten Journals Sturm gelaufen ist, in welchem diese Auffassung vorgestellt wurde.

Abb. 3:
Mitte: Die momentan bekannten Hominiden und ihr zeitliches Vorkommen. Die Gruppierung der Gattungen Homo bzw. Paranthropus ist relativ klar und unumstritten, nicht jedoch für die anderen Hominiden. Die mögliche Grundtypgrenze der Australopmorphen ist mit Punktierung angedeutet. Zu welchem Grundtyp die miozänen Menschenaffen Ardipithecus und Orrorin gehören, bleibt offen.
Links: Die neue Gattung Kenyanthropus verdrängt die Australopithecinen außer A. anamensis auf einen Seitenast.
Rechts: Der von SENUT & PICKFORD (2001) vorgeschlagene Stammbaum (verändert nach AIELLO & COLLARD 2001). Zu Praeanthropus zählen SENUT & PICKFORD solche Formen, die angeblich besser an den zweibeinigen Gang angepaßt sind als die meisten Australopithecinen, nämlich A. anamensis und Teile der Art A. afarensis, deren taxonomische Einheitlichkeit sie weiterhin bestreiten. Ardipithecus ramidus ist gänzlich aus dem Rennen und wird zum Vorfahren der Afrikanischen Menschenaffen gemacht.

Viele der Kollegen sind äußerst kritisch bezüglich der Vorfahrenschaft der menschlichen Linie. Orrorin könne genauso ein Vorfahre des Schimpansen oder ein ausgestorbener miozäner Menschenaffe sein (David BEGUN in BALTER 2001). Mancher wäre davon begeistert, denn Orrorin würde eine schmerzliche Lücke im Fossilbefund der Afrikanischen Menschenaffen füllen.

Trotz oder wegen seiner Brisanz wurde dieser Fund auf der diesjährigen Konferenz der American Association of Physiscal Anthropologists mit Schweigen bedacht, während Meave LEAKEYs Kenyanthropus ausgiebig gewürdigt wurde. Möglicherweise ist dieser „Boykott“ eine Loyalitätsbekundung mit dem Leakey-Clan und eine Art Sanktionierung gegen eine möglicherweise illegale Grabung und wegen Mißachtung kollegialer und paläontologischer Konventionen, was allerdings von PICKFORD aufs heftigste bestritten wird.


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Aus der Sicht der Grundtypbiologie kann Kenyanthropus platyops in den Grundtyp der Australomorphen eingereiht werden. Dieser Fund bestätigte zudem die erst kürzlich erfolgte taxonomische Revision von KNM-ER 1470 (ehemals Homo rudolfensis): Nach dessen Ausschluß aus der Gattung (und dem Grundtyp) Homo (WOOD & COLLARD 1999, siehe auch HARTWIG-SCHERER 1999) und seiner vorübergehenden Eingliederung in die Gattung Australopithecus scheint jetzt seine Zugehörigkeit zur neuen Gattung als eigene Art festzustehen (Kenyanthropus rudolfensis), sodaß der Grundtyp der Australomorphen um eine Gattung und zwei Arten reicher geworden ist.

Die Eingliederung von Orrorin steht vor größeren Problemen, zumal neben den Langknochenelementen nur Schädelbruchstücke vorliegen. Möglicherweise gehört er eher einem separaten, noch nicht beschriebenen Grundtyp aus der großen Fülle der vielgestaltigen miozänen Menschenaffen an.

Sowohl Kenyanthropus als auch Orrorin haben gemeinsam, daß sie zwei seit längerem beobachtbare Trends bestätigen:

1. die Diversität hominider Fossiltaxa des frühen, mittleren und späten Pliozän nimmt in atemberaubender Weise zu.

2. die verwirrende mosaikartige Kombination von Merkmalen wird mit jedem Fund vielfältiger.

Mittlerweile wird mehr oder weniger auffällig am Ast der Australopithecinen als Vorfahrengruppe des Menschen gesägt

Für die Evolutionsbiologie wird aufgrund dieser mosaikartig verteilten Merkmale eine widerspruchsfreie Aneinanderreihung potentieller Vorfahren immer schwieriger, d.h. die Rekonstruktion eines Stammbaums gestaltet sich immer problematischer und verursacht zudem taxonomische Kopfschmerzen. LIEBERMANN scheint aufgrund dieser Vieldeutigkeit gar keinem Stammbaum mehr so recht glauben zu wollen (LIEBERMAN 2001).

Zum anderen haben die beiden Neufunde aber auch gemeinsam, daß alte Paradigmen in Frage gestellt werden: zumindest sägen ihre Beschreiber mehr oder weniger auffällig am Ast der Australopithecinen als die hominide Vorfahrengruppe (BALTER 2001). Friedemann SCHRENK vermutet in einem FAZ-Artikel, daß alte Denkmäler gestürzt werden sollen. Mit den alten Denkmälern kommt man im Rahmen der Evolutionslehre tatsächlich nicht weiter in der Frage, welche der uns bekannten Fossilformen nun wirklich an der Evolution des Bauplans „Mensch“ beteiligt gewesen sein könnten. Doch ob die neuen Formen wirklich bessere Dienste als die Australopithecinen leisten, ist mehr als fraglich, denn hier deuten sich die gleichen Probleme an – Mosaikmerkmale, Merkmalskonflikte und fehlende Vor- oder Nachfahren.


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Literatur

AIELLO LC & COLLARD M (2001)
Our newest oldest ancestor? Nature 410, 526-527.
BALTER M (2001)
Paleoanthropology. Scientists spar over claims of earliest human ancestor. Science 291, 1460-1461.
HARTWIG-SCHERER S (1999)
"Homo" habilis jetzt kein Mensch mehr. Stud. Int. J. 6, 85-87.
LEAKEY MG, SPOOR F, et al. (2001)
New hominine genus from eastern Africa shows diverse middle Pliocene lineages. Nature 410, 433-440.
LIEBERMAN DE (2001)
Another face in our family tree. Nature 410, 419-420.
SENUT B, PICKFORD M, et al. (2001)
First hominid from the Miocene (Lukeino formation, Kenya). C. R. Acad. Sci., Paris 332, 137-144.
WHITE TD, SUWA G, et al. (1994)
Australopithecus ramidus, a new species of early hominid from Aramis, Ethiopia. Nature 371, 306-312.
WOOD BA & COLLARD M (1999)
The changing face of genus Homo. Evol. Anthropol. 8, 195-207.


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Letzte Änderung: 24.02.2007
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