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Ardipithecus – Orrorins Konkurrent – schlägt zurück

von Sigrid Hartwig-Scherer

Studium Integrale Journal
8. Jahrgang / Heft 2 - Oktober 2001
Seite 88 - 89


Kurz vor Redaktionsschluß dieser Ausgabe erschien die Beschreibung einer Unterart von Ardipithecus ramidus (HAILE-SELASSIE 2001). Die Fossilien wurden zwischen 1997 und 1999 im Middle Awash River Valley, Äthiopien, 70 km von „Lucys“ Fundort entfernt, geborgen: Die elf Fossilstücke bestehen aus einem Kieferfragment, einigen Zähnen, Finger- und Zehenfragmenten, einigen partiellen Armknochen und einem Stück Schlüsselbein. Sie gehörten zu mindestens 5 Individuen und wurden auf 5,2 bis 5,8 MrJ datiert.

Die Brisanz dieses Fundes liegt in dem sich zuspitzenden Gerangel um die phylogenetische Position des ältesten direkten Vorfahren des Menschen. Im Februar hatten SENUT & PICKFORD (2001) den 6 MrJ alten Orrorin als direkten und ältesten Vorfahren des Menschen eingeführt (siehe vorstehenden Beitrag) und kurzerhand die 4,4 MrJ alte Art Ardipithecus ramidus als nicht-hominid aus diesem Status verdrängt.

Nun kam der Gegenschlag mit der wesentlich älteren Unterart. Yohannes HAILE-SELASSIE, ein Doktorand der Universität von California in Berkeley, drehte mit Ardipithecus ramidus kadabba (übertragen etwa „der Bodenaffe als Wurzel für die Basis der Familie“), den Spieß um: das Zehenfragment der neuen Unterart passe zu einer frühen Form des aufrechten Gangs, und die großen Zähne ließen die Vorläuferschaft für die späteren Australopithecinen offensichtlich werden (auch wenn A. ramidus dünnen Zahnschmelz wie die Afrikanischen Menschenaffen besitzt). Wegen des Vorkommens anderer primitiver Merkmale bei Zähnen und Knochen stünde Ardipithecus dem gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Menschenaffe sehr nahe. Orrorin tugenensis würden dagegen die wesentlichen Merkmale für einen Hominiden fehlen, die Eckzähne seien typisch für einen Menschenaffen, und das Oberschenkelfragment sei nicht ausreichend, um den aufrechten Gang zu belegen (doch wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen: wie kann man ein Zehenfragment gegen ein Oberschenkelteil inklusive Gelenk ausspielen?).

SENUT konterte, daß die Merkmale der Zehe nicht auf aufrechten Gang hinweisen würden, sondern zur Grundanpassung an die kletternde Lebensweise gehörten. Zudem seien die Backenzähne „ihres“ Orrorin wie beim heutigen Menschen klein und quadratisch anstatt groß wie bei den spezialisierten Australopithecinen (weswegen diese auf einen ausgestorbenen Seitenast geschoben werden müssen; Abb. 3 im vorstehenden Beitrag).

Wer auch immer siegreich aus diesem Disput hervorgehen wird, eines ist auf jeden Fall spannend: Alle Formen, die zweibeinige Anpassungen zeigen und aus der phylogenetisch interessanten Zeit zwischen 4,5 und 6 MrJ stammen, lebten nach paläoökologischen Befunden in lichten Wäldern und nicht wie früher angenommen in der offenen Savanne. Der angenommene Selektionsdruck für die Entstehung des aufrechten Gangs kann damit nicht mehr das schnelle Entkommen in der ungeschützten Savanne o.ä. sein. Jetzt versucht man das Überbrücken von einem Fruchtbaum zum nächsten dafür verantwortlich zu machen. Damit fällt endgültig ein Paradigma, das man jahrzehntelang als treibende Kraft für die Evolution des aufrechten Gangs gelehrt hat.

Die beiden Fossil-Konkurenten können alle erdenklichen Positionen einnehmen: gemeinsamer Vorfahre von Schimpansen und Menschen, Vorfahre des Menschen, Vorfahre des Schimpansen, oder keines von allem.

Einige Kollegen sind zwar gegenüber Ardipithecus als direktem Vorfahren nicht ganz so skeptisch wie gegenüber Orrorin, weisen aber auf die Möglichkeit hin, daß beide Formen zur überaus vielfältigen Gruppe mittelpleistozäner Menschenaffen gehören könnten, die ohne lebende Nachfahren blieben. Aufgrund der zeitlichen Nähe zur Aufspaltung von Mensch und Menschenaffe könne man sowieso wegen der dort zu erwartenden anatomischen Ähnlichkeit nicht mehr zwischen einem Vorfahren des Menschen und einem Vorfahren von Menschenaffen unterscheiden. Ardipithecus besitzt außer einigen Zahnmerkmalen und dem Zehenfragment keine entsprechenden als hominid interpretierbaren Merkmale, wobei momentan die Definition für „hominid“ zudem als vage und revisionsbedürftig kritisiert wird: so ist der zweibeinig aufrechte Gang nicht mehr notwendigerweise ein Merkmal für die menschliche Vorfahrenschaft und kein diagnostisches Merkmal für den Status „hominid“. So können die beiden Fossil-Konkurrenten alle erdenklichen Positionen einnehmen: gemeinsamer Vorfahre von Schimpanse und Menschen, Vorfahre des Menschen, Vorfahre des Schimpansen, oder keines von allem (sprich ein ausgestorbener Menschenaffe unter vielen anderen). Warum sollten die aufrecht gehenden Menschenaffen nicht um zwei neue Formen bereichert werden, die – wie schon zuvor Oreopithecus – nichts mit der Vorfahrenschaft zum Menschen zu tun haben? Auch die Australopithecinen könnten zu dieser Gruppe gerechnet werden – angesichts der neuesten Entwicklungen ein nicht mehr ganz so häretischer Gedanke wie früher.


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Literatur

GEE H (2001)
Return to the planet of the apes. Nature 412, 131-132.
HAILE-SELASSIE Y (2001)
Late Miocene hominids from the Middle Awash, Ethiopia. Nature 412, 178-181.
SENUT B, PICKFORD M, et al. (2001)
First hominid from the Miocene (Lukeino formation, Kenya). C. R. Acad. Sci. Paris 332, 137-144.


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