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Wolf-Ekkehard Lönnig
Die Evolution der Langhalsgiraffe (Giraffa camelopardalis L.)

Was wissen wir tatsächlich? Testfall für Gradualismus, Makromutationen und intelligentes Design.

Rezension von Reinhard Junker

Studium Integrale Journal
19. Jahrgang / Heft 2 - Oktober 2012
Seite 124 - 125


Wolf-Ekkehard Lönnig
Die Evolution der Langhalsgiraffe (Giraffa camelopardalis L.)
Was wissen wir tatsächlich? Testfall für Gradualismus, Makromutationen und intelligentes Design. MV-Verlag Münster:
133 Seiten mit teils farbigen Abbildungen, 17,50 Euro

Das Buch entstand als Folge einer Kritik an einer Passage des Films „Hat die Bibel doch Recht?“ (Dreilindenfilm Berlin, 1998). Dieser Film enthält eine kurze Sequenz zur Entstehung der Giraffen, die in einer Fernsehsendung vom Biologen Ulrich Kutschera als falsch kritisiert wurde. Es gebe Übergangsformen zwischen Giraffen mit kurzen und langen Hälsen. Die Evolution der Giraffen könne anhand von Fossilfunden rekonstruiert werden. Und in seiner „Evolutionsbiologie“ behauptet Kutschera (2006, 204), unzählige, aufeinanderfolgende kleine mikroevolutive Schritte würden zu großen Veränderungen in der Körperform führen (was aktuell so nicht mehr von allen Evolutionsbiologen gesehen wird).

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Es ist das Verdienst von Wolf-Ekkehard Lönnig, diese Behauptungen anhand der Fachliteratur geprüft zu haben. Er gibt einen detaillierten Überblick über die fossilen Formen von Giraffen und nahe stehender Gattungen inklusiver ihrer zeitlichen Stellung und zeigt, dass es eine deutliche Lücke zwischen Formen mit kurzen Hälsen wie das Okapi und den Langhalsgiraffen gibt und keine Serie von Übergangsformen. Dies wird durch auch eine Reihe von Zitaten aus der Fachliteratur bestätigt.

Im ersten Teil des Buches bespricht der Autor drei populäre Darstellungen zur Entstehung der Giraffe, darunter eine Passage aus Richard Dawkins’ Buch „Climbing Mount Improbable“. Problematisch ist darin, dass die Unterschiede zwischen Okapis und Giraffen dadurch verwischt werden, dass die beiden Formen bei weitem nicht maßstabsgerecht nebeneinander abgebildet werden. Außerdem wird deutlich, dass Dawkins die biologischen Probleme im Zusammenhang mit einer mutmaßlichen Evolution der Giraffen herunterspielt oder sich ihnen gar nicht erst stellt. So fordert die Länge des Halses zahlreiche abgestimmte Veränderungen in vielen anatomischen und physiologischen Merkmalen, die in evolutionären Szenarien bedacht werden müssen.

Die im ersten Teil erläuterten Punkte werden im längeren zweiten Teil noch einmal systematisch entfaltet. Man erfährt dort – was wenig bekannt ist –, dass Giraffen einen achten Halswirbel besitzen, was dem Argument vom evolutionär eingefrorenen Bauplan widerspricht. Lönnig widmet sich in diesem Teil auch der Frage, ob es für die Entstehung des langen Giraffenhalses plausible Selektionsdrücke gibt und zeigt, dass die populäre Hypothese von der Nahrungskonkurrenz als Triebfeder angesichts des Wissens über die Ernährung der Giraffen, angesichts ihres ausgeprägten Sexualdimorphismus, angesichts ihres Wanderungsverhaltens und aus ökologischen Gründen unhaltbar ist. Schließlich widmet er sich der Frage, inwieweit der Ansatz des „Intelligent Design“ die vorliegenden Befunde erklärt und welche Fragen für die weitere Forschung daraus resultieren.

Das Buch bietet viele Informationen und Zitate, sein Aufbau erscheint dem Rezensenten aber verbesserungsbedürftig. Es wäre hilfreich, die wichtigsten Argumente in straffer Darstellung zu haben, um sie dann in der Detailargumentation zu vertiefen und genauer zu begründen. Durch die etwas künstliche Zweiteilung des Buches ergeben sich auch Wiederholungen und ein roter Faden ist nicht immer erkennbar; die Lektüre ist dadurch phasenweise mühsam. Dennoch bietet das Buch einen wichtigen Beitrag zur kritischen Auseinandersetzung um evolutionstheoretische Modelle, indem es einen genauen Blick auf die Fossildokumentation wirft und deutlich macht, was eine Theorie zur Evolution der Giraffen im Einzelnen erklären müsste.

Literatur

Kutschera U (2006)
Evolutionsbiologie. Eine allgemeine Einführung. Stuttgart, 2. Aufl.

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